Cem Özdemir – Aufstieg, Bruchlinien und Rückkehr eines baden-württembergischen Grünen – Spitzenkandidat im Südwesten

Spitzenkandidat im Südwesten: Kann er die Vormachtstellung der Grünen halten?

Özdemir_Vertrauen, Plakat

Cem Özdemir steht vor einer entscheidenden Herausforderung: Am 8. März tritt er als Spitzenkandidat der Grünen in Baden-Württemberg an, um das Amt des Ministerpräsidenten zu erobern. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob die Grünen nach 15 Jahren unter Winfried Kretschmann auch ohne ihn weiterhin die stärkste Fraktion im Landtag stellen können. Der Landtagswahlkampf wird für Özdemir damit zur Bewährungsprobe – sowohl für die Partei als auch für seine persönliche politische Führungsfähigkeit.

Aufstieg vom Aktivisten zum grünen Hoffnungsträger

Der politische Werdegang von Cem Özdemir steht exemplarisch für die Entwicklung von Bündnis 90/Die Grünen von der Protest- zur Regierungspartei – und ist zugleich eng mit Baden-Württemberg verbunden. Bereits 1981 trat er den Grünen bei, geprägt durch sein frühes Engagement in Umwelt- und Bürgerinitiativen. Mit der Wahl in den baden-württembergischen Landesvorstand 1989 begann sein Aufstieg in der Partei. Früh setzte er thematische Akzente in der Migrationspolitik, einem Feld, mit dem er bundesweit bekannt wurde. Seine mediale Präsenz speiste sich nicht zuletzt aus einem für grüne Politiker ungewöhnlich volksnahen Auftreten: schwäbischer Tonfall, Selbstironie und rhetorische Zuspitzung machten ihn zu einem gefragten Gesprächspartner in Talkshows – und zu einem wichtigen Vermittler zwischen Parteimilieu und breiter Öffentlichkeit.

Bundestag, Brüche und Rückzug

Der Einzug in den Deutschen Bundestag 1994 markierte eine politische Zäsur: Als erster Abgeordneter türkischer Herkunft wurde Özdemir zu einer Symbolfigur für das Einwanderungsland Deutschland. Als innenpolitischer Sprecher seiner Fraktion (1998–2002) verkörperte er den pragmatischen Realo-Flügel der Grünen. Die Bonusmeilen-Affäre von 2002 bedeutete jedoch einen tiefen Einschnitt. Sein Rückzug aus Bundestag und Öffentlichkeit – verbunden mit einer Tätigkeit in den USA – unterbrach die bis dahin geradlinig verlaufende Karriere und beschädigte das moralpolitische Selbstbild, das sowohl er selbst als auch seine Partei gepflegt hatten.

Europa, Parteivorsitz und Neuaufstellung

Das politische Comeback erfolgte auf europäischer Ebene: Von 2004 bis 2009 gehörte Özdemir dem Europäischen Parlament an und profilierte sich im Auswärtigen Ausschuss als Außenpolitiker. Mit seiner Wahl zum Bundesvorsitzenden der Grünen im Jahr 2008 – gemeinsam mit Claudia Roth – wurde er zu einer der zentralen Integrationsfiguren der Partei. In seine Amtszeit fiel die strategische Neuaufstellung der Grünen als bündnisfähige Kraft der politischen Mitte. Die mehrfachen Wiederwahlen mit hohen Zustimmungswerten dokumentierten seinen Rückhalt in der Partei, zugleich blieb sein Verhältnis zu den eigenwilligen innerparteilichen Machtmechanismen ambivalent – sichtbar etwa in der Verweigerung eines sicheren Listenplatzes für die Bundestagswahl 2009.

