Poesie und Schicksal – zum 130. Todestag Theodor Storms

Meereswogen, Foto: Stefan Groß

Der deutsche Schriftsteller Theodor Storm starb am 4. Juli 1888 im nordfriesischen Hademarschen. Seine literarischen Werke sind weltweit verbreitet. Zum 130. Todestag am 4. Juli 2018 widmet sich der nachfolgende Essay dem Leben und Wirken des bedeutenden Lyrikers und Novellisten. Zudem wird die Frage erörtert, ob beziehungsweise inwiefern Storm als Heimatdichter zu betrachten ist.

I. Lebensstationen

Hans Theodor Woldsen Storm wurde am 14. September 1817 in der Kleinstadt Husum an der Nordseeküste geboren. Der Vater war der Advokat Johann Casimir Storm (1790−1874), die Mutter die Patriziertochter Lucie Woldsen (1797−1879). Einer der Taufnamen Storms zeigt die Verbindung zu dem alten Husumer Patriziergeschlecht: Woldsen.

1821 trat er in die Klippschule ein, eine privat organisierte Elementarschule. Von 1826 bis 1835 besuchte er die Husumer Gelehrtenschule, das humanistische Gymnasium, und anschließend für drei Semester das Gymnasium Katharineum in Lübeck, an dem später auch die Schriftsteller Thomas Mann (1875−1955) und Erich Mühsam (1878−1934) Schüler waren.

Im Oktober 1837 verlobt er sich mit der 17-jährigen Emma Kühl, seiner Jugendliebe. Vier Monate später folgte die Entlobung. Ab 1837 studierte Storm 11 Semester Jura in Kiel, Berlin und dann wieder in Kiel.
1843 kehrte er nach Husum zurück, wo er zunächst in der Anwaltskanzlei seines Vaters arbeitete und im selben Jahr eine eigene Kanzlei eröffnete. 1844 verlobt er sich heimlich mit seiner Cousine Constanze Esmarch, 1846 heiratet er sie. Das Ehepaar bekam 7 Kinder.

1851 fiel das Herzogtum Schleswig, 1852 das Herzogtum Holstein an Dänemark. Wegen seiner ablehnenden Haltung gegenüber der dänischen Herrschaft entzog ihm Dänemark 1852 die Advokatur. Er hatte sich geweigert, eine Loyalitätserklärung gegenüber dem dänischen Staat abzugeben, welche für die Verlängerung der Zulassung als Anwalt erforderlich war. Storm arbeitete dann von 1853 bis 1856 als unbesoldeter Gerichtsassessor im preußischen Justizdienst in Potsdam. Er beklagte heftig die Arbeitsbedingungen und litt unter finanziellen Schwierigkeiten. Seine Eltern mussten ihn und seine Familie unterstützen.

In den Jahren 1856 bis 1864 lebte Storm in Heiligenstadt, das damals zur preußischen Provinz Sachsen gehörte. Hier wirkte er als Kreisrichter. Seine Jahre außerhalb der Heimat bezeichnete er selbst als „preußisches Exil“. Allerdings unterscheiden sich seine anfänglichen Eindrücke von denen des Abschieds. 1856 schreibt er an Constanze: „Hilf Himmel, was für eine Stadt!

Lehmhütten und Baracken, Häuser, wie sie bei uns nicht für Geld aufzuweisen wären.“ 1864 dagegen bekennt er: „Mein Herz ist ganz zerrissen bei dem Abschied von hier, mir ist, als schiede ich von einer zweiten Heimat.“ (1) Die Änderung erklärt sich daraus, dass Storm hier beruflich weniger belastet war und der Ort ihm, ähnlich wie Husum, von seiner Lage her etwas Schützendes, Überschaubares bot. Heiligenstadt ehrt den Dichter seit 1988, dem 100. Todesjahr, mit einem Museum.

Nach dem Sieg preußischer und österreichischer Truppen im Deutsch-Dänischen Krieg 1864 konnte Storm in das preußisch gewordene Schleswig- Holstein zurückkehren. Die Bürger bereiteten ihm einen geradezu triumphalen Empfang. Zuvor war er nach Absetzung des dänisch eingestellten Landvogtes in Abwesenheit zum neuen Landvogt des Kreises Husum gewählt worden. Erstmals war Storm finanziell unabhängig.

Constanze, mit der Theodor Storm neunzehn Jahre verheiratet war, starb 1865 nach der Geburt des 7. Kindes. Storm entschloss sich wenige Monate später, die Kinder in Obhut zu geben, und reiste nach Baden-Baden, wo er mit dem russischen Schriftsteller Iwan Sergejewitsch Turgenew (1818−1883) zusammentraf. Beide verband eine gegenseitige Wertschätzung. Nach der Rückkehr kümmerte er sich intensiv um die Kinder. Als das Trauerjahr vorüber war, heiratete er Dorothea Jensen (1828−1903), in die er sich bereits im ersten Ehejahr verliebt hatte. Sie gebar ihm eine Tochter. Ihr gemeinsames Wohnhaus in der Wasserreihe 31 war zugleich der Sitz der Vogtei und ist heute das Husumer Theodor-Storm-Museum. Dieses Museum verdankt sich dem unermüdlichen Wirken des im Juli 2017 verstorbenen Karl Ernst Laage (geboren 1920). Laage war von Beruf Lehrer. 12 Jahre lang fungierte er als Präsident der Theodor-Storm-Gesellschaft, der er zuvor 25 Jahre lang als Sekretär gedient hatte. 1988, also zum 100. Todestag Storms, gab er zusammen mit dem Literaturwissenschaftler und Bibliothekar Dieter Lohmeier (geboren 1940) im Deutschen Klassiker Verlag die bedeutende Werkausgabe Storms heraus (Sämtliche Werke in vier Bänden). (2)

