Wut ist kein Weltbild – Das neue Magazin „Cato“ ist (zunächst) eine Enttäuschung

Presseschau, Foto: Stefan Groß

Alexander Gauland könnte ein typischer Leser des neuen Magazins „Cato“ sein: Schon etwas älter, gebildet, wohlsituiert, bürgerlich, mit national- bis rechtskonservativen Neigungen sowie einer Aversion gegenüber den vermeintlichen Zumutungen der modernen Welt. Selbstverständlich ist diese Beschreibung etwas zugespitzt, doch nach Lektüre der ersten Ausgabe kann man sich den Herrn mit der Hunde-Krawatte und den Cordhosen gut im heimischen Sessel bei der „Cato“-Lektüre vorstellen.

Es überrascht nicht, dass die linksliberale Publizistik in Deutschland mit einer gewissen Voreingenommenheit auf das „Magazin für neue Sachlichkeit“ – so der nicht recht einleuchtende Untertitel – reagiert hat. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ schreibt vom „Römischen Rechtsaußen“, und auch andere eher linksliberale Gazetten unternehmen den erwartbaren Versuch, die Macher des neuen Magazins als Teil einer neurechten Verschwörung darzustellen.

Wesentlich sachlicher fiel die Besprechung der Zeitschrift durch Marc Felix Serrao in der liberalen „Neuen Zürcher Zeitung“ aus, dem „Cato“ vorab exklusiv zugestellt worden war. Doch auch in Serraos Text war zu spüren, dass der Rezensent von der Lektüre der Erstausgabe enttäuscht war: „Wut verzerrt den Blick. Man liest nur noch, was ins Weltbild passt, und man ignoriert die vielen Zwischentöne, die es in allen großen deutschen Verlagshäusern bis heute gibt. (…)Für rechte Wut muss niemand bezahlen. Davon quillt das Netz schon über.“  Gemeint war ein Beitrag des Publizisten Nicolaus Fest über die „Lügenpresse“ und den Verfall der Demokratie. Der Autor ist Direktkandidat der AfD für die Bundestagswahl 2017 im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf.

Die Zeitschrift ist an sich gefällig aufgemacht und wirkt gediegen. Autoren wie der Brüsseler Althistoriker David Engels oder der britische Konservative Roger Scruton verleihen dem Heft etwas internationalen Glanz. Doch die meisten der rein männlichen Beiträger kennt man zur Genüge als Stammautoren einer konservativen Berliner Wochenzeitung.

Dazu gehört der Studienrat Karlheinz Weißmann, einer der fleißigsten Autoren der „Jungen Freiheit“ und – auch wenn Andreas Lombard als Chefredakteur von „Cato“ firmiert – wahrscheinlich der Kopf der Publikation. Unter der Überschrift „Brexit in das Reale“ liefert Weißmann einen etwas irritierenden Lobpreis auf die einfachen Leute und die Normalität des Lebens fern von „Gay Pride“ oder der „Dragqueen“ Olivia Jones. Man hat schon Inspirierenderes aus Weißmanns Feder gelesen. Auch Nicolaus Fest (früher „Bild am Sonntag“), Thorsten Hinz, Michael Klonovsky (ehemals beim Magazin „Focus“) und Sebastian Hennig kennt man als Stammautoren der „Jungen Freiheit“.

Und so rechnet „Cato“ mit der Flüchtlingspolitik Angela Merkels ab und kritisiert die sommerliche Feuilletondebatte über das Buch „Finis Germania“ von Rolf Peter Sieferle. Dies hat man alles irgendwo schon mal gelesen. Es stellt sich die Frage, ob es einen Markt gibt für eine recht überraschungsfreie Zeitschrift, die mit einer Startauflage von 50.000 Exemplaren erscheint und nach einem Einführungspreis von sechs Euro demnächst alle zwei Monate zum stolzen Preis von zwölf Euro erscheinen soll.

Das vorläufige Scheitern von „Cato“ ist schade, denn angesichts der Krise der Tageszeitungen und eines medialen Einerleis hätte man sich über eine neue konservative Stimme gefreut. Doch wenn das konservative Gericht munden soll, dann gehören in Zukunft wesentliche Zutaten hinzu: Mehr Humor, ein paar weibliche Autorinnen, mehr Überraschungen, weniger Säuerlichkeit und Weltuntergangsstimmung, mehr Schreiber, die einen überraschen und die vielleicht auch einmal eine gegenläufige politische Position formulieren. Ob kurze Prosastücke über den Händedruck, über die Frage „Was ist deutsch?“, über Walther Rathenau oder Protagonisten der „Konservativen Revolution“ wirklich zum Kauf von „Cato“ reizen, darf bezweifelt werden.

Vielleicht pendelt sich ja noch alles ein. Doch bei der ersten Ausgabe hat man noch nicht den Eindruck, dass Chefredakteur Lombard ein klares Konzept für sein Heft gefunden hätte. Wer keine Alternative zur kritisierten vorherrschenden Politik und Medienwelt und vor allem auch keinen Zukunftsoptimismus wecken kann, der kann letztlich nur die begeistern, die in Cordhosen bei der erbaulichen Lektüre eines gediegenen Heftes vom Untergang des Abendlandes fantasieren. In seinem Editorial plädiert Lombard für „mehr Gelassenheit im Umgang mit uns selbst“. Gerade diese Gelassenheit lassen einige der Texte von „Cato“ vermissen.

 

 

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