Tuschetiens Wolken und Karthlis Untergang

Aus dem Flugzeug, Blick auf die Erde, Foto: Stefan Groß

9. August 2017. Erster Tag.

Kistendörfer seemannsbärtig

Din wa daula wie zu Hause

Wolkentürme, grüßt den Wedding!

Gottes ist der Kawkasioni,

Badstraße und Gudauri

In Tbilissi wird seit geraumer Zeit wild gebaut. Zuerst erweiterte man die eigenen Wohnungen mit Balkonvorbauten, welche die Höfe schrumpfen und die Bürgersteige oder die gedachten Bürgersteige verschwinden ließen. In einigen Fällen ging die Stadtverwaltung dagegen vor, in der Regel wurden die Vorbauten geduldet. Nun verschwinden auch die Freiräume zwischen den Häusern. Ganze Hochhäuser werden in den Himmel gezogen und versperren die Sicht von den Balkons, die man einst den Wohnungen anbaute. Es wird immer enger. Im Stadtbild entkleidet sich die von W.E.D. Allen in seiner History of the Georgian People beschriebene aesthetic irresponsibility ihrer Ästhetik.

Die Libertären schelten den Staat eine Zwangsanstalt, die jedwede Initiative im Keim ersticke und seine Angehörigen in asoziale Subjekte verwandle. Der Leviathan ist ihr Gottseibeiuns. Erlebt man die Abwesenheit des Staates und seines Rechtswesens in Wirklichkeit, so relativiert sich dieses Schreckensbild der Libertären. Bellum omnium contra omnes, der Krieg aller gegen alle, wird zum natürlichen gesellschaftlichen Aggregatzustand, auch wenn die direkte militärische Auseinandersetzung ausgesetzt sein sollte, wenn die Waffen im Moment schweigen. Der Kriegszustand setzt sich in kleineren gesellschaftlichen Détails fort, in der Nichtbeachtung von Gesetzen. Manifester Ausdruck dieses molekularen Bürgerkrieges sind erpresserische Verträge im Geschäftsleben, der Verkehr oder der wilde Hausbau – An- und Neubauten ohne Genehmigung auf öffentlichem Grund. Wo Gesetzen keine Rechnung geschuldet wird, ist jeder politische Wandel ein Haschen nach dem Wind. Die Tribunen wechseln zur Ergötzung des Publikums. Die Substanz ändert sich nicht. Es gilt das Recht des Stärkeren, nicht die Stärke des Rechts. Die Leninsche Machtfrage „Wer  wen?“, „Kto – kogo?“, fand im Georgischen eine Substantivierung, die winwisaoba, die „Werwenigkeit“, welche Eingang in Tschenkelis Wörterbuch fand.

Eine anonyme nationale Kohäsion oder gesellschaftliche Solidarität, welche der arabische Vater der Soziologie Ibn Khaldun als ´asabiya, als Verbundenheit oder Zusammenhalt aufgrund eines Gefühls der gemeinsamen tribalen Abstammung bezeichnete, gibt es in Georgien nicht: La ´asabiya f´al Gurjistan. (თარჯიმანისთვის: არაა ასაბია ქართლში). Die Unterstützung gilt den Blutsverwandten und den über Jahren erprobten Brudermännern und Schwesterfrauen, den dsmakazebi und dakalebi. Georgien ist eine Mißtrauensgesellschaft; zwar juristisch gesehen eine Republik, aber kein Gemeinwesen. Der sprichwörtliche Ausdruck dafür lautet: kachelebis aghma chnuli, karthlelebma daghma parzches. – Was Kachetien grad gepflügt hat, haben die Karthlier eingeeggt.

Die Grenzen des Oikos sind die Grenzen des Kosmos. Es gilt nicht der kategorische Imperativ, sondern der harsche Imperativ der Selbsterhaltung, des Überlebens. Der Imperativ des gemeinwesensblinden Familismus, den Edward Banfields 1958 in seiner Studie über Basilicata formulierte: „Sei in maximaler Weise auf den materiellen, kurzfristigen Vorteil deiner eigenen Kernfamilie bedacht und nimm an, dass alle anderen das Gleiche tun!“ Der einzige nationale Verbund, der darüber hinausweist, ist die Kirche.

Andreas von Brandt, stellvertretender Leiter des Referats Südkaukasus im AA, berichtete, sein einstiger Kommilitone Gigi Ugulawa habe während des damaligen Studiums an der Saaruniversität geklagt, man beschäftige sich in Deutschland im Philosophiestudium mit Dingen wie Mülltrennung, anstatt über die großen Geister nachzudenken. Vielleicht habe es ihm aber doch für seine spätere Tätigkeit als Bürgermeister von Tbilissi genützt. Streift man durch die Stadt, muß man feststellen, daß hier abseits der Schauseite Müll weder getrennt noch entsorgt wird. Straßen, Freiflächen, die Eingänge von Bauruinen dienen oft als Mülldeponie, Gassen als letzte Ruhestätte abgewirtschafteter Automobile.

Ein Hebraist erzählte mir einst, man habe mesopotamische Keilschriftentafeln gefunden, welche die Sintflut mit dem Zorn des Schöpfers über die Verstädterung erklären. Im Hebräischen sind Zorn und Stadt ein Wort: ´ir. Der georgische Sprachwissenschaftler Niko Marr versuchte im 20. Jahrhundert auf oft abenteuerliche Weise, die altweltlichen Sprachfamilien auf einen gemeinsamen Ursprung zurückzuführen, den er als das Japhetitische bezeichnete. Die Nostratiker versuchen dies heute noch. Ein Großrechner in England soll ausgerechnet haben, daß das Wort wir oder englisch we eine Verstümmelung des georgischen Personalpronomens der ersten Person in der Mehrzahl, des Wortes tschwen, darstelle. Über die Jahrhunderte habe sich das tschwen in den Mündern der nomadisierenden und wandernden Völker abgeschliffen wie ein Fels, der im Munde eines reißenden Flusses bricht, sich zu Steinen zerschlägt, bis ein Kiesel übrigbleibt, der einst vom Wasser zu Sand zermalmt werden wird. Diesen Kiesel führen wir als wir im Mund. Das we ist dann vielleicht die letzte Stufe vor dem Sand. Hätte ich den Mut von Niko Marr oder die Rechenkapazität des in England stehenden Riesencomputers, würde ich das hebräische ´ir nehmen und eine nostratische Brücke zum Indoeuropäischen bauen. Ich würde den Kehllaut Aijin(´) nehmen, der uns im ´azastreifen begegnet, den wir Indoeuropäer als Gaza aussprechen. Das daraus gewonnene g würde ich nehmen und von ´ir russisch gorod, deutsch gart, armenisch kert, punisch karth und mit Erlaubnis von Kacha Kazitadse, der in einer Welt ist, wo es keine Verstädterung mehr gibt und dem ich den Hinweis verdanke, Karthli und Sakarthwelo als Land der Städte deuten, so wie Waräger die von ihnen beherrschte Rus auch als Gardarika, als Städteland bezeichneten. Darauf würde ich mir die Freiheit nehmen, ´ir mit oft als ä wiedergegebene Aijin(´) zusammen mit einem slawischen j-Vorschlag mit dem russischen jarost´, Zorn, zu verbinden. Die Völker wären sprachlich versöhnt, Marr ins Recht gesetzt, und vielleicht würde sich Kacha im Jenseits über meine schöne Brücke freuen.

Doch im Zentrum der Stadt hat man ein Autobahngeschlängel gebaut. So schön wie in Siegen. Ein Glück, wenn sich der Blick wieder weitet, wenn  man auf den Autobahnschlangen die Stadt verläßt. Wir fahren Richtung Kachetien. Die Wiesen entlang der Autotrasse sind mittlerweile verbrannt. Erst im kachetischen Hochland, durch welches man nach Tuschetien gelangt, wird es wieder grüner, waldiger. Wir fahren durch das kachetische Weideland, das König Lewan von Kachetien einst im 17. Jahrhundert den Tuschen für ihre Treue im Krieg gegen die Perser schenkte. Ein Teil der Tuschen sind karthwelisch, i.e. georgischstämmig. Der andere Teil besteht aus mit den Tschetschenen und Inguschen verwandten Bazben, den Zowatuschen. Mit Tschenenen und Inguschen bilden sie Familie der Wainachen. Wai nach, zu deutsch unser Volk. Anders als Tschetschenen und Inguschen sind die Bazben Christen. Sie gehören der Georgisch-Orthodoxen Kirche an und verstanden sich auch in vergangenen Jahrhunderten als Teil der georgischen Nation. Die Bazben beherrschten neben der eigenen Sprache stets das Georgische. Doch ist das Fortleben der bazbischen Sprache selbst nicht mehr gewiß.

Wir erreichen die ersten Kistendörfer im Pankissital. Duissi, Dschoqolo. Die Kisten sind Tschetschenen, die Schamils Herrschaft nach Kachetien entwichen. Die meisten leben hier im Pankissital. Das im russischen Kaukasuskrieg des 19. Jahrhunderts errichtete Imamat Schamils griff tief in die Lebensgewohnheiten der Nordkaukasier ein. Schariat ersetzte Adat, das Gewohnheitsrecht. Tanz, Gesang und Alkohol wurden vom Imam verboten. Nur die im Rundtanz gesprochenen Gebete, die gesungene Rezitation einer Sure oder der im Singsang wiederholte Name des Einen blieben vom Verbot unberührt: Sikr, das meditative Gedenken des Göttlichen. Andere Tschetschenen sollen schon im 18. Jahrhundert nach Kachetien übergesiedelt sein. Im Taip, dem tschetschenischen Clanverband wird der erworbene Reichtum der Mitglieder auf die Gemeinschaft verteilt. Um den Besitz vor der Taipteilung zu retten, blieb der Weg nach Georgien.

Schon am Rand der Ausfallstraße von Tbilissi sah man vereinzelt Wahabiten sitzen. In den Kistendörfern werden ihre Seemannsbärte zur Gewohnheit. Ihr Blick ist gestreng. Im vergangenen Jahr fiel in Syrien der Kommandeur Omar Schischani, Omar der Tschetschene, ein Kind aus einer gemischten georgisch-kistischen Familie aus dem Pankissital. Er hatte einst in der georgischen Armee gedient. Im Augustkrieg 2008 focht er auf georgischer Seite. Nach Entlassung aus der Armee wurde er arbeitslos. In Syrien fand er neuen Sinn, Beschäftigung und Tod.

Wir fahren durch Birkiani, ein verlassenes Tuschendorf; erreichen Dsibachewi ein Dorf der Pschawen. Aus der Ferne sieht man Omalo, den Hauptort des tuschetischen Berglands. Nach einer Theorie, an der mein tuschetischer Reisegefährte Gotscha Ghulelauri zweifelt, sollen die Tuschen im 4. Jahrhundert vor der Christianisierung Pschawiens und Chewsuretiens durch König Mirian nach Tuschetien geflohen sein. Vielmehr seien Pschawen und Chewsuren, die damals noch unter dem Namen Pchowen zusammengefaßt waren, (d.h. die Freien oder Kühnen – eine ähnliche Selbstbezeichnung wie die der Franken) dorthin geflohen. Das Land habe bereits damals Tuschetien geheißen. Wie seine Einwohner, die Tuschen.

