Vom Zuckerfest zum Massentest

Die ForscherInnen lagen voll daneben

Bild von Neil Dodhia auf Pixabay

Ein Forscherteam der Uni Göttingen ließ Mitte Mai verkünden, dass Deutschland noch recht glimpflich durch die Corona-Krise gekommen sei. Man habe nämlich nachweisen können, dass die rigiden Kontaktbeschränkungen deutlich Wirkung gezeigt hätten. Wie richtig die Damen und Herren damit lagen, zeigt nun die negative Beweisumkehr, und zwar gleich vor Ort, in Göttingen selbst. Bei der Gelegenheit wird ferner deutlich, dass man sich nie zu früh freuen sollte. Denn: Gerade in diesem Punkt lagen die ForscherInnen dann doch wieder voll daneben. Wir sind mit der Krise eben noch lange nicht durch. Keine Kleinigkeit, was da passiert ist. Vor acht Wochen, als das Covid19-Thema noch Herz und Hirn aller Menschen beanspruchte, wäre wohl die ganze Nation auf Anhieb aus dem Häuschen gewesen. Appeasement hin oder her. Jetzt taugt das Ganze nur noch als Aufreger am Rande. Wortwörtlich genommen. Suchen wir sie also auf die Ränder unserer Gesellschaft. Was dort geschieht taugt allemal, dem ´Rest´ dieser Gesellschaft derb zuzusetzen.

In einem Hochhaus am Rande der Stadt Göttingen, im sozialen Brennpunkt, fanden anlässlich des Fastenbrechens, das gläubige Muslime am Ende des Ramadan traditionell begehen, mehrere private Familienfeiern statt. Wie sich schnell herausstellte, sind dabei nahezu sämtliche Hygiene- und Abstandsregeln missachtet worden, was bei so vielen Menschen auf so engem Raum auch kaum zu vermeiden gewesen wäre. Für etliche der Gläubigen ging die ´Party´ anschließend in einer Shisha Bar weiter. Mindestens achtzig Menschen steckten sich auf dieser Weise umgehend mit dem tückischen Virus an. Die weiteren Folgen dieses fahrlässigen Verhaltens gleichen einem lokalen Tsunami. Sämtliche Schulen und Kitas sowohl in den einzelnen Stadtteilen als auch in den umliegenden Landkreisen wurden wieder geschlossen. Komplett. Gilt auch für Sportvereine und ein Freibad in der Nähe. Soll heißen: Der ganze bisherige Aufwand ist so ziemlich für die Katz gewesen. Das private ´Feierchen´ hat`s schlussendlich für alle verbockt. Obschon damit im Mindesten eine grob fahrlässige Ordnungswidrigkeit vorliegt, gegen die umgehend ein Verfahren eingeleitet werden müsste, ist noch völlig offen, ob es strafrechtliche Konsequenzen überhaupt geben wird, denn die Stadt ist, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft, „vorerst damit beschäftigt, die Infektionsketten nachzuvollziehen.“ 

Das scheint nun denen, die für den Gau verantwortlich sind, ziemlich am Arsch vorbei zu gehen. Weit davon entfernt, Einsicht oder gar Verständnis aufzubringen, verharren diese Menschen stur in ihrer Ablehnung zivilrechtlicher Bestimmungen und Maßgaben, was zuletzt daran zu erkennen war, das der nunmehr unentbehrlich gewordene Massentest von den Bewohnern des Wohnblock völlig ignoriert wurde. Weshalb die Stadt ihn jetzt umständlich anordnen muss. Auch sickert bereits durch, dass man diesen Test wohl nur unter Androhung von Polizeigewalt wird durchsetzen könne, da sich viele der Bewohner schon „in der Vergangenheit wenig kooperativ“ gezeigt hätten. 

