Soll man den hier lebenden Juden empfehlen, rechtzeitig das Land zu verlassen?

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Es darf aufgeatmet werden. Die ´Feierlichkeiten´ zum ´Gedenken´ an das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte, rund um den Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die rote Armee, liegen hinter uns. Statt ihrer dominiert nun ein asiatisches Virus die täglichen Schlagzeilen, und umso gründlicher in Deutschland, wo Gründlichkeit bekanntlich zu jenen Sekundärtugenden zählt, mit denen man auch ein KZ leiten kann. Das hielt seinerzeit der Oskar Lafontaine dem Parteigenossen Helmut Schmidt in einer ziemlich zackigen Rede vor. Erinnert: Altkanzler Schmidt zählte zu den Millionen Ahnungslosen im Reiche Adolf Hitlers, denen abzüglich der üblichen Lappalien nichts aufgefallen oder verdächtig vorgekommen sein wollte, sie alle waren also Blinde vor dem Herrn, doch innerlich sowas von distanziert dem Regime gegenüber. Freilich: diesem auch umso treuer bis zuletzt ergeben. Während der Belagerung von Leningrad, die über eine Million Einwohner der Metropole das Leben kostete, ´ergab´ sich dieser ´Pflichtmensch´ (Schmidt über Schmidt) so erfolgreich seinen soldatischen Pflichten, das man ihn recht bald dafür auszeichnete und entsprechend zum Oberleutnant beförderte. Ob der Schlachtenlärm vor Ort die Ohren betäubte und von den pausenlosen Einschläge so viel Staub aufgewirbelt wurde, dass man nichts mehr von dem sehen und hören konnte, was in nächster Nachbarschaft auch noch stattfand? Vom Wüten der Sonderkommandos, gleich um die Ecke sozusagen, will das spätere Staatsoberhaupt persönlich keine Kenntnis erhalten haben. Auch in seinem Fall schwiegen sich die wie Schwärme von Moskitos umher schwirrenden Gerüchte durchweg aus. Den Rest erledigte die Flakabteilung der ersten Panzer Division, indem sie tags und nachts so gründlich und so deutsch wütete, dass einem dabei eben Hören und Sehen verging. Auch dem Leutnant Schmidt, der die entsprechenden Befehle erteilte.

Schmidt war später der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, der den Ruinen von Auschwitz-Birkenau einen kurzen Besuch abstattete. Am Anfang des florierenden Gedenkstätten-Tourismus steht eine kurze, unsäglich selbstgerechte Rede.“ Wir heutigen Deutschen,“ erklärte Schmidt,“ sind als Personen nicht schuldig, aber wir haben die politische Erbschaft der Schuldigen zu tragen, hierin liegt unsere Verantwortung.“ Auch junge Deutsche müssten wissen,“ was Deutsche im deutschen Namen damals begangen haben“. Den deutschen Namen schadlos zu halten, darauf also kam es an, gedachte man zusätzlich der vielen, für immer ausgelöschten Namen jüdischer Herkunft am Orte des Geschehens. Helmut Schmidt erinnerte dann noch an den deutschen Widerstand gegen Hitler und vor allem daran, dass die ersten Opfer des Hitler-Regimes Deutsche gewesen waren. Kein Wort freilich fiel ihm zu den europäischen Juden selbst ein, die in Birkenau doch den Löwenanteil derer ausmachten, denen die Massenmordmaschinerie den ultimativen Garaus bereitete: bis zum letzten Asche-Rest. Schmidts Auftritt wurde später als staatsmännisch, ja: bemerkenswert bezeichnet. Bis heute ist das von keinem mehr relativiert worden.

Mit derselben Gründlichkeit, die ihre Urgroßväter und Urgroßmütter seinerzeit an den Tag legten, indem sie vom Unsäglichen entweder nichts gehört und gesehen haben wollten oder aber ohne eigene Schuld als bloße Mitläufer nur mal eben ´mitmachten´: mit ebenjener Gründlichkeit polieren die heutigen Deutschen ihre unübertroffenen Moralvorstellungen an den Stolpersteinen der Shoa auf. Auschwitz: das ist der Durchlauferhitzer, auf dessen Tag und Nacht brennender Herdplatte jeder gute Deutsche das vegane Süppchen restlos reiner Selbstgerechtigkeit bis zum Siedepunkt ankocht, und passend zu den Jubiläen arbeitet dieser Hochofen ohne Pause, wie die Krematorien im Lager von Birkenau es taten, bevor die Täter sie in die Luft sprengten.

