Freiheit ist das A und O: Wie liberal ist Reinhard Kardinal Marx?

Kardinal Reinhard Marx, Foto: Stefan Groß

Er ist einer der ranghöchsten Würdenträger der katholischen Kirche Deutschlands, war der jüngste Kardinal der Welt, ist Bestsellerautor und Kämpfer für soziale Gerechtigkeit. Der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx mischt sich immer wieder in die Politik ein, sei es bei den Missbrauchsfällen oder in der Flüchtlingskrise. Marx geht es dabei um die Freiheit des Einzelnen und um die Nachhaltigkeit der Verantwortung in Zeiten der Globalisierung.

Reinhard Kardinal Marx ist alles in Personalunion: frommer Christ, Hirte des Freisinger Bistums, Chef aller deutschen Katholiken und einer der einflussreichsten Kardinäle weltweit. Unter den deutschen Bischöfen ist er mittlerweile zur Zentralfigur und Ikone aufgestiegen, verleiht der Katholischen Kirche hierzulande ihr Gesicht. Marx, der daneben auch Politik- und Krisenmanager ist, ist aus dem kirchlichen, religiösen, wirtschaftlich-politischen Diskurs nicht mehr wegzudenken. Ob Weltkirche in Rom oder europäische Wertegemeinschaft in Brüssel – Marx spielt auf allen Klaviaturen, ist gefragter Redner und gerngesehener Talkshow-Gast. Der einstmalige Weggefährte des Kölner Kardinals Meisner ist mittlerweile ein enger Vertrauter von Papst Franziskus geworden.

Der Missbrauchs-Krisenmanager

Der Münchner Kirchenfürst ist wortgewaltig, redegewandt, politisch versiert und lässt sich vom Zeitgeist nicht erschüttern oder einschüchtern. Beim Missbrauchsskandal, der Deutschland im Jahr 2010 erschütterte und zu einer schweren Krise und Bewährungsprobe der katholischen Weltkirche wurde, hatte der Münchner Erzbischof hart durchgegriffen und drastische Sanktionen gegen die pädophilen Täter verhängt. Er war der bislang einzige, der sich mit seiner akribischen Sichtung der Akten sich einen Überblick über das sexuelle Fehlverhalten der Geistlichen und anderer kirchlicher Mitarbeiter gegenüber Minderjährigen und Schutzbefohlenen verschaffte. Reinhard Kardinal Marx hat in diesen düsteren Zeiten wieder ein wenig Licht in die verdunkelten Kirchenmauern gebracht, sei es im Kloster Ettal oder in Berlin. Dass sich Marx nicht als zimperlich erweist, wenn es um persönliches Fehlverhalten geht, zeigte sich in der Causa Mixa und Causa Tebartz – erzwungener Amtsverzicht war die Konsequenz.

Flüchtlingskrise und AfD

Aber auch im krisengeschüttelten Deutschland der Flüchtlingskrise rief der Münchner Erzbischof zu Besonnenheit auf, zu christlicher Hilfe und Solidarität mit den Ankommenden. Dass er dabei – insbesondere vom rechten Rand der Gesellschaft – immer wieder kritisiert wurde, hat ihn wenig beeindruckt, noch sein Insistieren auf das Gebot der Stunde, die Not zu lindern, geschwächt. Wie Angela Merkel sieht Marx das Gebot der Hilfe und der Solidarität als kategorischen Imperativ der Nächstenliebe, der Christlichen Soziallehre.

Papst Franziskus und Reinhard Marx

Immer wieder sucht der Papst der Armen und Entrechteten, Papst Franziskus, die Nähe zum Münchner Erzbischof. Die Liste der Verantwortlichkeiten, die Marx in der Kurie und in den verschiedensten päpstlichen Institutionen übernommen hat, liest sich wie das Who’s who eines, der in der Karriereleiter ganz weit oben steht. Neben der Barmherzigkeit, einem Begriff der zum Leitmotiv des römischen Pontifex geworden ist, ist es der Reformwille des argentinischen Papstes, seine angestrebte Kurienreform, für deren Umsetzung er den Politikstrategen Marx braucht. Marx ist ein Macher – dies goutiert auch das nunmehr etwas liberalere Rom.

