In welcher Ära leben wir?

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In welcher Ära leben wir – in einer Ära der Zivilisation oder in einer neuen Form globaler Machtpolitik, die sich zunehmend von universellen Rechtsprinzipien entfernt? Wir leben in einer Zeit enormen wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts, geprägt von digitaler Vernetzung, industrieller Innovation und der rasanten Entwicklung künstlicher Intelligenz. Diese Errungenschaften hätten die Grundlage für mehr Transparenz, Zusammenarbeit und globale Stabilität sein können. Doch die politische Realität zeigt eine andere Entwicklung: eine wachsende Militarisierung internationaler Beziehungen, zunehmende geopolitische Spannungen und eine Erosion jener Regeln, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Fundament einer friedlicheren Weltordnung etabliert wurden. Trotz jahrzehntelanger Abrüstungsdebatten existieren weltweit weiterhin rund 12.000 Atomwaffen. Der Großteil dieses Arsenals befindet sich im Besitz weniger Staaten, insbesondere der United States und der Russia. Insgesamt verfügen mehrere Länder über nukleare Kapazitäten, darunter auch die China, France, das United Kingdom, sowie weitere Staaten. Obwohl die Zahl der Sprengköpfe seit dem Höhepunkt des Kalten Krieges reduziert wurde, bleibt das nukleare Gleichgewicht ein permanentes Risiko für die Menschheit. Solange Abschreckung auf Massenvernichtungswaffen basiert, bleibt globale Sicherheit fragil und politisch abhängig von strategischer Balance statt von universeller Gleichheit. Ein weiteres strukturelles Problem liegt in der selektiven Anwendung internationaler Normen. Die Glaubwürdigkeit multilateraler Institutionen hängt davon ab, ob Regeln unabhängig von politischer Nähe oder geopolitischem Gewicht gelten. Wenn Transparenzanforderungen ungleich verteilt sind oder Kontrollmechanismen asymmetrisch angewendet werden, entsteht der Eindruck doppelter Standards. Besonders im Kontext des Nahen Ostens verschärfen solche Wahrnehmungen bestehende Spannungen. Militärische Eskalationen zwischen Staaten wie dem Israel und dem Iran haben in der Vergangenheit zu erheblichen politischen, wirtschaftlichen und humanitären Schäden geführt. Unabhängig von politischen Begründungen gilt: Jede militärische Operation, die zivile Infrastruktur beeinträchtigt oder Menschenleben gefährdet, verschärft Konflikte und erschwert diplomatische Lösungsansätze. Internationale Organisationen wie die United Nations stehen vor der Herausforderung, in einem System zu agieren, das durch Machtasymmetrien geprägt ist. Entscheidungsmechanismen, insbesondere im Sicherheitsrat, spiegeln historische Strukturen wider, die nicht immer mit aktuellen geopolitischen Realitäten übereinstimmen. Reformdebatten über Transparenz, Gleichbehandlung und institutionelle Balance sind daher keine ideologischen Forderungen, sondern Ausdruck des Bedürfnisses nach einer stabileren globalen Ordnung. Ebenso spielt die International Atomic Energy Agency eine zentrale Rolle in Fragen nuklearer Kontrolle, wobei ihre Arbeit im Spannungsfeld politischer Interessen stattfindet. Geschichte zeigt zugleich, dass nachhaltige politische Transformationen primär aus innergesellschaftlichen Prozessen entstehen. Externe Militärinterventionen oder erzwungene Regimewechsel führen selten zu stabilen demokratischen Strukturen. Gesellschaftlicher Wandel basiert langfristig auf zivilgesellschaftlichem Engagement, institutioneller Reform und politischer Partizipation innerhalb eines Landes. Externe Einflussnahme kann Dynamiken verstärken oder abschwächen, ersetzt jedoch keine legitime interne Entwicklung. In einer Welt, die technologisch so weit fortgeschritten ist wie heute, sollte auch die politische Kultur auf einem entsprechend hohen Niveau stehen. Zivilisation misst sich nicht an der Anzahl verfügbarer Waffen, sondern an der Fähigkeit, Konflikte durch Recht, Diplomatie und Gleichbehandlung zu regulieren. Krieg erzeugt keine nachhaltigen Gewinner; er hinterlässt zerstörte Infrastrukturen, wirtschaftliche Instabilität und generationenübergreifende Traumata. Eine internationale Ordnung, die auf konsistent angewendeten Regeln, gegenseitigem Respekt und realer Abrüstung basiert, wäre nicht nur moralisch wünschenswert, sondern auch strategisch rational. Ob wir in einer Ära der Zivilisation leben oder in einer Phase erneuter Barbarei, entscheidet sich nicht an technischen Errungenschaften, sondern an politischen Entscheidungen. Solange Machtpolitik Vorrang vor Recht erhält, bleibt die globale Stabilität gefährdet. Erst wenn universelle Prinzipien konsequent angewendet werden und internationale Normen für alle gleichermaßen gelten, kann die Weltordnung den Anspruch erheben, ihrem eigenen zivilisatorischen Ideal zu entsprechen.

Über Hossein Zalzadeh 36 Artikel
Hossein Zalzadeh ist Ingenieur, Publizist und politisch Engagierter – ein Mann, der Baustellen in Beton ebenso kennt wie die Bruchstellen von Gesellschaften. Zalzadeh kam Anfang zwanzig zum Studium nach Deutschland, nachdem er zuvor in Teheran als Lehrer und stellvertretender Schulleiter in einer Grundschule tätig gewesen war. Er studierte Bauwesen, Sanierung und Arbeitssicherheit im Bereich Architektur sowie Tropical Water Management an mehreren technischen Hochschulen. An bedeutenden Projekten – darunter der Frankfurter Messeturm – war er maßgeblich beteiligt. Seine beruflichen Stationen führten ihn als Ingenieur auch in verschiedene afrikanische Länder, wo er die großen sozialen Gegensätze und die Armut unserer Welt ebenso kennenlernte wie ihre stillen Uhrmacher – Menschen, die im Verborgenen an einer besseren Zukunft arbeiten. Bereits während des Studiums engagierte er sich hochschulpolitisch – im AStA, im Studierendenparlament sowie auf Bundesebene in der Vereinten Deutschen Studentenschaft (VDS) – und schrieb für studentische Magazine. In diesem Rahmen führte er Gespräche mit Persönlichkeiten wie Willy Brandt und Herta Däubler-Gmelin über die Lage ausländischer Studierender. Seit vielen Jahren kämpft er publizistisch gegen das iranische Regime. Geprägt ist sein Schreiben vom Schicksal seines Bruders – Jurist, Schriftsteller und Journalist –, der vom Regime ermordet wurde. Derzeit schreibt er an seinem Buch Kampf um die Menschlichkeit und Gerechtigkeit – ein Plädoyer für Freiheit, Würde und den Mut, der Unmenschlichkeit zu widersprechen.