Zweieinhalb Jahre Haft – Die Leiden des Boris Becker

boris becker tennisspieler wachsfigur berlin, Quelle: Meromex, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Game Over – das Spiel ist aus. Nun ist es amtlich: Boris geht in den Bau. Er kann zwar noch immer Berufung gegen das Urteil einlegen, muss die Haftstrafe aber dennoch antreten. Das sieht englisches Recht nun einmal so vor.

Im Fall Boris Becker wiederholt sich ein altbekanntes, in Promi-Kreisen notorisches Drama. Der einstige Liebling der Nation hatte es vorzüglich verstanden, jung zu sein; das Älterwerden missriet ihm umso gründlicher. Allzu früh und quasi über Nacht ins Rampenlicht katapultiert, konnte er zunächst mit jugendlicher Unbekümmertheit und naiver Spielfreude punkten, doch zeigten sich nach dem Sensationserfolg in Wimbledon anno 85 – da war er gerade einmal 17 Jahre alt und damit bis heute der jüngste Sieger überhaupt – schon bald die ersten Anzeichen von Nervenschwäche, Orientierungslosigkeit und Größenwahn. Man nahm das nicht allzu ernst, schließlich lieferte der Junge ja. Und wie er das anfangs noch tat! Wirklich niemand hatte damit gerechnet, dass Becker das traditionsreiche Londoner Tennisturnier gegen einen seinerseits in Höchstform aufspielenden Ivan Lendl ein weiteres Mal in direkter Folge gewinnen würde. Dann waren da die Davis Cup Spiele, wo eine deutsche Mannschaft erstmals für Furore sorgte; mit ´Bum Bum Boris´ als unwiderstehlichen Siegfried, der die Heldentruppe bis ins Finale führte. Sein blonder Pony und die kristallblauen Augenpaare passten nur zu verräterisch in ein damals zeitgemäßes, sehr deutsches Klischee. Wo immer der sympathische, sowas von nordisch aussehende Jüngling auch auftauchte: die Nation war begeistert. ´Uns Bobele´ kam an bei Jung und Alt, selbst der einzig noch verbliebene Ober-Nazi Rudolf Hess, seit Kriegsende in Spandau inhaftiert und Jahrzehntelang eisern schweigend, bekannte freimütig, ein Boris Fan zu sein. ´Wir sind Boris´ – das war die Stimmung damals. Tennis, bis dato eher ein Fall für betuchte Schnösel, wurde volkstümlich und Massenkompatibel: Becker sei Dank.

Nach dem Überraschungs-Coup in Wimbledon bereitete man dem Goldjungen im heimischen Leimen ein Empfang, der jegliches Maß sprengte und, pardon: ein wenig an den Triumphzug des Gröfaz zu Berlin erinnerte, nachdem dieser völlig überraschend in kürzester Zeit den Erzrivalen Frankreich auf dem Feld der Ehre niedergerungen hatte. Der Jubel kannte keine Grenzen, und Boris spielte, so schien es, auf eine Art und Weise mit, als handele es sich um einen nicht enden wollenden, ein wenig überkandidelten Kindergeburtstag. Tatsächlich war der so überschwänglich Umjubelte, mit dem selbst altgediente Sportreporter auf bis dato verpönte Art und Weise herumkumpelten, noch immer ein Kind. Das eben machte den Reiz aus. Alle schienen ihren Spaß zu haben: der Boris und die Deutschen, und die sportbegeisterte Welt nicht minder. Becker-Bubi wurde von allen geduzt (heute selbstverständlich) und hatte selbst natürlich gar nichts dagegen. Er war der Traum aller Schwiegermütter und heranwachsenden Rotznasen; Idol einer behüteten, vom Wohlstand verwöhnten Jugend, deren Nachwuchs heute, gleich ihnen, dauernd tippt und wischt. Binnen kurzem geriet Boris zum Poster Star par excellence: sowas von natürlich geblieben und immer flott drauf. Er war der Abgott einer weniger gläubigen, mehr emotional übergeschnappten Gemeinde, die fortan von der Regenbogenpresse mit immer neuen Geschichten über den so unwiderstehlich locker und lässig agierenden, jeden mit seiner guten Laune ansteckenden Jungspund versorgt wurde.

Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Wie oben bereits angedeutet, häuften sich bald die Fehltritte und Aussetzer. Als aus dem Buben ein junger Mann wurde, bekam die unsäglich geblähte Fassade eines ewigen Strahlemanns erste Risse und Sprünge ab. Der Druck nahm zu. Immer häufiger tobte und zeterte Boris nun auf dem Centre Court, wenn es nicht so lief, wie er wollte. Dann zerschlug er schon mal seinen Tennisschläger und haderte vor laufender Kamera mit sich, Gott und der Welt. Derlei infantiles Verhalten nahm mit den Jahren noch zu und wirkte wie der nicht enden wollende Trotz eines Kindes, dem man sein Spielzeug geklaut hat. Aber daran gewöhnten sich die Leute schnell und so wurde es zum neuen Markenzeichen des Idols. Man fieberte nun mehr denn je mit: die Wutausbrüche bewiesen jetzt, dass auch Boris ´nur ´ ein Mensch sei. Aber was für einer, eben!

Die Boni seiner frühen Erfolge waren da schon längst aufgebraucht. Immer häufiger fiel die Presse nun über einen her, den sie einst ins Pantheon der Unsterblichkeit emporgehoben hatte. Und machte sich über ihn lustig, wo es nur ging. Der einst Umhimmelte gab ihnen reichlich Anlass. So etwa, wenn er sich zu Reizthemen wie den Jugoslawien-Krieg oder die Hamburger Hafenstraße äußerte; er war ja, hatte man ihm zuvor dauerhaft eingetrichtert, ein Vorbild für alle. Und damit stand er eben durchweg unter Beobachtung – unter einem Kommando, den der viel zu frühe Ruhm erzwang: auf den ihn niemand vorbereitete. Im Grunde war es ein ätzendes, spießkackiges Saubermann-Image gewesen, das man dem Knaben aufgenötigt hatte, passend zum Zeitgeist, der Mitte der Achtziger seltsam restaurativ und brav bürgerlich herüber kam.

Die Zeiten änderten sich, und mit ihnen auch der Prachtbursche. Becker konnte sich und seinen Fans den ewigen Hans im Glück nicht bis zum Nimmerleinstag vorspielen. Der Versuch, irgendwie erwachsen zu werden, vollzog sich in aller Öffentlichkeit und musste scheitern. Immer häufiger irritierte Boris durch bizarre Auftritte. Eine Pressekonferenz etwa konnte/durfte erst fortgeführt werden, nachdem der Raum auf seine Anweisung hin abgedunkelt wurde – wozu das gut sein sollte ´wird nur der Meister selbst gewusst haben´ (O-Ton des ZDF-Kommentars), der anschließend im Flüsterton wirres Zeug zum Besten gab.

Langsam dämmerte unserem Helden, dass es mit dem Tennis irgendwann vorbei sei, er aber nichts Gescheites daneben oder darüber hinaus zu bieten habe. Was käme nach dem Profisport? Die Antwort des noch immer Blutjungen fiel, je nach Lust oder Laune, sehr unterschiedlich aus. Er könne sich, so meinte er damals mal, durchaus vorstellen, einfach nur Kinder zu zeugen und im Garten abzuhängen. Bei dem nicht enden wollenden Versuch, auf Gebieten zu parlieren, die ihm überhaupt nicht lagen, verlor er den Überblick und am Ende jeden Halt. Die väterlichen Freunde Bosch und Tiriac, denen er den Durchmarsch an die Spitze dankte, waren längst von ihm gewichen. Das nachfolgende Personal suchte, wie billig, nur von der Legende zu profitieren. Beckers Stern begann, unweigerlich, zu sinken. Und langsam zu verglühen. Einen Boris Becker, wie billig: konnte man nicht neu erfinden.

War die zweite Hälfte der Achtziger seine wirklich große Zeit gewesen, von der er noch ein weiteres Jahrfünft in Resten zehrte, ging es seither mehr oder weniger bergab mit ihm. Mehr noch: wurde er immer häufiger zur Witzfigur, zum Gespött der Leute. Wer dächte da nicht zuerst und immer wieder an die endlos breit getretene Besenkammer – Stichwort: Samenraub. Die Papparazzi ließen ihn, den abgehalfterten Überflieger, nun erst Recht nicht mehr in Ruhe. So wurde er zum Bruchpiloten. Es sollen hier nicht im Einzelnen die Eskapaden und Fehltritte eines vom Jet Set hofierten, recht eigentlich ziellos durch sein Leben irrlichternden Menschen nachexerziert werden, der ab sofort immer an die falschen Leute geriet und mit täppischen Frauengeschichten den Voyeurismus einer niederträchtigen Öffentlichkeit bediente. Als ´Geschäftsmann´ eine Niete vor dem Herrn, versuchte er sich ferner noch, wie in der Branche üblich, in der Funktion des Fernseh-Experten, machte Werbung und dilettierte eine Zeit lang als Trainer. In allem wirkte er seltsam farblos und blass; eben: total überflüssig. Das war nicht sein Ding. In Deutschland hielt es der Nationalheld bald nicht mehr aus; wohl auch aus Steuergründen. Überhaupt: das viele, allzu viele Geld; Tiriac sei Dank. So anständig und bescheiden, Bodenständig und ´auf dem Teppich geblieben´ er zu Beginn der Karriere auch mittels medialer Nachbesserung rüber kam: der viel zu frühe Ruhm hatte das komplette Gegenteil bewirkt.