Wer meint, es sei schamlos so zu sprechen oder zu schreiben, möge sich einmal selbst fragen, ob der Umgang mit dem Holocaust tatsächlich noch irgendeinen anderen Nutzen haben mag als den, sich selbst und sein lauteres Gewissen damit ins rechte Licht zu rücken. Ich sehe keinen. Und ich glaube, dass eine nüchterne Aufarbeitung der letzten fünfundsiebzig Jahre das nur bestätigen kann.

Wann startete die ´Auschwitz-Hype´? Mit gehöriger, wiewohl passender Verspätung. Die vielen halbgaren Versuche, das Grauen irgendwie zu erfassen, aufzuarbeiten und entsprechend zu sühnen, kamen Jahrzehntelang über wackelige Anläufe oder schnell festgefahrene Ansätze nicht hinaus. Solange die Mehrzahl der halbwegs Davongekommenen noch lebte, regte sich wenig – bis nichts. Als 1950 das Gesetz Nr. 13 des Rats der Hohen Kommissare in Kraft trat, welches die Einschränkungen in der Verfolgung von NS-Verbrechern durch die Bundesrepublik aufhob, ging es nur um solche Verbrechen, die von Deutschen an Deutschen begangen wurden. Also: die Weigerung der noch jungen BRD, den Komplex Nazi-Unrecht überhaupt (!) juristisch zu behandeln, wurde durch eine ´Arisierung´ des Kreises verdächtiger Personen seitens der Besatzungsmächte abgelöst. Bis dahin hatte es die üblichen Kriegsgerichtsverfahren gegeben, maßgeblich von den Alliierten ´abgewickelt´ oder, in Ausnahmen, an die jeweils betroffenen Staaten wieder abgegeben (wie im Fall Rudolf Höss, dem letzten Lagerkommandanten von Auschwitz, dem dann von den Polen der Prozess gemacht wurde).

Derlei Rechtsprechung, die das Standrecht ablöste und gleichzeitig die letzten Todesurteile in der westlichen Besatzungszone zeitigte, blieb ein kurzes, von den Verlierern kaum beachtetes Intermezzo. Den mit sich selbst beschäftigten Deutschen von damals fiel zu Auschwitz, das in den weltweit verfolgten Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen eine gewisse Rolle gespielt hatte, wenig bis gar nichts ein. In den Hungerjahren bis zur Währungsreform ging´s hauptsächlich um´s Fressen (frei nach Karl Marx). Bis dahin hatte die deutsche Volksgemeinschaft von den Kornkammern des eroberten Osten profitiert, bis zum Tage der bedingungslosen Kapitulation – bis zur Stunde Null also. Ab jetzt musste man hamstern und mit den Rationen auskommen, die von den Siegern ausgegeben wurden. Wer scherte sich da noch um irgendein Nest im nahen Osten?

Es folgte das ´Wirtschaftswunder´, bis zu den ersten konjunkturellen Schieflagen Anfang der sechziger Jahre. Nur Spezialisten und Vaterlandsverräter beschäftigten sich in dieser Zeit mit dem Komplex Völkermord. Einer von ihnen war der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, dem in zähem Ringen, allen Widerständen zum Trotz endlich gelang, Auschwitz und seinen ´Machern´ den Prozess zu machen. Die Hauptverhandlungen fanden vom Dezember 63 bis zum August des Jahres 65 statt. Sie erregten eine Weile das Aufsehen der Deutschen, deren meiste sich dadurch aber eher belästigt fühlten, dazu noch von einem Juden, dem man nicht traute und den die damals streng rechtsnational ausgerichteten Juristenelite entsprechend schnitt und mobbte. Erreicht hatte Bauer mit seinem ´Projekt´ ohnehin wenig. Die rechtskräftigen Urteile fielen meistenteils lächerlich mild aus, die Öffentlichkeit nahm sie nur noch am Rande zur Kenntnis und von den wenigen, die nachdenklich geworden waren, hörte man noch immer – nichts. Der Nestbeschmutzer Bauer überlebte ´sein´ Auschwitz nur um wenige Jahre. Die nie abreißenden Bezichtigungen und Beschimpfungen, denen er in der Bundesrepublik ständig ausgesetzt blieb und die von üblen Nachreden bis hin zu anonymen Morddrohungen reichten, hatten ihm den letzten Nerv und endlich auch die eigene Gesundheit geraubt. Hinter der Robe des Staatsanwaltes hatte sich ein echter Märtyrer verborgen. Als man Bauers toten Leib am 1. Juli des Jahres 1968 in der Badewanne seiner kleinen Frankfurter Wohnung fand, hatte die Öffentlichkeit ihn und sein Ansinnen längst zu den Akten gelegt.

