Selbstbestimmt oder fremdgesteuert? Paralympics in der Kritik

aktion erwachsene paralympics prothetisch athlet. Quelle: Pexels, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Der aufmerksame Fernsehzuschauer wird es früh bemerkt haben: die Berichterstattung zu den Paralympics 2021 fiel sehr viel ausführlicher aus als jene, die sich zuvor noch den ´alten´ Spielen widmete. Keiner kannte die Athleten; niemand wird ihre Namen im Gedächtnis behalten. Das Ereignis selbst dürfte Schule machen. In ihren Anfängen eher ein publizistisches Randphänomen, haben sich die alternativen Austragungen jetzt zu einem echten Highlight  gemausert. Einmal mehr wird hier ein Trend als solcher erkennbar. Bekanntlich rücken seit geraumer Zeit Minderheiten und Randgruppen in den Vordergrund öffentlicher Wahrnehmung. Ab sofort gilt dies auch für körperbehinderte Menschen die im Hochleistungssport agieren. Vorweg: Ich bin mir darüber im Klaren, dass dies ein sehr sensibles Thema ist. Aber das soll mich nicht davon abhalten, auf gewisse Besonderheiten hinzuweisen, die in der derzeitigen Wahrnehmung keine Rolle spielen. Auf Anhieb imponiert natürlich, das Menschen, die in ihrer physischen Bewegungsfreiheit deutlich eingeschränkt sind, dermaßen über sich hinaus wachsen. Sie trainieren wie besessen und verlangen ihrem ohnehin gebeutelten Körper mittels künstlicher Verlängerung sprichwörtlich alles ab.

Genau hier setzt meine Kritik an. Hochleistungssport produziert schon seit Jahrzehnten chronisch kranke Menschen, die immer häufiger als echte Wracks enden. Die Liste ist schier endlos. Mit Spätschäden unterschiedlichster Art schlagen sich die ehemals ganz Großen ihrer Zunft so verzweifelt wie vergebens herum. Deutschlands bis heute erfolgreichster Tennisspieler zum Beispiel, unser aller ´Bobele´, hat so richtig fertig. Wiewohl ihn die Sensationspresse stets freilaufend ablichtet, geht der sichtlich Gealterte privat nur noch an Krücken, wenn er nicht den unentbehrlichen Rollator vor sich herschiebt. Ohne Schmerzmittel ´geht´ gar nichts mehr. Der Mann ist gerade einmal dreiundfünfzig Jahre alt. Auch ausgediente Fußballprofis humpeln und hinken durch ihr weiteres Leben, weil deren Menisken und Bänder praktisch nicht mehr existieren. Turnsportlern ergeht es ganz ähnlich, da die zum Teil recht komplizierten Bewegungsabläufe vor allem den Stützapparat dauerhaft überlasten und irreparabel schädigen. Im Grunde gilt dies für alle ´harten´ Sportarten, aber auch die ´weichen´ sind infolge obligatorischer Trainingsabläufe längst davon betroffen. So kommen auch und gerade Leistungsschwimmer nicht umhin, mit Hanteln und Gewichten zu hantieren, also: ihren Körper gnadenlos zu malträtieren. Um in immer kürzeren Zeitabständen ein möglichst hohes Maß an Leistungszuwachs zu erzwingen, verzichten die solcherart Getriebenen immer häufiger darauf, unentbehrliche Ruhe, – bzw. Erholungsanteile zeitlich angemessen einzubauen. Die Erwartungshaltung des Publikums tut das ihre. Wo Sponsorenverträge winken und Vereinskarrieren von schnellen Erfolgen abhängen entsteht ein enormer Druck. Die biologische Uhr tickt ohnehin; unerbittlich. Also holt man aus dem Körper raus, was maximal drin steckt.

Das alles bleibt nicht ohne Folgen für die Psyche. Erinnern wir uns diesbezüglich an den international erfolgreichen Skiweitspringer Sven Hannawald. Der ´Überflieger´ stürzte auf dem Höhepunkt seiner Karriere jäh ab, überrumpelt von einer schweren, mehrjährigen Burnout Erkrankung. Robert Enke, einst Torhüter der deutschen Fußballnationalmannschaft und eines der ganz großen Talente seiner Zeit, litt unter Depressionen und beendete sein Leben durch Schienensuizid. Obschon in der Öffentlichkeit kein Zweifel darüber bestand, dass sein Tod in engem Zusammenhang mit Leistungsstress und Überforderung stand, hat kein Umdenken, kein Wandel in der Profiszene stattgefunden; ganz im Gegenteil. Am übertriebener Ehrgeiz der Aktiven hat sich nichts geändert, auch nicht an der Publikumswirksamen Medien-Hype, von den mörderischen Trainingsmethoden einmal abgesehen, die dem Organismus keine Atempause gönnen. Hinzu kommt, dass dieser immer häufiger und listenreicher mittels Chemie ´aufgebockt´ wird: Stichwort Doping. Angesichts besagter Erwartungshaltungen nimmt das nicht wunder. Von einem schonenden Umgang mit dem eigenen Körper kann nirgends im Hochleistungsbetrieb die Rede sein.

