Ukraine: Point of no return

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Yes, he can! Stell dir vor, alle reden vom Krieg – und der findet tatsächlich statt. Putin hat geliefert. Die Ukraine ist zum Schlachtfeld einer flächendeckend ´wütenden´ Auseinandersetzung geworden. Wie lange noch gekämpft werden wird, weiß zur Stunde keiner zu sagen. Hütet euch, mehr denn je, vor den schon wieder in Legion angetretenen Kaffeesatzlesern, die uns als ´Experten´ auf sämtlichen Kanälen zugemutet werden. Unermüdlich ist dieser Waffengang vom Hegemon jenseits des Atlantiks herbei orakelt worden. Umso fassungsloser gaben sich die Bündnispartner, als es dann endlich (?) soweit war. Hatte man eventuell gewisse Generalproben verschlafen? Das sich vor allem in den letzten Wochen und Monaten im prekären Osten des Landes die Lage auf nahezu unerträgliche Art und Weise zuspitzte, als Ouvertüre zum großangelegten Überfall, spielt jetzt erst recht keine Rolle mehr; wird wohl allenthalben als ´Verschwörungstheorie´, als ´Fake´ überleben. Ab sofort ist wieder alles sehr einfach geworden. Der ´freie´ Westen dieses dauerhaft unbefriedeten, unselig zerrissenen Landes kann unmöglich (Mit)täter sein; ist nur mehr Opfer einer Aggression, die zweifellos von Putin und niemanden sonst ausging. Vom Osten, eigenartig: ist auch weiterhin wenig die Rede.

David gegen Goliath, Freiheit gegen Despotie? Die Ukraine war, im geopolitischen Zusammenhang, schon früh ein Failed State mehr auf der europäischen Landkarte (vgl. Bosnien, Mazedonien etc.); eine seit längerem in Auflösung befindliche pseudo-republikanische Konkursmasse, um die bald nach dem Untergang des Sowjetimperiums verbissen gefeilscht und gerungen wurde. Der Konflikt basiert auf einer ziemlich verwegenen, nunmehr endgültig fehlgeschlagenen geostrategischen Ausrichtung, einer Anmaßung des US-geführten Westens, aber wer will das jetzt, wo nur noch zwischen Gut und Böse unterschieden wird, hören oder lesen? In einem Krieg stirbt die Wahrheit bekanntlich den frühen Heldentod, aber hier ist ja schon vorher gelogen und betrogen worden, das sich die Balken bogen. Je einseitiger das gezeichnete Bild, umso verlässlicher die entsprechende Interpretation. Darum sei hier nur am Rande erwähnt, dass der ´demokratische´ Teil des Landes von einer Handvoll Oligarchen beherrscht wird. Die sich ihre Claims bereits abgesteckt haben. Eine freie Presse existiert hier nicht. Viele Menschen leben in prekären Verhältnissen, haben entweder gar keinen Job oder einen lausig bezahlten. Ihre Regierung ist total korrupt. Wer erinnert sich denn noch daran, dass der ´Saubermann´ Steinmeier unter sträflicher Vernachlässigung seiner Neutralitätspflicht an der Seite eines bekennenden Rechtsnationalisten auf dem Maidan dem Regimewechsel das Wort redete? Auf die ihm eigene, unerträglich schwiemelnde und schwafelnde Art. Die EU hat sich in der Ukraine früh eingemischt, wie denn dieser Tage – ausgerechnet mitten im Krieg! – wieder von einem möglichen Beitritt des Landes die Rede ist. Das hätte wohl schon damals den Abgang all derer erleichtert, die in diesem dubiosen Vetternstaat keine Perspektive mehr sahen. Sie kommen nun ohnedies, als Flüchtlinge. Auch die Nato-Mitgliedschaft wird jetzt wieder, allen Ernstes, ins Gespräch gebracht. Denn sie hätte ja den Einmarsch verlässlich verhindert. Putin der Schreckliche, seit über zwanzig Jahren mehr oder weniger im Amt, meist als unangefochtener Staatsführer, kurzzeitig im Range eines Schatten-Kanzlers, wäre sicher entzückt gewesen.

