Vom politischen Lumpentum zum Ausverkauf der menschlichen Würde

Politische Protestkundgebung in Brüssel, KI generiert

Ahmad Schamlou schrieb bereits vor Jahrzehnten, in seiner Auseinandersetzung mit der sozialen Verführbarkeit und der Ohnmacht kritischer Intellektueller, er wünsche sich, die Menschen könnten mit eigenen Augen die „wirkliche Sonne“ sehen. Diese Metapher hat im gegenwärtigen politischen Kontext Irans eine neue Aktualität erlangt, insbesondere dort, wo Teile der Exilopposition den Bezug zur gesellschaftlichen Realität verloren haben und sich stattdessen an die symbolische und materielle Macht externer Akteure binden.

Die jüngste Kundgebung monarchistischer Gruppen vor dem Sitz der Europäischen Union in Belgien stellt ein paradigmatisches Beispiel für diese Entfremdung dar. In dieser Versammlung fanden sich weder Zeichen der Solidarität mit den Opfern staatlicher Repression in Iran noch Forderungen nach der Freilassung politischer Gefangener. Ebenso fehlten Bezugnahmen auf zentrale emanzipatorische Leitbegriffe wie Freiheit, Gleichheit oder soziale Gerechtigkeit. Der gleichzeitige Anspruch, das iranische Volk zu vertreten, offenbarte einen grundlegenden Widerspruch zwischen politischer Selbstzuschreibung und realem gesellschaftlichem Bezug.

Stattdessen wurde das Bild der Veranstaltung maßgeblich durch die demonstrative Präsenz amerikanischer und israelischer Flaggen geprägt. Für nicht-iranische Beobachter erschien diese Zusammenkunft daher weniger als Ausdruck eines gesellschaftlich verankerten Protests gegen das iranische Herrschaftssystem denn als eine symbolische Loyalitätsbekundung gegenüber ausländischen Machtzentren. Der Umstand, dass der US-Botschafter in Belgien die Teilnehmenden offen zur Unterstützung Donald Trumps aufforderte und diese Aufforderung ohne sichtbaren Widerspruch aufgenommen wurde, verdeutlichte den abhängigen Charakter dieser politischen Formation. Die spätere öffentliche Erklärung derselben amerikanischen Vertretung, wonach weder Reza Pahlavi noch irgendeine andere iranische Oppositionsfigur unterstützt werde, machte die tatsächliche politische Bedeutungslosigkeit dieser Strömung innerhalb realer Machtkonstellationen deutlich.

Aus politisch-theoretischer Perspektive handelt es sich hierbei nicht um Opposition im klassischen Sinne, sondern um eine Form externer Stellvertreterpolitik, deren Legitimität nicht aus gesellschaftlicher Verankerung, sondern aus der Hoffnung auf Intervention fremder Mächte resultiert. Historische Erfahrungen zeigen jedoch, dass militärische Interventionen ausländischer Akteure in keinem Fall zur nachhaltigen Etablierung von Freiheit oder Demokratie geführt haben (Arendt 1970; Chomsky 2003). Afghanistan, Irak und Libyen stehen exemplarisch für die langfristigen destruktiven Folgen solcher Eingriffe (Abrahamian 2008). Freiheit ist kein exportierbares Gut, und menschliche Würde lässt sich nicht durch militärische Gewalt herstellen.

Vor diesem Hintergrund stellt der Aufruf zu einem militärischen Angriff auf Iran keine legitime politische Position dar, sondern einen normativen und moralischen Bruch mit dem historischen Erbe emanzipatorischer Kämpfe. Von der Konstitutionellen Revolution bis in die Gegenwart wurden die Kosten politischer Freiheit in Iran von der Gesellschaft selbst getragen, nicht von externen Machtzentren. Die Reduktion dieses vielschichtigen gesellschaftlichen Prozesses auf die Rückkehr einer politischen Figur, die weder biografisch noch organisatorisch in den sozialen Auseinandersetzungen der letzten vier Jahrzehnte verankert ist, bedeutet eine bewusste Verleugnung historischer Erfahrung und eine Geringschätzung kollektiver politischer Mündigkeit.

