Wir sind in Afghanistan kolossal gescheitert

afghanistan mädchen burka zeremonie bienenhaltung, Quelle: ArmyAmber, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Noch im Mai dieses Jahres, als in einer ziemlich überstürzten, ungemein entlarvenden ´Hauruck´ Aktion die Truppen der Bundeswehr aus Nordafghanistan abgezogen, soll heißen: evakuiert worden sind, hieß es unisono, der Einsatz sei im Ganzen ein voller Erfolg gewesen. Das wagt ab sofort kein Mensch mehr zu behaupten. Oder doch? Entlang halbherziger, fadenscheiniger Begründungen sucht man der Operation auch jetzt noch irgendeinen Sinn, eine an den Haaren herbei gerupfte Rechtfertigung anzudichten. So nach dem Motto: Es sei doch immerhin, bis hierhin, ´einiges erreicht worden´. In Wahrheit hat in diesen  20 Jahren nur eine Art ´betreutes Wohnen´ stattgefunden, und ohne die dauernde, enorm Kostenintensive Rundumfürsorge kracht nun kläglich in sich zusammen, was von Anfang an auf tönernen Füßen stand. In Afghanistan haben die Werte und Normen eines zivilen Rechtsstaates westlicher Prägung keinerlei Geltung erreicht; ihre Grundlagen werden hier niemals Wurzeln schlagen. Und es wird sich auch niemand finden, der sie im Zweifel verteidigt. Man kann die Errungenschaften einer mehrtausendjährigen Genese abendländischer Prägung nicht im Handstreich, mittels Protektorat, einem anderen, gänzlich anderes gearteten Kulturkreis verordnen oder verabreichen. Ein moderner Staat lässt sich auf diese Weise kaum erzwingen, schon gar nicht im Orient, wie denn sämtliche dieser Experimente bislang kläglich gescheitert sind. Gerade in Afghanistan bleiben die auf unterschiedliche Ethnien gründenden Stammesverbände dominant, denn deren – uns rückständig anmutende – Instanzen werden auch weiterhin sämtliche Lebensbereiche regeln: rigide und unerbittlich. Zwar gelang es bereits dem letzten König des Landes, Mohammed Zahir Schah, wesentliche, an westlichen Standards orientierte Reformen auf den Weg zu bringen, doch kamen diese im Ergebnis nur einer äußerst schmalen bürgerlichen Mittelschicht zugute, die sich fast ausschließlich in den gehobenen Vierteln der Landeshauptstadt entwickelte. Schon nach zehn Jahren wurde der aufgeklärte, allzu nachgiebige Potentat wieder vom Thron gestoßen. Als Zwischenspiel muss man die zehnjährige sowjetische Besatzung des Landes ansehen. Nach dem Abzug der Usurpatoren folgte das Chaos blutiger Stammeskriege, gut zweiundzwanzig Jahre lang. Im artifiziell anmutenden Zentrum Kabuls täuschen heute die eilig hochgezogenen Konsumtempel und Verwaltungs-Paläste über den eigentlichen Zustand des Landes hinweg. Wie oft hat man uns von Brunnen und Mädchenschulen auf dem Land erzählt, die ja auch tatsächlich gebaut, in nächtlichen Aktionen aber immer wieder von den Taliban zerstört wurden. Die vielbeschworene ´Präsenz´ der Bundeswehr, deren ´Fußsoldaten´ zum Schluss nur noch tagsüber in Umkreis von Masar al Sharif patrouillierten, hat das nicht zu verhindern vermocht.

Auch wenn es bitter klingt: zu keinem Zeitpunkt hat in Afghanistan auch nur ansatzweise ein grundlegender Wandel stattgefunden. Wie oft ist in aufgeklärt-elitären Kreisen von Nachhaltigkeit die Rede! Aber die 20 Jahre Besatzungszeit werden nur noch als peinliche Fußnote in die Geschichte eingehen. Ab sofort regeln wieder besagte Stämme ihr Mit, – und Gegeneinander, in Absprache mit den alten/neuen Besatzern (Taliban), die sozusagen nur noch die frei gewordenen Plätze ausfüllen. Mag uns deren Regentschaft schon in der Vergangenheit primitiv und Menschenverachtend vorgekommen sein: es liegt nun an den nicht minder rückständigen Stämmen und ihrer Gefolgschaft, hier gegen zu halten oder ein Einvernehmen herzustellen. Wer sonst sollte dafür zuständig sein? Bis zuletzt war von ´den´ Afghanen die Rede, so verzweifelt wie Gebetsmühlenartig; als wenn es eine afghanische Nation oder ein afghanischen Volk jenseits dieser Blütenträume je gegeben hätte. Diejenigen, auf die das dennoch zutreffen mag (ich bezweifle auch dies, siehe unten) sollen jetzt eilig ´nachgeholt´ werden. Das zählt wohl auch zum Bestandteil einer ´Erfolgsstory´, die stets das Feigenblatt der Humanitas bemüht, um  nicht allzu nackt da stehen zu müssen.

