Roberto Yáñez: Den Opa im Herzen, die DDR in der Seele

Roberto Yáñez ist ein deutsch-chilenischer Neosurrealist und Enkelsohn des früheren SED-Generalsekretärs Erich Honecker. Seine Familie lebt heute auf verschiedenen Kontinenten.

Zwei Kinder hat Roberto Yáñez, ein Mädchen und einen Sohn. Sich selbst bezeichnet der Enkel Erich Honeckers als „Surrealisten“, als Maler, dessen Werke sich in einer abgerückten, wesensfremden Wirklichkeit bewegen. Zwischen tausend und zweitausend Euro kosten sie, einige sind unverkäuflich. Seit zwei Jahren lebt Yáñez‘ Sohn in Berlin und studiert dort Jura, so hat es eine Berliner Boulevardzeitung – unter der Schlagzeile: „Honeckers Urenkel in Berlin“! – berichtet. Und auch, dass die Honecker-Abkömmlinge unter chronischem Geldmangel leiden. Dass eine Schwiegertochter als Küchenhilfe unter dem Existenzminimum lebt und Enkel Roberto kaum 50 Euro Unterhalt im Monat zahlt. Seit einiger Zeit verdingt er sich irgendwo im Süden Chiles als freier Künstler, heißt es. Wo genau, und wie er lebt, niemand aus seinem Umfeld möchte darüber sprechen. Yáñez‘ Kinder haben zudem verschiedene Mütter und sind damit ungewollt die Urenkel des früheren DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, Deutschlands vorletztem Diktator. Roberto Yáñez verkörpert das, was manche mit einer freien Künstlernatur verbinden – einem zerstreuten Ateliergeist, ungebunden und umgeben von bunten Bildern; stets auf der Suche nach sich selbst und schönen Musen als Inspirationsquelle für kreatives Schaffen. 

Literat und Maler

Doch wer Roberto Yáñez begegnet, merkt schnell, dass einem da auch ein höchst liebenswert offener, mitunter in sich gekehrter Mensch gegenübersteht. Jemand, der viel über sich und die Welt sinniert und sich in der Vergangenheit wiederholt kritisch über die DDR und das dort begangene Unrecht geäußert hat. Seinen Opa habe er als liebenswerten Menschen in Erinnerung, sagt Yáñez. Erst später sei ihm bewusstgeworden, welche Fehler und leider auch Straftaten Erich Honecker begangen hat. Yáñez wirkt bescheiden, unprätentiös und uneitel; ein Kulturaffiner, der sich nicht in linken Träumereien suhlt, wie viele seiner Kollegen.

Und doch kann der Eindruck des Bescheidenen auch täuschen. Denn als er 2018 im ZDF bei Markus Lanz auftreten sollte, scheiterte dies daran, dass er dafür nur rund 1.000 Euro Honorar erhalten sollte. Dass er und sein Werk „einige Zehntausend Euro wert“ seien, hatte ihm damals eine Agentin gesteckt, die zeitweilig auch seine Lebensgefährtin gewesen sein soll. Was folgte, waren Ausstellungen in Spanien und der Schweiz, durch die sein Werk bekannter wurde. Neben Bildern gehören dazu auch Lyrik- und Prosabände, die bei deutschen Verlagen erschienen sind, wenn auch in geringer Auflage.
 

Ein besseres Leben als das, das er heute führt, liegt bei Roberto Yáñez lange zurück. Zu DDR-Zeiten genoss der Teenager Privilegien, wozu neben Westspielzeug und Milka-Schokolade auch Wochenendbesuche bei den Großeltern in der Waldsiedlung Wandlitz gehörten. In dieser Zeit lebte Roberto noch mit Eltern und der 1988 geborenen Schwester Viviana in einer Ostberliner Plattenbauwohnung. Roberto besuchte damals eine Polytechnische Oberschule (POS), wo manche ihn „nicht mochten“. Ein Mitschüler habe seinen Opa mal unverblümt als „A …“  bezeichnet, erinnert sich Yáñez, was zeige, dass der Umgangston in der DDR damals offener war, als viele heute denken.