Fachprofil, Bundestag und Regierungsambitionen

Mit der Rückkehr in den Bundestag 2013 verschob sich sein Schwerpunkt auf Verkehrs- und Infrastrukturpolitik; als Ausschussvorsitzender gewann er fachpolitisches Profil. Die Spitzenkandidatur zur Bundestagswahl 2017 an der Seite von Katrin Göring-Eckardt markierte den Versuch, die Grünen endgültig als regierungsfähige Partei zu etablieren. Zwar blieb das Wahlergebnis hinter den Erwartungen zurück, doch in den anschließenden Jamaika-Verhandlungen galt Özdemir als aussichtsreicher Kandidat für das Auswärtige Amt – ein Hinweis auf seine gewachsene außenpolitische Reputation.

Direktmandat und Schritt in die Landespolitik

Seinen wohl größten persönlichen Wahlerfolg erzielte er 2021 mit dem Gewinn des Direktmandats im Wahlkreis Stuttgart I. In einem traditionell bürgerlich geprägten Umfeld setzte er sich deutlich gegen die CDU durch – ein Ergebnis, das nicht nur seine individuelle Popularität, sondern auch die veränderten politischen Kräfteverhältnisse im Südwesten widerspiegelte. Bei der Bundestagswahl 2025 verzichtete bewusst auf eine erneute Kandidatur, um den Wechsel in die Landespolitik vorzubereiten und 2026 als Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg anzutreten. Mit der Übernahme des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft in der Ampelregierung hatte er zuvor bereits exekutive Regierungserfahrung gesammelt – ein entscheidender Baustein für diesen Schritt.

Landtagswahlkampf 2026: Erfahrung – war nie wichtiger als jetzt

Für den aktuellen Landtagswahlkampf im Südwesten ist Özdemirs Biografie von strategischer Bedeutung. Er steht für den Aufstieg der Grünen aus der außerparlamentarischen Bewegung in die staatliche Verantwortung, für die gesellschaftliche Öffnung eines konservativ geprägten Bundeslandes – und für die Fähigkeit zur politischen Resilienz nach persönlichen Rückschlägen. Seine zahlreichen Auszeichnungen, darunter der Ignatz-Bubis-Preis, der Dolf-Sternberger-Preis, die Raoul-Wallenberg-Medaille und der Leo-Baeck-Preis, unterstreichen seine überparteiliche Anerkennung und tragen zu dem Bild eines Politikers bei, der weit über die eigene Parteibasis hinaus wirkt.

Als Spitzenkandidat setzt Özdemir auf seine bundespolitische Erfahrung und Bekanntheit, um den Anspruch auf die Führung der Landesregierung zu untermauern. Ob die Grünen nach 15 Jahren Kretschmann auch ohne ihren langjährigen Ministerpräsidenten weiterhin die stärkste Fraktion stellen können, entscheiden die Wähler: In aktuellen Umfragen liegen die Grünen nur noch einen Prozentpunkt hinter der CDU mit Manuel Hagel, dessen Profil bislang nur Partei- und Fraktionserfahrung umfasst. Der Wahlkampf ist klar auf Özdemir zugeschnitten: Auf den Plakaten prangt „Erfahrung – war nie wichtiger als jetzt“. Ob dieses Argument reicht, wird sich am 8. März zeigen. Bis dahin kämpft Özdemir im Südwesten fast allein; von Berlin kommt kaum Rückenwind für die Grünen.

Über Aljoscha Kertesz 12 Artikel
Aljoscha Kertesz ist Kommunikationsberater und politischer Autor. Er studierte Betriebswirtschaft und International Relations in Brighton, New York, Wellington und Wuppertal. Seit den späten 1990er-Jahren veröffentlicht er regelmäßig Beiträge in Fachzeitschriften und überregionalen Tageszeitungen. In seinen Texten analysiert er politische Entwicklungen in Großbritannien und Deutschland, mit besonderem Schwerpunkt auf Wahlkämpfen und strategischer politischer Kommunikation. Er beschäftigt sich mit Kampagnenführung, Parteienstrategien und politischer Sprache.