Schillerjahr 2009: Schillers Garten in Jena

Im Epilog zu Schillers Glocke heißt es: „Nun schmückt’ er sich die schöne Gartenzinne, Von wannen er der Sterne Wort vernahm.“ Kein anderer als Goethe ist es, der mit diesen Versen seinen früheren Dichterfreund feiert.Die Euphorie, selbst Gartenbesitzer zu sein, äußert Schiller in einer Vielzahl von Briefen. Neben seinem Freund Körner ist es vor allem Goethe, dem er die Notwendigkeit „auf einen Garten“ schildert. (1) So schreibt er an diesen am 10. Februar 1797:

„Ich habe jetzt ein zweites Gebot auf meinen Schmidttischen Garten getan, 1150 Reichstaler, und hoffe ihn um 1200 zu bekommen. Es ist vorderhand zwar nur ein leichtes Sommerhaus und wird auch wohl noch einhundert Taler kosten, um nur im Sommer bewohnbar zu sein, aber diese Verbesserung meiner Existenz ist mir alles wert.“ (2)

Den Rückzug in die Landschaftsidylle hat Schiller geschätzt. Die Flucht aufs Land und damit in den Garten, der als „villa suburbana“ außerhalb den geschäftigen Zentren lag, diente dazu, die höfische Welt hinter sich zu lassen. Hier war man frei, hier konnte man seinen geistig-produktiven Tätigkeiten nachgehen. Freies Denken in einer als frei empfundenen Natur – dies genossen auch Goethe und Wieland, die in der Nähe von Weimar Grundstücke in Oberroßla (3) und in Oßmannstedt (4) kauften. Für beide erwies sich der Rückzug in die Idylle als finanzielles und auch privates Desaster. Goethe hatte Schwierigkeiten mit seinem ersten Pächter, Wieland verlor sowohl die Frau als auch die getreue Freundin Sophie Brentano.

Anders erging es Schiller, der seine Sehnsucht „Luft und Lebensart zu verändern“, als Existenzbefreiung verstand. (5) Seinen Gartenaufenthalt, so läßt sich zumindest aus seinen Briefen entnehmen, begreift er – neben der erheblichen finanziellen Belastung, die ihm dieser Luxus kostete – als erheiternde Lebenspraxis, die seine philosophische Ernsthaftigkeit mit Anmut ausfüllte. Im gleichen Atemzug betont er auch immer wieder, daß ihm die Gartengestaltung notwendige Lebenszeit abzieht, die er für seine schriftstellerische Tätigkeit besser hätte verwenden können. So bedauert er öfters, daß das Bauwesen ihm die Ruhe nimmt und die Ausgeglichenheit raubt, die er notwendig braucht, um sich zu konzentrieren, denn „diese Arbeiten ziehen mich öfters als nötig ist vom Geschäft ab“. (6) Letztendlich jedoch euphorisch gestimmt, schreibt Schiller an Goethe am 2. Mai 1797:

„Ich begrüße Sie aus meinem Garten, in dem ich heute eingezogen bin. Eine schöne Landschaft umgibt mich, die Sonne geht freundlich unter, und die Nachtigallen schlagen. Alles um mich herum erheitert mich, und mein erster Abend auf dem eigenen Grund und Boden ist von der fröhlichsten Vorbedeutung.“ (7)

Die Zeit in Jena von 1788/89 bis 1799, die Schiller zu seinen glücklichsten Jahren zählte, ermöglichten es ihm immer wieder, seinen Garten zu genießen. Als Privatmann und Gartenbesitzer hat er sich nachhaltig dafür eingesetzt, einen charakteristischen Garten anzulegen, der sowohl den Forderungen eines guten Landwirts entsprach als auch die Sehnsucht des Herzens und des Verstandes miteinander verband.