Es wäre ohnehin billig, den ´Vorfall´ als reines Ordnungsvergehen abzutun. Denn hinter den kollektiven Verhaltensweisen dieser Menschen verbirgt sich mehr als reine Bedenkenlosigkeit, recht eigentlich sogar das glatte Gegenteil davon. Sie wussten nur zu gut, was sie da taten. Und dass es verboten war, ist ihnen so egal gewesen wie die Folgen, die den rechtgläubig gesicherten Ritus nicht in den Ruch eines banalen Rechtsbruchs bringen werden. Es gibt eben Dinge, die denen wichtiger sind als alles andere; auch eine täppische, weltweit grassierende Pandemie kann diese ´Haltung´ nicht im Ansatz erschüttern. 

Mit der sie nun also mal eben eine ganze Stadt auf den Kopf gestellt haben. Das kriegen sie hin, das macht ihnen so leicht auch keiner nach – und es macht ihnen selbst nichts weiter aus. Gilt nicht minder für ihre Verteidiger. Haben sie irgendeine Kritik seitens der Verbände vernommen? Hat sich irgendein Politiker von Rang und Namen zu Wort gemeldet? Sie werden erst wieder schwadronieren, wenn die berechtigte Kritik überhandnimmt. Wenn also aus den Tätern erneut Schutzbefohlene geworden sind. Egal was passiert: Es handelt sich ja stets um Ausnahmen. Doch selbst wenn dem so wäre: sie häufen sich, ganz von allein, diese ´Ausreißer´; und wir können die Kollateralschäden jenseits privater Gepflogenheiten auch allerorten im öffentlichen Raum begutachten: auf Ämtern und in Bädern, in der Schule und im Beruf. Dieser Fall macht deutlich, wie sehr das Problem am Ende jeden einzelnen von uns betrifft. Dann aber wird zur Ausnahme erklärt, was als gelungene Integration auf breiter Ebene gefordert und gefeiert wird. 

Gern wird das deviante Verhalten solcher Menschen entweder aus den eigenen Bezügen herausgelöst und entlang ähnlicher Vorfälle verallgemeinert (um so den kulturellen Rigorismus klein zu reden) oder zum Einzelfall erklärt; und immer sind es die gesellschaftlichen Schieflagen, behauptete oder beteuerte Benachteiligungen, denen der Schlamassel folgt. Der dieser Tage viel zitierte Alltagsrassismus hält für alles her, was schief geht. Andererseits müsse man die Riten und Gebräuche derer, die so strikt an ihnen festhalten, im Zusammenleben täglich neu aushandeln, wie eine namhafte Politikerin allen Ernstes einmal anmahnte. Hier geraten in Wahrheit Praktiken und Lebensweisen nicht einzig mit der nationalen Rechtsprechung in Widerstreit; sie verstoßen in Göttingen auch gegen Regeln, die derzeit weltweit, über alle innerstaatlichen Vereinbarungen und Verordnungen hinweg gelten. Was soll hier also ausgehandelt werden? Wie weit kann und darf man noch gehen? Doch gilt es als ausgemacht, dass der Fetisch muslimischer Konsekrationen unantastbar bleibt. Viel wichtiger: dass es sich um Bewohner eines sozialen Brennpunkts handelt. Um Benachteiligte und Abgehängte eben. Gerettet. Anbei: Wer von den ´ungläubigen´ Brennpunkt-Bewohnern bekäme nämlichen Bonus verpasst, verfehlte er sich ähnlich wie diese? Geschenkt. 

