Akademische Traditionspflege zum Zweck der Emanzipation

Tübinger Studentinnen beim Festumzug zum Jubiläum der Universität, Quelle: Sebastian Sigler

Damenverbindungen sind weithin unterschätzte Traditionsträger studentischer Bräuche und Ideen. Zunächst war es nur wenigen jungen Frauen möglich, regulär zu studieren – gesellschaftliche Bindungen oder mangelnde Unterstützung waren häufige Ursachen. Doch es fand sich ein Ausweg: Quasi mit der Zulassung von Frauen als ordentliche Studentinnen an den deutschen Universitäten für Frauen am Beginn des 20. Jahrhunderts begannen die Studentinnen, sich nach dem Vorbild ihrer männlichen Kommilitonen in studentischen Verbindungen zu organisieren. Sie übernahmen ein Erfolgsmodell für den gesellschaftlichen Aufstieg aus eigener Kraft – und sie sind darin bis heute äußerst erfolgreich.

Höchst originell ist der Blickwinkel, den Simone Ruffner-Unterrainer auf das Thema Emanzipation wirft, denn genau darum geht es in ihrer Promotionsschrift im Grunde. Ausgerechnet die angeblich so reaktionären Studentenverbindungen waren hervorragend Orte der Befreiung junger Frauen von männlicher Bevormundung. Exemplarisch werden Damenverbindungen in Tübingen und Würzburg untersucht. Auf die badischen Hochschulorte Heidelberg und Freiburg, Vorreiter für die Immatrikulation junger Frauen, nimmt die Autorin öfter Bezug. Für die zentrale Frage, wie aus Gasthörerinnen generell „ordentliche“ Studentinnen werden konnten, wäre es indes hilfreich gewesen, die badischen Universitäten in diese Untersuchung regulär mit aufzunehmen.

Sehr sorgfältig diskutiert Ruoffner-Unterrainer die Ausgangs- und Quellenlage, um dann chronologisch zu beginnen. Sie kann sich auf recht aktuelle Studien zum Frauenstudium generell stützen, ergänzt hier jedoch die einschlägigen Werke um diesen einen wichtigen Punkt: die Damenverbindungen. In fast allen anderen Studien zum Trendthema der Emanzipation und Selbstermächtigung der Frau fehlt exakt dieser Blickwinkel. Denn binnen weniger Jahre begannen die Frauen, ihre Verbindungen zunehmend zu strukturieren, wobei sie Elemente der Männerbünde übernahmen – sie waren spätestens jetzt Korporationen im klassischen Sinne. Im Abschnitt „Überblick über die Damenverbindungen“ wird dies Desidarat aufgelöst. Die nun in rascher Folge entstehenden Damenverbindungen wurden zunehmend burschikoser und traditionsbewußter. Sie waren dabei keinesfalls bloße Nachahmungen der Männerbünde, wie Ruoffner-Unterrainer schlüssig und luzide nachweist – sie handelten vielmehr nach dem Motto „Legitimation durch Tradition“.

Thematisch differenziert wurde der interessierte Leser zunächst durch einen Sachteil geführt, bei dem die Autorin zunächst einen Überblick gab. In einem zweiten Abschnitt geht es dann speziell um die Damenverbindungen an den beiden Hochschulstädten Tübingen und Würzburg, der Reihe nach. Der knappe aber aussagekräftige Bildteil stellt eine Zäsur dar, und dann werden all diese Verbindungen auf soziologische Art und in ihren gesellschaftlichen Zusammenhängen in den Blick genommen, wodurch sich die Möglichkeit von Rückschlüssen auf deren Geschichte von selbst und sehr schön ergibt. Die durch diese Systematik gegebene Chance einer höchst fundierten und detailreichen, dabei aber gut sortierten Studie ergreift Simone Ruoffner-Unterrainer beherzt und gekonnt. Die früheste Damenverbindung entstand 1901 in Heidelberg und wurde dort 1903 offiziell genehmigt, die beiden hier untersuchten Universitäten folgten 1906 mit dem „Verein Studierender Frauen Würzburg“ (VStFW) respektive dem 1910 gegründeten „Verein Tübinger Studentinnen“ (VTSt). Wobei diese Reihenfolge, wie Ruoffner-Unterrainer herausarbeitet, für sich genommen kein Zufall ist, wurden die Damenverbindungen im traditionell toleranten Würzburg doch freundlich in das übrige Verbindungswesen integriert, während sie es in Tübingen deutlich schwerer hatten.