Besagte Zusammenhänge betreffen nun auch und in besonderem Maße Menschen mit Körperbehinderung. Wer die Spiele aufmerksam verfolgt hat, wird erkannt haben, das Paralympics-Sportler nicht selten noch fanatischer, noch biestiger – noch unbeirrbarer ran gehen als ihre ´gesunden´ KollegInnen das schon seit Jahrzehnten vormachen. Sie müssen eben noch mehr geben als diese; sie sehen sich geradezu innerlich genötigt, es allen Zweiflern und vor allem auch sich selbst zu zeigen. Eigentlich gehört diese Art Spitzensport, der mit dem olympischen Gedanken nichts mehr zu tun hat, öffentlich an den Pranger gestellt, aber hier wird der Kult nicht nur erneuert sondern unsäglich auf die Spitze getrieben. Es wird nicht mehr allzu lange dauern, bis die ersten Paralympics in der unvermeidlichen Werbeschleife auftauchen, wie denn der Kommerz mittlerweile das ganze Geschäft bestimmt.

Man kann es gar nicht klar und deutlich genug erinnern: Menschen mit Prothesen sind vorerkrankt, ihr Körper ist bereits geschädigt, anfälliger also als ein (noch) gesunder, er ist folglich umso schonungsbedürftiger, bedarf also eines überaus sensiblen Umgangs. Er wird infolge der Belastungen, die schon den ´Normalen´ arg zusetzen, umso nachhaltiger, irreparabler geschädigt, das heißt diese Menschen werden, früher noch als ihre KollegInnen, zu stationären oder ambulanten Dauerpatienten werden. Klartext: sie werden dann erst Recht pflegebedürftig sein. Um etwaigen Missverständnissen an dieser Stelle vorzubeugen: an und für sich gilt auch und gerade für körperlich vorbelastete bzw. geschädigte Menschen, das eine regelmäßige, wiewohl angemessene sportliche Betätigung bei gesunder Ernährung geboten bleibt. Was darüber hinausgeht, das geht auf Kosten der eigenen Gesundheit und kann im mittleren Alter nur noch schwer ausgeglichen werden. 

Der Wettlauf mit den ´Normalos´ ist hoffnungslos und als solcher dennoch – dies mag auf Anhieb überraschen – schon zugunsten der Behinderten entschieden. Denn sie haben erstere, was die Malträtierung ihre Körpers betrifft, längst hinter sich gelassen. Auch übertreffen einzelne ihrer Leistungen dank cleverer Prothesenkonstrukte bereits die auf ihren natürlichen Bewegungsapparat ´reduzierten´ Sportler. Eine kranke Leistungsgesellschaft feuert sie noch an dabei. Dieser Tage kennt ja die Bewunderung keine Grenzen. Damit steigt auch hier die Erwartungshaltung. Der körperbehinderte Sportheld ist im Grunde schon so etwas wie ein kleiner Cyborg, eine Mensch-Maschine, bald ´besser´ als die analoge, die ´natürlich´ gebliebene Ausgabe, der man nur mittels Doping und Dauertraining nachhelfen kann.

Der Körper kranker Menschen wird nun förmlich ´in Crash´ genommen. Die unentbehrlichen ´Hilfsmittel´ verstärken den unseligen Trend noch. Rollstühle mutieren, etwa beim Basketball, zu wendigen Kampfpanzern. Der ´Kämpfer´ kracht häufig mit ihnen zu Boden, eng eingeschnürt in sein Gefährt, was den Gelenkapparat natürlich enorm strapaziert. Schauen sie sich solche Spiele einmal selbst an. Rollstuhlbasketball erinnert eher an Auto-Scooter als an den klassischen Vorläufer selbst, der insgesamt sehr viel geringere körperliche Belastungen mit sich brachte. Oder betrachten sie sich, nächstes Beispiel, die mit Händen statt Füßen angetriebenen Rennräder, deren äußere Erscheinungsform verdächtig den Wagen ähnelt, die bei den mörderischen Spektakeln im Circus Maximus vor bald zweitausend Jahren zum Einsatz kamen. Das sind rollende Geschoßrohre, denen man sich besser nicht in den Weg stellt. Wenn ich sehe, wie die Sportler in diesen Käfigen sitzen, flach vornüber geneigt, bei gleichzeitiger Dauerbelastung der Oberarme, dann kann ich mir doch mit links ausmalen, das die beteiligten Körperregionen früher oder später ´kapitulieren´. So wird, mit Gewalt, chronischen Schmerzen zu, – oder vorgearbeitet. Für Ausgleichssport fehlt jede die Zeit; da bin ich mir ziemlich sicher.