Schiller will in seinem Garten keine ästhetischen Spielereien, kein Flickwerk, das er im theoretischen Werk immer wieder kritisierte. Vielmehr wird ihm der Garten zu einer praktischen Liebhaberei, die auch in den Briefen zum Ausdruck kommt, wenn er minutiös über Pflanzungen und Erträge berichtet. Wie sehr der Gedanke des Wirtschaftens und das väterliche Denken ihn prägten, wird so immer wieder deutlich. Der Garten und seine Erträge sollten genutzt werden, um Geld zu sparen, um die kostspielige und aufwendige Haushaltung wenigstens ein wenig zu mindern. Was für Goethe, finanziell abgesichert im Großen möglich war, konnte der von Geldnöten geplagte Schiller sich nur im Kleinen leisten.

Die von Schiller bereits im Der Spaziergang von 1795 geäußerte Sehnsucht, endlich des „Zimmers Gefängnis“ zu entfliehen, um sich in der Natur „und dem engen Gespräch, freudig sich“ zu ihr zu retten, wird am 16. März 1797 Wirklichkeit als der Kaufvertrag zustande kommt. Die Angst, sich aus dem Garten zu verabschieden, um in das Winterquartier zu wechseln, quält Schiller bereits am 30. Oktober 1798. Dies zeigt ganz deutlich wie euphorisch er zu dieser Zeit war. In einem Brief an Goethe vermerkt er: „Wir sind noch immer im Garten, wo wir uns des ungewöhnlich schönen Wetters noch recht erfreuen und vergessen, daß es auf lange Zeit von uns Abschied nimmt. Mit Furcht sehe ich aber den November herankommen […].“ (8)

Aus dem „Grundriß“ von 1799 ist zu erkennen, daß es sich beim Garten um eine Anlage handelte, die im Wesentlichen einer spätbarocken Raumaufgliederung folgte. Neben der Federzeichnung auf Karton, die mit dem Titel Der Garten des Herrn Hoffrath SCHILLER im Grundriß betitelt ist, zeigt eine Radierung von Jacob Wilhelm Christian Roux (1771-1830) von 1806 Schillers Garten. Roux, der eigentlich Kupferstecher war, ist Schüler von Christian Immanuel Gotthilf Oehme (1759-1832) gewesen und sollte später zum Vorsteher der Zeichenschule in Jena werden – ein Projekt, das zwar von Goethe gefördert war, jedoch fehlschlug.

Das ehemalige „Schmidtische“ Anwesen und die Veränderungen, die Schiller mit seiner Frau in den Jahren von 1797-1799 vornahmen, sind vom Mathematikstudenten Dietrich Christian August Steinhaus (1775-1800), eben im Grundriß, überliefert. Aus diesem – mit beigelegter Legende – stellt sich der Garten Schillers als rechteckige, fast quadratische Anlage dar. Vom Wohnhaus mit zwei Stockwerken und einer Mansarde führt eine axiale Wegführung zur „Laube“ mit dem berühmten Steintisch, an dem Goethe und Schiller so manches gute Wort miteinander austauschten.

Die axiale Wegführung konnte, wie Thomas Pester hervorhebt, jedoch nach neuesten Forschungen nicht belegt werden. (9) Obwohl es sich beim Garten um ein nach geometrischen Strukturen aufgegliedertes Ensemble handelte, war das Wegesystem keineswegs rein axiomatisch gewesen. Die Aufgliederung der spätbarocken Anlage bestätigt allerdings, daß sich Schiller wiederum einen Garten aussuchte, der den Prämissen der Regelmäßigkeit gehorchte. Dies legt wiederum den Gedanken nahe, daß es die vorgegebene Regelordnung im Garten gewesen ist, die ihn begeisterte.