In Tuschetien und Pschawien war die Blutrache weniger ausgeprägt und kanonisiert als in Chewsuretien und Swanetien. Bei den Chewsuren dienten Rinder als Wergeld. Bei Chewsuren und Swanen bestehe die Blutrache bis heute, allerdings sei sie seltener geworden, erklärt mir Giorgi Zozanidse. Die Regierung gehe dagegen vor.

Mit Tuschetien ist eine große Wanderungstheorie verbunden. In vorgeschichtlicher Zeit sollen karthwelische Kaukasier nach Westen aufgebrochen sein. Vor den Indoeuropäern hätten sie die mediterrane Welt besiedelt. In Griechenland hätten sie beispielsweise ihre Silbe de für Mutter hinterlassen, auf  welche die einfallenden Indoeuropäer ein meter gepfropft hätten. Aus dieser sprachlichen Pfropfung sei die chthonische Gottheit Demeter hervorgegangen. Über Lemnos seien die Karthwelier weiter auf die Appeninhalbinsel gewandert. Aus ihnen seien die Etrusker hervorgegangen. Das zweite Tuschetien befinde sich in Italien: Tuscien, so die mittelalterliche Bezeichnung – die Toscana. Wie die Anführer der nordostkaukasischen Bergler für die der Name Luchumi typisch war, nannten die italischen Tuscier ihre Könige lucumones. Mit mir nicht mehr in der Gänze erinnerlichen Etymologien schlug der Sprachwissenschaftler Rismag Gordesiani karthwelisch-etruskische Sprachbrücken, darunter das Zahlwort huth und, wenn ich mich recht entsinne, eine klangliche Verbindung zwischen einer etruskischen Opferleber und dem georgischen Wort für die Eingeweide des Schafes. In beschwingter Stimmung kamen mir bei einem Italienaufenthalt immer mehr Brücken in den Sinn. Nennen die Italiener unter Umgehung des Lateinischen Onkel und Tante nicht zio und zia, wie auch die Karthwelier den Onkel zia nennen? Hat nicht das georgische magram oder ma unter Umgehung des lateinischen sed den Weg in zahlreiche romanische Sprachen geschafft? Onkel zio und Tante zia kommen jedoch von griechisch θείᾱ und θεῖος über das spätlateinische thius und thia nella lingua toscana in bocca romana und  ma, schreibt Angelo Prati 1951in seinem Vocabolario Etimologico Italiano, geht auf lateinisch magis, größer, zurück.

Wie bei den Etruskern veranstaltet man heute jedoch noch in den Bergen Totenspiele zu Ehren der Verstorbenen. Pferderennen, sulis zcheni, Seelenpferd, zum Begräbnis. Nur in Gurien hat sich leloburthi, die weitgehend regellose Rohfform des Rugby, bei der es nicht selten zum Tod durch Herzversagen kommt, als sasaphlao thamaschi, als Begräbnisspiel, gehalten.

Doch die Toscana gedeiht, während die tuschischen Schafhirten ihre Wolle bergeweise verbrennen, weil sich der Verkauf zu den Preisen der globalisierten Wirtschaft nicht mehr lohnt. Der Transport ins Tal übersteige den Verkaufspreis. Für ein Kilo Wolle zahle man fünfzig Thethri. Der Verkauf würde sich aber erst ab einem Lari (100 Thetri bzw. 26 Eurocent) auszahlen. Oder wenn man die Wolle vor Ort verarbeiten würde. Ein solcher Betrieb bestehe aber nicht.

Dabei erklärte mir Lascha Gagoidse, daß die tuschische Schafswolle besonders wertvoll sei. Ihr Wollfaden durchziehe ein Lufttunnel, wodurch sie besser wärme als herkömmliche Wolle. Das tuschische Schaf lammt weniger als das imeretinische Schaf. In der Regel gebiert es ein Lamm, höchstenfalls zwei. Um die Erträge zu steigern, habe man zu Sowjetzeiten imeretische Schafe nach Tuschetien gebracht und sie mit tuschischen Schafen gekreuzt. Die Nachkommen hätten jedoch das harte Gebirgsklima nicht ertragen und seien eingegangen. Inzwischen gibt es in den Bergen wieder nur noch tuschetische Schafe.

Lascha Gagoidse, unser Vorreiter, ist, was man im Georgischen dindschi nennt. Möglicherweise stammt das Wort aus dem Türkischen von din, Glauben. Dindschi oder türkisch dinci wäre dann der Gläubige. Heute heißt es im Georgischen: ruhig und besonnen, ein Mensch ohne anschwellenden Hahnenkamm. Lascha hat in Tiflis Tourismus studiert und arbeitet als Bergführer. Die ursprünglichen tuschischen Familiennamen, erklärte er mir, endeten auf –dse, während die Endung –uri auf eine Einwanderung aus anderen Landesteilen hindeute.

Nachtrag erster Tag

In Artana, Kachetien, holten wir Artschil Kikodse ab. Er ist der Urururgroßneffe Gabriel Kikodses. Dieser war ein Psychologe, dessen Frau und Kinder an der Spanischen Grippe starben. Darauf wurde er Mönch, Priester und schließlich Bischof von Abchasien. Im Russisch-Türkischen Krieg von 1877/78 erhoben sich die Abchasen gegen die Russen. Eine große Tragödie schloß sich an: die Amchadschira (von arab. Hedschra, Auswanderung). Teils von den Russen genötigt, teils von ihren von den Russen bestochenen oder gedrängten muslimischen Geistlichen angehalten, dem Koran gemäß das Land der Ungläubigen, den Dar-al-harb, zu verlassen, begann der große Auszug ins Reich des Sultans. Von der abchasischen Schwarzmeerküste schifften sich Menschenmassen nach Stambul ein. Die Fahrt oft nur auf Flößern und Seelenverkäufern endete für Abertausende im nassen Tod. Bischof Gabriel bat den Zaren, wenigstens seine Schäflein, einen Teil des abchasischen Volkes, zu schonen, wodurch die Abchasen dem Schicksal ihrer nordkaukasischen Nachbarn wie der Ubychen entgingen, von denen niemand in der Heimat blieb und deren Sprache in der Türkei in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit dem letzten Sprecher unterging. Bei den Abchasen hat der Name des Bischofs bis heute einen guten Klang.

Den Verlust von Weib und Kindern verwandt Kikodse, indem er all seine Aufmerksamkeit den Kindern seines Bruders, der ebenfalls dem Priesterstand angehörte, widmete. Ihnen ließ er eine weltliche Bildung zukommen. Die meisten der Kinder landeten bei der Revolution und ihren unterschiedlichsten Gruppierungen: den Sozialföderalisten, den Menschewiken, den Bolschewiken, den Sozialrevolutionären und Nationaldemokraten. In der Revolution von 1905 gehörten sie zu den Unterzeichnern  des Manifests von Bachwi, in welchem Gurien, das Land der scharfzüngigen Pferdediebe und des kaukasischen Jodelns, seine Unabhängigkeit vom Zarenreich erklärte. Von seinem georgischen Brieffreund, dem Fürsten Nakaschidse über die Ereignisse in Georgien informiert, wollte der greise Graf Tolstoi in der sozialdemokratischen gurischen Bauernrepublik den Vorschein des Gottesreichs erkennen.

Artschil Kikodse, der Nachfahre des Bischofs, studierte am Tifliser Institut für Kinematographie Drehbuch und an der Dschawachischwili-Universität Armenologie. Heute lebt er als Schriftsteller und arbeitet in den Sommermonaten als Bergführer. Als Gurier ist er unter den Georgier der einzige Nichttuschiner unserer Reisegruppe. Am ersten Abend hatten wir ein Wortgefecht, ob es besser sei, die georgische Irredenta in einem Ausgleich mit den Russen wiederzugewinnen oder sein sicherheitspolitisches Heil allein im Westen zu suchen. Artschil hielt es mit Adenauer: keine Experimente.

In Lalis Quris stieß Prof. em. Giorgi Zozanidse zu uns. Er ist der angeheiratete Onkel Gotscha Ghulelauris, der Gatte seiner Tante, seiner deida, seiner Mutter Schwester. Für uns ist er während der Reise Giorgi dsia, Onkel Giorgi. Er studierte wainachische und nordostkaukasische Sprachen, arbeitete an der Abteilung für Dialektologie des Tschikobawa-Instituts für Sprachwissenschaften und lehrte an der Pädagogischen Hochschule. Einige seiner Erzählungen sind in der Übersetzung des Jenenser Kaukasiologen Heinz Fähnrich unter dem Titel “Wind, der weht” erschienen. Giorgi Zozanidse sieht aus wie ein vergerbter 60-jähriger, wird aber in diesem Jahr 81 und sitzt lässig im Sattel seines Tuschinerwallachs. Er ist Verfasser eines 2014 erschienenen tuschischen Wörterbuchs. Er ist eine ruhige Natur. Nicht jeder Bergler ist ein Grantler. In der Nähe archaischer Heiligtümer zitiert er überlieferte tuschische Gebetsformeln, deklamiert tuschische Verse und berichtet Denkwürdigkeiten aus der Geschichte Tuschetiens. Oder auch Sprüche und Lieder aus anderen Teilen Georgiens, so das mingrelische

Bscha diatschkimi, thutha mumatschkimi, chwitscha-chwitscha murizchephi da do dschima tschkimi.

Die Sonne ist meine Mutter, der Mond ist mein Vater, die wunderschönen Sterne sind meine Schwester und mein Bruder.

In seinem Buch “Von Giorgoba bis Giorgoba”, das er mir schenkte, beschreibt er Geschichte, Mythologie und Leben der Tuschen, ihr christianisiertes Heidentum. Und erklärt den religiösen Festzyklus, der mit dem Georgsfest im November beginnt und im folgenden Jahr wieder zu St. Georgi endet. In Kürze läßt sich der Zyklus so zusammenfassen: Zum herbstlichen Georgsfest sind alle landwirtschaftlichen Verrichtungen beendet. Das Sagiorgo-Bier wird gebraut.

Am 9. Dezember alten, Julianischen, Stils wird das Msebudobafest, das Fest der längsten Nacht, begangen. (Daraus, daß es bei den Tuschen ein Msebudoba- aber kein Mtwarebudobafest, also ein Fest zu Ehren der Sonne, aber nicht des Mondes gibt, schließt Prof. Zozanidse, daß es im Gebirge eine Sonnenverehrung, aber keine oft behauptete Mondverehrung gegeben hat.) Mse ist die Sonne, bude das Nest. Msebudoba ist die Heimkehr der Sonne in ihr Nest. Findet die Sonne im Nest ein Lamm, verbleibt sie dort drei Tage. Das Msis sadidebeli lozwa, das Sonnenlobpreisungsgebet, wird gesprochen. Matschkati-Pfannkuchen werden gebacken und verzehrt. Dann erst, später als im Tal nach dem kirchlichen Kalender, beginnt die Weihnachtsfastenzeit. Das Weihnachtsfest wird am 25. Dezember alten Stils gefeiert. Schoba, Geburt, ist der georgische Begriff. In Tuschetien war früher die Bezeichnung Christe gebräuchlicher. Am 6. Januar alten Stils wird Nathloba, die Taufe des Herrn, gefeiert. An diesem Tag sprechen die Tuschen das Gebet:

Ghmertho didebulo, tschweni qanas madsghari, Khistis qana dampali.

Ruhmreicher Gott, sei der Sättiger unseres Feldes (laß unsere Ähren anschwellen), laß das Feld (oder die Ähren) der Khisten (der benachbarten Tschetschenen, mit denen sie oft Krieg führten) verfaulen.

