Sir Karl Raimund Popper – Der Philosoph der offenen Gesellschaft und des Irrtums

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In einer Epoche, in der Wahrheitsansprüche schrill vorgetragen und Zweifel als Schwäche missverstanden werden, wirkt das Denken von Sir Karl Raimund Popper (28. Juli 1902 – 17. September 1994) wie eine Schule der geistigen Redlichkeit. Popper lehrte, dass Erkenntnis nicht aus Gewissheit wächst, sondern aus der Bereitschaft, sich korrigieren zu lassen. Sein Werk ist ein Plädoyer für Offenheit, Kritik und die produktive Kraft des Irrtums. Ein Essay von Stefan Groß-Lobkowicz.

In einer Zeit, in der Fakten zerfallen, Ideologien triumphieren und Gewissheiten wanken, gewinnt das Denken Karl Poppers mit jeder Debatte, mit jedem gesellschaftlichen Konflikt an Dringlichkeit. Der österreichisch-britische Philosoph, der sich zeitlebens gegen dogmatische Gewissheiten und totalitäre Versuchungen stellte, ist kein Mann für die Schlagzeile, sondern ein Architekt des kritischen Rationalismus. Sein Leben war dem intellektuellen Kampf gegen geschlossene Weltbilder gewidmet. Sein oft zitierter Leitsatz „Alles Leben ist Problemlösen“ ist kein esoterisches Mantra, sondern eine erkenntnistheoretische Provokation.

Falsifikation statt Verifikation – Denken im Modus des Irrtums

Mit Falsifikation meint Popper etwas Grundsätzliches: Eine Aussage oder Theorie ist nur dann wissenschaftlich sinnvoll, wenn man angeben kann, woran sie scheitern würde. Es genügt nicht, Beobachtungen zu sammeln, die eine Hypothese bestätigen. Entscheidend ist, ob es denkbare Erfahrungen gibt, die sie widerlegen könnten. Hält eine Theorie solchen Prüfungen stand, gilt sie vorläufig als brauchbar – aber niemals als endgültig wahr. Erkenntnis bleibt prinzipiell offen und korrigierbar.

Dabei ist Falsifikation kein mechanisches Widerlegungsverfahren. Auch Messungen, Randannahmen und theoretische Kontexte bleiben fallibel. Doch die entscheidende Frage lautet für Popper: Setzt sich eine Theorie überhaupt dem Risiko der Widerlegung aus? Was er kritisiert, sind Denkformen, die sich prinzipiell gegen jeden möglichen Einwand immunisieren.

Was Popper unter Falsifikation versteht, ist daher keine bloße Methodenkritik, sondern eine Umkehr der klassischen Erkenntnislogik. Nicht das Bestätigen einer Hypothese macht sie wissenschaftlich, sondern ihre prinzipielle Widerlegbarkeit. Damit wendet er sich gegen den Verifikationismus des logischen Positivismus, wie er in den Debatten des Wiener Kreises eine prägende Rolle spielte – ohne selbst je dessen Mitglied zu sein. Popper setzt dem ein dynamisches Modell entgegen: Hypothesen müssen kühn sein, überprüfbar, und bereit, am Widerstand der Erfahrung zu zerbrechen. Denn nur wo Irrtum möglich ist, kann Erkenntnis wachsen.

Diese Denkfigur ist nicht nur wissenschaftstheoretisch, sondern auch ethisch bedeutsam. Wer die eigene Fehlbarkeit anerkennt, bleibt offen für Kritik; wer Bestätigung sucht, gerät in Gefahr, lehrhaft zu werden. So wird Falsifikation bei Popper zu einem geistigen Antikörper gegen geschlossene Weltbilder und autoritäre Denkformen.

Trial and Error – Der evolutionäre Geist der Erkenntnis

Poppers Erkenntnistheorie wurzelt in einem evolutionären Verständnis von Wissen. Erkenntnis wächst nicht linear, sondern durch einen Prozess von Versuch und Irrtum. Hypothesen ähneln Organismen: Sie müssen sich im rauen Klima der Erfahrung bewähren. Fehler sind keine Störung des Systems, sondern sein Motor. Fortschritt entsteht durch die Eliminierung von Irrtümern, nicht durch die Anhäufung von Sicherheiten.

Diese Perspektive hat Konsequenzen weit über die Wissenschaft hinaus. Sie betrifft Erziehung, Politik und gesellschaftliche Selbstverständigung. Wer nicht lernt, mit Irrtümern zu leben, wird unfähig, Freiheit auszuhalten. Erkenntnis ist Bewegung, nicht Besitz. Wahrheit kein Endpunkt, sondern ein Horizont, dem man sich annähert, ohne ihn je endgültig zu erreichen.

In seinem Hauptwerk „Die Logik der Forschung“ (erschienen 1934, mit dem Verlagsimprint „1935“) formuliert Popper dieses Prinzip erstmals systematisch. Wissenschaft beginnt dort, wo Theorien sich exponieren – wo sie überprüfbar, kritisierbar und im Ernstfall widerlegbar sind. Naturwissenschaft wird bei Popper zu einer riskanten Unternehmung, nicht zu einer Sammlung gesicherter Wahrheiten. Wer sie als dogmatisches Wissensreservoir missversteht, hat ihren Geist verfehlt.

Die offene Gesellschaft – Plädoyer für den freien Diskurs

In „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (1945) wird Popper ausdrücklich politisch. Er kritisiert Platon, Hegel und Marx nicht wegen einzelner Thesen, sondern wegen eines gemeinsamen Grundmusters: der Vorstellung, Geschichte folge einer inneren Logik oder einem vorherbestimmten Ziel. Gegen diesen Historizismus setzt Popper das Prinzip der Offenheit. Gesellschaften sind dann stabil, wenn sie veränderbar bleiben; dann frei, wenn sie Kritik zulassen.

Popper glaubt nicht an das Paradies auf Erden, sondern an schrittweise Verbesserungen durch Institutionen, die Fehlentscheidungen korrigieren können: Rechtsstaat, Gewaltenteilung, demokratische Kontrolle, freie Öffentlichkeit. Fortschritt ist für ihn inkrementell, nicht revolutionär. Freiheit besteht nicht in der Verwirklichung eines Plans, sondern im Schutz vor unkontrollierter Macht.

In Zeiten von Verschwörungserzählungen, ideologischer Verhärtung und politischer Radikalisierung erscheint Popper deshalb weniger als akademischer Klassiker denn als zeitdiagnostischer Denker. Seine Forderung nach kritischem Diskurs, sein Beharren auf der Fehlbarkeit menschlichen Wissens und seine Skepsis gegenüber Heilsversprechen wirken heute mit neuer Schärfe.

Popper erinnert daran, dass Wissenschaft keine Ansammlung von Gewissheiten ist, sondern eine Haltung. Dass Demokratie kein Zustand, sondern ein fortlaufender Prozess ist. Und dass Freiheit nicht darin besteht, recht zu behalten, sondern irren zu dürfen – und aus Irrtümern zu lernen.

Sein Werk bleibt ein Bollwerk gegen Absolutheitsdenken und autoritäre Versuchungen. Der Wissenschaft hat er gezeigt, dass sie nicht von Beweisen lebt, sondern von Widerlegbarkeit. Der Politik, dass nur Kritik an der Macht Freiheit sichert. Und dem Menschen, dass Irrtum keine Schande ist, sondern die Bedingung jeder Erkenntnis.

Über Stefan Groß-Lobkowicz 2287 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".