Das Milliardengrab Afghanistan wird nun weniger versiegelt, mehr dezent zugekippt: ein wenig Sickerfläche behält man sich für alle Fälle vor. Freilich ´drohte´ jetzt die EU, ihre Verträge mit dem afghanischen ´Staat´ zu kippen, der neuen ´Regierung´ also den Hahn zuzudrehen. Gut gebrüllt, Papiertiger! Das ist so komisch, das man sich kringeln wollte vor Lachen, wäre die Lage nicht insgesamt schon ernst und betrüblich genug. Natürlich freuen sich die Ultrarechtgläubigen über jede Finanzspritze, aber schon in der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass sie auch ganz gut ohne auskommen. Sie werden also den ohnehin nie ernsthaft in Verruf geratenen Mohnanbau zusätzlich intensivieren und mittels dadurch erwirtschafteter Reichtümer ´durch regieren´. Diese ´Geschäfte´ sorgen, auf anderer Ebene, schon ganz von allein dafür, dass die ´Wirtschaftsbeziehungen´ zum Westen unmerklich aufrecht erhalten bleiben. Da mögen in den letzten 20 Jahren Unsummen an Steuergeldern in den Sand gesetzt worden sein: Schotter lässt sich immer machen – der Handel mit illegalen Substanzen prosperiert schon seit Jahren auf Rekordniveau.

Die Rückeroberung des Landes durch die schon seit Jahren im Untergrund tätige und erfolgreiche Taliban verlief zuletzt rasend schnell. Wollte man zynisch sein, so könnte man in Anlehnung an den derzeitigen Pandemie-Irrsinn feststellen, dass die Regional-Inzidenzen exponentiell angestiegen, ja förmlich durch die Decke gegangen sind. Als ´befriedet´ oder ´gesichert´ geltende Gebiete haben die Taliban sozusagen mit der Rasanz einer Delta-Variante befallen. Hatte der amerikanische Geheimdienst ehedem noch eine Zeitspanne von 6 – 12 Monaten prognostiziert, die es dauern werde, bis wieder alles beim Alten wäre, ging er zuletzt von annähernd 30 Tagen aus. Der ´Befall´ des afghanischen ´Volkskörpers´ mit dem ´T-Killervirus´ ist also nicht mehr zu stoppen; der Antikörper ´moderne Zivilgesellschaft´ konnte sozusagen, trotz dauernder Immunitätsnachweise, allen Maßgaben und Maßnahmen zum Trotz, weder verordnet noch verfügt werden. Und in dem Maße, wie die Rechtgläubigen nun das ´Staatsgebiet´ fluten, werden auch die Flüchtlingsfluten automatisch zunehmen. Noch sind es hauptsächlich Mitarbeiter afghanischer Zivilbehörden, die ein berechtigtes Interesse an schneller Ausreise haben, werden sie von den Eroberern doch zu Recht als Quislinge, schlicht als Kollaborateure einer Besatzungsmacht angesehen, die nun nicht mehr existiert. Wie leichtfertig wird jetzt gefordert, wenigstens diesen Menschen sofortige Aufnahme zu gewähren, es sind schließlich die ´Guten´. Was gut, was böse! Liebe Leute, ich sah erst neulich einen dieser ´Helfer´, der vor laufender Kamera zeigte, wie ´westlich-aufgeklärt´ seine Gesinnung oder Gesittung trotz Zusammenarbeit mit den Ungläubigen geblieben ist: die Frau ging brav hinter ihm her, rechtgläubig verhüllt, und ohne selbst ein Wort sagen zu dürfen. Wie sich deren Nachwuchs entwickeln wird? Kratzt zur Stunde niemanden.  

Kommen wir zu einem Ende. Der Einsatz in Afghanistan war eines dieser von hehren Ansprüchen begleiteten, in Wahrheit schnöde Interessengeleiteten Größenwahnprojekte, wie deren etliche mehr es stets geblieben sind. Hier ist uns allen auch einmal mehr vorgeführt worden, wie unsäglich einseitig und dogmatisch die bisherige Berichterstattung zum Thema blieb. Jahrelang wurde palavert, wie toll es in Afghanistan liefe; ich habe das regierungsamtliche Geschwätz und Geschnatter in den Talk Shows noch in bester Erinnerung.  Später erklärten sie dann, wie üblich, die Ausnahmen zur Regel, während der Rückeroberungs, – und Zerfallsprozess hartnäckig negiert, verdrängt – totgeschwiegen werden musste. Ganz zum Schluss wurde der drohende Zerfall geradezu verzweifelt beschworen: zwecks Verlängerung des Mandats. An Widersprüchlichkeiten und Halbwahrheiten hat man sich in den Kreisen der ´Macher´ nie gestört, sie zählten stets zum Programm. Jetzt wirken die Apologeten des ´Nation Building´(was für ein Wort das ist!) bedröppelt, bedeppert – peinlich berührt. Und behaupten, stur und unbelehrbar: dass es das eben wert gewesen sei. Tatsächlich droht uns erst auf europäischem Boden die eigentliche, um vieles umständlichere Bewährungsprobe. In Bosnien-Herzegowina tickt eine Zeitbombe, weil keiner merken will, welches Unheil sich auch in diesem ´failed state´ bereits zusammen gebraut hat. Doch das ist schon wieder ein neues Thema. Die entsprechende Begleitmelodie fällt unverändert archaisch aus. – –

Über Trdic Shanto 100 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.