Das taten auch die nunmehr tonangebenden 68er, denen bis heute nachgerühmt wird, dass sie ihren Eltern lauter unangenehme Fragen gestellt hätten. Einer von den damals heiß Erregten, der Historiker Götz Aly, hat später freimütig bekannt, wie gründlich auch hier die Verdrängung einer vermeintlichen Verarbeitung Platz machte:“Wir haben sehr schnell aufgehört, uns mit dem konkreten, mit lauter deutschen Familiennamen behafteten Nationalsozialismus zu beschäftigen, und stattdessen „den Faschismus“ bekämpft. Dieser Faschismus galt uns als weltweites Phänomen: Er hauste in Teheran beim Schah von Persien, in Washington bei den Vietnamkriegern, in Saigon, in Südafrika. Wir projizierten unsere nationalgeschichtlichen Traumata auf andere und verlegten sie in sichere Entfernung – immer mindestens 6000 Kilometer weit weg.“ Auch die Nazis parkten ihre ´Projekte´ bequem aus: nach Treblinka, Sobibor oder Maidanek. Und wie diese in ihren wilden zwanziger Jahren, so eroberte auch das studentische Volk die Straße für sich und propagierten eigene Totalitarismen, die sich mit bürgerlich-liberalen Banalitäten kaum vertrugen. Auschwitz und die Folgen? Fehlanzeige.

Es bedurfte einer in England produzierten Fernsehserie, um Ende der Siebziger Jahre das Thema erneut im deutschsprachigen Raum publik zu machen. Und nun wurde es, allen Verrenkungen zum Trotz, zu einem echten Renner. Heute kaum vorstellbar, war der Ankauf der Serie durch den WDR sofort heftig umstritten. Der Ausstrahlung im Hauptprogramm widersetzten sich die Sendeanstalten des ARD, weshalb ´Die Geschichte der Familie Weiß´ schließlich ins dritte Programm ´abgeschoben´ wurde. Zu später Sendestunde obendrein. Die Resonanz war dennoch überwältigend. Aus heutiger Sicht eher brav und bieder gestrickt, ohne die üblichen Überreizungen des Schauerlichen, traf die Serie offenbar einen Nerv. Zwanzig Millionen Zuschauer sahen die eine oder andere Folge, was damals rund die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung ausmachte. Fünfunddreißig Jahre hatte es also gedauert, bis im Land der Täter eine Produktion aus dem ehemaligen Feindlager dafür sorgte, breite Schichten der Bevölkerung an ein Kapitel deutscher Geschichte heran zu führen, das zu den dunkelsten der Menschheit zählt. Täter und Mitwisser jener Jahre kamen nun selbst in die Jahre, aus Zeitzeugen wurden Rentner, und die frei gewordenen Ränge und Posten konnten endlich flächendeckend nachbesetzt werden.

Nie wieder vorher, und schon gar nicht danach hat es in Deutschland eine so ehrliche, offene und unvoreingenommene Debatte zu diesem Thema gegeben. Das eben eignet den echten Anfängen, bevor diese den bewährten Routinen weichen: sie sind so unbeholfen wie authentisch, spontan und entlarvend; und kommen ohne taktische Umwege aus. Von ganz rechts außen bis hin zur Mitte der Gesellschaft, von den progressiv gesonnenen Intellektuellen bis hin zum ´einfach Mann auf der Straße´, von den Alten bis zu den Jüngsten beschäftigten sich nun alle auf einmal und quer durcheinander mit dem Völkermord an Europas Juden. In dieser ersten Phase des Erinnerns und Begreifens gab es noch keine Maulkörbe oder Denkverbote, soll heißen: die alten Nazis schwiemelten nicht, wie später dann, um den heißen Brei herum, sie polterten vielmehr verräterisch drauflos, und das kritische, noch junge Bürgertum bemühte sich um echte, ehrliche Aufarbeitung. Aus einer Peinlichkeit wurde die sattsam bekannte Monstranz, aus lauter Lügen und Ausflüchten nackte Wahrheit; offenbart entlang einer Wirklichkeit, die keiner mehr in Abrede stellen konnte.

