Ich bin der gemeinsame Schmerz – erhebe deine Stimme für mich

Trauer einer Mutter um ihren Sohn, KI generiert

Es ist Nacht. Eine tödliche Stille hat meine Umgebung umschlossen. Eine Stille, die den Atem anhält. Doch mein Geist und meine Gedanken sind woanders – bei den jungen, aufrechten Menschen, die bis vor wenigen Tagen noch wie wir alle lebten, lachten, hofften und Pläne für ihre Zukunft schmiedeten. Sie sind nicht mehr da. Und ich stehe da, ratlos, mit der Frage: Was bleibt mir zu tun? Also entscheide ich mich zu schreiben. Ein Klagelied, eine Trauerschrift, vielleicht eine Anklage. Ich schreibe, um das, was sich in mir angestaut hat, in Worte zu fassen. Ich schreibe, um zu sagen: Ich bin der gemeinsame Schmerz.

Ich nehme den Stift in die Hand und frage mich, wo man beginnen soll, wenn der Schmerz jedem Wort vorausgeht. Ich möchte über euch schreiben – über euch, die ihr nicht mehr unter uns seid und doch in jeder Faser dieses Landes weiterlebt. Über die Schutzlosen, die Unbewaffneten, über Frauen und Männer, über Jugendliche, die das Jungsein kaum berührt hatten, bevor ihre Welt abrupt endete. Ich will schreiben, doch meine Finger werden taub, ein Knoten schnürt mir die Kehle zu, Tränen laufen mir unaufhaltsam über das Gesicht. Ich lese die Nachrichten und erschrecke. Ich frage mich, woher diese grenzenlose Grausamkeit kommt, wenn die Menschlichkeit in diesem Land seit Jahren öffentlich hingerichtet wird.

Die Nächte vergehen – Nächte ohne Internet, aber nicht ohne Schreie. Nächte, in denen Mütter mit ausgeschalteten Telefonen wach bleiben, bis zum Morgengrauen, getragen von einer zerbrechlichen Hoffnung: Vielleicht klingelt es. Vielleicht sagt jemand, man habe ihn nicht getötet. Vielleicht ist er nur im Gefängnis. Vielleicht atmet er noch. Iran ist kein Land mehr. Iran ist ein riesiges Gefängnis, umgeben von den Mauern des Schweigens der Welt.

Es gibt Mütter, die den Boden Zentimeter für Zentimeter absuchen – nicht nach Leben, sondern nach einem Körper. In Kahrizak liegen die Stimmen begraben, die Leichen auf dem Boden zurückgelassen. Eine Mutter ist in sich zusammengesunken, über den kalten Körper ihres achtzehnjährigen Sohnes gebeugt. Ein Junge, dessen Oberlippe noch keinen Bart kannte, eingehüllt in eine schwarze Hülle. Die Mutter legt vorsichtig ihre Jacke über seinen leblosen Körper, als könne sie die Kälte der Welt noch von ihm fernhalten. Mit zitternder Stimme flüstert sie. Sie schreit nicht, sie klagt nicht. Sie spricht nur mit ihm – so wie damals, als sie über seiner Wiege stand.

Als wäre die Zeit zurückgedreht. Als wäre dieser junge Mann wieder ein Säugling, den man mit einem Schlaflied in den Schlaf wiegt. Sie sagt: „Steh auf, mein Sohn… deine Mutter macht sich Sorgen… lass mich nicht so allein… was soll ich ohne dich tun? Wohin bist du gegangen?“ Jedes ihrer Worte ist wie ein Messer, das sich ins Herz bohrt. Ich lege den Stift aus der Hand. Atme tief ein. Ich habe keine Kraft mehr in meinen Fingern. Solche Szenen lassen sich nicht einfach beschreiben. Man kann sie nicht erzählen wie einen Roman. Man kann sie nicht erklären. Man kann sie nicht einmal herausschreien. Dieser Schmerz ist größer als Sprache. Hier stirbt nicht nur ein Mensch. Hier wird eine Mutter lebendig begraben. Hier werden Träume, Zukunft, Lachen und all die ungelebten Möglichkeiten durch Kugeln ausgelöscht.

Was im Iran geschieht, ist nicht bloß Repression. Es ist eine menschliche Katastrophe, geschrieben mit dem Blut der Jugend. Aus diesem Blut wachsen keine Vergessenheit, sondern Mahnmale. Die Täter und ihre Befehlshaber mögen heute Macht besitzen, doch dieses Bild, diese Stimme, diese Mutter werden im Gedächtnis der Geschichte bleiben. Weder Jahrhunderte noch Jahrtausende werden diesen Moment aus dem kollektiven Gedächtnis der Iraner und aus dem Gewissen der Welt löschen können.

Diese unmenschlichen Szenen lassen sich nicht relativieren. Hier geht es nicht nur um den Tod eines Einzelnen – hier stirbt die Menschlichkeit selbst. Ein Vater irrt zwischen Hunderten von Leichen umher und ruft den Namen seines Sohnes: „Sepehr… Papa… wo bist du?“ Sepehr war bei ihm. Er sagte: „Papa, geh du, ich komme gleich nach.“ Der Vater ging. Die Kugel ersetzte das Versprechen. Nun schreit der Vater zwischen reglosen Körpern, mit gebrochener Stimme: „Wo bist du, mein Sohn?“ Ein Schrei, der den bodenlosen Schmerz eines machtlosen Vaters offenlegt. Jeder junge Mensch, der für Freiheit aufsteht, steht der gnadenlosen Gewalt des Regimes der Islamischen Republik gegenüber. Sepehr wurde mit seinem Tod zum Symbol des Mutes einer ganzen Generation.

