Smart People statt Smart Systems – Vom Unvermögen, selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu handeln

Nur eine dünne rote Linie – aber Maori und Pakehar sind getrennt – jeder mit seinem Gegenüber im Kopf. Helme Heines Karikaturen von 2018 geben zu denken. Foto (Hans Gärtner)

Beginnen wir mit einem Fazit, passend zum derzeit die Gemüter erhitzenden Geschehen. Ist das Kind erst einmal in den Brunnen gefallen, geht auch das große Fachsimpeln von vorne los. Vorne ist in diesem Fall aber schon wieder: ganz hinten. Längst sind wir Zeugen einer Inszenierung geworden, deren Macher offenbar nur darauf gewartet haben, das Sommerloch mit viel Hochwasserplürre auszufüllen. Noch immer müllen uns die Medien mit dem Schrott ganzer Stadteile zu, um damit einen Voyeurismus weiter anzuheizen, der irgendwann ganz von selbst zur Abstumpfung führt. Unserem Hang zu billiger Empathie kommt wiederum sehr entgegen, wenn immer neue Rührstücke wohltätiger ´Spontaneinsätze´ eigenfangen werden, als wenn die Suppenküchen und Erst-Hilfe-Einsätze nicht zeitgleich auch in anderen Regionen dieser Welt zur Kulisse zählten, deren trübe Schemen längst das Interesse ein gedunkelt haben, weil sich nichts, aber auch gar nichts grundlegend ändern mag. Wem das schon jetzt zu zynisch klingt: noch zynischer bleibt doch, das die MinisterpräsidentInnen betroffener Länder nun der Soforthilfe das Wort blöken, während sie in der Vergangenheit den Hochwasserschutz finanziell in den Keller gefahren haben. Das ist der eigentliche Skandal; nicht das bis zum abwinken bemühte Gelächter des Herrn Laschet. 

Nachdem man sich schnell darüber einig wurde, das die verheerenden Überflutung in zahlreichen Schwemmregionen der Republik auf ´Extremwetter´ infolge Klimawandel zurück zu führen seien, geht es nun darum, den Miesepeter herum zu reichen. Wie auf Kommando regen sich auf einmal alle über das Versagen sogenannter Frühwarnsysteme auf, deren Funktionieren freilich nur die rechtzeitige Flucht ansässig Ahnungsloser ermöglicht hätte; der begleitende Schlamassel wäre derselbe geblieben. So geht betreutes Wohnen im Risikogebiet. Wer meint, in der Nähe von Kiesgruben und Stauseen, Flusstälern und Sturzbächen ein Häusle bauen oder als Mieter beziehen zu müssen, das ersichtlich von schlauchförmigen Hängen geschirmt wird, die dann beim ´durchregnen´ – infolge weitflächiger urbaner Bodenversiegelung – zu Wasserwuchtenden Schnellfeuer-Röhren mutieren, der hat, pardon: einfach schon zu Beginn seine Hausaufgaben nicht erledigt. Man mache sich die Mühe (aber es kostet keine Mühe), beim Katastrophen-Fernsehen im passenden Moment die ´Still-Taste´ der Fernbedienung zu aktivieren, um die Schrottreste jener nicht selten als Fertighäuser in die Landschaft gestellten Konstruktionen näher zu begutachten. Jeder dürfte dann, ein Minimum an Sachverstand voraus gesetzt, schnell feststellen, dass die Wände dieser ´Pappschachteln´ meist viel zu dünn ausgefallen sind. Dort, wo das Eigenheim einmal stand, sehen wir Fundamente, die kaum einen halben Meter tief in der Erde stecken und folglich alles andere als intakt sind. Wasser sammelt sich bevorzugt unter diesen Grundflächen, und wenn es gefriert, drückt das Eis die eher billig zusammengekloppten Schichten gnadenlos nach oben. Sie werden dann schnell brüchig, rissig. Stabil geht anders. Ähnlich fragil muten auch die jeweiligen Dachkonstruktionen an. Wer geht schon auf Nummer sicher und verwendet teuren Schiefer? In Regenreichen Regionen kommt ja fast alles auf ein intaktes, großzügig ausgebautes Dach an. Deren fortgespülte ´Reste´ hatten, sagt mir mein Auge, die Schrottreife schon lange vor der Sintflut erreicht. Derlei Pfusch am Bau spielt aber, soll alles ganz schnell gehen, keine Rolle mehr. Gewiss: kommt es in einem dieser für´s Wohnen denkbar ungeeigneten Gebiete (s.o) zu besagten Flutstürzen, weil einfach nicht genügend Sickerfläche vorhanden ist, dann nützt auch intelligentes Bauen nicht mehr viel, dann schwappt die braune Suppe bis in den Altstadtkern, was vielen schon als Indiz dafür hinlangt, das ´dass nicht mehr normal sein kann´. Wer wollte auch die Opfer der Miseren nachträglich mit Häme und Spott belästigen? Lieber werden ´Schicksale´ herum gereicht um heroisch empathische Gefühle zu bedienen. ZDF-Regierungssprecher Christian Sievers verkündete gestern sowas von stolz und beinahe zu Tränen gerührt, wie über alle Maßen hilfsbereit die Deutschen seien, man könne nur staunen. ´Die´ Deutschen? Werden im europäischen Ausland ja schon wieder völlig anders wahrgenommen. Da verbindet man sie mit verordneten Sparprogrammen und Nerv tötenden Moral-Apellen, mit Klimadiktat und Corona-Klarsprech, mit ´Merkel-Power´ und ´Maas-Murks´. Natürlich ist von zahlreichen Plünderungen in den betroffenen Gebieten auch nicht die lästige Rede; begangen, laut Aussagen der Anwohner, von „Männerhorden im Alter von 15 bis 45 Jahren, meist dunkelhäutig“. Anwohner sind es freilich auch, die sich nun immer öfter vor laufender Kamera darüber beschweren, dass keiner sie rechtzeitig gewarnt habe. Dieser Vorwurf klingt auf Anhieb einleuchtend und bleibt doch alles andere als gerechtfertigt. Von den Alten, die einst in den betroffenen Gebieten siedelten, hätte niemand ein tagelanges Unwetter untätig abgewartet, um dann anschließend den Gemeinderat oder die Dorfältesten zur Rechenschaft zu ziehen. Sie hätten schon bei den ersten Anzeichen selbst vorgesorgt und eigene Vorkehrungen getroffen. Sie haben auch anders gebaut, und sie taten das niemals in Senken und Schwemmgebieten, denn diese blieben jenseits landwirtschaftlicher Bebauung der Nutztierhaltung vorbehalten. Diese Leute hatten eben einen sehr realen, existentiellen Bezug zur Umwelt, zur Natur – zum Leben. Die Vollkaskomentalität der Heutigen verhindert verlässlich jede Vorsorge. Mit den Elementen, deren Wüten immer das Maß der Prävention bestimmt, lässt sich nicht spaßen.  

