Urlaubsszenarien und Aufklärungsnarrative

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1. An alle, die schon in den Startlöchern stecken: Ihr wollt, pünktlich zum Sommerloch, euren unverzichtbaren Pauschalurlaub zurückhaben? Dann krempelt jetzt mal schnell die Ärmel hoch und lasst euch piksen: mit Astrazeneca – na klar. Nun ist es an der Zeit: das ist die Chance. Wer sie nicht nutzt, muss (schon wieder) zuhause bleiben. Wenn ihr aber alle ganz feste mitmacht, dann kommt der jüngst in Verruf geratene Pharmakonzern auch wieder aus den peinlich roten Zahlen heraus, den sein Aktienkurs derzeit zu verzeichnen hat. So wird am Ende jeder was davon haben: ihr kriegt eure ´Freiheiten´ zurück – der Globalplayer die noch ausstehenden Milliarden. Wer schert sich dieser Tage um lästige Nebenwirkungen oder unerforschte Langzeitschäden? Spielt alles keine Rolle mehr, der Impfturbo läuft – und alle hecheln mit. ´Ansturm auf Astrazeneca´ titelt die Neue Westfälische, als ginge es um einen echten Schlussverkauf beim Aldi. Ulrich Weigeldt, Chef des Hausärzteverbandes, fordert unverhohlen eine zügige Impfung von Kindern und Jugendlichen, was im umrissenen Zusammenhang nur recht und billig bleibt, wollen Mami und Papi doch gerne mit Kevin und Larissa, nicht ohne sie in den Urlaub fliegen. Das sich im multiliberalen Schweden die Fälle schwerer Narkolepsie bei hunderten Kindern und Jugendlichen häuften, nachdem diese mit einem gleichsam übereilt auf den Markt geworfenen Impfstoff (Stichwort Schweinegrippe) versorgt wurden, kratzt keinen. Inzwischen wirbt bei uns der Maier Sepp für´s kleine Pikserli, und auch die nette Uschi Glas macht mit. O-Ton:“ Damit ich endlich wieder meine Enkel drücken kann.“ Mit Speck fängt man Mäuse, auch wenn die Schwarte aus der Retorte kommt. Im Krieg gegen Covid19 gilt: Your country needs you! So viel Pharma-Werbung war noch nie. Auf allen Kanälen und vor jedem Discounter, vom Großraumplakat bis in die letzte Digitalritze hinein erschallt der Ruf: Leute, lasst euch spritzen! #Ärmelhoch. Was sind wir hip. Ein Volk, ein Wille – ein Ziel: für das Wohl der Menschheit und für Malle, Antalya oder Cide. WIR SCHAFFEN DAS!

Es geht nicht um Gesundheit. Nur noch um Interessen. Und jeder denkt dabei an die eigenen. Auch hier sind Volk und Führer, Hörige und Lehensherren ganz beieinander. So kungelt Bundesaußenminister Heiko Maas derzeit mit seinem türkischen Amtskollegen Cavusoglu Modalitäten in Punkto Reisefreiheit aus. Laut NTV-Online wird an Regelungen gearbeitet, „um deutschen Touristen sicheren Urlaub in beliebten Ferienregionen des Landes zu ermöglichen.“ Erinnert: seit Mitte November gilt eine Reisewarnung für die ganze Türkei, weil unsere Bundesregierung die Transparenz bei den Infektionszahlen als nicht mehr gegeben ansah. Cavusoglu beteuert nun, dass man alle Maßnahmen getroffen habe, „damit unsere Freunde ihren Urlaub sicher verbringen können.“ Ob diese Aussage noch von der entsprechenden Transparenz gedeckt ist? Iwo. Davon mag, verständlicherweise, nicht mehr die lästige Rede sein. Auch die Beschimpfungen und Vorhaltungen der Vergangenheit, die sich der nette Herr Maas vor allem von Herrn Erdogan hat gefallen lassen, spielen jetzt keine Rolle mehr, schließlich steht unser ´Partner´ wirtschaftlich kurz vor dem Zusammenbruch, da muss einfach ganz feste, ganz schnell und unkonventionell nachgeholfen werden, mit einem weiteren Deal also, und falls der nicht zustande kommt, wird wieder mit annähernd drei Millionen Syrern aus der Levante gedroht: Flüchtlinge als Konkursmasse.