Ein großes Fest war das Neujahr, genannt zelzadi, am 14. Januar neuen, Gregorianischen, Stils.

Am 25. März alten Stils feierten die Tuschen chareba, die Erfreuung bzw. Mariä Verkündigung. Sie selbst bezeichneten dieses Fest auch mit dem Begriff ozoba, von georgisch ozi, zwanzig. Denn zu diesem Tag sind es zwanzig Wochen seit dem herbstlichen St. Georgi. Dies ist ein Scheidetag. In der Zeit vom herbstlichen St. Giorgi bis chareba wird das Vieh im Stall gehalten. Am 25. März kommt die Erde zum ersten Mal wieder unter den Pflug. Damit beginnt die landwirtschaftliche Arbeitsperiode auf dem Felde.

Das Lascharobafest wird am 14. Sonntag auf Ostern gefeiert, ist also beweglich. Mit Lascharoba setzt die Zeit der Sommerfeste ein.

Die heidnischen Priester der Tuschen waren gleichzeitig ihre Bannerträger, denn die Fahne gehörte zum Heiligtum. Da er die Fahne in der Hand, georgisch cheli, hielt, hieß er chelosani, was in der georgischen Literatursprache den Handwerker bezeichnet. Der entsprechende Terminus bei den Mochewen und Chewsuren ist chewisberi, wörtlich der Schluchtengreis, der Schluchtenälteste oder –priester. Die Pschawen nannten ihn chuzesi, den Ältesten oder Priester, oder dem Griechischen bzw. der Kirchensprache entlehnt: dekanosi. Die nachischen Khisten und Bazben oder Zowatuschen bezeichneten die christlichen Priester mit einem aus dem Georgischen stammenden Wort: khistinisch mosghori und bazbisch modsghar. Der Ursprung beider Wörter ist das georgische modsghwari, das heute den Beichtvater bezeichnet und das mit mdsgholi, Fahrer oder Chauffeur, verwandt ist.

Von Gotscha Ghulelauri habe ich bereits gesprochen. Er ist bekennender Tusche. Die Sommer seiner Kindheit verbrachte er in den Bergen. Als Siebzehnjähriger verließ er Tbilissi, um drei Jahre in den Bergen Schafe zu hüten. Als Zwanzigjähriger kehrte er zurück in die Hauptstadt, um an der Kunsthochschule Malerei zu studieren. Im Eigenstudium lernte er Deutsch. Seine Frau ist eine fröhliche gurische Germanistin, mit der er zwei Töchter hat. Er ist Vorsitzender der Deutsch-Georgischen Gesellschaft, zu deren Gründungsmitgliedern er 1992 gehörte. Auch er arbeitet als Bergführer und erteilt in Alwani Malereikurse. Auch wenn er im engst bebauten, verstädterten Saburthalobezirk Tbilissis lebt, hat er sich seine tuschetische Natur bewahrt. Wenn er mit seinem Landrover kurz vor einer Kurve auf einer Landstraße ein Auto überholt und die durchgezogene Linie überquert, muß man sich nicht fürchten, denn als urbaner Naturbursche hat Gotscha einen angeborenen Riecher dafür, daß aus der Gegenrichtung kein Auto kommen kann, wie ich auf Nachfrage erfuhr. Ein Vorgeschmack auf die bevorstehenden Ritte auf Trampelpfaden entlang den jähen Schluchten der Tuschen. St. Georg ist ein Heiliger der Reiter. In Georgien gibt es 365 Kirchen zu Ehren des Heiligen. An jedem Tag des Jahres gibt es eine Kirchweih zu seinen Ehren, heißt es. Wenn die durchgezogene Linie der Trampelpfade entlang des Abgrundes Lücken aufzuweisen oder der Sand oder Schieferschotter unter den Hufen des Pferdes wegzurutschen beginnt, kennt man den Grund der Verehrung.

Zweiter Tag bzw. erster Tag im Sattel.

Der erste Tag unseres Rittes ist der schwerste Tag. Der Sitz im Sattel ist noch ungewohnt. Ich reite einen elfjährigen Wallach, auf georgisch iabo, der auf den Namen Gledscho hört. Es ist ein Kabardiner mit Einmischungen. Ins braune Fell sind schon einige graue Haare eingestreut. Wissen die Pferde von Asrael, dem Engel des Todes? In einer nordkaukasischen Erzählung holt der Todesengel einen Menschen. Er bittet den Engel um Aufschub. Er bittet ihn, sich anzukündigen, wenn er wiederkommt. Als der Engel erneut kommt, um ihn zu holen, sagt der Mensch, der Engel habe ihn nicht vorgewarnt. Der Tod deiner Freunde, dein graues Haar waren die Ankündigung, antwortet der Engel. Doch die Pferde treten nicht vors Totengericht.

Mein Pferd tritt sicher. Es sucht sich stets den besten Weg zwischen Steinen, Grasnarbe und, was besonders wichtig ist, auf den rutschenden Schiefergeröllsflächen, die kaum Halt bieten. St. Georg ist der Heilige der Reitenden. Man braucht einige Tage, um Vertrauen in das Gespür, Zutrauen zum Pferd zu gewinnen, sich auf sein Gespür zu verlassen, es auch an gefährlichen Stellen einfach gehen, die Zügel im Vertrauen  auf die Klugheit des Tieres lockerzulassen. Anfangs versucht man noch, den Gaul in die vermeintlich richtige Richtung zu leiten. Aus Erschöpfung läßt man dann locker. Der kappadokische Reiterheilige gibt Sicherheit.

Tropfen fallen. Bald gießt es. Dann hagelt es. Die aus Angst, mit den Schnallen der Wanderstiefel in den Steigbügeln des Pferdes hängenzubleiben, am ersten Tag angezogenen Halbschuhe sind bald vollgelaufen. Der Regenmantel ist zu kurz, um die Schuhe in den Steigbügeln an den Flanken des Pferdes  vom Regen abzuschirmen. Schon bis auf die Haut durchnäßt, steige ich vom Pferd und führe es den Abhang hinab. Der Rest der Gruppe ist schon fast im Tal: Alasnis Thawi (Haupt oder Quell der Alasani). Die Schäfer im Tal nehmen uns in ihrer Hütte auf. Wir versuchen, die in den Rucksäcken durchnäßten Kleider in ihren verqualmten Schuppen zu trocknen.

Vitamin “q” bieten uns die Schafhirten an. Ich verstehe “q” wie “siqvaruli”, Liebe. Im Georgischen sind einzelne Konsonanten Wurzeln ganzer Wortgruppen. Ein behauchtes p, ფ (ph), ist Wurzel aller Wörter des Regierens. Mephe (König), Meuphe (Gebieter), Uphali (Herr), Dedophali (Königin von ded-uphali, Mutter-Herrin) etc. Tatsächlich meinte der Schäfer “q” wie qawa (Kaffee). Wer bis auf die Knochen durchnäßt von Scharfhirten in ihrer Hütte aufgenommen und mit  Kaffee und gesottenem Schafsfleisch  bewirtet wird, versteht “q” wie “siqvaruli”. Notdürftig versuchen wir unsere Kleidung im Rauch der Hütte zu trocken. Ich denke an Merzbachers Klage, die Tuschen würden ihrer Häuser  mit offenen Herdstellen wärmen. Die Schäfer weisen uns eine auf Stelzen erhöhte Schlafstelle in der Hütte. Darauf ein Nabadi, der Filzmantel der Schäfer, in dem sie auch in den Bergen unbehaust schlafen. Der Nabadi wärmt und isoliert, ohne daß man darin schwitzt. Ich schlafe den Schlaf der Erschöpften und Ausgefrorenen als wäre es der Schlaf der Gerechten.

Wenn man die kahlen Berge der einstigen Zowatäler verläßt, wird Tuschetien lieblich. Manchmal erscheinen die Landschaften alpin. Das von Kiefern und Birken bewaldete Tuschetien wird von den Berglern als schöne Frau besungen. Von bezaubernder Schönheit ist die Kadschifrau Tebschorika. Erwischt die Tebschorika einen Mann im Schlaf, quält sie ihn. Erwischt er aber ihr Haar,  wird sie ihm zur Dienerin. In Chewsuretien heißt sie Eschma, Mazili in Pschawien. Die Mingrelen aber nennen sie tqaschi mapha, Waldkönig. Hier nähert sie sich Pan an.

12. August 17

In Bikurtha bei den Uthurgaidses werden wir herzlich bewirtet. Die Berge sind sicher geworden. Anfang des Jahrtausends gab es noch Entführungen. Drei Priester, Abt Basilius und zwei Mönche, seien damals von Tschetschenen aus dem Kloster geraubt worden. Sie seien ausgelöst worden.

Die Diasachlisi, die Wirtin, hat eine kindlich reine Seele. Sie klagt über den Verfall. Die Tuschen seien einst tüchtig gewesen. Heute leiste ein Weib mehr als neun Männer. (Mir kommt Merzbachers Wort in den Sinn, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts ob des Müßigganges Gebirgler von den emsigen Weibern als der „in jeder Hinsicht besseren Hälfte“ sprach.) Die Tuschen erkrankten an Leiden, die man früher gar nicht gekannt habe. Ob es an der unnatürlichen Ernährung liege? Tschwen, kharthwelebs, ra gwaszorebs? – Was kann uns Georgier noch heilen?

Mich jedenfalls hat sie geheilt. Durchfall und Magenverstimmung, die ich seit ich in Tiflis ankam, mit mir schleppte, welche eine ganze in der Hauptstadt gekaufte Apotheke nicht lindern konnte, heilte ihr Kondarisud, der Bohnenkrauttee.

Die Söhne der Frau wirken aber weder kränklich noch untüchtig. Sie berichten von den Tuschen, die im Ausland leben. Einige Tuschen hätten versucht, sich als Hirten in Italien zu verdingen. Die Bezahlung sei aber so schlecht gewesen, daß sie weitergezogen seien. Als Hirte sei auch im Ausland kein Geld zu verdienen. Jeden Tag wandere ein junger Tusche aus den Gebirgsdörfern aus, sagt die Wirtin. Selbst in Australien lebten bereits Tuschen. Sie wandern aber einzeln aus, nicht in großen Zügen. Eine drittes Tuschetien, eine zweite Toscana wird nicht mehr entstehen.

Die Wirtin liebt Stalin. Artschil Kikodse sagt, die Liebe der Georgier zu Stalin sei politisch unbedenklich. Sie liebten Stalin nicht als reale historische Persönlichkeit.

– Ich erinnere mich an meinen ersten Aufenthalt in Tiflis 2001. Damals demonstrierten Georgier gegen die Schließung eines Fernsehsenders und klagten den damaligen Staatschef Eduard Schewardnadse an, er habe einen Mitarbeiter des Senders getötet bzw. seine Tötung veranlaßt. Meine damalige Wirtin hielt auch große Dinge auf Stalin. Sie erklärte mir damals, daß Stalin, wäre er noch am Leben, die Journalisten bestimmt geschützt hätte. Ihr Sohn und ihr Gatte verspotteten die stalingläubige Dame. Auch sie war sehr gütig. Als ich damals im Oktober 2001, fiebernd und ebenso unter Durchfall leidend, im Bett lag, weil ich mich wohl noch nicht an die Chatschapuridiät gewöhnt hatte, gab sie mir ebenfalls Tee zu trinken und ich bald genas. –

Stalin sei mittlerweile eine mythologische Figur, eine Art Superman der kleinen Leute. Diese, so Artschil, habe sich bereits von der empirischen Wirklichkeit gelöst. Wie bei den Russen die Märchenfigur Zar Saltan oder bei den Deutschen der langersehnte Friedenskaiser als Kyffhäuser wiederkomme. Die gütigen Augen der Wirtin scheinen das Urteil Artschils zu bestätigen, doch bleibe ich im Zweifel.