Das jetzt alle mal so richtig anpacken beim auf, – bzw. wegräumen heimelt ungemein und hilft, für´s nächste Mal: keinem. Im Blick auf besagte Frühwarnsysteme werden nun Kompetenzkollernde Ringkämpfe ausgetragen, die an den eigentlichen Problemen großspurig vorbei gehen. Die Anbetung digitaler Programme, deren Ausbau sowas von ausgemacht ist (Stichwort ´Smart Cities´), hat sich doch gerade im Blick auf das Hochwasser-Desaster als im mindesten trügerisch heraus gestellt. Die fern, – bzw. fremdgesteuerte Anleitung zum abhauen funktioniert nämlich gar nicht, sie entmündigt vielmehr all jene, die es betrifft und sie wird die altbackenen, aber verlässlichen Alternativen analogen Zuschnitts nie vollends ersetzen können. Der Deutsche Wetterdienst hatte ja, wie wir längst wissen, im Vorfeld hinreichend gewarnt. „Die Warninfrastruktur ist nicht unser Problem gewesen,“ beteuerte der Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe Armin Schuster,“ sondern wie sensibel reagieren Behörden und Bevölkerung auf diese Warnung.“ Ordnen wir diese Aussage, die noch recht höflich ausgefallen ist, entsprechend ein, kommen wir nicht umhin, allen Beteiligten – den Kommunen und der Bevölkerung – ein Armutszeugnis auszustellen. Hier haben wir es mit einer Erwartungshaltung zu tun, die alles für ´machbar´ hält und von eigener Verantwortung nichts mehr wissen will. Die Leute glauben mittlerweile ganz fest daran, das ´intelligente´ Apps schon dafür sorgen werden und müssen, das in ihren Wellness, – und Komfortzonen alles so bleibe wie es ist. Den Rest mögen Ämter und Behörden erledigen. Dabei sollte jeder, der in Hochwassergebieten siedelt, wieder ein wenig mehr auf die Kenntnisse der Altvorderen zurück greifen, die ungleich ´intimer´ mit den vorgefundenen Verhältnissen vertraut waren, deren Kenntnis freilich immer seltener ´abrufbar´ ist, weil keiner mehr in solchen Kategorien denkt und entsprechend handelt. In einer zunehmend künstlichen Welt, die als Projekt ´alternativlos´ geworden ist, will offenbar keinem mehr auffallen, das sich auch diese ´brave new world´ im Analogen, im Natürlichen – in der eigentlichen Realität befindet und, zwangsweise, umso gefährdeter bleibt. Wenn Politiker und Endverbraucher, Planer und Unternehmer bedingungslos auf´s eine, einzige Pferd setzen, eben: auf Smart Technology – ist am Ende keiner mehr für irgendetwas verantwortlich. Diese Systeme sollten unterstützend und nicht als Ersatz, zusätzlich und nicht ausschließlich zum Einsatz kommen. Andernfalls entmündigen sie das ´Gewöhnungstier´ Mensch. Sie sind zudem so störanfällig, dass im Zweifel ALLES zusammenbricht. Fallen Strom, – und Mobilfunknetze infolge irgendeiner Katastrophe vollständig aus, dann fällt damit auch der begleitende Selbstläufer weg. Clevere Hacker pressen schon heute allmächtig scheinenden Unternehmen Millionen ab; dasselbe gilt für unsere Behörden, deren beamtete Vertreter oft wie gnadenlos richtende Henker auftreten (Stichwort Corona).