Kritik am Raubtierkapitalismus

Wie Papst Franziskus geht es dem Münchner Kardinal, dem ehemaligem Bischof von Trier und Professor für Christliche Soziallehre, um den Gedanken der Nachhaltigkeit, gerade mit Blick auf die globale Wirtschaft. Marx Berufung in den Wirtschaftsrat des Vatikans ist ein Zeichen wie sehr ihm der Papst auch als Wirtschaftsfachmann vertraut. „Diese Wirtschaft tötethatte Franziskus vor einigen Jahren geschrieben. Was der oberste Kirchenhirte kritisiert, ist ein Kapitalismus, der sich entgrenzt, der sich ins Maßlose entfremdet und den Menschen übersteigt, ihn – gut kantisch gesprochen, nur zum Mittel und nicht zum Zweck seiner selbst macht.

Genau vor dieser ausufernden Wirtschaft warnte auch der Münchner Kardinal: „Wirtschaft und Gesellschaft sollen nicht nur effizient, sie sollen auch gerecht sein.” Das Prinzip einer Sozialen Marktwirtschaft wie es Marx vor Augen hat und wie er sie in seinem renommierten Buch „Das Kapital“ entfaltet, basiert dabei auf den Prinzipien der Solidarität, Personalität und Subsidiarität, der Gemeinwohlorientierung und dem Prinzip der Nachhaltigkeit – letztendlich einer wirtschaftlich fundierten Ethik, die ihr Fundamente in der Christlichen Soziallehre hat und für die Namen wie Wilhelm Emmanuel von Ketteler, Adolph Kolping und Oswald von Nell-Breuning stehen.

Aber Marx bringt auch immer wieder den Ordoliberalismus als ein Ordnungsgefüge ins Gespräch, das dem Menschen den Spielraum der Freiheit belässt und ihn in einen Staat einbindet, der die Rahmenbedingen für seine Freiheit schafft. Für den Münchner Kardinal bleibt Freiheit immer das große Wort der Stunde, die geschöpfliche Freiheit einerseits und die Verantwortung zur Freiheit andererseits. Seine Theologie ist eine der Freiheit, wenn man so will eine Freiheits-, aber nicht Befreiungstheologie, denn von Leonardo Boff und der Theologie der Befreiung unterscheidet er sich dennoch gravierend.

Freiheit ist das A und O

Im Jahr 2011 hat der renommierte Verfassungsrichter Paul Kirchhof in seiner Laudatio auf Kardinal Marx, der den „Preis Soziale Marktwirtschaft“ von der Konrad-Adenauer-Stiftung erhielt, dessen Freiheitsbegriff als „Freiheit der aufgeklärten Freiheit“ bezeichnet. Marx’ Credo: Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit“, sein Bischofsmotto (Ubi spiritus domini, ibi libertas), spiegelt sich nicht nur im Risiko der Freiheit, in der Verantwortung der Freiheit, in der Demut und Bescheidenheit der Freiheit, in ihrer Endlichkeit, sondern auch in der wirtschaftlichen Dimension dessen, was Marx unter Freiheit versteht. Theologisch ist Freiheit die Freiheit vor Gott, wirtschaftlich verstanden ist die Freiheit des Marktes, aber, gut hegelanisch, eine Freiheit in der Notwendigkeit. Zuwider ist dem Kardinal, der sich für die Armen und für die Flüchtlinge als Globalisierungsverlierer engagiert, ein unbezähmbarer Raubtierkapitalismus. Vielmehr plädiert er im Umkehrschluss für eine Synthese zwischen Sozialer Marktwirtschaft und einem eingehegten Kapitalismus, der auch Verantwortung gegenüber den Marktteilnehmern übernimmt, gerade in Zeiten, wo die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander zu driften droht. Marx ist daher ganz nah bei Konrad Adenauer, der bereits 1946 schrieb: „Die Wirtschaft soll dem Menschen dienen, nicht der Mensch der Wirtschaft.” Aber auch Walter Eucken, Wilhelm Röpke, Alfred Müller-Armack und Ludwig Erhard sind für Marx Kronzeugen. Und mit dem Begründer des deutschen Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard, geht Marx konform. Der ehemaliger Wirtschaftsminister schrieb einst: „Die Wirtschaft ist vielleicht das Primitivste, aber sie ist auch das Unentbehrlichste; erst auf dem Boden einer gesunden Wirtschaft kann die Gesellschaft ihre eigentlichen und letzten Ziele erfüllen.” Je stärker sich eine Wirtschaftsordnung, so der Münchner Kardinal, an den zeitlosen Prinzipien der Personalität, der Subsidiarität, der Solidarität, der Gemeinwohlorientierung und Nachhaltigkeit orientiert, umso mehr entspricht sie einer Ordo Socialis – einer vernünftigen Ordnung des menschlichen Zusammenlebens.