Das Gespräch zieht sich bis in die Nacht. Ein Augenblick des Glücks.

13. August 17

Wir kommen in Alis Gori an. Seswa und Bella Elisbaridse haben ihr Anwesen zur Pension umgebaut. Wir zelten auf der sich an das Grundstück anschließenden Wiese. Die Gastwirte heizen uns den Badeofen an. Zum ersten Mal seit unserem Aufbruch können wir uns mit warmem Wasser duschen.

Vor Ort sind Geologen tätig. Sie untersuchen das Gelände. Eine Straße soll gebaut werden, die über das Pankissital nach Tschetschenien führt. Eine Anbindung an eine bereits bestehende Straße. Die Straßen, die gebaut werden, sollen den Tourismus fördern. Angesichts der Sicherheitslage sei die Trasse jedoch eine Schildbürgerei, so die einhellige Meinung meiner Mitreisenden. Ein zweites Einfallstor von Norden würde neben dem leidlich bekannten Rokitunnel entstehen.

In der Pension von Alis Gori ist eine gemischte russisch-georgisch-armenische Familie abgestiegen. Die Pension liegt an einem Abhang, der zur Gomezris Alasani hinuntergeht. Vom Balkon, dem Aiwani, bietet sich ein majestätischer Blick auf den Fluß in der Schlucht. Vom Obergeschoß der Pension erschallen Schlager. Das beste an den Bergen ist die Musik, sage ich. Die Ironie verfängt nicht. Und ohne Musik sind sie noch schöner. Der Groschen fällt immer noch nicht. Besonders, wenn man schreiben will. Ach, Sie wollen schreiben. Die junge Schwarzhaarige lächelt freundlich und schaltet das Gerät aus. Schnorhakaluziun. Ich danke. Nein, stimmt nicht, das Wort war gerade gegooglet.

14. August

Auf dem Naqaitschopaß treffen wir ein israelisches Pärchen. Er trägt sein Smartphone, aus dem Gedudel erklingt, am Selfiestab vor sich her. Gotscha weist mir den sicheren Pfad, welchen die beiden ins Tal nehmen müssen. Ich übersetze ins Englische. Wir kommen ins Gespräch. Ich rufe Restbestände eines Hebraicums ab. Ani Germani. Me too, antwortet sie. Meine Großeltern kommen aus Deutschland. Sie fragt mich, wann die tuschischen Dörfer, die Wehr- und Wohntürme, verlassen wurden. Ich teile ihr stolz mein neuerworbenes Wissen mit.  Im 19. und 20. Jahrhundert.

Der deutsche Forschungsreisende Güldenstedt traf noch in der Zeit Erekles II. im 18. Jahrhundert Zowatuschen an, von denen er schrieb, sie sprächen teils Tschetschenisch, teils Georgisch in der tuschischen Mundart. In den 1830er Jahren siedelten die Zowatuschen bereits in die Alwaniebene über, nachdem mehrere Lawinen ihre Dörfer Sagirtha und Mosartha zerstört hatten. In der vorzarischen Zeit war es den Tuschen verboten gewesen, feste Siedlungen in der Alwaniebene zu errichten, da sie für den kachetischen König die gebirgige nördliche Grenze zu beschirmen hatten. In der Ebene gewährte ihnen der König allein das Weiderecht. Der Zar bedurfte der Wehrbauern im Hochgebirge nicht mehr. Die Zowatuschen errichteten ihre Dörfer am Waldessaum der Alwaniebene.

1955, zwei Jahre nach dem Tode Stalins, verbot die Sowjetmacht den gebliebenen Tuschen in den Bergen Landwirtschaft zu betreiben. Allein die Viehzucht blieb ihnen erlaubt. Dadurch gezwungen, in die Ebene zu übersiedeln, waren sie leichter zu kollektivieren. Die Beweidung der einst terrassierten Felder des tuschetischen Hochlandes ließ diese errodieren.

Erst in den letzten Jahren kehrten Familien in die Berge zurück. Strom, Internet und der beginnende Tourismus bewegten die Rücksiedler.

Die junge Israelin sagt mir, dies sei sehr vernünftig. Israel habe seine Grenzen durch die Besiedelung der Berge besser schützen können. Das ist richtig, sage ich. Der Nachbar Georgiens habe aber andere Möglichkeiten als Israels arabische Anrainer.

Ungeachtet der sprachlichen Unterschiede zwischen den Bazbisch sprechenden Zowatuschen und den Georgisch in tuschischer Mundart sprechenden Tuschen, die man ungenauerweise seit dem 20. Jahrhundert Tschaghma-, sprich Talschaftstuschen, zu nennen begann, fühlten sich beide Teile stets als Gemeinschaft. Auf der Ghelematte trafen sie sich zu gemeinsamer Beratung.

In der Erneuerung der Schenkung der Alwaniebene König Lewans an die Tuschen durch Teimuras I. und Erekle II. ist von gleichen Rechten der Zowa- und Tschaghmatuschen auf die Alwaniebene die Rede. Der Begriff Tschaghmatuschen für die Nichtbazben sei aber bereits damals falsch gewesen, erklärte mir Gotscha Ghulelauri, da er lediglich eine Talschaft bezeichne. Vielmehr bestünden die Nichtzowatuschen aus Tschaghma-, Pirikithi- und Gomezarituschen.

In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts wollten die Zowatuschen die gesamten Weidegründe der Alwaniebene für sich beanspruchen. Es kam zu einer Verhandlung vor dem Gericht des Masras Thianethi. Der Tusche Tatara Kotschauri, der lange Zeit unter den Zowa gelebt hatte, sagte im Prozeß zuungunsten der Bazben aus, indem er die Grenzen ihrer Siedlungen genau bezeichnete. Die erhobenen Ansprüche der Zowa auf die Ebene wurden zurückgewiesen. Darauf luden sie Kotschauri zum Mahl. Er starb an einer Vergiftung.

15. August

Im Wolkenkleid

Als ich in den Bergen war,

Schlief ich im Wolkenkleid.

Der Himmel trat durch das Fenster ein,

Als ich im Himmel war,

Als ich in den Bergen war.

Wir erreichen Ghele. Ghele hat zwei Bedeutungen: Bach und Matte. Hier gilt die zweite. Hier, auf dem Rütli Tuschetiens, wurde Rat abgehalten. Ghele ist eine unscheinbare Wiese, welche zwei Staubrillen einer Autospur durchschneiden. Ein schwarzer Jeep kommt an. In ihm sitzt Irod mit seinem Kind. Irod ist Wildhüter im Nationalpark, im Naturschutzgebiet, welches ganz Tuschetien umfaßt. Da die amerikanische Senatorin Brooke die Tuschen bei der Gründung des tuschetischen Naturschutzgebietes mit großer Hingabe unterstützte, tragen die Natur- und Landschaftspfleger die englische Berufsbezeichnung ranger. Als im 19. Jahrhundert die Russen in Tuschetien Kirchen errichteten, entnahmen die Tuschen den Kirchenbüchern den Namen Irod, Herodes. Der Name bürgerte sich in Tuschetien ein. Herodes ist von ausgenommener Liebenswürdigkeit. Er bewirtet uns auf dem Rütli mit Kodori, der dünneren tuschischen Spielart des Chatschapuri, des gebackenen georgischen Käsefladens. Dazu Trester. Nach der Jause führen wir die Pferde am Zügel durch einen Kiefern- und Birkenwald zur Pirikithi Alasani hinab. Zur Querung des Flusses setzen wir auf. Ans jenseitige Ufer schmiegt sich eine Schieferschottersandbank, auf der wir rasten. Mein Pferd geht in die Knie, um sich den Rücken zu scheuern. Es wirft mich zum ersten Mal ab.

In Serpentinen reiten wir das jenseitige Steilufer der Alasani hinauf. Auf unserer Höhe schwebt ein Geier vorbei und läßt seinen Schrei wiederhallen. Wir ziehen an aufgelassenen Stallungen, Winterquartieren der Hirten, naboslarni, vorbei. Boseli ist der Stall, über dem die Tuschen auf einer oberen Etage im Winter lebten. Danach heißt das gesamte Winterquartier boseli. Winter- und Sommerquartier bildeten ein Paar: sophel-boseli (Dorf-Stall). Ist im Georgischen etwas vergangen, fügt man ihm die Vor- und Nachsilbe na- und -ari an. Ein mingrelischer Freund, der in Deutschland Philosophie studierte, erklärte mir, daß sich damit die Vorstellung verbindet, daß das Gewesene wieder sein wird.

Wir erreichen das Dorf Tschigho. Hier leben wieder zwei Familien. Damit ist es kein nasophlari, kein Dorfgewesenes mehr.

Auf dem einen Haus die Aufschrift: Guest House Soso Bakuridse 1994 zels (anno). Holzschnitzereien hellen den düsteren Schiefer auf. In Kübeln blühen Vergißmeinnicht. An einer Tamariske ist das Oberteil eines Stuhles als Kinderschaukel aufgehängt. Von der Tamariske herab hängen hängen farbig angemalte Becher, aus denen Blumen wachsen. Zwei Satellitenschüsseln des Gästehauses gemeinden das halbverlassene Dorf, das sopheli, das nasophlari war, und durch die Anwesenheit zweier Familien wieder sopheli geworden ist, dem global village ein.

Doch die meisten Häuser, georgisch sachli, sind nasachlarni, aufgelassen. In einem zur Hälfte wieder aufgebauten nasachlari finden wir Quartier. Die Fenster sind Windaugen, windows, keine Fenster. Das Fenster, das die Römer den diesseits des Limes siedelnden Germanen vor zweitausend Jahren brachten, fand erst vor kurzem seinen Weg nach Tuschetien. Doch auch, wo Fenster die Schieferwände der tuschischen Dörfer durchbrechen, zieht meist der Wind durch die Ritzen zwischen Rahmen und Wand. Die tuschischen Fenster bleiben Windaugen, die bereits Merzbacher durchblickte.

Durch die offenen Fenster unseres Nasachlariquartiers tritt in der Nacht der Nebel ein.  Erfahre ich am darauffolgenden Morgen von Artschil. Ich jedoch habe in die Wolken gehüllt geschlafen.

16. Aug. 17

Als wir Tschigho verlassen, kreisen über den Ruinen der Wohn- und Wehrtürme ganze Schwärme von Raben. Nach tuschischer Lesart ein böses Vorzeichen, erklärt Prof. Zozanidse.  Die Mokadageebi, die tuschischen Schamanen, die er kannte, sagten stets alles und das Gegenteil dessen voraus. Ähnlich spotteten die lateinischen Nachbarn bereits über haruspices, fulgatores auscpicesque, die etruskischen Leber-, Blitz- und Vogelschauer, der disciplina etrusca Auguren. Ich hoffe, das Rabenvorzeichen bleibt ebenso bedeutungslos.

Wascha-Pschwawelas (1861-1915)[1] Verse kommen mir in den Sinn:

Weidwund über den Felsenkarst

Schleppt sich blutend der arme Aar.

Jagte einst Raben- und Krähenvolk,

Schluchten und Steingeröll war´n ihm hold.