Aber dieser unverhoffte Anfang markierte auch schon sein eigenes Ende. Vielmehr: einen neuen Anfang; zwecks Kultivierung eines Ideals, das seine Verkünder moralisch unangreifbar machen sollte. Hatten die Deutschen in den Jahrzehnten zuvor das Geschehene immer wieder aus ihrem kollektiven Gedächtnis gestrichen oder verdrängt, sich gewunden und geziert, geriet den Nachgeborenen, die ihrerseits ganz unbelastet vor der Geschichte standen, der Umgang mit der Shoa zur nicht enden wollenden, einen neuen Gesinnungsterror heraufbeschwörenden Dauer-Mission, und sie folgten ihren Visionen einmal mehr so gründlich und selbstgerecht, so über alle Zweifel erhaben wie die Mordbrennenden Vorfahren es getan hatten; ähnelnd hier auch jenen, die das Ganze umso gründlicher, wieder und wieder unter den Teppich der Geschichte gekehrt hatten. Salopp formuliert: wer heute, in welchem Zusammenhang auch immer, die Auschwitzkeule schwingt, macht sich schon damit unangreifbar und jeden möglichen oder vermeintlichen Gegner auf der Stelle mundtot. Seither funktioniert die ´Marke´ Auschwitz wie ein echter Kassenknüller. Der inflationäre Gebrauch, jeden noch so fernen Zusammenhang betreffend, steigert die weiteren Absätze, und mindert gleichzeitig den Wert einer Ware, die damit zum Dutzend verkommt. Will heißen: Auschwitz wird, stets in aller Munde, immer weiter relativiert und im Ergebnis banalisiert, die ständigen Wiederholungen ermüden und fordern nach noch mehr Schock-Effekten, die sich ihrerseits in Rekordgeschwindigkeit abnutzen. Merken die Knoop und Co. denn gar nicht, dass sie mit ihrem Holocaust-Discount Preis und Ware verderben?

Auschwitz ist jetzt nur noch der Grund dafür, dass ein gescheiterter Jura-Student (Heiko Maas) den verlorenen Posten aufgab und in die Politik wechselte oder ein erzlangweiliger Bundespräsident in Yad Vashem der Sprache der Täter ausweicht (hört, hört!) und die leeren, so dahin gesülzten Allgemeinplätze im üblichen Dutzend absondert. Auschwitz ist überhaupt ein Witz: erzählt von einem pickligen Fridays for Future Aktivisten, der mittels Tweet den überfälligen Vergleich zum Klima herstellt. Die letzten Überlebenden dürfen, passend zu den Jubiläen, ´ihre´ Geschichte erzählen, in Schulen und fürs Fernsehen, im Parlament und gerne auch am Ort des Schreckens selbst. Die Zahl der Publikationen, der Sendungen und Links, geht längst in die Millionen, sie übertrifft die der Opfer schon bei weitem. Ein Ende der Flut, die immer häufiger den schnellen Rotz von der Stange mit sich führt, scheint kaum in Sicht. Keine Frage: Auschwitz ist XXL, lässt alles andere ziemlich klein aussehen und sofort verdächtig werden. Über alle Anlässe hinaus: Auschwitz hier und Auschwitz da, Auschwitz überall! Es lebe Auschwitz!

Sowas kriegen nur die Deutschen hin. Auschwitz wird ihnen zur nicht enden wollenden, alles und nichts rechtfertigenden Lüge, die jedem, der sie zu erzählen weiß, entsprechende Vorteile sichert: im Kampf um eigene Pfründe. Auschwitz ist in den letzten zehn, zwanzig Jahren eine brauchbare Allzweckwaffe geworfen, mit der man die eigenen Wertmaßstäbe weniger unter Beweis stellt, mehr billig behauptet, ohne selbst irgendetwas dafür leisten zu müssen. Dem nicht unsympathischen Provinzialismus vergangener Jahrzehnte, da das geteilte Deutschland im Zuge des Ost-West-Konflikts zwei verlässliche Vasallen stellte, entsprang ein neues Großdeutschland, das einmal mehr den Rest der Welt erlöst: mittels eigener Geschichte, die das Ende aller Einwände markiert. Wer von den heute in Deutschland tonangebenden Eliten nicht ein für alle Mal über Toleranz und Menschenrecht, Moral und Nächstenliebe, richtiges und schlechtes Benehmen – Gut und Böse aufgeklärt worden ist, der gehört ab sofort auch nicht mehr mit dazu, der gehört umerzogen oder ausgeschlossen. Ob es sich um vermeintliche Flüchtlinge oder verfluchte Rechtspopulisten handelt, um das größte Freiluft KZ der Welt (Gaza) oder die nationalsozialistische Nachfolgepartei AFD, um zionistische Völkermörder oder palästinensische Lagerinsassen, um den Oberscharführer Gauland oder Jungmädel Greta: alle Wege führen, gewunden oder mit dem Lineal gezogen, an die Rampe von Auschwitz zurück. Die fiesen Vergleiche, mittels derer heute unliebsame Gegner aus dem Wege geräumt werden, machen aus den fatalen zwölf Jahren am Ende doch noch tausend, und sie relativieren den Schrecken mittels Erosion, bis am Ende nur noch ein morsches Gerippe übrig bleibt, deren etliche man bequem im Massengrab öffentlicher Bekundungen versenken kann.

