Iran: Die Welt der Worte und das Land der Toten

Der Iran in Flammen, KI generiert

Wie viele Massaker braucht diese Welt noch, um aufzuhören, so zu tun, als wüsste sie von nichts? Wie viele erschossene junge Frauen, wie viele Körper auf den Straßen Irans müssen noch nebeneinander liegen, bis aus wohlklingenden Erklärungen endlich Handlungen werden?

Der Iran erlebt keinen „Konflikt“, keinen „Unruhezustand“, keinen „Machtkampf“. Der Iran erlebt ein organisiertes, systematisches Töten von Menschen, die nichts weiter fordern als Würde, Freiheit und eine Zukunft. Und die Welt sieht zu. Sie sieht zu – und spricht.

Sie spricht von „tiefer Besorgnis“. Sie spricht von „schweren Menschenrechtsverletzungen“. Sie spricht von „Beobachtung der Lage“. Doch diese Sprache ist keine Sprache der Menschlichkeit. Sie ist die Sprache der Entschuldigung, des Wegsehens, der moralischen Selbstentlastung.

Während Politiker reden, wird im Iran geschossen. Während Resolutionen formuliert werden, sterben Kinder, Jugendliche, junge Frauen und Männer. Während Kameras abgeschaltet sind, liegen Leichen nebeneinander – nicht symbolisch, sondern real. Körper. Blut. Stille.

Das iranische Regime hat das Land abgeriegelt. Internet gekappt. Telefonverbindungen unterbrochen. Eine Mauer aus Schweigen um das Töten errichtet. Nicht, weil nichts passiert, sondern weil zu viel passiert.

Wer heute sagt, man könne „die Zahlen nicht bestätigen“, macht sich mitschuldig an der Strategie der Täter. Denn Unklarheit ist kein Zufall, sie ist Methode. Diktaturen töten im Dunkeln, und sie hoffen, dass die Welt das Dunkel akzeptiert.

Europa exportiert weiter. Die USA drohen laut und handeln leise. Internationale Institutionen verfassen Berichte, während Menschen sterben, die nie Teil einer Statistik werden. Nennt das nicht Diplomatie. Nennt es Feigheit mit Anzug. Nennt es eine Ordnung, die wirtschaftliche Interessen höher bewertet als menschliches Leben.

Besonders zynisch ist die Rolle der Hoffnung. Den Menschen im Iran wird immer wieder gesagt: „Haltet durch. Die Welt sieht euch. Hilfe kommt.“ Doch während diese Worte ausgesprochen werden, kommt keine Hilfe. Nur neue Tote. Neue Gräber. Neue Mütter ohne Kinder.

Die Menschen im Iran gehen trotzdem auf die Straße. Nicht, weil sie naiv sind. Nicht, weil sie an schnelle Rettung glauben. Sondern weil sie verstanden haben, dass ein Leben in permanenter Unterwerfung kein Leben ist. Sie gehen auf die Straße, weil Schweigen tödlicher geworden ist als Widerstand.

47 Jahre religiöser Faschismus haben ihnen alles genommen: Zukunft, Arbeit, Sicherheit, Würde. Was ihnen geblieben ist, ist Mut. Und der Wille, nicht leise zu verschwinden.

Frauen reißen sich den Hijab vom Kopf, obwohl sie wissen, dass sie dafür verhaftet, gefoltert oder erschossen werden können. Junge Männer stellen sich bewaffneten Sicherheitskräften entgegen – mit leeren Händen. Familien begraben ihre Toten und gehen am nächsten Tag wieder auf die Straße.

Das ist kein Chaos. Das ist eine Gesellschaft, die sich weigert, weiter zu lügen. Und genau das macht sie gefährlich – für das Regime und für all jene, die Stabilität über Gerechtigkeit stellen. Denn ein freier Iran würde Fragen aufwerfen: über Geschäfte, über Bündnisse, über all die Jahre des Schweigens. Deshalb bleibt man lieber bei Worten.

Doch Worte stoppen keine Kugeln. Worte öffnen keine Gefängnistore. Worte retten keine Menschen vor Folter. Wer heute schweigt oder nur redet, macht sich schuldig. Nicht aus Unwissenheit, sondern aus Bequemlichkeit.

Ich schreibe diesen Text nicht als neutraler Beobachter. Ich schreibe ihn als Mensch, der diese Bilder gesehen hat und seitdem nicht mehr schlafen kann. Als jemand, der Körper nebeneinander liegen sah, junge Gesichter, ausgelöscht, und sich fragt, wie diese Welt es wagt, danach von „Besorgnis“ zu sprechen. Dieses Schreiben ist kein Kommentar, es ist ein innerer Schrei gegen eine Ordnung, die gelernt hat, mit Blut zu leben.

Dies ist kein emotionaler Ausbruch. Dies ist eine Anklage. Gegen Regierungen, die Menschenrechte predigen und Diktaturen tolerieren. Gegen Institutionen, die reagieren, wenn es politisch ungefährlich ist. Gegen eine Weltordnung, die Tod akzeptiert, solange die Märkte ruhig bleiben.

Die Menschen im Iran brauchen keine falsche Hoffnung. Sie brauchen Solidarität, die mehr ist als Rhetorik. Sie brauchen Druck, der wehtut – politisch, wirtschaftlich, international. Und wenn diese Welt dazu nicht bereit ist, dann soll sie wenigstens aufhören, sich moralisch überlegen zu fühlen.

Denn eines ist sicher: Die Geschichte wird sich erinnern. Sie wird sich erinnern, wer gekämpft hat – unbewaffnet, mutig, verzweifelt. Und sie wird sich erinnern, wer wegsah, sprach und nichts tat.

Die Menschen im Iran kämpfen nicht, weil sie glauben, gerettet zu werden. Sie kämpfen, weil sie sich weigern, leise zu sterben.

Über Hossein Zalzadeh 29 Artikel
Hossein Zalzadeh ist Ingenieur, Publizist und politisch Engagierter – ein Mann, der Baustellen in Beton ebenso kennt wie die Bruchstellen von Gesellschaften. Zalzadeh kam Anfang zwanzig zum Studium nach Deutschland, nachdem er zuvor in Teheran als Lehrer und stellvertretender Schulleiter in einer Grundschule tätig gewesen war. Er studierte Bauwesen, Sanierung und Arbeitssicherheit im Bereich Architektur sowie Tropical Water Management an mehreren technischen Hochschulen. An bedeutenden Projekten – darunter der Frankfurter Messeturm – war er maßgeblich beteiligt. Seine beruflichen Stationen führten ihn als Ingenieur auch in verschiedene afrikanische Länder, wo er die großen sozialen Gegensätze und die Armut unserer Welt ebenso kennenlernte wie ihre stillen Uhrmacher – Menschen, die im Verborgenen an einer besseren Zukunft arbeiten. Bereits während des Studiums engagierte er sich hochschulpolitisch – im AStA, im Studierendenparlament sowie auf Bundesebene in der Vereinten Deutschen Studentenschaft (VDS) – und schrieb für studentische Magazine. In diesem Rahmen führte er Gespräche mit Persönlichkeiten wie Willy Brandt und Herta Däubler-Gmelin über die Lage ausländischer Studierender. Seit vielen Jahren kämpft er publizistisch gegen das iranische Regime. Geprägt ist sein Schreiben vom Schicksal seines Bruders – Jurist, Schriftsteller und Journalist –, der vom Regime ermordet wurde. Derzeit schreibt er an seinem Buch Kampf um die Menschlichkeit und Gerechtigkeit – ein Plädoyer für Freiheit, Würde und den Mut, der Unmenschlichkeit zu widersprechen.