Vom piano nobile ergab sich in westlicher Richtung eine Sichtachsenbeziehung zu der sich am südlichen Gartenrand befindlichen „Gartenzinne“ oder dem – wie Schiller sie nannte – „Belvedere“. Dieser zweigeschossige Bau hatte im Parterre ein Bad, im oberen Stockwerk befand sich sein Arbeitszimmer, das er über eine Außentreppe erreichte. Im Rahmen der baulichen Veränderungen schreibt er am 27. Februar 1798 an Goethe:

„Es beschäftigt mich jetzt zuweilen auf eine angenehme Weise, in meinem Gartenhause und Garten, Anstalten zur Verbesserung meines dortigen Aufenthaltes zu treffen. Eine von diesen ist besonders wohltätig und wird ebenso angenehm sein: ein Bad nämlich, das ich reinlich und niedlich in einer von den Gartenhütten mauern lasse. Die Hütte wird zugleich um einen Stock erhöht und soll eine freundliche Aussicht in das Tal der Leutra erhalten. Auf der entgegengesetzten […] Seite ist schon im vorigen Jahr an die Stelle der Hütte eine ganz massiv gebaute Küche getreten. Sie werden also, wenn Sie uns im Garten besuchen, allerlei nützliche Veränderungen darin finden.“ (10)

Die „Gartenzinne“, die Schiller bevorzugt nutzte, um seiner schriftstellerischen Arbeit nachzugehen, diente ihm, wie Goethe im Ilmpark und Wieland in seinem Landgut Oßmannstedt, als Tusculum. Hier schrieb er Teile des Wallensteins (11) und der Jungfrau von Orleans nieder.

Vis à vis vom „Wohnhaus“ lag die „Laube“, während sich zur rechten Seite des Gartens die im Sommer 1797 angelegte „Küche“ befand. Von der Laube ausgehend – und direkt hinter der anstelle einer älteren Gartenhütte angelegten Küche – befand sich eine aus Muschelkalk befestigte Treppe (heute nicht mehr erhalten), die zur Leutra – einem Zufluß der Saale – führte. Den Weg zur Leutra ziert, so der Grundriß, ein Monument. Dieses war dem 1792 verstorbenen Professor der Rechte Johann Ludwig Christoph Schmidt (1726-1792), dem ehemaligen Gartenbesitzer, gewidmet.

Aus der axialen Gliederung des Gartens ist zu entnehmen, daß neben der Hauptachse zwei weitere schnurgerade Wege auf die sich links („Gartenzinne“) und rechts („Küche) befindlichen Staffagen führten. Eine Mittelachse vor dem Wohnhaus verbindet die Wege miteinander. Im vorderen – zum Haus sich erstreckenden – Gartenbereich sind im Grundriß rechtwinklige Einrahmungen zu erkennen, die darauf hindeuten, daß es sich hierbei um Beete handelt, die vorrangig dazu dienten, Gemüse für den eigenen Anbau zu erwirtschaften. Die Vielzahl von Obstbäumen im Grundriß weist auf den ökonomischen Aspekt hin.

Nach seinem Umzug nach Weimar und dem Entschluß, das Haus von Mellisch in Weimar zu kaufen, entscheidet sich Schiller seinen Garten in Jena zu veräußern. Ein Brief an Goethe vom 11. Februar 1802 verdeutlicht nicht nur die finanzielle Not, in der sich Schiller befindet, sondern auch den wehmütigen Abschied von „meinen kleinen jenaischen Besitz“.

Mit Hilfe von Johann Georg Paul Götze (1761-1835) sollte der Verkauf über die Bühne gebracht werden. Neben einer Anzeige für das „Wochenblatt“ fügte Schiller seinem Brief an Goethe eine „kurze Notiz“ bei, die über die steuerlichen Belastungen der Gartenanlage Auskunft gibt. „Der Ankauf hat mich 1150 Reichstaler gekostet, und ich habe 500 Reichstaler darein verbaut, wie ich mit Rechnungen dokumentieren kann.“ (12) Gemeint sind hierbei die finanziellen Aufwendungen, die Schiller für den Umbau des „Wohnhauses“, für die Veränderung von „Küche“ und „Gartenzinne“ aufgewendet hat. Aus Angst vor einem finanziellen Desaster setzt er den Verkaufspreis auf 1500 Reichstaler als „dem äußersten Preis für Garten und Gartenhaus“. (13)

Abschließend ist festzuhalten: In rein praktischen Fragen wird der Garten für Schiller zu einem Refugium, das ihm Ungestörtheit bei der Arbeit ermöglichte. Im eigenen Jenaer Garten ging es nicht darum, irgendein ästhetisches Prinzip, sei es barocker oder englisch-sentimentalischer Natur zu verwirklichen, sondern als freier Bürger in einer als frei empfundenen Natur zu leben.

