Die Arbeit von Johannes Hüppi, die jetzt in der Galerie am Dom in Wetzlar zu sehen ist, entzieht sich einer eindeutigen kunsthistorischen Verortung. Nach klassischer Manier und ebensolcher Meisterhaftigkeit entstehen in der Regel kleine Tafelbilder, die zum genauen Hinsehen zwingen – und uns dann in ihrer Zeitaktualität und ihren narrativen Inhalten fesseln.
In stiller Intimität begegnen uns seine Protagonisten: Akte und anderes nur allzu Menschliches, Tiere und Momente, eingebettet in wundervolle Landschaften oder undefinierbare Raumsituationen, diese immer durchtränkt von Stille. Es ist Festgehaltenes, das vom Leben fabuliert wurde – angefüllt mit Emotionen, Erotik, Tragik, Glückssekunden und Melancholie. Das Geschehen ist nie eindeutig, immer höchst „hüppisubjektiv“.

Hüppi weiß alles über Malerei: Pinselführung, Symbolik, die Injektion der Farbe mit Emotionalität und Lichtschatten. Und vor allem der Griff in die Trickkiste der Kunstgeschichte. Manchmal fällt er damit direkt mit der Tür ins Haus: Bei den Museumsbildern etwa kopiert er nicht langweilig, Beltracchi-like, das Original, sondern studiert das Tun der verehrten Kollegenkoryphäe, verkleinert das Werk und komponiert es geschickt mit seinem Bildkosmos, dem grazile Frauenfiguren innewohnen. Oder halt – sind die Akte vielleicht der musealen Szenerie selbst entsprungen? Ihrer schlanken Figur nach wird es nicht aus dem rubens’schen „Raub der Sabinerinnen“ sein, vielleicht dann doch eher vom Botticelli im Nebensaal.

Ja, oft sind es Akte, die uns in den Werken Hüppis begegnen – auch sie haben Tradition in der langen Geschichte der Malerei. Warum malt der Künstler sie so oft und scheinbar liebend gern? Vielleicht, um das Gefühl des verbotenen Voyeurs, das kribbelnde Moment der Erotik, das völlige Gefühl der Freiheit und des „Bei-sich-Seins“ zu evozieren? Oder einfach, weil sie schön sind. Nie sind sie Objekte der Begierde – ferner, versunken, selbstbewusst und eigenständige, unverletzliche Individuen.
Blicken wir auf Hüppis Verliebtsein in die Kunstgeschichte: Erinnert uns nicht die ein oder andere Komposition und Landschaft manches Mal an ein Sujet von Manet, Thoma oder Wyeth? Voller Wissen und kunsthistorischem Fingerspitzengefühl schafft Hüppi Momente von „seinerzeit und heute“. Diese zeithybriden Bilder liefern Geschichten, Aussagen und Antworten, sind nie eindeutig – reißen dazu immerfort Fragen auf.

Im Laufe eines prallerfüllten Künstlerlebens entstehen neben diesen freien Arbeiten immer wieder Themenblöcke wie die „Afrikanerinnen“, „Küssende“, „Kellnerinnen“, „Computerbilder“ oder die bereits zitierten „Museumsbilder“. Was all diese eint, ist die Tatsache, dass sich der Künstler nie um einen Zeitgeist schert. Autonom realisiert er seine malerische Welt. Vielleicht ist das der Grund, warum das Œuvre des Malers in so viele museale Sammlungen eingegangen ist. Oder, wie Jean-Christophe Ammann in einem Text eines Hüppi-Katalogs einmal schrieb: „Ich liebe seine Bilder.“
Text: Michael M. Marks
Galerie am Dom Wetzlar
Krämerstraße 1
35578 Wetzlar
Telefon: +49 (0) 6441 – 4 64 73
Dienstag – Freitag 13 bis 18 Uhr, Samstag 10 bis 14 Uhr und gerne nach Vereinbarung
https://www.galerie-am-dom.de/kuenstler-innen/johannes-hueppi/
- April bis 16. Mai 2026
Die Eröffnung findet am 18. April in Anwesenheit des Künstlers zwischen 11-15 Uhr statt.
Biografie
1965 geboren in Baden-Baden
1984–1990 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf bei Fritz Schwegler und Dieter Krieg
1997 Roy-Lichtenstein-Preis, Bonn
2004–2007 Professur an der Hochschule für Bildende Künste, Braunschweig
2006 Professur an der UDLA, Puebla, Mexiko
Ateliers in Düsseldorf, Vancouver, Oregon, San Francisco, Los Angeles, Miami, New York, Puebla, Rom, Arcidosso, Basel, Soller, Sam-Cheok
Lebt heute in Baden-Baden.
Werke in Sammlungen (Auszug)
Museum für Moderne Kunst, Frankfurt
Kunsthalle Recklinghausen
Museum Frieder Burda, Baden-Baden
Ludwig Forum, Aachen
Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf
Ulmer Museum
Kunstsammlung der Bundesrepublik Deutschland
Sammlung Großhaus, Bonzelerhammer
Sammlung Esther Grether, Basel
Sammlung Hurrle, Durbach
Sammlung Museum Würth
