Von Martina Seeber waren alle gewarnt, die zur spektakulären Aufführung von Wolfgangs Rihms Orchesterritual „Tutuguri“ in die Isarphilharmonie im Gasteig HP8 gekommen waren. In ihrem Text im hervorragend gemachten Programmbuch zum Stifterkonzert der Ernst von Siemens Musikstiftung in Kooperation mit der „musica viva“ des BR und des Lucerne Festivals schrieb Seeber, dass Rihm uns mit dieser Komposition Erfahrungen aussetze, „die musikalische Extreme berühren und die Grenzen des Vertrauten überschreiten“. Furcht könnten diese Erfahrungen hervorrufen, gleichzeitig aber auch Verlangen. Der kleine Wolfgang Rihm habe an den Baustellen der Karlsruher Nachkriegszeit lautes Donnern und furchtbare Eisen-Detonationen erlebt. Donnermechaniken hätten in ihm schon als Kind Angst und gleichzeitig „ein fast erotisches Angezogensein“ ausgelöst.
Ähnlich mag es denen ergangen sein, die diese solitäre monumentale musikdramatische Realisierung des antichristlichen phantastischen Textes aus der Feder des französischen Gründers des „Theaters der Grausamkeit“ Antonin Artaud (1896 – 1948) miterlebten. Die blutjunge, beachtlich kompetente Hundertschaft des Lucerne Festival Contemporary Orchestra gestaltete den immensen Klangrausch mit Verve, Unerschrockenheit und konzentrierter Hingabe unter der unbeschreiblich intensiven, jede Phrase des zuerst 90, nach der kurzen Pause dann weitere 40 Minuten dauernden Stückes leitenden, sowohl antreibenden wie seine „Untertanen“ liebkosenden Dirigenten Jörg Widmann, dem großen Münchner des Jahrgangs 1973.
Die mit harmonischen Einschüben durchgehaltene Dauerlautstärke der vielschichtig ausgestatteten Schlagzeug-Gruppen, gesteigert durch die teils irren, teils stichelnd witzigen Einwürfe des bald röhrenden, bald jauchzenden Blechs, die ziselierenden Streicher-Zugaben und -Alleingänge, angereichert durch vom Band genommene Chorstimmen wie aus fernen Gefilden des Schreckens und übersteigerter Traumata einer krankhaft fiebrigen Phantasie wirkte durch kaum zu überbietende Virtuosität aller Beteiligten als ein erlesen-aufgeregter Ohrenschmaus der Erschütterungen. Den noch einmal um viele Nuancen stärker gelungenen Teil 2 mit sechs Drummers wollte man – wohl, weil man sich bereits an die unablässige Gegenwärtigkeit von Lautstärke gewöhnt hatte – gerne noch einmal so lang erleben. Die von Christoph Sietzen einstudierte Schlagzeug-Gruppe zu erleben, war ein Zusatz-Präsent der kaum zu optimierenden Vorstellung.
Immer wieder denkt man an den Text, getoppt durch die alliterativen „Auswürfe“ Michael Engelhardts. Jedoch: Wer kann schon Antonin Artauds ursprünglich für Radiohörer geschaffenen Text erklären, den der großartige Schauspieler in drei Anläufen (Teil 1) und einer kurzen Zusammenfassung des Inhalts (Teil 2) dem hingerissenen, wenngleich da und dort verstörten Publikum schonungslos plausibel machte. In seinem weißen Outfit ohne Hemd unter dem Jackett wirkte Engelhardt befreiend und versöhnlich. 450 Seiten umfasst die „Tutuguri“-Partitur. Der im Dauer-Einsatz beschäftigte Dirigent, im Zweit- und Drittberuf Komponist und Klarinettist hoher Akzeptanz, sagte einem Interviewer, der ihn auf die Anstrengung dieses Unternehmens, ansprach, das übrigens in Berlin und Luzern begann und in der Heimatstadt des Dirigenten als dritte Station auf die Bühne gebracht wurde: „Erschöpft bin ich auf jeden Fall, glücklich nur, wenn alles geklappt hat“. In München hat alles geklappt. Fasziniert fühlte man sich – trotz ohrenbetäubender Herausforderungen dieses Abends – in ein musikhistorisches Großwerk eingebunden.