Der renommierte Böhlau-Verlag, in dem diese zunächst als Promotionsschrift angelegte Arbeit erschien, teilt mit: „Simone Ruoffner-Unterrainer untersucht exemplarisch die Damenverbindungen der Universitäten Tübingen und Würzburg sowie deren Mitglieder. Sie geht der Frage nach, wie sich die Verbindungen – auch in Zusammenhang mit ihrer konfessionellen Prägung – in ihrem Alltag, der Übernahme männerbündischer Traditionen, aber auch der Zusammensetzung ihrer Mitglieder unterschieden, welche Intention den Zusammenschlüssen zugrunde lag und wie es zur Wandlung bloßer Gesinnungsgemeinschaften hin zu Korporationen kam.“ Der Rezensent Andreas Neumann ergänzte in H-Soz-Kult, Ausgabe 23. September 2024: „Der historischen Kontextualisierung folgt ein Übersichtskapitel über sechs deutschlandweit agierende Dachverbände. Damit wird sie dem exemplarischen Anspruch ihrer Studie gerecht, weil sie aufzeigt, in welchem weiteren Kontext die einzelnen Damenverbindungen in Tübingen und Würzburg standen.“

Simone Ruoffner-Unterrainer studierte Geschichtswissenschaften und öffentliches Recht an der Eberhard Karls Universität Tübingen und promovierte anschließend an der Universität Potsdam in Geschichte. Heute ist sie für die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH tätig. Mit ihrer Studie schließt sie eine Lücke – Universität ohne Studentenverbindungen war bis in die 1930er Jahre hinein nicht denkbar. Der Nationalsozialismus erklärte sie allesamt zu Feinden und verbot Band, Mütze und Kommersgesang. Diese Diktatur indessen gleich auf der Titelseite zu nennen, erscheint eine gedankliche Engführung, die den Tätern von gestern zu viel Raum gibt – taktische Gründe könnten ein Rolle gespielt haben, denn natürlich bekommt ein Buch, in dem es „gegen Nazis“ geht, im Deutschland heutiger Tage einen Aufmerksamkeitsbonus. Eh bien.

Oben wurde bereits erwähnt, dass es schön und sinnvoll gewesen wäre, die vorliegende Studie – vielleicht, nachdem die Promotion verteidigt war – für die Publikumsedition zu erweitern und zumindest vier anstatt zwei Hochschulorten vertieft in den Blick zu nehmen. Speziell die badischen Universitäten Freiburg im Breisgau und Heidelberg kommen hier ins Blickfeld, zumal für die Frage, warum gerade Tübingen und Würzburg untersucht wurden, keine zwingende Antwort aufscheint. Das tut der Studie an sich indessen keinen Abbruch, denn ihre Ausführlichkeit überzeugt, und zwar nicht nur in puncto Faktenfülle und Diskussion, sondern fast mehr noch aufgrund des umfassend angelegten Anhangteils, der keine Wissenslücken übrigläßt. Für die ersten vier Jahrzehnte des Bestehens von Damenverbindungen ist Ruoffner-Unterrainers Studie damit insgesamt maßstabgebend. Behandelt wird der akademische Bereich, diese Studie ist aber gesamtgesellschaftlich extrapolierbar. Allen Genderforschern, und speziell den Kritikern jedweder Form von Studentenverbindungen sei nahegelegt, das Phänomen der Frauenverbindungen neu zu bedenken, wenn es um die Zeit der Emanzipation in Deutschland generell geht.

Ruoffner-Unterrainer, Simone, Zwischen Verein, Korporation und Gesinnungsgemeinschaft. Die Damenverbindungen an den Universitäten Tübingen und Würzburg von den Anfängen bis zum Nationalsozialismus, Abhandlungen zum Studenten- und Hochschulwesen, Bd. 22, Wien / Köln 2023, Festeinband, 455 Seiten, 10 Bildtafeln, ISBN 978-3-412-52837-9, 70 Euro.

Eine Studie über Damenverbindungen in Tübingen und Würzburg zeigt, wie studentische Frauenverbindungen im frühen 20. Jahrhundert zur akademischen Emanzipation beitrugen und traditionelle Formen studentischer Korporationen übernahmen.
Über Sebastian Sigler 125 Artikel
Der Journalist Dr. Sebastian Sigler studierte Geschichte, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Bielefeld, München und Köln. Seit seiner Zeit als Student arbeitet er journalistisch; einige wichtige Stationen sind das ZDF, „Report aus München“ (ARD) sowie Sat.1, ARD aktuell und „Die Welt“. Für „Cicero“, „Focus“ und „Focus Money“ war er als Autor tätig. Er hat mehrere Bücher zu historischen Themen vorgelegt, zuletzt eine Reihe von Studien zum Widerstand im Dritten Reich.