Womit wir jäh in der Gegenwart angekommen wären. Die finanziellen Probleme häuften sich ja schon in den späten Neunzigern; er hätte also wahrlich Zeit genug gehabt, ab sofort ein klein wenig genauer hinzusehen, auch selbst deutlich zurück zu stehen und den anmaßenden Lebenswandel wenigstens etwas einzuhegen, eben: mal wieder runter zu kommen auf den Boden der Tatsachen. Den verschwenderischen Life Style konnte sich der Dauer-Pleitier längst nicht mehr leisten; dennoch hielt er ganz selbstverständlich am Luxuslotterleben fest. Und an den Frauen, die ihn fortan ein Vermögen zusätzlich kosteten. Die Liste seiner geschäftlichen Flops ist peinlich lang, insofern kann und soll ihm auch keiner die begleitende Ahnungslosigkeit abkaufen, mit der er vor Gericht ´argumentierte´. Minimum 60 (!) Mille Schulden, und trotzdem fünf Jahre leben wie Krösus oder Gott im Franzland: geht gar nicht. Sorry, Boris. Was gern verschwiegen wird: er war bereits vorbestraft, wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe. Das Urteil damals: zwei Jahre auf Bewährung. Bis zuletzt hatte Becker auch da schon einen auf Ahnungslos gemacht. Wer so gar nichts aus seinen Fehlern lernt, muss sühnen. Die Party ist jetzt endgültig aus. Becker wird nun Zeit genug haben, gründlich über sein verkorkstes Leben nachzudenken. Ob er sie nutzen wird?

Gesundheitlich ist der ausgediente Hochleistungssportler schon seit Jahren nur noch ein Wrack. Hier verbieten sich Häme und Spott. Becker, der für den Profitennis einfach zu behäbig und starkknochig veranlagt war, machte mit einer extrem athletischen, bis dato im Tennis unüblichen Spielweise auf sich aufmerksam, wie denn der berühmte Becker-Hecht sein Markenzeichen blieb und erheblich zu den körperlichen Dauerbaustellen beitrug, die ihm so zusetzen. Profisport zerstört, konsequent angewandt, den Leib all derer, die ihm ohne passenden Ausgleich auf so ungesunde Art und Weise das Allerletzte abnötigen. Der Mann ist, machen wir uns nichts vor, mit seinen vierundfünfzig Jahren total fertig, und so sieht er mittlerweile auch aus. Ein vor der Zeit gealterter, von Schmerzen geplagter, auf Medikamente und OP´s angewiesener, Quartalssaufender Dauerpatient, dessen tieftrauriger, verloren wirkender Blick eine Ahnung davon gibt, zu welche Preis der schnelle Erfolg langfristig zu haben war. Sein von zahllosen Hammerpräparaten völlig aufgequollenes Antlitz bekümmert. Ohne Krücken und Rollator kann sich Boris Becker nicht länger als ein paar Minuten auf den Beinen halten. Auch wenn es hart und endgültig klingt: Seine Zeit ist seit gut einem Vierteljahrhundert abgelaufen, und er weiß es. Der Held ist tief gefallen. Nicht zuletzt deswegen mochte er, dem die Rolle des Glückskindes einst so spielend zufiel, bis zum bitteren Ende nicht auf den schnöden Überfluss verzichten, der ihn von der Tatsache ablenkte, alles verloren zu haben, was am Ende wirklich zählt: leibliches Wohlsein, heitere Gelassenheit und ein Gefühl für Maß und Mitte, das mit dem Alter kommt und sich nicht so leicht überlebt.

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Über Shanto Trdic 125 Artikel
Studium der Sport-, Sozial-, und Erziehungswissenschaften an derUniversität Bielefeld. Seit 2006 Lehrer an der Gesamtschule Stieghorst,Sekundarstufe 1. Ehemals aktives SPD - Mitglied, nach Austritt keine weiteren Partei, - oder Vereinstätigkeiten.