Raketen, Repression, Russland: Kim Jong-un bringt die Welt in Alarmbereitschaft

Von einem geheimnisvollen Erben zur absoluten Macht – Ein Porträt des nordkoreanischen Machthabers

Kim Jong-un, Kommunismus, Kommunistisch, Quelle: OpenClipart-Vectors, Pixabay. Freie kommerzielle Nutzung, Kein Bildnachweis nötig

Er testet Raketen, hofiert Moskau und regiert mit Angst. Kim Jong-un treibt Nordkorea tiefer in Isolation – und näher an den Rand der Weltpolitik. Warum sein Regime heute gefährlicher wirkt als je zuvor. Von Stefan Groß-Lobkowicz.

Kim Jong-un ist einer der gefürchtetsten und zugleich rätselhaftesten politischen Führer der Gegenwart. Als oberster Führer der Demokratischen Volksrepublik Korea steht er seit dem Tod seines Vaters Kim Jong Il im Jahr 2011 an der Spitze eines der repressivsten und abgeschottetsten Regime der Welt. Seine Herrschaft ist geprägt von eiserner Kontrolle, nuklearem Säbelrasseln und einem allgegenwärtigen Personenkult. Doch wer ist dieser Mann, der ein ganzes Volk in Angst, Disziplin und Isolation hält – und zugleich zunehmend die globale Bühne sucht?

Herkunft und Aufstieg zur Macht

Kim Jong-un wurde vermutlich am 8. Januar 1984 geboren – exakte Daten existieren nicht, da das Regime Biografisches systematisch verschleiert. Er ist der dritte und jüngste Sohn Kim Jong Ils und der Enkel des Staatsgründers Kim Il Sung. Damit gehört er zu einer einzigartigen dynastischen Linie: einer faktischen Erbfolge in einem Staat, der sich selbst als sozialistisch versteht, aber wie eine Familienherrschaft funktioniert.

Lange galt Kim Jong-un als unwahrscheinlicher Nachfolger. Ältere Brüder standen zunächst im Fokus. Doch überraschend setzte er sich durch. Beobachter führen dies auf sein entschlossenes Auftreten, seine Nähe zum Militär und die Unterstützung zentraler Parteikader zurück. Noch zu Lebzeiten seines Vaters wurde er öffentlich als „Großer Nachfolger“ präsentiert – ein Ritual der Machtübertragung, das 2011 nahtlos in die Übernahme aller Schlüsselpositionen mündete.

Die Basis seiner Macht

Kims Herrschaft ruht auf drei Säulen: Personenkult, Militär und totale Informationskontrolle. Der Personenkult – seit Jahrzehnten perfektioniert – durchzieht Schulen, Betriebe und Wohnungen. Porträts der „großen Führer“ sind allgegenwärtig, Loyalität wird täglich einstudiert.

Das Militär ist dabei nicht nur Machtinstrument, sondern politischer Resonanzraum. Kim ordnete Loyalitäten neu, ersetzte Generäle, degradierte oder eliminierte Rivalen. Die vom Vater etablierte „Songun“-Linie (Militär zuerst) führt er fort, erweitert sie jedoch um wirtschaftliche Experimente und eine gezielte Öffnung ausgewählter Eliten. Zugleich wird das Militär technologisch aufgerüstet – sichtbar in immer neuen Paraden, Tests und Inszenierungen, die Stärke behaupten und Ordnung erzwingen.

Repression und politische Säuberungen

Abweichung duldet Kim Jong-un nicht. Seine Macht wurde früh durch spektakuläre Säuberungen abgesichert. Internationale Beobachter gehen davon aus, dass er hochrangige Funktionäre und selbst enge Familienangehörige aus dem Weg räumen ließ. Der Sturz und die Hinrichtung seines Onkels Jang Song Thaek markierten einen Wendepunkt: Loyalität ist seither absolut, Verwandtschaft kein Schutz.

Der Mord an seinem Halbbruder Kim Jong Nam im Jahr 2017 in Malaysia – mittels Nervengift – gilt als Symbol dieser kompromisslosen Logik. Menschenrechtsorganisationen berichten von zehntausenden politischen Gefangenen in Lagern, in denen Zwangsarbeit, Misshandlung und systematische Entwürdigung Alltag sind. Die Zahl der Opfer seiner Herrschaft lässt sich kaum beziffern – sicher ist nur, dass Repression strukturell, geplant und dauerhaft ist.