Zwei Beispiele zum Abschluss: Weitsprung und Sprint-Wettlauf. Die Prothesen der Akteure mögen noch so biegsam und ´nachgebend´ sein: das ändert nichts an der Tatsache, dass durch den stumpfen Stoß ein enormer Druck entsteht, der schon an den ´Nahtstellen´ selbst, die den Übergang vom künstlichen Konstrukt zur organischen Struktur ausmachen, zu Verletzungen führen muss. Wo sind hier eigentlich die sachdienlichen Langzeit-Studien, wer klärt darüber ein wenig genauer auf, wem wird dies, im akademischen Betrieb, zu einem Herzensanliegen? Aber Wissenschaft dient, das wissen wir längst, dem großen Geld. Wer Fördergelder kassieren will, hat zu liefern – denen also, die auch nur verdienen, nicht aufklären wollen.

Deutlich wird, einmal mehr, dass der menschliche Körper zum Projekt geworden ist. Solcherart wird er, auf biegen und brechen, den Optimierungszwängen einer technikgläubigen Gesellschaft unterworfen. Hochleistung ist nun auch für solche ´machbar´ geworden, die als Versehrte vor allem der begleitenden Innovation und ihren Verheißungen zustimmen und so die eigene Physis preis geben, also: einer fremden Übernahme unterwerfen, ohne die sie ihr Leben nicht länger gelebt wissen möchten. Das Ganze ist nicht länger Mittel zum Zweck, es ist Selbstzweck geworden. Eisernen Willen vorausgesetzt, bedienen die Körperbehinderten so vor allem fremde Erwartungshaltungen, deren Feedbacks ihnen fortgesetzt schmeicheln. Sie werden durch die anerkennende bis bewundernde Aufmerksamkeit, die das Medienkartell schürt, in ihrem Innern bestätigt und zum gnadenlosen weitermachen animiert. Hier trifft sich der Kult der Rekorde mit dem der Extravaganzen, der häufig an Kuriositäten orientiert bleibt, wie uns besagte Rennmaschinen, federnder Bogenprothesen usw. eindrucksvoll unter Beweis stellen. Körperbehinderte Menschen machen sich, so hart das klingen mag, zu Komplizen einer Wegwerfkultur, die mit ihnen kaum anders umspringen wird. Man wird diese Menschen längst vergessen haben, werden sie kurze Zeit später zu rundumversorgten, chronisch Kranken geworden sein. Verdienen wird man dann noch immer an Ihnen. Der Pharma-Faschismus unserer Tage zeigt es ja bereits deutlich an. Und die sich anbahnenden chirurgischen Dauereingriffe bestätigen im Grunde nur den Prothesen-Menschen selbst, der ohne Eingriff gar nicht erst in Szene gesetzt werden konnte. So schließt sich dann der Kreis.

Bis dahin freilich wird die Konsumgüterindustrie, deren verkaufsträchtiger Einfallsreichtum auch dem Freizeitsport allerlei unnütze Kuriositäten vererbt hat, mittels maßgeschneiderter Trainingsapparaturen und Implantat-Verstärker einen schnell wachsenden, wiewohl auf Minderheiten beschränkten Markt bedienen. Eine Gesellschaft, die kraft symbolisch hochaufgeladener Inszenierungen, zu denen die Paralympics zweifelsohne zählen, den Triumph der Technik feiert, neigt zur Maßlosigkeit. Der begleitende Kommerz kennt keine Grenzen, und er verträgt sich offenbar auf´s Beste mit einer ziemlich verlogenen Multitoleranz, ganz zu schweigen von der stets selbstgerechten Empathie-Hysterie, die sich in ihren schrägsten Komponenten feiert. Hand auf´s Herz: eine solche Gesellschaft ist selbst so krank, das sie bald nur noch an Krücken laufen wird.

Über Trdic Shanto 100 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.