Ob den in Deutschland ausharrenden Juden überhaupt schon bewusst geworden ist, dass von denen, die sich ihrer gemeuchelten Vorfahren so schamlos bedienen, am Ende keiner auch nur einen Finger rühren wird, liefert man sie wieder ans Messer? Im Gegenteil: die lauthalsen Erinnerungsfanatiker unserer Tage haben kein Problem mehr damit, das alles ganz schnell zu vergessen, geht es um einen geplanten Boykott jüdischer Waren, solange diese nicht der unentbehrlichen digitalen Innovation entstammen. Es gibt heute praktisch keine jüdischen Einrichtungen in Deutschland mehr, die noch ohne Polizeischutz auskommen. Teilweise wurde er schon an israelische Sicherheitsfirmen abgetreten. Das lässt nicht gerade hoffen, aber fürs erste aufatmen. Im Schatten der Erinnerung aktualisiert sich das Schicksal der Juden in diesem Land einmal mehr so dezent wie beharrlich. Ahnen die klügeren von Ihnen bereits, dass die Legende vom ewigen Juden dem Autismus derer ähnelt, die Millionen verfolgte oder ermordete Juden zum Anlass nehmen, einmal mehr moralisch dem Rest der Welt die Leviten zu lesen?

Fritz Bauer kannte seine Deutschen. Durch und durch. Leider sei, so meinte der große Mann resignierend, eine typische deutsche Eigenschaft, den Gehorsam schlechthin für eine Tugend zu halten:“ Wir brauchen die Zivilcourage, Nein zu sagen.“ Dieses Nein oder ´nie wieder´ ist heute von einer Tugend zum taktischen Kampfmittel geworden. Und das verlangt: Gehorsam. Die Anlässe wechseln, je nach Bedarf; und dulden keinen Widerspruch. Gehorsam hat man heute vor allem im richtigen bzw. passenden Gebrauch der Worte zu sein, die weniger gewählt, mehr vorgeschrieben werden; im Umgang mit Minderheiten vor allem, um auch weiterhin zur wohlfeilen Mehrheit gehören zu dürfen. Kein Abweichler wird heute noch vor die Wand gestellt, aber so lange an den öffentlichen Pranger, bis er einpacken kann. Das war, auf umgekehrte Art und Weise, auch schon zu Bauers Zeiten so. Daran ist dieser Humanist schließlich zerbrochen. Im Grunde sind auch Bubis und Giordano, und deren etliche Mahner mehr, am Ende ihres Lebens verbittert abgetreten; einsam in dem Wissen, das sich der Lauf der Dinge offenbar nicht allzu lange mit Vernunft regeln lässt.

Soll man den hier lebenden Juden empfehlen, rechtzeitig das Land zu verlassen? Der Publizist Georg Stefan Troller, wacker auf die hundert zugehend, konnte und kann von Deutschland und den Deutschen nicht lassen; egal, wohin ihr Rigorismus ihn (ver)trieb. Er kommt auch heute noch oft zurück, um seine Geschichte zu erzählen. Er tut das freilich anders als die meisten. Am Anfang dieser Geschichte steht gleichsam die Irritation, die Ent-Täuschung; den Ausklang freilich begleitet ein ironisches Lächeln, das zu erkennen gibt, das sein Träger alles versteht, ohne doch alles damit verzeihen zu müssen.

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Über Trdic Shanto 65 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.