Mit Horvaths „Oktoberfest“-Reigen „Kasimir und Karoline“ nahm das Münchner Residenztheater, kurz „Resi“, mit weiteren Novitäten volle Fahrt auf: Irmgard Keuns dramatisierter Roman „Nach Mitternacht“ (Marstall), Heinrich Manns fürs Theater bearbeitete Geschichte vom „Untertan“ (Cuvilliéstheater), die Uraufführung von Rainald Goetz` „Lapidarium“ und noch vor Kleists „Zerbrochenem Krug“ (Cuvilliéstheater) Astrid Lindgrens Bühnen-tauglich gewordener Kinderroman „Pippi Langstrumpf“.
Pünktlich kurz vor Jahresende „Cabaret“. Erstmals ein Musical im „Resi“, nach Joe Masteroffs Text, John Kanders Musik und Fred Ebbs Singtexten, nach dem Stück „Ich bin eine Kamera“ von John van Druten und mit den von Robert Gilbert ins Deutsche gebrachten Erzählungen des Briten Christopher Bradshaw-Isherwood.
Den lässt Super-Regisseur Claus Guth gleich zu Anfang als ältlichen Herrn namens Cliff Bradshaw (Michael Goldberg) mit zwei schweren Reisekoffern voller Notitzbücher noch vor seinem viel jüngeren Alter Ego (Thomas Hauser) im Etablissement des Fräulein Schneider (Cathrin Störmer) auftreten. Das zunächst möglicherweise etwas ratllose Publikum wurde vom Silvesterabend-Conférencier (Vincent Glander) überrumpelt und „willkommen, bienvenue, wellcome“ geheißen. Auf Zweisprachigkeit von Englisch bis Deutsch und retour musste es sich für den ganzen knapp dreistündigen Abend (mit Pause) einstellen. Das funktionierte mal recht, mal schlecht. (Warum nicht, wie in der Oper, eine Übertitelung?). Wenn dann noch die verrückte, grandiose Sally Bowles (Vassilissa Reznikoff) aufs Tapet kommt und den ersten ihrer zig Songs ablässt, kennt man sich aus: Es wird ein Coup, das Ganze.
Traumtänzerisch geht`s von Song zu Song, von Couplet zu Couplet. Im Graben spielt mitreißend unter Leitung von Stephen Delaney das sieben Instrumente starke Orchester. Das legendäre, kurz vor Hitlers Welt-zerstörendes Grauen in die Weimarer Republik, gelegte Musical, 1951 höchst erfolgreich am Broadway uraufgeführt, vier Jahre darauf bereits einmal, dann 1972 in München (mit Fritz Wepper und Helmut Griem und der zum Weltstar avancierten Liza Minelli) ein zweites Mal verfilmt, darf beginnen.
Auf der wandelbaren Bühne von Etienne Pluss spielt und singt und turnt und flippert sich das glitzernd-glänzend harmonierende Ensemble immer mehr in die Herzen der Zuschauenden. Das will was heißen, denn hier geht es nicht um München, sondern um das Berlin zu Beginn der Dreißigerjahre. Alles spielt verrückt, zeigt sich dekadent und divers, geheimnisvoll und überdreht, namentlich mit dem nicht wirklich anmutenden Conférencier, überzeugend allerdings mit der Crew des Kit Kat Clubs, dem u. a. Myriam Schröder als Fräulein Kost angehört. Dabei geht es auch um die dem unmerklich in die erschreckende Nazi-Welt einmündende Geschichte zwischen Fräulein Schneider und dem alten jüdischen Zauberkünstler Herrn Schulz. Wie der, nun doch nicht Ehemann der Vermieterin geworden, die Shoa in einer sich langsam und bedächtig abspielenden Entkleidungs-Szene vorwegnimmt – Claus Guth ist ein Regisseur, der hier aufs Neue zeigt, dass er Sinn für Subtiles hat, große Tableaus meistert, viel von Personenführung versteth und – Schneefall am Ende, durchweht von Sturmböen des drohenden Hitler-Regimes – die Atmosphäre des Noch-Menschlichen bis zum bitteren Ende auf die Bretter des „Resi“ wirft. Chapeau!
Nächste Vorstellungen: 8., 15. und 22. Januar jeweils 19 Uhr. Ticket-Telefon: 089 – 2185 2123
