Der Iran befindet sich heute nicht lediglich in einer politischen oder sozialen Krise. Das Land ist zu einem umfassenden System kollektiver Inhaftierung geworden. Ein Gefängnis ohne klassische Mauern, dessen Architektur auf Internetabschaltungen, systematischer Informationskontrolle, offener Gewalt und permanenter Einschüchterung basiert. In diesem System sind nicht nur politische Gefangene ihrer Freiheit beraubt, sondern eine gesamte Gesellschaft wird ihrer grundlegenden Rechte auf Wissen, Kommunikation und Selbstbestimmung beraubt.
Die gezielte und landesweite Abschaltung des Internets, massive Störungen der Telekommunikation, die Einschüchterung von Angehörigen Inhaftierter sowie der Druck auf unabhängige Journalistinnen und Journalisten sind keine Ausnahmezustände, sondern integrale Bestandteile staatlicher Herrschaft. Diese Maßnahmen dienen nicht der öffentlichen Sicherheit, sondern der systematischen Unsichtbarmachung von Verbrechen. Autoritäre Regime fürchten nicht den Protest an sich, sondern dessen Dokumentation. Wo Bilder, Namen und Zeugnisse verschwinden, kann Gewalt ungehindert eskalieren.
Trotz dieser Informationsblockade sind Berichte aus dem Iran nach außen gedrungen. Zeugenaussagen, Videoaufnahmen und Berichte von Menschenrechtsorganisationen zeichnen ein erschütterndes Bild: massenhafte Tötungen von Demonstrierenden, willkürliche Verhaftungen, Folter, sexualisierte Gewalt, das gewaltsame Verschwindenlassen von Menschen sowie außergerichtliche Hinrichtungen. Schätzungen gehen von zwölf- bis zwanzigtausend Todesopfern aus. Dass keine verlässlichen Zahlen vorliegen, ist kein methodisches Problem, sondern Ergebnis gezielter staatlicher Abschottung gegen unabhängige Kontrolle. Historische Erfahrungen zeigen, dass die reale Zahl der Opfer in solchen Kontexten regelmäßig deutlich höher liegt.
Die Reaktion der internationalen Gemeinschaft bleibt erschreckend schwach. Statt entschlossener Maßnahmen dominieren diplomatische Floskeln, Besorgnisbekundungen und Appelle zur Zurückhaltung. Für eine Bevölkerung, die mit scharfer Munition, Folter und Todesurteilen konfrontiert ist, sind solche Stellungnahmen nicht nur wirkungslos, sondern zynisch. Das Ausbleiben gezielter Sanktionen gegen Verantwortliche, internationaler Ermittlungsmechanismen und politischer Konsequenzen signalisiert, dass wirtschaftliche und geopolitische Interessen weiterhin über den Schutz von Menschenleben gestellt werden. Dieses Schweigen ist keine Neutralität, sondern eine Form struktureller Komplizenschaft.
Die gegenwärtige Protestbewegung im Iran stellt eine ernsthafte Bedrohung für das Regime dar, gerade weil sie dezentral, gesellschaftlich breit und nicht ideologisch homogen ist. Sie ist geprägt von Frauen, jungen Menschen und sozialen Gruppen, die sich ausdrücklich gegen jede Form autoritärer Herrschaft wenden. Entsprechend richtet sich die Repression nicht nur gegen den physischen Körper, sondern auch gegen soziale Netzwerke, Informationsflüsse und kollektive Solidarität. Ziel ist die Zerschlagung einer Bewegung, die das Potenzial besitzt, Protest, Streik und zivilen Ungehorsam miteinander zu verbinden.
Doch die Gefährdung dieser Bewegung geht nicht ausschließlich vom Staat aus. Die Geschichte Irans zeigt, dass soziale Revolutionen häufig nicht allein durch offene Repression scheitern, sondern durch ihre Vereinnahmung durch machtpolitische Akteure. Gruppen, die versuchen, den Aufstand der Bevölkerung in ein eigenes Herrschaftsprojekt zu überführen, wirken destruktiv auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
In diesem Zusammenhang spielen monarchistische Strömungen um Reza Pahlavi eine besonders problematische Rolle. Die Reproduktion von Personenkult, autoritärer Nostalgie und die aggressive Bekämpfung kritischer Stimmen durch organisierte Unterstützer erinnern in ihrer Logik und Praxis an jene Strukturen, die das heutige Regime prägen. Der Versuch, eine Führungsfigur von oben zu etablieren, noch bevor die Gesellschaft selbst über ihre Zukunft entscheiden kann, bedeutet die Reproduktion autoritärer Machtverhältnisse unter anderem Vorzeichen.
Ebenso stellt die Organisation der Volksmojahedin eine erhebliche Hypothek für die emanzipatorische Entwicklung dar. Trotz rhetorischer Modernisierung bleibt sie eine streng ideologische, religiös geprägte Bewegung. Ihr politisches Projekt zielt nicht auf eine konsequente Trennung von Religion und Staat, sondern auf die Errichtung einer alternativen Form religiöser Herrschaft. Dies steht im fundamentalen Widerspruch zu einer iranischen Gesellschaft, die sich zunehmend vom politischen Islam und von jeder Form religiöser Machtausübung distanziert. Der wiederholte Versuch dieser Organisation, gesellschaftliche Proteste zu instrumentalisieren, hat maßgeblich zur tiefen Skepsis vieler Iranerinnen und Iraner beigetragen.
Beide Strömungen verbindet ein zentrales Problem: die Missachtung der autonomen politischen Subjektivität der Gesellschaft. Der Wettlauf um Macht vor dem Sturz der Diktatur untergräbt jede genuine demokratische Perspektive und spaltet eine Bewegung, die auf Einheit und Solidarität angewiesen ist.
Der Iran ist heute ein Land hinter verschlossenen Türen. Ein gigantisches Gefängnis im einundzwanzigsten Jahrhundert. Seine Öffnung erfordert nicht nur den Mut der Menschen im Inneren, sondern auch konsequente internationale Verantwortung, ununterbrochene Dokumentation und die klare Zurückweisung jeder ideologischen oder autoritären Vereinnahmung. Unter diesen Bedingungen ist Schreiben kein neutraler Akt. Es ist Widerstand. Es ist Zeugenschaft. Es ist eine historische Verpflichtung.
Quellen
Amnesty International, Jahres- und Sonderberichte zu Iran
Human Rights Watch, Berichte zur Repression im Iran
Berichte des UN-Sonderberichterstatters zur Menschenrechtslage im Iran
Iran Human Rights Documentation Center
Berichte unabhängiger internationaler Medien und Forschungsinstitute