Unsere Eliten berufen sich jetzt umso krampfhafter und verbissener auf all das, was sie in Corona-Zeiten verlässlich abgeschafft haben: Meinungsfreiheit, Demokratie und Menschenrecht. Wie denn dem Kanzler Scholz der böse Putin in Punkto Überschreitung roter Linien frech zuvorkam. Corona? Auf einmal gar nicht mehr so wichtig. Das war je eh, bis auf weiteres, ein ´Ausläufer´.  Einmal mehr lassen sich die Aufreger bequem gegeneinander austauschen. Und mit der Wahrheit gehen die Damen und Herren Politiker ab sofort wieder recht ´freizügig´, sozusagen: im Sinne der nicht enden wollenden Anklage um. Bundeskanzler Scholz meinte allen Ernstes, dass es so etwas wie den Krieg in der Ukraine nach 45 in Europa nicht mehr gegeben habe. Die an Brutalität schwer zu überbietenden, jahrelang wütenden Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien, seinerzeit mit Kopfschütteln und abgehobener Entrüstung quittiert, dürfen in Stunden wie diesen wohl dezent unter den Teppich gekehrt werden. VertreterInnen des Bundestages überboten sich denn auch am Sonntag in Punkto Bellizismus und Bezichtigungshypertrophie gegenseitig. Und verloren dabei, das wurde sehr deutlich, verlässlich den Verstand. Die Schlagzeilen sprechen eine Sprache, die fassungslos macht. Alle sind jetzt auf dem Trip – alle sind jetzt sowas von aufgewacht. Und bereit! Merkur Online tönt: ´Scholz verkündet Milliarden Hammer für die Bundeswehr und spricht von Zeitenwende´. Geld wie Heu also, für eine marode, in zig Auslandseinsätzen erfolglos herum dilettierende ´Verteidigungsarmee´. Lügenbold Linder will den Herren Lawrow und Putin persönlich ans Hemd. Ans letzte, wie er schon meint? Verteidigungsministerin Lambrecht kündigt Waffenlieferungen an und mahnt, dass es nicht um Tage, sondern um Stunden geht. Neuerdings lässt sich die Frau an Bord eines Panzers ablichten; im Kampfanzug, mit wild entschlossener Mine. Zeterschnute Barbock ist jetzt ´Frau Tacheles´ (T-Online). Alle sind ab sofort, mehr oder weniger, einer einzigen, sorgsam auf Schlagworte und Phrasen herunter gekochten Meinung. Das martialische Geblöke unserer Damen und Herren Politiker, mit den gewohnt selbstgerechten Bezichtigungsformeln und pseudostaatsmännischen Verrenkungen konnte indes nur krampfhaft darüber hinweg täuschen, wie ratlos diese sich tatenfroh gebenden Eliten eigentlich sind. Ein wenig erinnert mich die Situation an die unmittelbaren Nachwehen des elften September, mit seinen uneingeschränkten Solidaritätsbekundungen. Dem folgte schon sehr bald Ernüchterung auf breitester Front. Sie alle, die sich da am Sonntag um Kopf und Kragen redeten und im nicht enden wollenden Beifall suhlten, sollten endlich begreifen, dass es jenseits befreiender Inszenierungsanstrengungen ein hartes, nüchternes Tageswerk zu bewältigen gibt. Weiland Churchill wusste, dass er nichts als Blut, Schweiß und Tränen zu bieten habe. Welch letztere dieser Tage ja wieder im Sekundentakt bemüht werden.

Wir sind Ukraine? Nur mal eben gerade, im flüchtigen Moment. Am Ende dieses gegenseitigen Abnutzungskrieges zwischen Ost und West wird die EU der Verlierer sein – die USA der lachende Dritte. Ihre Führung hat erreicht, was sie wollte: eine Aufwertung der NATO und die Verunmöglichung vernünftiger, partnerschaftlicher Beziehungen Europas mit Russland, das in den vergangenen Jahrzehnten eben doch nicht zu einer leichten Beute für das Auslandskapital geworden ist. Verschwörungstheorie? Nachzulesen bei Brzezinski und Co.