Sicher ist Göttingen kein Einzelfall. Und natürlich nimmt es kaum Wunder, das der kulturelle Hintergrund in der öffentlichen Berichterstattung schon wieder allzu kurz kommt oder bereits ganz unter Quarantäne gestellt wird, indem man mögliche Hinweise verschämt versteckt und andere Fälle von Ansteckungen, die aber wiederum andere Hintergründe haben, dezent in die laufende Berichterstattung einstreut, um so alles zu relativieren. Da ist dann zum Beispiel nur noch vom ´Zuckerfest´ die Rede (das viele Leute noch immer nicht richtig einordnen können), wie denn bereits im Videotext von ARD/ZDF nicht einmal mehr dieser Hinweis gemacht wird. Jetzt reduziert man den Ritus auf ein bloßes Familienfest, man möchte fast meinen: ein im Grunde total harmloses Beieinander. Die Folgen interessieren mehr als die Ursachen selbst es täten. ´Zuckerfest´ klingt ja auch viel niedlicher als ´Ramadan´, und ´Bevölkerungsgruppe´ weniger verdächtig als der fiese Zusatz, das es schon wieder ´Muslime´ sind. Soll heißen: Schnell den Deckel drauf, nur nicht unnötig fremdenfeindliche Regungen entfachen. So ausdauernd und unermüdlich, wie derzeit vom Alltagsrassismus in den Staaten geblökt wird, so konsequent wird nun der ethnisch-religiöse Hintergrund in diesem Falle verkleinert oder verharmlost, am besten ganz verschwiegen. Dass man damit den Unmut in der Bevölkerung zusätzlich schürt, schert die Macher kaum, denn davon zehren sie am Ende ja: unentwegt zu behaupten, dass es antimuslimische Einstellungen gibt, ein verhaltenstechnisches Defizit sozusagen, das breite Teile der Bevölkerung zu halben Nazis macht – wehret den Anfängen! 

Dementsprechend brav hört sich das Gewäsch derer an, die als Betroffene vor Ort ihrer Enttäuschung Luft machen; weniger der Wut, die in ihnen kocht. Nur solche schaffen es schließlich für Sekunden ins öffentlich-rechtliche Fernsehen, das im Sinne interkultureller Verständigung um Ausgleich bemüht bleibt. Die Herkunft derer, die den ganzen Mist verzapft haben, darf auch von denen nicht an- oder ausgesprochen werden. So nach dem Motto: echt schade, was da passiert ist. Oder: Ein paar Leute machen Mist, die meisten müssen es ausbaden. Und so weiter. Zwecks Versöhnung wird schon seit Tagen die Aussage eines jungen Mannes in der Endlosschleife präsentiert, dessen Name den nämlichen Migrationshintergrund bewusst nahe legt. Und klar: Auch und gerade er sagte, was die Macher hören wollten. Keine Kritik, nur eine Art Bekenntnis, das man sich halt an die Regeln halten müsse. Soll heißen: So denken die alle, die andern denken sich da auch noch hin – irgendwann. Das freilich wird kaum einen aus der Community dazu verführen, grundsätzliche Kritik zu äußern. Die bleibt den Ungläubigen vorbehalten, denen darf man das dann sofort um die Ohren bügeln. Ich persönlich fand die Aussage einer ältlichen Dame am gelungensten, die es „einfach nur schade“ fand, das nun Kinder und Jugendliche wieder das Nachsehen hätten. Raffiniert, was? Bei kleinen Tierchen oder kleinen Rackern denkt doch keiner mehr an handfeste interkulturelle Konflikte. Clever ausgeheckt, das ohnehin peinliche Thema. 

Göttingen und die Folgen: Kleine Ursache – große Wirkung. Doch verbirgt sich hinter diesen ´Kleinigkeiten´ ein im Grunde monströser Anspruch, und die Wirkung selbst nimmt sich doch eher kläglich aus, misst man sie an den zu erwartenden rechtsstaatlichen Konsequenzen. Die werden nämlich substanziell immer weiter ausgehöhlt und strukturell bis auf die letzten Rippen oder Fugen abgebaut. Betrachten sie sich vor diesem Hintergrund nur einmal das neue Berliner Antidiskriminierungsgesetz. Hier wird der Täter endgültig zum Opfer, das kriegt er ab sofort mit links hin, denn die entsprechenden Möglichkeiten liefert das neue Gesetz gleich mit. Zu Recht hat der CDU-Fraktionsvorsitzende Burkhard Dregger bemerkt, dass damit dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet werde. Mich erinnert dieser Fall an ein Zitat vom mittlerweile pensionierten Publizisten Peter Hahne, der dafür umgehend gescholten wurde: “Es gibt in Berlin wohl kaum einen Polizisten, der nicht AfD gewählt hat.“

Jetzt erst recht.

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Über Trdic Shanto 68 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.