Daß sich Schiller im Sinne eines Gartenkünstlers betätigt, läßt sich für seine Jenaer Zeit nicht belegen. Alles, was Schiller im Garten verändert, dient letztendlich nur einer ökonomischen Haushaltung, die Obstbäume, die er pflanzen läßt, unterstreichen dies mit aller Deutlichkeit.

Dennoch ist es nicht von der Hand zu weisen, daß die Kritik an der Gartenkunst einerseits, und die eigene Neigung und das Interesse einen Garten zu gestalten andererseits, eine gewisse Ambivalenz zum Ausdruck bringt. Beim Kritiker und Gartenenthusiast Schiller schlagen also zwei Herzen in der Brust. Dies sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß ihm die Zuwendung und Auseinandersetzung mit dem Thema Gartenkunst aus theoretischer Sicht nur eine Episode war – für ihn gab es Wichtigeres. Seine Freude am eigenen Landschaftsgarten trübte das jedoch nicht.

(1) Brief Schillers an Goethe vom 31. Januar 1779, in: Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe (1984), Bd. 1, S. 299.

(2) A.a.O., S. 306.

(3) A. Dobber, „Goethe und sein Gut Ober=Roßla, Nach den Akten im Goethe= und Schiller-Archiv und im Geh. Haupt- und Staats=Archiv zu Weimar“, in: „Jahrbuch der Goethegesellschaft“, Sechster Band, Weimar 1919, S. 195ff.

(4) E. Freitag, „Das Wielandgut Oßmannstedt und seine Geschichte“, in: „Wielandgut Oßmannstedt“, Ein Aufruf des Freundeskreises des Goethe-Nationalmuseums e. V. Weimar, Berlin 2000, S. 6-17.

(5) Brief Schillers an Goethe vom 17. Februar 1797, in: Briefwechsel (1984), Bd. 1, S. 307.

(6) Brief Schillers an Goethe vom 20. Juli 1798, in: A.a.O., Bd. 2, S. 117.

(7) Brief Schillers an Goethe vom 2. Mai 1997, in: A.a.O., Bd. 1, S. 334.

(8) Brief Schillers an Goethe vom 30. Oktober 1798, A.a.O., Bd. 2, S. 161.

(9) T. Pester, „Schillers Gartenhaus in Jena und der historische Gartenplan von 1799“, Jena 2003, S. 36.

(10 )Brief Schillers an Goethe vom 27. Februar 1798, in: Briefwechsel (1984), Bd. 2., S. 61. Vgl., a.a.O., S. 112: Brief Schillers an Goethe vom 11. Juli 1798. „Heute wird wahrscheinlich mein Gartenhäuschen gerichtet, welches mir den Nachmittag wohl nehmen wird, denn so etwas ist für mich eine neue Erfahrung, der ich nicht widerstehen kann.“

(11) Den intensiven Gedankenaustausch der damaligen Zeit belegt ein Brief Goethes an Schiller vom 22. August 1798, in: A.a.O., Bd. 2, S. 129.

(12) Brief Schillers an Goethe vom 11. Februar 1802, A.a.O., Bd. 2, S. 392f

(13) Ebda.

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Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, M.A., DEA-Master, geboren 1972, studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte an den Universitäten Jena und München. 1992 gründete er die Tabula Rasa. Seit Jahren arbeitet er für die WEIMER MEDIA GROUP, so zuerst als Chef vom Dienst, später als stellvertretender Chefredakteur für The European und die Gazette.

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