Besonders problematisch ist in diesem Zusammenhang die implizite oder explizite Rehabilitation repressiver Machtapparate der Vergangenheit, etwa des SAVAK, deren Funktionalisierung von Gewalt und systematischer Unterdrückung historisch belegt ist. Eine solche Perspektive unterscheidet sich strukturell kaum vom autoritären Charakter des gegenwärtigen politischen Systems und offenbart ein Politikverständnis, das gesellschaftliche Selbstbestimmung durch Sicherheitslogik und Repression ersetzt.

Verrat manifestiert sich nicht ausschließlich in offener Gewalt. Häufig tritt er in diskursiv legitimierter Form auf, etwa unter den Begriffen „Rettung“, „humanitäre Intervention“ oder „internationale Unterstützung“. Das Ergebnis bleibt jedoch konstant: die Schwächung gesellschaftlicher Autonomie und die Instrumentalisierung der Bevölkerung im Rahmen geopolitischer Machtkonflikte (Fanon 1981; Said 1979). Weder ist ein Land Privateigentum, das in historischen Schlüsselmomenten zur Disposition gestellt werden darf, noch sind Menschen Manövriermasse für die Ambitionen politisch gescheiterter Eliten.

Die iranische Gesellschaft verfügt über ein historisches Gedächtnis, das durch Erfahrungen von Unterdrückung, Widerstand, Niederlagen und Standhaftigkeit geprägt ist. Geschichte urteilt jenseits medialer Sichtbarkeit und kurzfristiger Inszenierungen nach Handlungen und deren Konsequenzen, nicht nach Behauptungen. Namen überdauern nicht durch Parolen, sondern durch ihr Verhältnis zur menschlichen Würde und zur Selbstbestimmung der Gesellschaft. In diesem Sinne wird das historische Urteil sowohl über die Repressionsapparate der Islamischen Republik als auch über jene gefällt werden, die nationale Würde im Austausch für die Gunst externer Machtzentren preiszugeben bereit waren. Geschichte ist langsam, aber sie ist nicht vergesslich.

Literatur

Arendt, Hannah (1970): Macht und Gewalt. München: Piper.
Abrahamian, Ervand (2008): A History of Modern Iran. Cambridge: Cambridge University Press.
Chomsky, Noam (2003): Hegemony or Survival: America’s Quest for Global Dominance. New York: Metropolitan Books.
Fanon, Frantz (1981): Die Verdammten dieser Erde. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Said, Edward W. (1979): Orientalism. New York: Vintage Books.
Schamlou, Ahmad: Essays und Interviews zur Rolle des Intellektuellen, verschiedene Ausgaben.

Über Hossein Zalzadeh 35 Artikel
Hossein Zalzadeh ist Ingenieur, Publizist und politisch Engagierter – ein Mann, der Baustellen in Beton ebenso kennt wie die Bruchstellen von Gesellschaften. Zalzadeh kam Anfang zwanzig zum Studium nach Deutschland, nachdem er zuvor in Teheran als Lehrer und stellvertretender Schulleiter in einer Grundschule tätig gewesen war. Er studierte Bauwesen, Sanierung und Arbeitssicherheit im Bereich Architektur sowie Tropical Water Management an mehreren technischen Hochschulen. An bedeutenden Projekten – darunter der Frankfurter Messeturm – war er maßgeblich beteiligt. Seine beruflichen Stationen führten ihn als Ingenieur auch in verschiedene afrikanische Länder, wo er die großen sozialen Gegensätze und die Armut unserer Welt ebenso kennenlernte wie ihre stillen Uhrmacher – Menschen, die im Verborgenen an einer besseren Zukunft arbeiten. Bereits während des Studiums engagierte er sich hochschulpolitisch – im AStA, im Studierendenparlament sowie auf Bundesebene in der Vereinten Deutschen Studentenschaft (VDS) – und schrieb für studentische Magazine. In diesem Rahmen führte er Gespräche mit Persönlichkeiten wie Willy Brandt und Herta Däubler-Gmelin über die Lage ausländischer Studierender. Seit vielen Jahren kämpft er publizistisch gegen das iranische Regime. Geprägt ist sein Schreiben vom Schicksal seines Bruders – Jurist, Schriftsteller und Journalist –, der vom Regime ermordet wurde. Derzeit schreibt er an seinem Buch Kampf um die Menschlichkeit und Gerechtigkeit – ein Plädoyer für Freiheit, Würde und den Mut, der Unmenschlichkeit zu widersprechen.