Zusatz Buchbesprechung:

 

Was hat eigentlich Reinhard mit Karl Marx zu tun?

Und was hat Reinhard Marx mit Karl Marx, dem Vater von Kommunismus und klassenloser Gemeinschaft gemeinsam? Formal: „Ein Plädoyer für den Menschen.“ Auch der Erzbischof will soziale Missstände aufdecken und anprangern, auch er möchte Anwalt der Entrechteten sein. Inhaltlich dagegen haben beide Denkwege wenig miteinander zu tun, denn es sind zwei Weltanschauungen, die sich gegenübertreten.

Hier der Religionskritiker Karl Marx, dessen Thesen zur Religion als „allgemeiner Trost“, „Rechtfertigungsgrund“, „Opium des Volkes“ und „Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung“ für Schlagzeilen sorgten, dort der dem Christentum gegenüber verpflichtete Ethiker. Reinhard Marx bleibt im Unterschied zu Karl Marx ein bekennender Anhänger der freien Marktwirtschaft, er hält ganz im Sinne der katholischen Tradition am Privateigentum fest, gleichwohl auch er sich von Adam Smiths Theorie der „unsichtbaren Hand“ kritisch distanziert. Aber von einem Nachtwächterstaat à la Ferdinand Lassalle will er nichts wissen. Der Staat steht für Marx wie das Einzelich in der Verantwortung.

Der Besteller-Autor Marx und sein „Das Kapital“

Schon ein Blick in das Register von Reinhard Marx Bestseller „Das Kapital“, 2008 erschienen, verrät, dass es sich nicht um ein frömmelndes Buch handelt, was schon die Vielzahl der zitierten Nationalökonomen belegt. So lernt man viel über den ebenfalls in Trier geborenen Jesuiten, Nationalökonomen und Begründer der Katholischen Soziallehre Oswald von Nell-Breuning (1890-1991), der 1928 einen ökonomischen Weltbestseller mit dem Titel „Grundzüge der Börsenmoral“ veröffentlichte.

Auch der Münchner Erzbischof wirbt weder für eine urchristliche Gemeinschaft oder schwört wie Franz von Assisi dem Kapital ab. Weder erklärt er der Marktwirtschaft den Bankrott noch plädiert er in Zeiten der Finanzangst auf ein völlig vom freien Markt losgelöstes Leben, das sich von der vita activa abkoppelt und der vita contemplativa zuwendet.