Man ist jetzt einmal mehr auf der einzig richtigen, der allein guten Seite. Putin hat es allen sehr einfach gemacht. Die Prominenz des Landes ist in fast patriotisch anmutende Zustände geifernder Verzückung geraten: auf zu den (sich anbietenden) Waffen – the Ukraine needs you! Ausgerechnet jetzt, mag man einwenden. Ersichtlich wurde bereits, dass diese Regierung zum Totengräber der Republik werden wird, werden muss. Ohne Not haben uns ihre Granden von den bewährten Mitteln der Energieversorgung abgeschnitten und zu Bittstellern auf den internationalen und europäischen Märkten degradiert. North Stream Zwei – endgültig vorbei. Dafür bettelt der Superminister Habeck nun um billige Kohle und Fracking-Gas aus USA. Zwei Jahre Corona haben schwere ökonomische Verwerfungen gezeitigt, und allein der Schotter, den ein Olaf Scholz jetzt der Bundeswehr verspricht, wird unsäglich fehlen – am Ende. Dieses Ende wird gar nicht mehr so lange auf sich warten lassen. Machen wir uns nichts vor: diese Riege berufspolitischer Analphabeten ist den realpolitischen Herausforderungen der näheren Zukunft, den Erfordernissen knallharter Konsolidierung und Befriedung weder psychologisch noch intellektuell gewachsen. Ihnen kommt wieder sehr gelegen, das auf allen Kanälen die humanitären Miseren in den Fokus gerückt und, pardon: endlos breitgetreten werden. Das aktiviert den Empathie-Effekt (wer redet jetzt noch von flüchtenden Afghanen oder Syrern?), und streichelt das eigene, das immer gute Gewissen. Standing ist mal wieder alles – illusionslose Analyse sowas von out. Wer wollte sich auch so umständlich wie ernüchternd mit den Hintergründen einer Krise befassen, die vermeidbar gewesen wäre, hätten nicht schnöde Interessen den Ausschlag gegeben, der Putins Erstschlag natürlich nicht mehr, im Sinne der Anklage, relativieren wird. Der Mann ist zu weit gegangen, aber so weit hätte es eben nie kommen müssen. Er hat, beileibe nicht der Einzige, das Völkerrecht gebrochen. Und auch sein Wort. Da befindet sich der gewiefte Geheimdienst-Experte in bester, schlechter Gesellschaft. Dürfte allen noch in frischer Erinnerung sein, denke ich.

Auch wenn es zynisch klingt: beginnen wir im Grunde schon, uns an das Narrativ zu gewöhnen. Ein altbekanntes Drehbuch wird reaktiviert. Der Herr Selensky, von einem Medienmogul des Landes stark gemacht, kann jetzt endlich seine eigentliche Begabung ausspielen. 15 minutes of fame. Die Caritas, wie anders, appelliert an unser gutes Herz, passend zu den Bildern von zerstörten Wohnblocks und flüchtenden Menschen. Fake News werden, beiderseits, im Sekundentakt geliefert. Mal sehen, wann Putin dazu übergeht, Giftgas einzusetzen. Die Behauptung allein könnte zu einem dritten Weltkrieg führen oder dafür sorgen, dass man den Kriegsverbrecher vor´s Haager Tribunal zitiert. Business as usual. Die Massen unterliegen einmal mehr einer geschickt in Szene gesetzten Konditionierung, und lassen sich das gern gefallen. Der Ukraine Krieg ist ein dreckiger Krieg, aber das waren seine zahllosen Vorläufer auch. Die mit Verspätung einsetzenden Waffenlieferungen werden die Zahl der Opfer in die Höhe treiben. Je schwerer man es Putin macht, zu gewinnen, umso auswegloser wird die Situation derer sein, die am Ende doch nur verlieren können. Syrien lässt grüßen. Afghanistan? Ist von den Taliban ja friedlich zurück erobert worden. Interessiert einstweilen ohnehin niemanden mehr.

Wir kommen in dieser lockeren Betrachtung nicht umhin, kurz das Verhältnis Russland – USA zu streifen. Allen Ernstes schlugen die Planer des Pentagon ihren Antipoden im Osten vor, einem NATO-Beitritt des riesigen Flächenstaates zuzustimmen. Die strategisch-militärische Führung ihres Landes wäre damit automatisch unter US-Aufsicht geraten. Es hätten sich auf der immensen asiatischen Landmasse am Ende drei (!) Atommächte unmittelbar gegenübergestanden. Wer ein ursprünglich rein defensiv konzipiertes Militärbündnis bis vor die Tore Chinas ausweiten möchte, muss verrückt geworden sein. Das Verhältnis des Westens zum Reich der Mitte ist und bleibt extrem angespannt.