Außenpolitische Strategie: Abschreckung, Inszenierung, neue Allianzen

International verfolgt Kim Jong-un eine Doppelstrategie: maximale militärische Abschreckung bei selektiver Diplomatie. Atomwaffen und Trägersysteme bilden das Herzstück seiner Politik. Trotz internationaler Sanktionen treibt Nordkorea unter seiner Führung die Entwicklung unbeirrt voran – zuletzt mit öffentlich begleiteten Tests von Hyperschallraketen, die Kim Jong-un persönlich überwachte. Diese Auftritte sind weniger militärtechnische Prüfungen als politische Choreografien: Macht wird sichtbar gemacht, Zweifel sollen erstickt werden.

Was dabei häufig übersehen wird: Die militärische Machtdemonstration dient weniger der realen Einsatzfähigkeit als der politischen Erzählung von Unverletzlichkeit. In Kims System ist die Waffe nicht nur Mittel der Abschreckung nach außen, sondern ein inneres Disziplinierungsinstrument – ein permanentes Signal an Eliten und Bevölkerung, dass Macht nicht verhandelbar ist. Stärke ist hier kein Zustand, sondern ein täglich neu inszenierter Akt.

Parallel dazu sucht Kim Jong-un neue außenpolitische Anker. Die Beziehungen zu Russland haben sich deutlich verdichtet; in offiziellen Erklärungen bekräftigte er zuletzt seine dauerhafte Unterstützung für Moskau. Diese Annäherung ist Teil einer größeren globalen Verschiebung, in der isolierte oder sanktionierte Staaten neue Zweckgemeinschaften bilden.

Die diplomatischen Öffnungen gegenüber den Vereinigten Staaten – insbesondere die Gipfeltreffen mit Donald Trump zwischen 2018 und 2019 – waren historisch in ihrer Bildsprache, aber begrenzt in ihrer Substanz. Abrüstung blieb aus. Kim Jong-un nutzte die Begegnungen, um sich als gleichrangiger Akteur zu präsentieren, ohne die Grundpfeiler seiner Macht preiszugeben.

Macht und Zukunft: Die Tochter im Bild

Seit einiger Zeit tritt ein neues Element in der Inszenierung des Regimes hervor: Kims Tochter Kim Ju-ae erscheint wiederholt an seiner Seite – bei Raketenpräsentationen, Militärparaden und staatlichen Zeremonien an hochsymbolischen Orten. Offiziell ohne Titel, faktisch jedoch sichtbar platziert, deuten Beobachter dies als vorsichtige Vorbereitung einer langfristigen dynastischen Perspektive. In einem System, das Stabilität aus Blutlinie bezieht, ist diese Sichtbarkeit selbst eine politische Botschaft.

Denken und Herrschaftslogik

Kim Jong-un ist kein ideologischer Purist, sondern ein autoritärer Pragmatiker. Er verbindet Versatzstücke des Marxismus-Leninismus, konfuzianische Hierarchien und die Juche-Lehre seines Großvaters zu einem flexiblen Herrschaftsinstrument. Ideologie fungiert dabei weniger als Überzeugung denn als Rechtfertigung.

Modernität – im Auftreten, in ausgewählten Stadtbildern Pjöngjangs, in technischer Symbolik – dient der Stabilisierung, nicht der Öffnung. Kontrolle bleibt das unverrückbare Zentrum. Kim Jong-un präsentiert sich als Schutzfigur gegen äußere Feinde, als Garant nationaler Würde und militärischer Stärke. Der Preis dafür ist hoch – und wird nicht von ihm gezahlt.

Kim Jong-un ist mehr als ein brutaler Autokrat. Er ist ein kalkulierender Machtpolitiker, der ein isoliertes Land militärisch aufrüstet, innenpolitisch diszipliniert und außenpolitisch neu vernetzt. Seine Herrschaft beruht auf Angst, Inszenierung und dynastischer Legitimation – eine gefährliche Kombination, die Nordkorea zu einem der unberechenbarsten Akteure der Weltpolitik macht.

Seine Regentschaft zählt zu den düstersten der Gegenwart. Und doch bleibt Kim Jong-un eine politische Realität, mit der sich die Welt auseinandersetzen muss: nicht als Randfigur, sondern als Akteur in einer sich neu ordnenden, brüchigen Welt.

Über Stefan Groß-Lobkowicz 2285 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".