Es müsste nun eigentlich, nach so vielen Rekord-Hochwasserkatastrophen binnen kürzester Zeit, ein unabhängiger Untersuchungsausschuss ins Leben gerufen werden, der in bewährter, auf den Erkenntnissen der Systemtheorie gründender Arbeit sämtliche Aspekte des Zustandekommens solcher Miseren aufarbeitete, schonungslos und ohne falsche Scham, ohne Scheuklappen also und immer entlang regional-spezifischer Besonderheiten, die im Schatten des Weltungeheuers Klimawandel bislang nicht zur Sprache kamen. Da braucht es keinen Mojif Latif und auch keine Greta, keine Luisa und auch keine Anna Lena. Statiker und Geologen, Biotopforscher und Hydrologen, um nur die zu nennen, reichten völlig aus, um erste Befunde zu ermitteln. Sie sollten auch die in den Kommunen und Gemeinden tätigen Beamten ins Verhör nehmen und deren Praktiken bei der Vergabe von ´Bauerwartungsland´ beleuchten. Das würfe automatisch die Frage danach auf, welche Ausschreibungen getätigt wurden und wer bei der Prüfung der Projekte bedacht und bezahlt wurde. Vor allem: wer da überhaupt so alles die Hände aufgehalten hat. Befragt werden müssen, fairerweise, auch all jene, die als Häuslebauer wussten, wo sie bauten und wie sie bauten. Sollte man zumindest meinen bzw. heraus kriegen können. Das alles würde sehr, sehr unangenehm ausfallen, wie ich vermute; aber irgendwie muss damit einmal ein Zeichen gesetzt werden. Es bedürfte dann auch einer Presse, die so nüchtern wie sachdienlich darüber berichtet.

Man kann am Beispiel der bereits erwähnten Smart Cities, deren Konzeption so voreilig wie einäugig beschworen und gefeiert wird, ziemlich kurz und umso deutlicher veranschaulichen, wohin die Reise geht – und was dabei auf dem Spiel steht. „Unsere Stadt soll schlauer werden“ – das klingt nach einer bunt bebilderten Lernhilfe für Förderschüler. Den Slogan haben sich aber erwachsene Menschen ausgedacht, um damit ein echtes Zeichen zu setzen. Wenn es nach den hippen Kommunalbeamten von Köln oder Kleinkleckersdoof geht, dann können die Stadtwerke gar nicht schnell genug zu Brutstätten einer Digitalisierungsgesellschaft werden, die das Projekt Cyber-Stadt in die klamme Tat umsetzt. Es hört sich ja auch sowas von vielversprechend an. Hand anlegen, so wie jetzt in den Flutwassergebieten? Nicht mehr nötig. Macht alles die clevere App. Die drei Affen lassen grüßen. Von einer bequemen Fernauslesung der Wasserzähler über die Abtastung der Müllbehälter zwecks Feststellung, ob die Drecktonne voll genug ist bis zu einem Parkleitsystem, das anzeigt, wann gerade welche Parkplätze für die selbstfahrenden Karren frei geworden sind: sind derlei analoge Selbstamputationen geplant, die in summa als Breitbandnetzwerke bezeichnet werden.  Freilich: hat man erst einmal solche in höchstem Maße manipulierbare Betreuungsszenarien etabliert, kann auch, sollten sich gewisse Stör, – und Krisenmodi häufen, auf´s chinesische Überwachungsmodell umgeschaltet werden, etwa wenn es darum geht, ´Systemfeinde´ zu justieren. Lästige Ausgangsperren-Verweigerer oder säumige Impfkandidaten können so, mittels Drohne oder Chip, sorgsam eingefangen und eingehegt werden. Eine solcherart dauerbewachte und fremdbetreute Gesellschaft wird zwangsweise zur infantilen Konkursmasse eines Dauererziehenden Zwangsstaates. Wer dann noch bockig ist hat mal so richtig fertig.