Marx ist wie Marx Realist, aber eben christlicher Realist, der weiß, dass der Kapitalismus das die Zeiten überdauernde Wirtschaftssystem bleiben wird. Nur: Wie man mit diesem umgehen muss, darauf legt der ehemalige Professor für christliche Sozialethik in erster Linie Wert, denn für ihn gibt es gute Gründe für eine soziale Marktwirtschaft, die gegenüber einem primitiven oder verklärenden Kapitalismus klar im Vorteil liegt

Letztendlich kommt es darauf an, und hier ist sich der Christ Marx mit dem Ökonomen einig: Der Mensch muss, ganz kantisch gesprochen, Zweck an sich selbst bleiben. Nicht das Kapital regiert den Menschen, sondern dieser das Kapital. Der Markt muss sozial und gerecht sein, denn ein „Kapitalismus ohne Menschlichkeit, Solidarität und Gerechtigkeit hat keine Moral und auch keine Zukunft.“

Immer wieder ist es die Katholische Soziallehre, die Marx in den Blick nimmt, immer wieder betont er, dass diese in die allgemein öffentliche Debatte mit hinein gehört. Der Münchner Erzbischof, der sicherlich bald zum Kardinal ernannt werden wird, stellt sich dann auch gern in die Tradition von Franz von Bader (1765-1824) und Adam Heinrich Müller (1779-1829).

Auch warnt Marx wie einst Friedrich August von Hayek, Wirtschaftsnobelpreisträger und bekennender Agnostiker, vor einem „falschen Individualismus“, denn Freiheit bedeutet nicht Beliebigkeit. Der Standortvorteil des Christentums und seiner sozialen Ethik besteht für Reinhard Marx eben in der Vermittlung zwischen Kollektivismus einerseits und purem Egoismus andererseits. „Wo Freiheit mit Beliebigkeit verwechselt wird, wo Individualismus zum Egoismus degeneriert und wo der Liberalismus zum bloßen Hedonismus pervertiert, da kann die […] Rede von der Christlichen Sozialethik vom ‚Dritten Weg’ mit einem ersten konkreten, grundsätzlichen Inhalt gefüllt werden.“

Auch erweist sich der Theologe Marx als realistischer Denker, wenn er anders als Benedikt XVI. zu dem Befund kommt, dass die Moderne keineswegs so säkularisiert ist, wie man von katholischer Seite oft vernimmt. Mit Jürgen Habermas, den er oft zitiert, stimmt Marx überein, dass die sozialen Pathologien der Moderne genau zu analysieren sind, denn nur so kann einem Werterelativismus vorgebeugt werden.

Reinhard Marx hält dann ein Eingreifen in den Markt seitens des Staates für erforderlich und verantwortlich, wenn der Mensch nicht mehr Mittel, sondern allein das Kapital Selbstzweck wird. Bevor es dazu kommt, dass die Gewinne „privatisiert“, die Verluste „sozialisiert“ werden, bedarf es einer Regulierung des Marktes seitens der Regierenden. Es besteht geradezu die soziale Pflicht des Staates diese Verantwortung zu tragen. Subsidiarität ist die eine Seite, Regulierung die andere. Nur wenn der Staat, wie derzeit im Fall der Bundesrepublik Deutschland, den USA und anderen, die Raubtiermentalität eines Wirtschaftens um jeden Preis limitiert, Person, Freiheit und Eigentum schützt, nur dann hat der Kommunismus à la Karl Marx keine Chance. Dass ihm diese auf Dauer verwehrt bleibt, dafür plädiert der Theologe Reinhard Marx mit aller Nachdrücklichkeit, wenn er abschließend schreibt: „Wir stehen vor einer wirklich epochalen Aufgabe, die besonders Europa herausfordert. Wenn wir ihr nicht gerecht werden, dann wird uns, davon bin ich zutiefst überzeugt, Karl Marx als Wiedergänger der Geschichte begegnen. Aber das soll er um der Menschen willen nicht. Er soll in Frieden ruhen.“

 

Stefan Groß
Über Stefan Groß 1958 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß, M.A., DEA-Master, geboren 1972, studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte an den Universitäten Jena und München. 1992 gründete er die Tabula Rasa, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken und 2007 die Tabula Rasa, Die Kulturzeitung aus Mitteldeutschland, 2011 Zeitung für Gesellschaft und Kultur

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