Eine andere Mutter sucht zwischen den blutüberströmten Körpern nach ihrem Sohn Alireza. Manche Leichen sind in weiße Tücher gehüllt, andere liegen achtlos auf dem kalten Boden, nebeneinander, übereinander. Die Mutter ist außer sich, ruft seinen Namen: „Shahin… Alireza… dort… dort!“ Ihre Stimme hallt durch den Raum, zerreißt sich zwischen Schreien und Weinen. Die Kamera verweilt auf Alirezas reglosem Körper – ein Moment, in dem Schmerz sichtbar wird. Ein Beamter befiehlt ihr, nicht zu filmen. Mit zitternder, aber entschlossener Stimme schreit sie: „Ich filme! Das ist mein Kind!“ Und sie ruft erneut seinen Namen, als wolle sie verhindern, dass dieser Moment, dieser Beweis, diese Wahrheit verborgen bleibt. Der Versuch, das Filmen zu verhindern, ist der Versuch, ein Verbrechen zu verbergen, das längst offenbar ist – denn noch vor jedem Bild ist der Schrei der Mutter sein Zeugnis.

Diese Szenen stellen eine schwere Frage an jeden Menschen mit Gewissen: Wer tut so etwas unbewaffneten Menschen an? Wie viel Hass braucht es, um die Körper der Jugend eines Landes so achtlos zurückzulassen? Diese Bilder sind nicht nur schmerzhaft – sie sind Ausdruck einer tiefen Wunde im kollektiven Bewusstsein der iranischen Gesellschaft, im In- und Ausland. Eine Wunde, genährt von systematischer Gewalt, Unterdrückung und Mord, deren Verantwortung bei den Strukturen und Befehlshabern dieser Repression liegt. Was wir sehen, ist kein Einzelfall, sondern eine lebendige Chronik einer menschlichen Tragödie, die durch den Schrei einer Frau für immer im kollektiven Gedächtnis verankert ist.

Die Schreie der Mütter und Väter sind politischer als jede Parole. Sie kamen mit leeren Händen, mit Hoffnung. Die Antwort waren Maschinengewehre – geschmolzenes Metall, das die Brust junger Menschen ohne jedes Erbarmen durchbohrte. Von dreijährigen Kindern bis zu Neun-, Zehn-, Zwölf-, Siebzehn-, Achtzehn- und Neunzehnjährigen. Generation Z, Generation Alpha – eine Generation, der nicht einmal die Zeit blieb, zu träumen. All das im Namen einer Religion, die jede Verbindung zur Menschlichkeit verloren hat, im Namen eines Systems, das seit 47 Jahren ein Volk gefangen hält. Menschen, denen selbst das Nötigste zum Leben fehlt, gingen lediglich auf die Straße, um zu sagen: Wir wollen leben. Wir wollen Würde. Die Antwort war die Kugel.

Und die Welt schweigt. Gewissenlos. Beschäftigt mit Karten, Bomben und Geschäften. Niemand hört die Stimmen der iranischen Mütter. Niemand hört die zerbrochenen Schlaflieder. Dieser Text ist kein Nachruf. Er ist eine Anklage – gegen die Täter, gegen das Schweigen, gegen das Vergessen. Ich schreibe, weil Schweigen Mitschuld bedeutet. Ich schreibe, damit der Leser nicht nur versteht, sondern den Schmerz bis in die Knochen spürt.
Ich bin der gemeinsame Schmerz. Wenn ihr noch Menschen seid, erhebt eure Stimme für mich.

Über Hossein Zalzadeh 33 Artikel
Hossein Zalzadeh ist Ingenieur, Publizist und politisch Engagierter – ein Mann, der Baustellen in Beton ebenso kennt wie die Bruchstellen von Gesellschaften. Zalzadeh kam Anfang zwanzig zum Studium nach Deutschland, nachdem er zuvor in Teheran als Lehrer und stellvertretender Schulleiter in einer Grundschule tätig gewesen war. Er studierte Bauwesen, Sanierung und Arbeitssicherheit im Bereich Architektur sowie Tropical Water Management an mehreren technischen Hochschulen. An bedeutenden Projekten – darunter der Frankfurter Messeturm – war er maßgeblich beteiligt. Seine beruflichen Stationen führten ihn als Ingenieur auch in verschiedene afrikanische Länder, wo er die großen sozialen Gegensätze und die Armut unserer Welt ebenso kennenlernte wie ihre stillen Uhrmacher – Menschen, die im Verborgenen an einer besseren Zukunft arbeiten. Bereits während des Studiums engagierte er sich hochschulpolitisch – im AStA, im Studierendenparlament sowie auf Bundesebene in der Vereinten Deutschen Studentenschaft (VDS) – und schrieb für studentische Magazine. In diesem Rahmen führte er Gespräche mit Persönlichkeiten wie Willy Brandt und Herta Däubler-Gmelin über die Lage ausländischer Studierender. Seit vielen Jahren kämpft er publizistisch gegen das iranische Regime. Geprägt ist sein Schreiben vom Schicksal seines Bruders – Jurist, Schriftsteller und Journalist –, der vom Regime ermordet wurde. Derzeit schreibt er an seinem Buch Kampf um die Menschlichkeit und Gerechtigkeit – ein Plädoyer für Freiheit, Würde und den Mut, der Unmenschlichkeit zu widersprechen.