Nun aber steigt er nicht mehr empor.

Heute verflucht er der Krähen Chor:

„Kohlrabenschwarzes Krähenvieh,

Wär´ ich bei Kräften, wüßte ich, wie,

Geräte ich in eure Hand,

Ich streut´ euren Flaum weit übers Land!“

In der Mittagssonne erreichen wir das tuschische Laschariheiligtum. Am hundertsten Tag oder am 14. Sonntag nach Ostern feiern die Tuschen Lascharoba. Die Stätte wird Giorgi Lascharisa oder Lascharis Dschwari genannt. Seit wann es besteht, weiß man nicht. Wie Onkel Giorgi, Giorgi dsia (Giorgi Zozanidse) erklärte, kannten die Bergstämme vor der Christianisierung noch keine Jahreszählung.  Das ursprüngliche Laschariheiligtum steht in Pschawien. Der Tusche Gorgi Tilidse aus dem Dorf Kwawlo opferte einst dem pschawischen Laschariheiligtum einen weißen Stier. Darauf raubte er aus dem Heiligtum einen Stein, den er in seine tuschische Heimat brachte. Dieser diente dem tuschischen Laschariheiligtum als Grundstein. Das Heiligtum ist eine an einem Hang errichtete Schieferhütte mit einem von einer Steinmauer umgegebenen Vorhof. Drei Steintürme ragen aus der Mauer hervor. Vor dem Eingang hängt eine Glocke, auf welcher folgende Weihinschrift eingemeißelt ist: „Schemeziria Lascharisathwis Asiko Giorgis-dse Bakuridse 1984“, „Ich, Asiko, Sohn des Giorgi, Bakuridse, stiftete dies dem Laschari 1984“.

Derartige Weihinschriften lieferten das Hauptcorpus des erhaltenen sprachlichen Schatzes des Etruskischen.

Im Inneren des Heiligtums finden sich christlich-orthodoxe Ikonen: zehn Ikonen des Heiligen Georgs, eine Ikone des Herrn, fünf Ikonen der Gottesmutter, eine Ikone Johannes des Täufers, eine Ikone Vater Gabriels (Ugrebadses), des bedeutendsten georgischen Narren in Christo des 20. Jahrhunderts. Desweiteren zwei Ikonen des „Paradieses Georgiens“ (Alle Heiligen der Georgischen Kirche), dazu ein orthodoxes Gebetsbuch (Lozwani). An der Wand hängt eine Panduri, daneben steht ein hölzerner Thron mit einem eingekerbtem Kreuz in der Rückenlehne. Auf dem Opferstein ein Holzbrett, auf dem eine kleine Plastikmineralwasserflasche steht, in der vermutlich Trester ist. Rechts neben dem Opferstein ein Topf mit Wachskerzen. Rechts unter dem Dach die Fahne des Heiligtums. Darunter liegen Trinkhörner, Trinkschalen, Salz und eine Schachtel Streichhölzer.

Im Vorhof des Heiligtums haben Priester vor einigen Jahren ein Holzkreuz errichtet. Auf dem Dach des Hauses liegen Hirschgeweihe. Unweit des Heiligtums wächst ein Faulbeerbaum, ein Schothchwi.

Wir kommen am Wehrdorf Diklo vorbei. Am ersten Januar 1837 griffen dem Imam Schamil unterstellte Leken Diklo an. Die Belagerung dauerte 19 Tage. 17 Männer von Diklo verteidigten das Dorf gegen eine mehrtausendfache Übermacht. Im den Verteidigern des Wehrdorfes gewidmeten Heldenlied „Diklos zaghdena“,„Diklos Untergang“, heißt es, diese hätten „siebenmal zwanzig Didoer“ getötet. Am 19. Tag nahmen die Didoer, wie die Tuschen die Daghestaner nannten, Diklo ein und dessen letzten Verteidiger, Ghwthisso Ossorauli, genannt Kossoreli, gefangen und führten ihm mit den Frauen und Kindern des Wehrdorfes in die Gefangenschaft. An einer Brücke angekommen, bat eine der Frauen von Diklo, Baki Chatschiuridse, einen der Naiben Schamils, sie zu tragen. Er habe sie zu seiner Gefangenen gemacht, jetzt möge er sie über die Brücke tragen. Auf der Brücke riß sie sich und den Naiben in den Tod.

Sieben Familien von Diklo, die während der Belagerung nicht im Wehrdorf zugegen waren, überlebten.  Nach sieben Jahren kehrten sie nach Diklo zurück. Von ihnen stammen die heutigen Dikloer ab.

Bis zum Ende des Imamats Schamils waren alle Häuser in Tuschetien Wehr- und Wohntürme, die nur über einholbare Stiegen zu betreten waren. Nach der Gefangennahme Schamils bauten die Tuschen in ihre Türme auf der zweiten oder dritten Etage Türen ein, die sich auf tuschisch karsse nannten (kari mit abruptiven k ist im Georgischen die Tür – der Wind, der oft durch die Spalten der Türen zieht ist kari mit behauchtem k).

Erst ab den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts übernahm man aus den Tälern Häuser mit Veranden oder Balkons, aiwani genannt. Mit den aiwnebi (so lautet die Mehrzahl) endete in Tuschetien das heroische Zeitalter. Türen und Balkone als Friedensdividende.

Am Abend erreichten wir Schenako. Aus der Ferne sieht man das Gotteshaus von Schenako, welches die Russen im 19. Jahrhundert im georgischen Kreuzkuppelstil aus flachen tuschischen Schieferziegeln errichteten.

Vor der Kirche steht auf einer metallenen Tafel die Widmung: “Samschoblosthwis thawdadebul dikloelebs da schenakoelebs. 1837 -1967”. “Den Dikloern und Schenakoelern, die sich für ihre Heimat opferten. 1837- 1967”.

Darunter der Spruch: “Winam thkwa thuschtha dalewa, napir motecha zisia!”, für den ich noch eine passende Übersetzung suchen muß. Meine jetzige Version – work in progress – lautet: “Wer spricht von der Tuschen Untergang? Dies glich´ dem Zerbrechen des Himmelssaums!”

Über dem Eingang der Kirche thront in einer Nische eine silberne Ikone der Heiligen Trinität. Der Innenraum der Kirche ist mit neuen Fresken ausgemalt. Auf himmelblauen Grund mit zartem Strich die Heiligen. Bei der Neuausmalung der Kirche aus dem 19. Jahrhundert sind zwei neue Heilige hinzugetreten: Ilia Tschawtschawadse und Gabriel Ugrebadse. Der eine der “ungekrönte König Georgiens” aus dem 19. Jahrhundert, der Anführer der georgischen Nationalbewegung und Mitbegründer der georgischen Adelsbank und der Alphabetisierungsgesellschaft, 1907 ermordet von georgischen Bolschewiken. Der andere “das Evangelium des 20. Jahrhunderts”, ein Salosi, ein Narr in Christo, der am 1. Mai 1965 bei der Maidemonstration auf dem Rusthaweliprospekt das Bildnis Lenins mit Benzin übergoß und anzündete mit den Worten: “Nicht Ruhm sei Lenin, sondern Ruhm dem Herrn!”

Vor der Kirche trainiert ein junger Tusche seine Ballbeherrschung. Vielleicht sehen wir ihn bald in der Bundesliga.

In Schenako wohnt die Familie von Laschas mamida, der Vatersschwester. Die Familie hat ihr Haus zu einer für die rustikalen Verhältnisse Tuschetien komfortablen Pension ausgebaut. Auf dem Weg nach Schenako, wo einst eine Wassermühle stand, in der Ziskwilis Chewi, der Mühlschlucht, produziert jetzt ein Generator Strom für Schenako. Eine Stromtrasse, die aussieht wie alte Überlandstelephonleitungen, verbindet die Mühlschlucht mit Schenako.

Im abschüssigen Vorgarten der Pension steht eine hölzerne Hollywoodschaukel mit tuschischen Schnitzereien. Die ständige Stromversorgung durch das Überlandkabel ermöglicht einen ständigen Betrieb des Fernsehers im Empfangszimmer. Es laufen türkische Serien mit georgischer Simultanübersetzung.

Wir werden fürstlich bewirtet. Die Schafsuppe kräftigt uns. In ihrem Gemüsegarten bauen Laschas Verwandte auch Brokkoli an. Herodes und sein Bruder David, Laschas Vettern, genauer mamidaschwilebi, die Vatersschwesternkinder, treffen ein.

Uns wird das Badewasser erhitzt. Nach einer Weile läßt sich die Internetverbindung aufbauen.

Mittlerweile ist uns das Reiten zur Erholung geworden. Im Sattel fühlt man sich entspannter als auf den eigenen Füßen. Das Pferd ist zu einem Körperteil geworden: Wir sind Kentauren. Oder Cowboys.

I came to where the flavor is. Tushetian Marlboro Country.

17. August 17

Als wir in der Pension der Bukwaidses beim Frühstück sitzen, treffen Schwarzwälder ein, die mit dem Moutainbike Tuschetien durchwandern.

Wir verladen unser Gepäck auf Irods Pickup von der Nationalparkwacht. Er fährt uns nach Omalo. Nicht mehr auf einem Pferderücken zu sitzen, ist ein ungewöhntes Gefühl. Das Naturerlebnis ist weniger intensive, blickt man durch die Fensterscheibe nach draußen.

Als wir in Omalo ankommen, erreicht uns eine schlimme Nachricht. Ein Vetter von Gotscha, ein Schäfer, ist tödlich vom Pferde gestürzt, wahrscheinlich angetrunken. Er hinterläßt zwei Kinder. Ein Hirte darf nicht trinken, sonst kommt er um, sagte noch vorgestern Gotscha.

Von der Hütte, in der wir in Omalo einquartiert werden, hat man einen Blick auf die grün bewaldeten Berge Tuschetiens. Wenn der Nebel die Bergspitzen verschlingt, könnte man meinen, man befinde sich im deutschen Mittelgebirge, im Thüringer oder Bayerischen Wald. Auf den Anhöhen ragen Sendemasten empor für Mobilfunk und Internet. Die im Nebel liegenden, mit Kiefern bewachsenen Berge mit ihren schroffen Felsen erinnern mich an eine deutsche Bierwerbung einer mir nicht mehr erinnerlichen Marke. Veltins?

Beim Abschied in Schenako grüßte ich mit “cheiri!”. Ich hielt den Begriff lange für ein archaisches karthwelisches Wort, bis ich darauf stieß, daß es aus dem Arabischen stammt und ins Persische als Formel be-cheir eingegangen ist. Dennoch dachte ich, daß es sprachlich in die tuschische Gebirgsmundart paßt. Sprache ist Glück, wie ein Dichter sagte. Gotscha machte mich darauf aufmerksam, daß das Wort einen schlechten Klang habe. Nur Kleinhändler in Tbilissi würden es gebrauchen. Es sei piccolo borghese.

Soeben kamen Gotscha und Giorgi Zozanidse vom Dorf zurück. Gotscha schenkte mir eine Tonscherbe, gefunden im Winterquartier von Omalo, die von einer Tonschale oder einem tönernen Krug aus dem 6.-3. vorchristlichene Jahrhundert stammen muß. Wahrscheinlich wurde sie in Kachetien hergestellt, da es in Tuschetien keine Tonerde gab.