Derlei ´Ambitionen´ erteilte Wladimir Putin eine klare Absage. Dieser anfangs eher scheu und linkisch auftretende Bürokrat hatte sich bis dato in der diskreten Abgeschiedenheit des KGB bis ganz nach oben gedient. Als Staatschef mauserte er sich erstaunlich schnell zum Großrussen zaristischer und stalinistischer Prägung. Er trat ein extrem schweres Erbe an. Die Ära Gorbatschow, mit ihrer allzu hastig eingeleiteten ökonomischen Liberalisierung, hatte die Entstehung jener vielzitierten Oligarchie begünstigt und das Riesenreich in Anarchie, die breite Bevölkerung in bittere Armut gestürzt. Unter Boris Jelzin, der zuletzt nur noch als Schatten seiner selbst in alkoholisierte Erscheinung trat, wurde die Macht der Oligarchen geradezu unerträglich. Russland geriet vollends ins Visier kapitalistischer Eliten des Auslands. In Washington frohlockte man bereits darüber, den einstigen Rivalen waidwund vor die Flinte bekommen zu haben.

Wie Wladimir Putin nach dem Ableben Jelzins ins höchste Amt kam, bleibt bis heute ein Geheimnis. Fest steht, das er einen Augiasstall ausmistete, die Macht der Oligarchen einhegte und das total gescheiterte Experiment einer Cash´n Crash Demokratie beendete. Es war töricht genug gewesen, davon auszugehen, dass sich unser Modell einer freiheitlich-rechtlichen Grundordnung so ohne weiteres in alle Teile der Welt exportieren ließe. Aber so war die Stimmung damals, als der eiserne Vorhang fiel. Heute ist sie eine wiederum andere, freilich nicht minder anmaßende. Putin macht´s möglich.

Mit etwas Glück steuert die Welt auf eine neue, das Chaos leidig lichtende Bipolarität zu, mit Russland und China auf der einen, Europa und Nordamerika auf der anderen Seite. Der Flächengrößte Staat dieser Welt ist ja, gleich dem Bevölkerungsreichsten, in jüngster Gegenwart allzu notorisch von den Nachfolgestaaten einer annähernd fünfhundertjährigen globalen Expansion gerüffelt und gemaßregelt, und oft auch demütigend in Schranken verwiesen worden, die sich das Reich der Mitte, als eine uralte Kulturnation, ab sofort selbst setzt. Peking steht jetzt an der Seite des Aggressors, der mit seiner jüngsten Invasion die vielen Waffengänge des Westens nachträglich ins Recht setzt: ins transatlantische. Die Geplänkel an Russlands Grenzen nahmen sich bis zuletzt, im Vergleich zu den Abenteuern der westlichen Wertegemeinschaft im Irak und in Afghanistan, um nur diese Brennpunkte US-geführter Interventionsfreudigkeit zu benennen, recht täppisch aus. In Syrien freilich mischte sich Putin reichlich spät ein; mit dem Ergebnis, das der Oberschurke Assad im Amt verblieb und die Gotteskrieger vom IS (da war doch mal was?) in die Defensive gerieten. Das Land ist verwüstet; auf Jahrzehnte ausgelaugt.

Davon möge die Ukraine halbwegs verschont bleiben. Allein: wer glaubt noch dran? Was bleibt dann von jener ´Vernunft der Nationen´ übrig, die der bald hundertjährige Henry Kissinger in einem dicken Buch verherrlichte und im Zuge eigener politischer Bemühungen doch immer wieder den Doktrinen einer Administration unterordnete, die dem ´Wesen der Außenpolitik´ (so der Untertitel des Werkes) auf recht einseitige Art und Weise genügte? In der Ukraine ist man damit gescheitert. Wie kommt Putin, wie kommt der Westen aus dieser Nummer wieder heraus? So, wie die Dinge stehen, reiten wir uns nur immer tiefer rein in den Schlamassel.

 

Über Shanto Trdic 125 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.