Iran erlebt einen der brutalsten Momente seiner zeitgenössischen Geschichte. Was heute im Land geschieht, ist kein gewöhnlicher Ausnahmezustand, sondern eine systematisch organisierte Gewalt gegen eine Gesellschaft, die Freiheit, Würde und Selbstbestimmung fordert. Die Proteste sind Ausdruck jahrzehntelanger Unterdrückung, sozialer Verelendung und politischer Entmündigung. Die Bevölkerung fordert keinen Platz innerhalb des bestehenden Systems, sondern dessen Überwindung zugunsten einer demokratischen, säkularen und gerechten Ordnung.
Seit fast drei Wochen ist der Iran vollständig von der Außenwelt abgeschnitten.. Nicht nur das Internet, sondern sämtliche Kommunikationswege wurden gekappt: keine Telefonverbindungen, keine mobilen Netze, kein Zugang zu sozialen Plattformen, keine Möglichkeit, Informationen nach außen oder innen zu übermitteln. Weder können Menschen aus Iran Kontakt zur Welt aufnehmen, noch ist eine direkte Kommunikation von außen nach innen möglich. Diese totale Abriegelung ist kein technischer Defekt, sondern eine bewusste politische Entscheidung. Sie dient allein dem Zweck, die Realität zu verbergen.
Während das Land in ein erzwungenes Schweigen gestürzt wurde, eskaliert die Gewalt. Berichte über massenhafte Tötungen, willkürliche Festnahmen, Folter und das Verschwindenlassen von Menschen mehren sich. Die Zahl der Todesopfer ist erschütternd. Offizielle Angaben aus dem Machtapparat selbst sprechen von zehntausenden Toten, während internationale Stimmen von noch deutlich höheren Zahlen ausgehen. Die Weigerung, die Kommunikationssperre aufzuheben, hat einen klaren Grund: Das Ausmaß des Massakers, insbesondere an jungen Menschen, darf nicht sichtbar werden.
Die internationale Reaktion bleibt beschämend schwach. Westliche Regierungen verstecken ihre Untätigkeit hinter diplomatischen Floskeln und moralischer Rhetorik. Die immer gleichen Appelle zu „Zurückhaltung“ und „Dialog“ stehen in groteskem Gegensatz zur Realität auf den Straßen Irans. Weder Europa noch die Vereinigten Staaten handeln aus Solidarität mit der iranischen Bevölkerung. Sie handeln – wie so oft – aus Eigeninteresse. Menschenrechte gelten nur dann, wenn sie nicht mit wirtschaftlichen, strategischen oder geopolitischen Zielen kollidieren.
Besonders zerstörerisch wirken dabei falsche Hoffnungen, die von außen genährt wurden. Öffentliche Ermutigungen, vage Versprechen von Unterstützung und Andeutungen vermeintlicher Hilfe haben Erwartungen geweckt, ohne dass reale Schutzmechanismen existierten. Die Verantwortung wurde faktisch auf die Protestierenden selbst abgewälzt. Menschen blieben auf der Straße, während sie schutzlos der Gewalt ausgesetzt waren. Die Folge: noch mehr Tote.
Zusätzlich wird die Bewegung von Kräften geschwächt, die sich als Opposition ausgeben, aber in Wahrheit autoritäre, rückwärtsgewandte oder religiös geprägte Projekte verfolgen. Monarchistische Strömungen, die sich durch aggressive Rhetorik, Spaltung und persönliche Machtfantasien auszeichnen, haben die letzten Jahrzehnte nicht zur Aufarbeitung, sondern zur Vertiefung gesellschaftlicher Gräben genutzt. Ihr politisches Handeln ist von Stillstand, Selbstbezogenheit und der bewussten Erzeugung von Zwietracht geprägt. Objektiv leisten sie damit dem bestehenden Regime Vorschub.
Ähnlich verhält es sich mit religiösen Organisationen im Exil, die sich als fortschrittlich darstellen, aber ideologisch aus demselben religiösen Fundament schöpfen wie die herrschende Macht. Ihre verdeckten Aktivitäten im Inneren, ihre fehlende gesellschaftliche Verankerung und ihr autoritäres Selbstverständnis machen sie zu einem Hindernis für einen demokratischen Wandel. Iran braucht keine religiöse Alternative zur religiösen Diktatur.
Die iranische Gesellschaft hat längst eine klare Grenze gezogen: Sie will weder eine religiöse Herrschaft noch eine monarchische Restauration. Sie will keine Führerfiguren, keine Erben, keine Vormünder – weder im Inneren noch im Ausland. Sie fordert Freiheit, Säkularismus, soziale Gerechtigkeit und Gleichheit.
Ebenso deutlich ist die Ablehnung jeder ausländischen Militärintervention. Die zerstörerischen Erfahrungen der Region zeigen unmissverständlich, dass Freiheit nicht durch Bomben entsteht. Krieg bedeutet Zerstörung, nicht Demokratie. Die iranische Bevölkerung weiß: Dieser Kampf kann nur durch die eigene kollektive Kraft gewonnen werden.
Die bittere Wahrheit lautet daher: Die Menschen in Iran stehen allein. Sie dürfen weder auf den westlichen Kapitalismus noch auf die Regierungen Europas oder der USA vertrauen. Diese Akteure haben stets zuerst ihre eigenen Interessen verfolgt – und werden es weiterhin tun. Wer etwas anderes behauptet, täuscht.
Was Iran braucht, ist eine internationale Öffentlichkeit, die sich nicht von verzerrten Bildern, falschen Repräsentanten oder geopolitischen Ausreden leiten lässt. Notwendig sind klarer politischer Druck, konsequente menschenrechtsbasierte Maßnahmen und die unmissverständliche Zurückweisung jeder Form von Autoritarismus – egal in welchem Gewand.
Iran steht an einem historischen Punkt. Die Entscheidung fällt nicht in westlichen Hauptstädten und nicht durch wohlklingende Worte. Sie fällt durch das Bewusstsein, die Solidarität und die Entschlossenheit einer Gesellschaft, die sagt:
Nein zur Unterdrückung.
Nein zur religiösen und monarchischen Macht.
Ja zu Freiheit, Demokratie, Säkularismus und sozialer Gerechtigkeit.
Quellen:
- Amnesty International, Berichte zur Unterdrückung der Proteste in Iran, 2022–2025.
- Human Rights Watch, Dokumentationen zu Menschenrechtsverletzungen und tödlicher Gewalt gegen Demonstrierende in Iran.
- Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte (ICCPR).
- Genfer Konventionen und einschlägige Dokumente des humanitären Völkerrechts.
- Wissenschaftliche Analysen zu sozialen Bewegungen und demokratischen Transformationsprozessen im Nahen Osten.
- Internationale Medienarchive zur Reaktion westlicher Staaten auf die Proteste in Iran.