18. August 17

Ich steige den Felsen zur Festung Omalos, des einstigen Wehrdorfs, auf. In der Festung soll in Kürze eine Ausstellung des Photographen Schaliko Alchanaidse entstehen. Ein Tusche, der aufgrund seiner körperlichen Gebresten als junger Mann den Beruf eines Photographen erlernte.

Von der Höhe der Festung eröffnet sich ein Blick auf Omalo. In Omalo wird kreuz und quer gebaut, wird wild geklotzt, oft ohne Rücksicht auf bestehende Ensembles und Baustile.

Wir fahren mit dem Geländewagen zum Verwaltungszentrum der geschützten Territorien, zum dazuli teritoriebis administraziuli zentri. Eine Gedenktafel ehrt die unlängst verstorbene amerikanische Senatorin Brooke, die mit viel Energie die Gründung eines tuschetischen Nationalparks unterstützte. Im Zentrum eine georgisch- und englischsprachige Ausstellung zur Geschichte, Gebräuchen, Flora und Fauna Tuschetiens. Sophio Rainauli führt durch die Ausstellung. Wir spielen zwei Partien eines tuschischen Brettspiels. Ein Brett im Geviert, dessen Mittelpunkt von den Eck- und den dazwischenliegenden Mittelpunkten der Randlinien vier Linien durchziehen. Die jeweils drei Steine der Spieler dürfen auf den neun Punkten des Bretts gezogen werden. Wer seine drei Steine, die Ausgangslinie verlassend, auf eine Linie bringt, hat gewonnen. Einmal gewinne ich, einmal Sopho.

In der Ausstellung tuschetische Petroglyphen. Einige sind mir aus dem Gedichtband des tschetschenischen Poeten Apti Bisultanov Schatten eines Blitzes, Tkesan indare, bekannt. Sophio erklärt die Bilder.

Nugsar Idoidse arbeitet als Naturhüter im tuschetischen Naturschutzgebiet und im Verwaltungszentrum der geschützten Gebiete in Omalo. Er hat ein Buch über tuschetische Petroglyphen verfaßt. Er spricht über europäische Kulturkritik, die Ausschließlichkeit des europäischen Rationalismus. Die Tuschen hätten dagegen stets eine Ausgleichung des Verstandes angestrebt: gulsgondatana da gulsgonthqophna, das Zusammenwirken von Herz und Verstand.

Wir sprechen über Bier. Nugsar Idoidse sagt, sve, die Hefe, sei mit den Indoeuropäern in den Kaukasus gekommen. Wie auch das Wort sve für Glück. Mit dem sakralen Bierbrauen seien wie bei den Etruskern rituelle Spiele, ludi, verbunden gewesen. Daher georgisch ludi bzw. tuschisch aludi für Bier. Wascha-Pschawelas Held, Aluda Ketelauri, der sein Leben opfert, um das heilige Gastrecht zu schützen, trägt in seinem Vornamen die Bezeichnung des heiligen tuschischen Bieres.

Lascha bringt mir eine tuschische weiße Filzmütze von seinen Bukwaidsevettern. Ich gebe als Antidoron meine Swanenmütze.

Um fünf Uhr eine Versammlung im Konferenzsaal des Verwaltungszentrums. Zugegen die Vertreter des “Georgischen Hauses”, die unsere Fahrt durch Tuschetien unterstützten, und örtliche Bevölkerung. Giorgi Zozanidse hält eine Rede. Es sei die letzte große Reise seines Lebens durch seine Heimat Tuschetien. Dem Erhalt  und der Wiedergeburt Tuschetiens und seiner Traditionen hat er sein Leben gewidmet. Gotscha und Artschil sprechen über die Gefahr der geplanten das Pankissital mit Tschetschenien verbindenden Straße. Erstens bilde sie ein zweites Einfallstor aus dem Norden. Zweitens fördere sie einen Massentourismus, wie er bereits Chewi und Kasbegi erfaßt hat. Dieser trage zur weiteren Verwüstung der Bergregion, nicht zu ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung bei. Um einer solchen Entwicklung entgegenzutreten, sei es notwendig, die Befugnisse über die Region aus den fernen Verwaltungszentren und der Regierungszentrale in Tbilissi auf die Region selbst zu übertragen und die Selbstverwaltung der Region zu etablieren. Eine Machtübertragung einzuleiten, an deren Ende eine örtliche Selbstverwaltung stünde, wie sie die Kantone der Schweizer Eidgenossenschaft kennen. Auch müßten die Grenzen der Verwaltungseinheiten Georgiens wieder in Einklang mit den Grenzen der historischen Provinzen gebracht werden, damit die gemeinsame Identität, das Zusammengehörigkeitsgefühl ihrer Einwohner, ein gegenseitiges Grundverständnis ermöglichen, aus dem die gemeinsame Verantwortungsübernahme für die Region erwachsen kann. Swanetien und Tuschetien böten die besten Voraussetzungen für einen solchen politischen Übergang, der die georgische  Demokratie auf eine substantielle, eine wirkliche Grundlage stellen und Haushalt und Steuern dem zentralistischen Unterschleif entziehen würde. Der überwiegende Teil der georgischen Bauprojekte, so Artschil Kikodse, diene nur dem Zweck, die Beteiligten und ihre beauftragten Unternehmen zu bereichern, öffentliche Gelder zu unterschlagen, ohne daß die Projekte einen sichtbaren Sinn erfüllten. Eine örtliche Selbstverwaltung würde hingegen mit den verfügbaren Mitteln sparsamer und umsichtiger haushalten. Die sicherheitspolitische Dimension der geplanten Trasse gehe noch darüber hinaus. Der Augustkrieg und die sowjetische Invasion Afghanistans zeigten auf verheerende Weise, welch tragische Folgen Verbindungswesge, welche nationalen Sicherheitsinteressen keine Rechnung tragen, zeitigen können. Ich sekundiere den beiden.

Nach der Konferenz werden wir in der Cafeteria des Zentrums mit köstlichen Chinkali, einer Art georgischer Maultaschen bewirtet.

Vom Verwaltungszentrum fahren wir zu einem weiteren Symposion, einer Suphra, in einem im Entstehen befindlichen Kulturzentrum. Wascha Karchilauris kräftige Stimme erklingt zur Panduri. Lekso, der Gastgeber der Tafel, lädt mich zu einem bald auszurichtenden Fest ein.

19. August 17

Pheriszwaleba. Transfiguratio Domini.

Wir sitzen wieder auf. Wir steigen die Anhöhe zu Ziches Dschwari auf. Oben empfängt uns Sokrate Bakuridse. Er bewirtet uns mit zum Hochfest gebrauten Bier. Eine milchige Flüssigkeit. Leicht säuerlich. Mit gewissen Noten von abgestandenem Pils. Wir reiten weiter bis Westomtha.

Zum Fest der Verklärung des Herrn, Pheriszwaleba, wörtlich zu deutsch Farbwechsel, sammeln die Tuschen Blaubeeren. Sie zerpressen sie in der Hand und schmieren ihr Gesicht mit der Beerenfarbe ein. Wir folgen dem Brauch. Kindheit scheint auf. Unbefangenes Spiel, Unschuld, die Erinnerung beider. Das Glück eines Augenblicks verdankt sich einer Handvoll Beeren.

Bei Theimuras Bliadse werden wir erneut mit Bier bewirtet. Diesmal nur der Geschmack von abgestandenem Pils. Beidesmal ohne Kohlensäure. Ich erinnere mich an einen Vortrag von Bernard Outtier (Ordo Sancti Benedicti), den dieser vor mehr als einem Jahrzehnt in Tübingen hielt. Er sprach von einem heiligen Bier, das er zu einem religiösen Fest im nordostgeorgischen Bergland trank. Très délicieux, war sein Urteil. Ich bin auf der Suche nach dem deliziösen Bier. Gotscha sagte mir, die Brautradition im Gebirge sei gänzlich verlorengegangen. Noch gestern beschrieb mir Nugsar Idoidse, Wildhüter im tuschischen Naturschutzgebiet, das Brauen des traditionellen Bieres, daß einem das Wasser im Munde zusammenlief. Eine platonische Idee tuschischen Bieres. Vielleicht sitze ich in einer Höhle und betrachte den Schatten. Bei Theimuras Bliadse sitzt ein lothi, ein Trinker, zu Tisch. Der Begriff soll von Lot stammen, der seine Töchter trunken schwängerte. Der lothi wird gemieden. Man versucht, ihn ins Leere laufen zu lassen. Man hört auf, mit ihm zu sprechen. Wir reiten weiter bis Satschigholo. Auch dort werden wir zum Mahl geladen. Der Zechbruder des lothi von Westomtha ist auch eingetroffen. Die Trinksprüche sind zuerst noch respektvoll, dann familiar, schließlich werden sie ausfällig. Er lädt mich zu sich ein und läßt russische Genitalflüche folgen. Eine unangenehme Erinnerung. In Tuschetien gibt es beides: Desperate, kaputte Menschen. Und kerngesunde, liebenswürdige. Es sind die beiden Seiten des Landes, nicht nur Tuschetiens, sondern ganz Georgiens. Eines Landes, das einen verzweifeln läßt. Und dann wieder hoffen läßt. Begeistert.

Genital- und Sexualflüche sind in vielen Weltgegenden verbreitet. Sie werden gebraucht, dennoch ist man sich ihrer depravierenden Wirkung bewußt. In Georgien heißt es, die Russen hätten sie gebracht. In Rußland werden sie auf die Mongolen zurückgeführt. Auf dem Balkan beschuldigt man die Osmanen. Das Weib, das Du mir gabst, sprach der Mann. Die Schlange, die Du schufst, sprach das Weib.

Kurz vor seinem Tode sagte der georgische intellectuel public Merab Mamardaschwili, die Russen habe die sowjetische Diktatur zerrüttet und depraviert. Sie hätten sich selbst aufgegeben, während die Georgier unter der Herrschaft der Räte ihre ritterliche Würde bewahrt hätten. Dies veranschaulichten der öffentliche Raum und die Hausflure der Georgier, welche dem Verfall preisgegeben seien, während hinter der Wohnungstür im privaten Raum Sauberkeit und Wohlstand herrschten. Wer nur einmal Rußland berreist hat, weiß, daß jenes Verhaltensmuster dort eine exakte Entsprechung findet. Der Denker verbrachte einen großen Teil seines Lebens in Rußland. Es ist mir unerklärlich, wie ihm jene Erscheinung entgehen konnte. Niemand ist vor Selbstbetrug gefeit. Der Intellektualismus liefert ihm oft die besseren Argumente. Die Aufgabe des öffentlichen Raumes bei gleichzeitiger Pflege des Privaten tritt überall dort auf, wo sich das Gemeinwesen dem Bürger entzieht. In maroden Kommunen des Okzidents wie im historischen Orient. Die Pflege und Ausschmückung des Hausinneren, die Ausgestaltung des Hofinneren zu einem Abbild des Paradiesgarten bei gleichzeitiger Preisgabe der Hausfassade und der Straße gilt als Paradigma der orientalischen Stadt, die nicht von der Bürgerschaft, sondern vom Herrscher regiert wird. Die Aushöhlung der bürgerlichen städtischen Selbstverwaltung durch zentralistische Apparate führt zum Einzug des orientalischen Verhaltensparadigmas auch in den Städten des Westens. Der rationalistische Leerlauf Mamardaschwilis erscheint mir oft als cachiertes Traumdenken, als Opium für die Erkenntnis, als bereits als vergeblich erkanntes Aufbäumen gegen die Irrationalität der Verhältnisse, das sich deshalb aus Verzweiflung in existentiellen Solipsismus flüchtet. Nicht zufällig polemisiert er gegen die Hoffnung als den letzten Fluch aus der Büchse der Pandora zugunsten eines ekstatischen Momentismus.