Frage: hat der Herr Maas auch Griechen und Kroaten, Italienern, Spaniern oder Portugiesen ´Urlaubshilfen´ zugesichert? Wie steht es um die gleichsam ziemlich heruntergekommenen Touristenhochburgen zahlreicher EU-Mitglied-Staaten – haben die auch was zu erwarten? Wieso sind das, aus deutscher Sicht, noch immer Hochrisikogebiete? Warum trifft sich der Herr Maas nicht zusätzlich mit deren Amts, – und Würdenträgern? Was macht ausgerechnet die Türkei so unwiderstehlich? Offenbar hat dieser Unrechtsstaat ein paar Asse mehr im Ärmel, die lahmen Demokratien nur lauter Nieten.

2. Apropos Demokratie. Ging man bis gestern noch nahezu messianisch mit diesem Schlagwort hausieren, verkommt es nunmehr im passendem Moment zum lästigen Allgemeinplatz, zur öden Nummer, man kann fast sagen: zum letzten Dreck. Und wer uns da ganz locker lässig die Leviten liest! Unter der Überschrift ´Wissenschaft ist keine Demokratie´ ist jüngst ein Interview mit Mai Thi Nguyen-Kim in der ZEIT erschienen. Sie ist das Küken von der Covid-Aufklärungszentrale für geistig unterversorgte Stubenhocker und Digital-Dummies; ein ziemlich cooles Barbiegirl, dem wir lauter hippe, Klarsprech-mäßige Kurzvideos der Marke Durchblick im Sprintmodus verdanken. Ich will auf diese Formate und ihre erbärmlichen, stets gleichlautenden Narrative nicht näher eingehen. Wer möchte, kann sich da einfach mal selbst rein klicken. In besagtem Interview lässt sich die umtriebige Wissenschaftsjournalistin  kaum über Corona und Gesundheit, mehr über Verschwörungstheorie und Migrationshintergrund, Rassismus und Sexismus und dergleichen Bezichtigungsformalitäten mehr aus. Wer die vereinbarten Sprachregelungen beherrscht, bleibt automatisch auf der richtigen Seite. Der Rest: reine Formsache. Auch wo es um Pandemie-Szenarien und ihre Auswirkungen geht. Was evident ist und was nicht: kannst du dir alles auf ihren maiLab-Videos ´rein ziehen´. Die übrigen Netzformate sind, so sie vom Direktiv abweichen: reine Hetzforen, Tummelplätze rechter Populisten und Verleumder.

Nguyen-Kim weiß natürlich über alle möglichen Reizthemen Bescheid, und zwar ein für allemal. Der Treibhauseffekt? Reine Grundlagenphysik. Fertig. Damit ist alles gesagt. Alternative Ansätze, widerstreitende Meinungen, zusätzliche Zusammenhänge und dergleichen Grundlagenerweiterung: passen nicht ins Format. Im Interview, das praktisch ohne kritische Nachfragen auskommt und mehr einem trendy Austausch über Modethemen gleicht, wird immerhin gegen Ende vorsichtig angedeutet, das Tiktok Plattformen eventuell nicht dazu geeignet seien, komplexe Sachverhalte zu klären. Dazu Nguyen-Kim:“ TikTok ist eine äußere Schicht der Zwiebel: Das Format ist sehr oberflächlich, aber es erreicht dafür sehr viele – und es führt die Nutzer an eine Thematik heran. Es ist total gut, dass es auch Wissenschaftlerinnen auf TikTok gibt. Jede Zwiebelschicht hat ihre Berechtigung.“ Es muss halt nur die richtige Knolle sein, dann passt schon alles. So geht Aufklärung.