Lässt sich richtiges Verhalten verordnen? Muss nicht im Mindesten ein eigener Bewusstseinswandel stattfinden, der zum ´Machbaren´ irgendwie Stellung bezieht?  Aber das treiben sie uns gründlich aus. Wir verlernen im Rekordtempo gewisse Kulturtechniken, die sich zum Teil Jahrtausende lang bewährt haben. Die neuen wollen nur mehr ´passend´ bedient werden, aber mit ihnen durchdringen wir weder die angestammten Verhältnisse noch lässt sich kraft ihrer ´Automatismen´ die Natur überlisten. Rasend schnell haben die Macher auf digital umgeschaltet. Und jeder schwört drauf. Wenn es zum richtigen Schwur kommt, muss alles sehr schnell gehen, und meist geht es dann immer schneller als gedacht oder geglaubt. Und zwar in die falsche Richtung.

Auch ökologische Zusammenhänge werden mittlerweile, Paradebeispiel Klimawandel, in Verkennung ihrer auf Anhieb verworren anmutenden Bezüge ins monokausale Korsett gezwängt. Die entsprechenden ´Exekutionen´ erinnern an das Fallbeil aus dem Ruder laufender Revolutionen: da müssen Köpfe rollen, um jeden Preis. Die Gemeinde Langenberg im Kreis Gütersloh verbat, um ein kurioses Beispiel zu bemühen, in ihrem neuen Bebauungsplan das Anpflanzen von Kirschlorbeersträuchern. Selbst eine Betonmauer, so Umweltschützer, sei ökologisch wertvoller. Eine Sprecherin des NABU verstieg sich zu der Aussage, die Anpflanzung sei ein ´Verbrechen an der Natur´. Der Grünschnitt wäre nicht kompostierbar, die Blätter zersetzten sich einfach zu langsam. Unglaublich, was sich diese Pflanze erlaubt! Anstatt auf´s Tempo zu drücken, setzt sich der ´Schädling´ doch tatsächlich ein eigenes, nicht vom Menschen aufnormiertes Limit beim Zerfall. Ob man da nicht mit etwas ´Bio-Chemie´ nachhelfen könnte? Gewiss bietet der Exot unter den Sträucherpflanzen keine Nahrung für Vögel und Insekten, doch schenkt er kleinen Nutztieren – deren Rückgang mittlerweile bedrohliche Ausmaße angenommen hat – umfassend Schutz und Obhut. Aber mit wechselseitigen, sehr komplexen ökologischen Bezügen muss sich nicht allzu lange aufhalten, wer zwecks Klimarettung riesige Mais, – und Rapsmonokulturen subventioniert, die den weitflächigen Insektenschwund nur zusätzlich anschieben. Smart Öko? Scheiß Öko. Sorry.

Wir brauchen mehr Smart People, die sich den digitalen Verheißungen und ihren ´Denkweisen´ selbstbewusst entziehen und bemüht bleiben, alles im rechten Verhältnis zu betrachten. Auf dieser Grundlage lässt sich noch immer füglich, nicht perfekt bauen. Jeder kann und soll damit bei sich zuhause anfangen. Er möge auch ruhig aufmucken, wo ihm dies geboten scheint. Irgendwann könnte es nämlich auch dafür zu spät geworden sein. Dann, wenn die Masse Mensch, gleich den Schlamm, – und Schrottbergen der Hochwassergebiete, unbeweglich und unnütz mit dem Strom schwimmt, statt noch irgendwie dagegen an. So ginge einmal mehr alles den Bach runter. –

Über Trdic Shanto 100 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.