Georgische Höflichkeitsformen, deren höfischer Ursprung noch deutlich fühlbar ist,  am besten mit der einleitenden Formel „geruhen Sie“ zu übersetzen, haben den Bolschewismus überlebt. Der sowjetische Proletkult der 1920er und die Weisheiten der Madame Kollontai scheinen den Schritt über den Kaukasus nicht geschafft zu haben. In Sowjetrußland war es Stalin, der dem Proletkult ein Ende setzte. Was die Bolschewisten im Transkaukasus nicht vermochten, erreicht die Popkultur heute beschwingten Fußes.

Ähnlich wie im Japanischen gibt es im Georgischen drei Höflichkeitsstufen. Wo die ersuchten Höflichkeitsformeln möglicherweise persischen Ursprungs jedoch für den gesellschaftlichen Verkehr nicht als situativ notwendig empfunden werden, wo ihre Funktionalität nicht gegeben scheint, können diese hingegen fallen gelassen werden und in eine enthegte Ruppigkeit umschlagen, die selbst Berlinerfahrenen noch Neues zu bieten vermag. Es wäre eine kulturgeschichtliche Untersuchung wert, ob diese Ruppigkeit doch unter bolschewistischen Herrschaft oder im Bürgerkrieg der 1990er gewachsen ist oder ob ihr Ursprung nicht gerade in den drei sprachlichen Höflichkeitsregistern selbst begründet liegt. Aus Korea wurde mir berichtet, daß im Umgang mit nach konfuzianischen Vorstellungen niederrangig Erachteten eine Attitude und ein Ton möglich sein sollen, der auf Europäer kulturschockierend wirkt.

Der Kommunismus, der verzückende Wahnwitz der Weltbeglückung, um eines vermeintlich neuen Menschen willen das gesamte Dasein umzukrempeln, hat überall in Osteuropa die Leistungsträger eliminiert und Zerrüttung hinterlassen. Die Genesung wird Generationen brauchen. Der Kommunismus war vor allem eine seelische Verwüstung.

Der überwiegende Teil der Georgier wirkt ermüdet und resigniert, der Lethargie ergeben. Es beschleicht mich das Gefühl, Georgien habe seine seelischen Kräfte verzehrt,  als zehre es nur noch von letzten Kräften. Als sei das Land des Prometheus für einen Zukunftsentwurf bereits zu ermattet und schleppe sich nur noch von eine epimetheischen trügerischen Hoffnung zur nächsten, als habe es seinen inneren Tonus, seine seelische Anspannung eingebüßt und treibe wie ein ruderloser Nachen ziellos auf hoher See, in der historischen Zeit. Miseria e dignità.  Als habe der Fürst Tatkaridse, die gesteigerte georgische Variante des Fürsten Oblomow, einen Bannspruch über das Land gelegt. Die Ziellosigkeit, die Abwesenheit von innerweltlicher Askese ist nicht gleichzusetzen mit weltflüchtiger Askese. Amaro far niente. Das süße Nichtstun ist eine Mär. Die Jungen sitzen kauernd am Straßenrand, die Alten am Verkaufsstand oder mit geöffneter Hand auf Bürgersteigen, in den Straßenunterführungen und vor den Kirchen. Der Übergang von Verkauf zu Bettelei ist fließend. Allenthalben Elend. Viele meiden die Metro, um dem Anblick zu entgehen.

Als ich vor vielen Jahren Georgien erstmals bereiste, unterhielt ich mich mit dem inzwischen an Krebs frühverstorbene Dichter und Germanisten Pako Swimonischwili, der unter dem nom de plume Amiran, georgisch für Prometheus, schrieb. Als ich meine vom Land gewonnenen Eindrücke in dem Wort, der Orient sei eine heikle Sache, ein Zitat aus einer sowjetischen Komödie („wostok – djelo tonkoe“), zusammenfaßte, reagierte er empört. Georgien gehöre nicht zum Orient, sondern zum Kaukasus. Dieser aber bilde einen vom Orient unterschiedlichen Kulturraum. Ich habe mir seinen Satz oft durch den Kopf gehen lassen. Durchforstet man die Reiseliteratur, wird man in den meisten Werken eine ganz selbstverständliche Zurechnung desselben zum Orient finden. Die älteren Reiseschriftsteller, so auch Merzbacher, auf dessen Spuren wir Tuschetien durchreiten, sprechen von den Georgiern ganz selbstverständlich als von „Orientalen“, „hier im Orient“, von den „orientalischen Sitten“ und dergleichen. Durch den Zuzug von Iranern, Pakistanern und Arabern seit der rosenrevolutionären Privatisierung des Landes, durch Tschador und Niqab vornehmlich im Stadtbild von Tiflis wirkt das Land heute sogar noch orientalischer als zur Zeit unseres Gespräches im Jahre 2001.

Heute deute ich Pakos Empörung als innere Auflehnung gegen den Fluch Tatkaridses, als prometheisches Aufbegehren gegen die lethargische Gemütsverfassung des Landes, ein seelisches Ankämpfen gegen die übermannenden Kräfte des historischen Schlafes, ein Versuch, sich dem lethargischen Schlaf zu entreißen. Auch Gotscha Ghulelauri klagt über den Zustand seiner Landsleute, die er als tschadsinebuli, als verschlafen bezeichnet. Ein seelisches Aufbäumen, daß in der Türkei in die politische Form des Kemalismus gegossen wurde. In Rußland forcierte Zar Peter der Große diese Occidentalisierung. Bei Pakos Bruder Micheil Swimonischwili fand diese prometheische Anspannung Ausdruck in unternehmerischer Tätigkeit. Er studierte an der ETH Zürich und gründete das Nabeghlawiunternehmen, dessen Mineralwasser in Konkurrenz zum traditionsreichen Bordschomiwasser trat. Kurze Zeit diente er unter Saakaschwili als Landwirtschaftsminister.

Nach der Rosenrevolution kündigte Saakaschwili seine Reformen im Berliner Hotel Adlon mit den Worten an, man gehöre zum „ältesten Europa“. „Ihr seid Europäer, weil ihr Georgier seid“, erklärte Pako einst seinen Eleven. Mamardaschwili wurde zum Übereuropäer erklärt. Es ist unmöglich, ein Ziel zu erreichen, wenn man sich stets von neuem überzeugt, sich bereits dort zu befinden.

In Rußland krempelten petrinische Reform und leninsche Revolution die Seele um. Selbst Slawophile und Eurasier können ihre Okzidentalisierung nur schwer leugnen. Die bolschewikische Revolution beraubte Rußland zwar der geistigen Brillanz der vorrevolutionären Bildungsschichten, stellte jedoch, anders als von den Eurasiern erhofft und von Berdjajew beschrieben, das patriarchalische Moskowiterreich nicht wieder her. Allein was verlorenging, war die ästhetische und philosophische Eleganz und Gewandheit des Petersburger Reichs.

Die kemalistischen und rosenrevolutionären Reformen wirkten dagegen wie eine Art Pyrovaleron, das gegen die Schlafsucht eingesetzt wird. Nach einer kurzen Zeit der Stimulation wird die Erschöpfung und Depression danach umso größer. Die Türkei hat die Dornenkrone des Zweifels abgelegt und kehrt in den Schoß des Din-wa-daula, der islamischen religiösen Herrschaft – ohne die oft pragmatische Duldsamkeit der Osmanen – zurück, in Georgien verfallen die einen in Sowjetnostalgie und Stalinapologetik, während die noch Hoffenden auswandern. In der Republik, die 1989 fünf Millionen Menschen lebten, sollen heute nach Sezession zweier Landesteile und Auswanderung nach Rußland, in die Türkei, Griechenland und den Westen, nur noch 3,7 Millionen Georgier leben. Als die Visafreiheit für den Schengenraum erlassen wurde, fragte ein georgischer Freund: Wer wird dann noch im Lande bleiben? Im Gespräch erklären viele, daß man 1991 eigentlich unvorbereitet in die Unabhängigkeit eingetreten ist. Manche gehen sogar so weit, sich einzugestehen, daß man für diese nicht reif gewesen ist und erklären, eine Fremdherrschaft sei vonnöten. Die einen, vor allem die Älteren, idealisieren die einstige sowjetische oder russische Herrschaft, die meisten jedoch hoffen auf heilsbringende Fremde aus dem Westen.

Im Wikipediaeintrag zu Lethargie steht der schöne Satz: „Der Begriff wird oft auch im übertragenen Sinne verwendet, um eine durch unangenehme oder tragische Ereignisse erzeugte Teilnahmslosigkeit und Unwilligkeit bzw. Unfähigkeit zu Veränderungen auszudrücken.“ Ein Historiker könnte es nicht schöner sagen. Auf den Einfall Dschalal-ad-Dins 1228 folgten in Georgien 800 Jahre historischen Bocksgesanges. Auch wenn sich die Georgier brüsten, anders als ihre armenischen Nachbarn, die Heimsuchungen ihres Landes mit Heiterkeit und Leichtsinn bekämpft zu haben, sind beide mittlerweile aus dem Straßenbild, aus den Alltagsmienen der Landesbewohner gewichen. Allein traditioneller Gesang und Tanz haben diese Haltung wie eine im Bernstein gefangene Fliege bewahrt. Doch während folklore- und traditionsbewegte Georgier sich um die Popularisierung ihrer Künste im Weltdorf bemühen, erklingen im georgischen Radio wahlweise Gangsterrap oder russische schwerenötige Schlager. Nur wenige können noch auf Zehenrücken über die Tanzfläche schweben. In den Bürgerkriegsjahren war der Weg zum Tanzlehrer oft zu gefährlich. Heute ist die Dominanz der Tradition gebrochen. In der Hauptstadt sind auf Schritt und Tritt Haarschnitte und Kleidungsstile zu sehen, die man auch im Stadtbild von Berlin oder New York antrifft. Zu Sowjetzeiten wurde die Nationalkultur konserviert nach der sowjetischen Vorgabe: national in der Form, sozialistisch im Inhalt. Mit dem 1991 einsetzenden Bürgerkrieg endete diese Tradierung. Auch die sowjetisch verordnete Breitenbildung verlor ihren staatlichen Träger. Ein Freund berichtete mir, seiner Cousine, die ein Pharmaziestudium an der Staatlichen Medizinischen Universität absolviert hat, sei der Unterschied zwischen Gewicht und Inhalt, zwischen Kilogramm und Liter nicht mehr geläufig. Bei Einkäufen fällt mir – wo der Taschenrechner fehlt – auf, daß die Grundrechenarten von den Verkäuferinnen nicht mehr beherrscht werden. Waren zu Sowjetzeiten die Diplome käuflich, so haben die Lehrkräfte heute oft nicht ausreichend Zeit, sich den Studenten zu widmen, da sie sich um Fördermittel und Aufträge im Ausland bewerben müssen.

Iemer mêre ouwê (სულ ვაი და ვაი – ვალტერ ფონ დერ ფოგელვაიდე).

Der alte Vogel Asrail stach ins Herz

Wer nährt nun die jungen Adler?

Der Vogel und der Krebs

Beide fraßen Amiran.

Löste der Tod deine Ketten?

Fliegst du nun selbst als Adler zum Horst in den Bergen?