´Wissenschaft ist keine Demokratie.´ Es wird schon seinen Grund haben, dass dieser unsägliche Allgemeinplatz als Überschrift bzw. Schlagzeile ausgewählt wurde. Hand auf´s Herz: lässt sich eine dümmlichere Phrase absondern? So banal zutreffend sie im Sinne reiner Wortwörtlichkeit sein mag, bleibt doch grundfalsch und tendenziös, was damit eigentlich gemeint ist. Eine funktionierende, noch nicht vollends korrumpierte Demokratie steht für Pluralismus der Meinungen, Herrschaftsfreien Diskurs, also: unbefangenen Austausch unterschiedlicher Gedanken – Vielfalt im Ganzen und Vorsicht im Kleinen. Das gilt auch für den Bereich reiner Erkenntnis. Hier kann es gar kein alleingültiges Konstrukt geben. Die Wissenschaftsgeschichte lehrt was dabei herauskommt, wenn Teilaspekte akademischer Bemühungen absolut gesetzt werden und andere keine Rolle mehr spielen dürfen. Das stellt automatisch den ganzen freien Forschungsbetrieb in Frage, es verleiht zu voreiligen Schlüssen und einseitigem Handeln und spielt meist denen in die Hände, die gern im Hintergrund agieren und ihre fragwürdigen Projekte mächtig anheizen oder dezent steuern, je nachdem. Wir erleben das seit Anfang letzten Jahres in Reinkultur.

´Wissenschaft ist keine Demokratie.´ Das heißt, im Blick auf Nguyen-Kims Lieblingsthema Corona: WIR wissen bereits alles, der Rest ist FALSCH – ihr könnt nach Hause gehen. Was kratzt eine Anfang dreißigjährige Göre, die im passenden Moment auf Journalismus umstieg, das Evidenz-basierte Genörgel der Herren Wodarg oder Bhakdi, Reuter oder Köhnlein, Ioannidis und dergleichen altersgrauer Spielverderber mehr? Wissenschaft IST Demokratie, werte Mai Thi: schon im Sinne einer Teilhabe aller, die in den entsprechenden Fachbereichen etwas und mehr zu sagen haben, und wenn die meisten von denen aussortiert oder mundtot gemacht werden, weil sie dir und deinen Freunden nicht in den Kram passen, dann stimmt etwas nicht mit ´eurer´ Wissenschaft.  

Glauben erst einmal alle dasselbe, geht die dämlichste aller Lügen als Wahrheit vorläufig oder auf immer in die Geschichte ein. Dabei wütet der Ungeist auch und gerade in den digitalen Scheinwelten unserer Tage, denen wir andererseits wenigstens so etwas wie Gegenöffentlichkeit verdanken, die neuerdings immer häufiger von sprachregelnden Wächterräten (sie schimpfen sich ´Medienanstalten´) mundtot gemacht wird. Passend zum ´Infektionsgeschehen´: als handele es sich um eine Art Dekontamination. Tragisch bleibt, dass gerade die neuen elektronischen Formate permanent zur Oberflächlichkeit verführen und damit im Ergebnis den Otto-Normal-Konsumenten umso anfälliger machen für Propaganda und Verdummung, die auf sämtlichen Kanälen kursieren. Hier wird einmal mehr deutlich, dass uns die digitale Revolution viel zu schnell erfasst und verändert hat. Und mehr, als jeder Einzelne schon erkennen oder begreifen kann. So gerät alles zunehmend künstlicher und oberflächlicher, aufdringlicher und Nerv tötender.