Margots Mitbewohner  

Robertos Schwester Viviana kam als Zweijährige nach Chile, spricht, obwohl sie Deutsche ist, nur Spanisch und ist gelernte Tischlerin. Zusammen mit ihrer Familie lebt Honeckers Enkeltochter zurückgezogen in der chilenischen Provinz. Manche sagen, Roberto hätte „autistische Züge“, angebliche Folge seines jahrelangen Drogenkonsums, und bis heute hält sich das Gerücht, dass er schon als Kind in psychiatrischer Behandlung gewesen sei. Angeblich auf persönliche Veranlassung Margot Honeckers, der das quer wirkende Verhalten ihres aufgeweckten Enkels nicht immer geheuer war, obgleich sie ihn später jahrelang bei sich wohnen ließ.
 

Kurz nach dem Mauerfall im November 1989 mussten die Großeltern, Erich und Margot Honecker kopfüber aus Wandlitz fliehen, bis sie kurzfristig bei einem Pastor Kirchenasyl fanden, derweil auf den Straßen der früheren DDR nach 40 Jahren Diktatur der Volkszorn kochte.

Nachdem die Staatsanwaltschaft Berlin gegen Erich Honecker Haftbefehl wegen der Mauertoten erlassen hatte, verließ der damals 16-Jährige Roberto mit seinen Eltern Deutschland Richtung Südamerika. Auch, weil der Druck auf die Familie immens war und sie hofften, im fernen Chile Ruhe und Asyl zu finden. Das Asyl fanden sie. Doch die Ruhe war trügerisch. Denn Sonja Honecker konnte sich zunächst nicht in Chile einleben, was auch ihre Ehe mit Robertos Vater Leonardo belastete, die 1993 zerbrach. Kurz nach ihrer Ankunft hatte sich Vater Leonardo eine Geliebte zugelegt, derweil Roberto sein Heil in den Drogen suchte. Bis heute ist Mutter Sonja Honecker stramme Kommunistin, heißt es, eine, für die der sowjetische Reformer Michail Gorbatschow „Verrat an der DDR“ begangen habe.  Gut möglich, dass ihre verhärtete Gesinnung auch etwas mit früheren Schicksalsschlägen zu tun hat. Denn 1986 war Robertos kleine Schwester Mariana in Ost-Berlin an einer seltenen Virusinfektion gestorben, worunter auch Opa Erich Honecker sehr gelitten hat. Mehrere behandelnde Charité-Ärzte mussten später ihren Hut nehmen. Und immer, wenn er konnte, hat Honecker an Marianas Grab Blumen abgelegt, erinnert sich ein früherer Personenschützer.

Hartes Leben in Chile

Zu dieser Zeit, Mitte der Achtziger Jahre war das Leben für die Honeckers, zumindest nach außen hin noch in Ordnung. Roberto entdeckte seine Liebe zur Kunst und lernte bei Privatlehrern Spanisch, ohne zu ahnen, wie sehr ihm dies nur wenige Jahre später von Nutzen sein würde.
 

In Santiago de Chile besuchte Honeckers Enkelsohn zu Beginn der neunziger Jahre die elitäre Deutsche Schule, das Colegio alemán. Zwar wird dort neben Spanisch auch viel Deutsch gesprochen, und auch wird seit einem Abkommen mit der alten Bundesrepublik in den fünfziger Jahren der chilenische Oberschulabschluss als Abitur anerkannt. Doch nach Studium und Ausbildung sei ihm nie zumute gewesen, sagt Roberto Yáñez rückblickend. Stattdessen begann er zu jobben, musizierte in Bussen und arbeitete als Fremdenführer; zeitweilig verkaufte der Honecker-Enkel auch Immobilien. Und doch immer lag er im Schlepptau seiner Drogensucht, die er zeitweilig auf Kuba behandeln ließ. Seit 2004 sei er „clean“, sagt Roberto Yáñez, nachdenklich, traurig, ernüchtert; und auch, dass ihm die Kunst geholfen habe, dieser „Hölle zu entfliehen“.  

Literaturempfehlung:
Roberto Yáñez, Thomas Grimm
Ich war der letzte Bürger der DDR – Mein Leben als Enkel der Honeckers
Mit zahlreichen Abbildungen
Insel Verlag Berlin 2018.

Über Benedikt Vallendar 21 Artikel
Dr. Benedikt Vallendar wurde 1969 im Rheinland geboren. Er studierte in Bonn, Madrid und an der FU Berlin, wo er 2004 im Fach Geschichte promovierte. Vallendar ist Berichterstatter der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main und unterrichtet an einem Wirtschaftsgymnasium in Sachsen.