Tratst du ins Licht oder zu den Schatten?

Asrael, mordender Vogel,

Wer ließ dich von der Kette?

Holst du auch mich vor der Zeit?   

(In memoriam Pako Swimonischwili 1974-2014)

20. August

Zum Frühstück chawizi, eine Art tuschetisches fondue au fromage. Dazu kotori, tuschetische Käsefladen, dünner als die in der Ebene gegessenen chatschapuri, und Tschatschatrester. Beim Mahl berichtet Giorgi Zozanidse von einem Tuschen, der während der antireligiösen Kampagne der frühen Sowjetzeit auf die Kirche in Iliurtha schoß. Sein Sohn Giorgi Kotelaidse leistete Buße, indem er der Kirche jährlich Opfer brachte.

Die Gesichter vieler Hirten sind vom Alkohol gezeichnet. Die Alkoholiker moralisieren. Mit dem Dünkel des Kaputten, dessen Lob und Preisung. Comme chez nous.

Der große Einbruch in den Bergen, wie überall auf dem sowjetischen Lande, war die Entkulakisierung. Wer tüchtig war, wurde erschossen oder deportiert. Es blieb das Dorfelend, der trinkende Teil der Bauern. Die Nachwirkungen sieht man auf dem gesamten Gebiet der einstigen Sowjetunion.

Ein Dichter schrieb, der Tourist zerstöre, was er suche, indem er es finde. Hier in Tuschetien halte ich Umgekehrtes für möglich, sollte ein sanfter oder besser: ein hochwertiger Tourismus einsetzen. Die Tuschen sind oft verfallen wie ihre Dörfer. Der Trunk ist der Hauptgrund. Das eintönige, harte Leben im Hochgebirge, wo oft auf den Matten nur gholo da nari, Disteln und alpiner Ampfer, gedeihen, nährt die Schwermut. Sie ergeben sich dem Suff. Massentourismus könnte die Zerstörung perpetuieren.

Durch hochwertigen Tourismus würden Aufgaben entstehen, die das Niveau der Ausbildung und des Lebens heben könnten.

Pharsmis thaoba. Giorgi dsia, Onkel Giorgi (Prof. Zozanidse), erzählt mir die Überlieferung von Pharsmis thaoba. Eine Überlieferung, sagt Onkel Giorgi, sei etwas anderes als eine Legende. Eine Legende sei eine Ausschmückung. Eine Überlieferung aber sei eine weitergegebene Begebenheit. Pharsma sei einst von einem Heer unter Schamils Naiben Murtha belagert worden. Eine Tuschin namens Thinathin tauchte ihr Kopftuch in Erbo, in ausgelassenes Butterschmalz, und warf es vom Wehrturm hinunter, an dessen Fuße die Belagerer sich anschickten, das Gemäuer zu sprengen. Das Tuch fiel ins Schwarzpulver, welches explodierte und einige der Belagerer in den Tod riß. Thinathin stürzte sich in die Schar der Überlebenden und machte einige mit dem Säbel nieder. Da traf das Entsatzheer der verbündeten Chewsuren und Pschawen ein.

Wir reiten an einem dogi, einer Gedenktafel für in den Bergen Verunglückte, für eine russische Militärärztin vorbei. Sie stürzte an dieser Stelle vom Pferde in die Schlucht. Sie war Teil einer Militäroperation zur Ergreifung tschetschenischer Aufständischer. Auch ein Großvater Artschils, der sich nach Kriegsende nicht demobilisieren ließ, war an der Operation beteiligt. Einige Tschetschenen hatten sich 1944 der Deportation entzogen und versteckten sich in den Bergen. Von dort hätten sie einen Kleinkrieg gegen die Sowjetmacht geführt.

Giorgi Zozanidse erzählt von den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs im Hohen Kaukasus. Beim Vordringen der Wehrmacht in den Kaukasus hätten sich im Hochgebirge die samanelebi (Akronym von Sakarthwelos achalgasrda mebrdsole nazionalisti – zu deutsch junger kämpferischer Nationalist Georgiens) erhoben. Das Zentrum der Organisation befand sich in Tiflis und stand in Verbindung zu Berlin.  Man habe eine Republik Tuschetien ausgerufen, die von November 1942 bis März 1943 bestand. In Tschetschenien hatte sich Idris Magomedow erhoben. Es war geplant, die tschetschenischen mit den georgischen Kräften zu vereinigen. In Swanetien hatten die Deutschen 1942 Maruchis ugheltechili, den Maruchipaß, erreicht. Die Swanen leisteten der vordringenden Wehrmacht Widerstand. Die ob ihrer Tumbheit vielverspotteten Swanen erwiesen sich als politisch nüchterner als ihre Landsleute. Zwei der Führer der samanelebi, Adam Bobghiaschwili und Micheil „Panzale“ Imedidse, wurden nach Niederschlagung der Tuschischen Republik auf der Flucht erschossen. Das dritte Haupt der Verschwörung, Artschil Kitoschwili, galt als verschollen. Vermutlich wurde er nach Sibirien verschleppt.

Von Berlin aus organisierten die georgischen Emigranten die Subversion. Im Hotel Adlon gründeten sie die Union der georgischen Traditionalisten. Darunter der Vater des Philosophen Giwi Margwelaschwili Titus oder Tite. Nach Kriegsende lud der Philosoph Schalwa Nuzubidse, ein Kindheitsfreund Tites, Vater und Sohn Margwelaschwili zu sich nach Ostberlin. Die Autofahrt nach Ostberlin endete für beide mit der Verhaftung. Tite wurde füsiliert, Giwi ins Lager Sachsenhausen gebracht und von dort nach Georgien verschleppt. Nuzubidse verkehrte mit Stalin. Die ersten beiden Strophen von Nuzubidses Übersetzung des Recken im Tigerfell ins Russische stammen aus der Feder Stalins. Zeit seines Lebens wollte Stalin den Recken ins Russische übertragen. Da ihm die Regierungsgeschäfte nicht die nötige Muße ließen, beauftragte er Nuzubidse mit der Übertragung der restlichen anderthalbtausend Strophen. Dem Auftrag, den Kindheitsfreund nach Ostberlin zu locken, hätte sich Nuzubidse nur auf Kosten des eigenen Lebens entziehen können. Doch war es nicht Verschlagenheit oder Berechnung, die ihn dazu brachte, im Sinne des Kremlherrn zu handeln. Den Erforscher der östlichen Renaissance kennzeichnete neben stupendem Wissen und seltener Gelehrsamkreit Weltfremdheit. Er sei gar nicht auf die Idee gekommen, daß er den Kindheitsfreund in den Tod locken würde. So der Sohn des Ermordeten, Giwi, im Gespräch in Tiflis.

Wäre Stalin Menschewik geworden, so Giorgi dsia, hätte es keine bolschewistische Invasion Georgiens gegeben. Georgien wäre erblüht. Noch besser wäre es Georgien allerdings ergangen, hätten die Bolschewiken nicht 1909 Ilia Tschawtschawadse, den Führer der georgischen Nationalbewegung, ermordet. Stalin wußte von dem von seinem gurischen Genossen Philipe Macharadse geplanten Mordanschlag. An der vorbereitenden Beratung nahm Stalin jedoch nicht teil. Ohne die Ermordung wäre Georgien weder menschewikisch noch bolschewikisch geworden.

Wir suchen einen Weg zum Samzornopaß. Ein rotscho, ein kaukasisches Birkhuhn (Lyrurus mlokosiewiczi) weist uns den Weg zum Paß. Artschil bestimmt die Arten genau. Er unternimmt Vogelführungen durchs Hochgebirge.

Als wir am Abend unterhalb des Samzornopasses zelten, werden die Pferde scheu. Von unserem Lager fliehen sie hoch in die Berge. Wittern sie Wölfe, Bären, Hyänen? Sie steigen und steigen. Lascha holt sie zurück.

21. August

Morgens ein Eisbad im Samqwirnwe. Um zwei Uhr erreichen wir den Samzornopaß auf 3300 Meter Höhe, den höchsten Punkt unserer Reise, hinter dem Kachetien beginnt. Giorgi dsia dankt dem mgsawrth angelosi, dem Engel der Reisenden.

Am Abend erreichen wir Diqiani auf 1200 Meter Höhe. Zur Rechten erstreckt sich das Pankissi-, zur Linken das Alasanital.

Erste Eichen. Lawrence von Arabien schreibt, die Beduinen haßten die Wüste. Sie liebten die Oase. Ob sich die tuschischen Hirten nach Wochen und Monaten im kahlen Hochgebirge mit seinen Schiefergesteinshalden beim Anblick der Eichen ebenso fühlen, wenn sie ins Tal absteigen?

Die Luft ist weicher. Auch die Silhouetten am Horizont. Wem Gott will rechte Gunst erweisen. Ein Grashüpfer steigt auf mein vom langen Ritt angeschwollenes Bein.

Noch einmal den Tankstellengeruch des Spirituskochers atmen. Die Nacht bricht ein.  Im Tal Dörfer und Städtchen wie Leuchtkäfer. Wie schön ist alles von oben. Noch ist es nicht finster. Die Sternbilder sind noch schwächer.

22. August

Ein Morgen in weicher Sommerluft. Schwalben schwirren durch die Luft, nicht mehr Mauersegler. Das Tal ist nah. Beim Morgenkaffee ein Gespräch über die 1990er. Damals Entführungen durch Tschetschenen, Drogenhandel im Pankissital, Zusammenarbeit von Kriminellen und georgischer Polizei. Noch unter Dudajew ein Plakat in Grosny: Dobrowolzy w Abchasiju! – Freiwillige nach Abchasien!

Das Zusammenleben von Georgiern und Tschetschenen ist nach wie vor nicht reibungslos. Vor einigen Jahren kam es zu einem Zusammenstoß nach einem doghi, einem Pferderennen im Pankissital, nachdem die Georgier gewonnen hatten. Es gab keine Toten.

Ritt bis Storis cheoba, der Storischlucht. Wir reiten bergab durch den Sapuris-Gori-Wald. Auf dem Weg Bärenlosung, darin Brombeeren. Beiderseits des Weges diqi, Riesenbärenklau, oft mannshoch, den im 19. Jahrhundert von europäischen Botanikern als Kaukasischen Bärenklau (Heracleum giganteum seu pubescens seu caucasicum) in ihre Heimat brachten und dort ansalbten. Man vermutete in ihm eine Bienenweide, versprach sich Schutz von Böschungen und Wild. Tatsächlich wird der Nektar der Bienentrachtpflanze eher von Mist- als von Honigbienen gesogen. Die Pflanze gilt mittlerweile als unerwünschter Neophyt.

Wir erreichen die Autostraße im Tal. Schweren Herzens verabschieden wir uns von unseren klugen Pferden. Und von Lascha, der sie heimführt. Wir steigen in einen Kleinbus. Der Fahrtwind im Gesicht ist angenehm. Du verrätst Dein Pferd, sagt Gotscha.


[1]          Der neben Schotha Rusthaweli (1172-1216) bedeutendste Poet des Landes. Besang Schotha in orientalischer Dichtung Freundschaft und Liebe, so verklärte Luka Rasikaschwili, der pschawische Bursche, wie er sich nannte, die herbe Bergwelt und die tragische Existenz des Menschen im allgemeinen, der untergehen muß, wenn er seine Menschlichkeit zu retten sucht. Wascha-Pschawela ist das Echo Schothas in den Bergen.