Die betrüblich voranschreitende Reduzierung menschlicher Lebenswelten auf multimediale Zusammenhänge entfremdet nicht einzig dem Leben: sie schafft Leben im engeren wie erweiterten Sinne schlicht ab. Man kann das gut mit den Exzessen wissenschaftlicher Verengung vergleichen, die jetzt wüten und ihrerseits jede Abweichung im Keim ersticken. Wenn Wissenschaft und Forschung nur noch ein einziges Narrativ, einen einzigen Erklärungsansatz – eine einzige Theorie erlauben (so auch in punkto Klimawandel) und die Exponenten je erwünschter oder geforderter  ´Sichtweisen´ alle übrigen Deutungen verneinen bzw. als unwissenschaftlich abtun, geht ihnen selbst jede Wissenschaftlichkeit ab. Wissenschaft wird so zum Dogma, zur Ideologie – zum Aberglauben. Sie kennt dann auch keine Regeln, keine Grenzen mehr; wie das digitale Hypertroph. Die Publikumswirksam in Szene gesetzten Beiträge zeigen bereits deutlich an, in welche Richtung es geht. Viren und Bakterien, ohne die ein menschlicher Organismus kaum lebensfähig ist, tauchen jetzt in den wie üblich Animationsfrisierten Lehrvideos als fiese kleine Killermaschinen auf, boshaft und heimtückisch in ihrem Tun und Treiben, vernichtend und verzehrend; nichts außerdem. Vom Immunsystem ist in den an Actionspektakel erinnernden Horror Movies kaum die Rede, umso mehr wird der chemische Dampfhammer bemüht, was ja irgendwie auch besser zum Grusel passt, den man damit auslöst.

´Wissenschaft ist keine Demokratie´: das soll wohl auch, als Warnung, den Skeptikern und Zweiflern locker lässig eingetrichtert werden. Wer nicht im erwünschten Sinne mitmacht, wer schwurbelt oder quer schlägt: darf sich demnächst mal sowas von umsehen. Schon tauchen im Gebührenfinanzierten Fernsehen Dokus und Serien, Webeschleifen und ´Mahn´ Trailer zum Thema ´Corona und Verschwörungstheorie´ auf, als ginge es hier um Teufelsaustreibung. Tatsächlich ist eine echte Hexenjagd daraus geworden, wie im späten Mittelalter. Die ´Inquisitoren´ bekämpfen jede Form der Häresie. Grundsätzliche Abweichungen von den Regierungsamtlich festgeschriebenen Definitionen werden erstaunlich unnachgiebig geahndet, wie jetzt der Fall Ken Jebsen zeigt. Vorwurf: er bestreite die besondere Gefährlichkeit des Corona-Virus. Das reicht aus, seine sämtlichen (!) YouTube Beiträge zu löschen, ein Zwangsgeld in Höhe von 50 000 (!) Euro und die Sperrung des eigenen Kanals (!) anzudrohen. Er muss nun für beanstandete Kommentare Quellennachweise liefern, und die Oberaufsicht entscheidet, ob sie hinlangen oder nicht. Erstaunlich an diesem Vorgang ist weniger, dass er möglich ist und das es die üblichen Verdächtigen sind, die ihn anschieben; sie wissen schon:  Nie wieder Krieg – nie wieder Hitler. Viel bedenklicher will mir scheinen, wie achselzuckend er im Ganzen zur Kenntnis genommen – und zu den Akten gelegt wird. Tatsächlich gewöhnen wir uns bereits an die Zensur…

Ein seinerzeit vielbeachteter Journalist hat es in einem seiner letzten Interviews grimmig auf den Punkt gebracht:“Wir leben in einer Zeit der Massenverblödung.“ Passend zu den Maskottchen, möchte man meinen. Greta und Luisa bleiben für die Klima-Kiste, Nguyen und die forsche Brinkmann für´s Corona Narrativ zuständig. Sie gehören einer Generation an, die für nichts kämpfen, die nichts erdulden oder erleiden musste, der also alle Vorzüge anhaltender Prosperität in den Konsumgeschwängerten Schoß fielen, und die darum auch gar nicht mehr bemerkt, dass sie sich mit einer Sache gemein macht, die den unverdient empfangenen Freiheiten den Garaus bereiten wird. Erinnern sie sich noch an die heißen Debatten und Diskussionen zur Volkszählung in den Achtzigern? Daran also, wie energisch und engagiert die Gegner sich seinerzeit gebärdeten? Das erscheint, aus heutiger Sicht, reichlich übertrieben. Doch bestätigt der damalige Widerstand nur die Richtigkeit einer Forderung, die gerade in friedlichen Zeiten gelten muss: Wehret den Anfängen – bevor es (schon wieder) zu spät ist.

Über Trdic Shanto 101 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.