Im Zuge der nationalen Bundesreformpläne Otto von Bismarcks (1815−1898) wurde das Amt des Landvogts abgeschafft und durch einen Landrat ersetzt. Um wegen seiner Vorstellung eines sich selbst verwaltenden Schleswig-Holstein nicht in Loyalitätskonflikte zu geraten, entschied sich Storm für die Tätigkeit als Richter: Seine letzten beruflichen Funktionen waren die eines Amtsrichters und eines Oberamtsrichters, die er von 1867 bis 1880 wahrnahm. Sein Dienstsitz befand sich im Husumer Schloss.
1880 ließ er sich nach stets korrekter Amtsführung vorzeitig pensionieren. Er ordnete den Bau einer Villa in dem Ort Hademarschen an und lebte dort bis zu seinem Tod nach schwerer Krankheit (Magenkrebs) 1888. Storm, der zum Christentum lebenslang in Distanz stand, wurde am 17. Juli auf dem Husumer Friedhof des Armen- und Altenstiftes St. Jürgen beigesetzt − seinem Willen gemäß ohne Ansprache eines Geistlichen.

Heute kann man in Husum, der Kreisstadt Nordfrieslands, noch vielen Schauplätzen begegnen, denen Storm ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

II. Storm als Dichter

Obgleich Storm erst mit 63 Jahren aus dem Dienst schied, brachte er seinem Beruf als Jurist keine ausgeprägte Neigung entgegen. 1858 klagte er in einem Brief an den Landschaftsmaler Hermann Schnee (1840−1926): „Die verfl. Acten werden mich doch vor der Zeit tödten; wer den Drang zu einer individuellen Lebensarbeit in sich fühlt, der muß an dieser geistigen Tagelöhnerei über kurz oder lang zugrunde gehen.“ Und zwei Monate vorher schrieb er an seine Mutter von einer „Tortur, die Kräfte und Besinnung raubt“. (3) Später rückte die Sicherheit eines festen Einkommens stärker in sein Bewusstsein.
Storm stand in Kontakt mit den Schriftstellern Paul Heyse (1830−1914), Theodor Fontane (1819−1898), Klaus Groth (1819−1899), Eduard Mörike (1804−1875), der, ähnlich wie Storm, mit seinem „Brotberuf“ – er war Pfarrer – haderte, Joseph von Eichendorff (1788−1857) und Gottfried Keller (1819−1890) , ferner mit dem Juristen und Historiker Theodor Mommsen (1817−1903) und dem Literaturwissenschaftler Erich Schmidt (1853−1913).

In seinem zweiten Studienaufenthalt in Kiel schloss sich Storm einer studentischen Gemeinschaft an, die sich „Kieler Clique“ nannte. Der Gruppe gehörten Studenten ganz unterschiedlicher Fachrichtungen an. Es verband sie die Liebe zur Literatur, vor allem zur Lyrik. 1843 gaben die Mitglieder der „Clique“, Theodor Storm, Tycho Mommsen (1819−1900), der spätere Direktor des Frankfurter Städtischen Gymnasiums, des nachmaligen Lessing-Gymnasiums, und Theodor Mommsen, der 1902 als erster Deutscher den Nobelpreis für Literatur erhielt, das Liederbuch dreier Freunde heraus. Dabei handelt es sich um eine von ihnen selbst finanzierte Sammlung ihrer poetischen Arbeiten, zu der Storm 44 Gedichte beiträgt – neben anderen die Gedichte Du bist so jung, Dämmerstunde und Harfenmädchen.
In seiner Potsdamer Zeit als Gerichtsassessor war Storm, wie Paul Heyse und Theodor Fontane, in Berlin Mitglied der literarischen Gesellschaft „Tunnel über der Spree“.

Poesie und Schicksal − so habe ich meine Ausführungen überschrieben. Denn das sind die beiden Pole, um die sich meines Erachtens die Werke des Dichters bewegen. Trotz seiner Kritik an Adel, Militär und Kirche, trotz seiner Vorstellung von einem politisch unabhängigen Schleswig-Holstein und trotz einiger patriotischer Gedichte hielt Storm einen gewissen Abstand zur Politik − wohl auch, um keine Gefahren für sich, sein Schreiben und seine Familie heraufzubeschwören. Vor allem in seinen Briefen äußerte er seine antifeudalistische, antiklerikale und antimilitärische Einstellung. Und so kreist sein literarisches Gesamtwerk, das von einem lyrischen Grundton geprägt ist, um die Themen: schleswig-holsteinische Küste, Familiengeschichten, Konflikte, Scheitern, gebrochene Charaktere, versäumtes Lebensglück, unerfüllte Liebe, Erinnerung.

Sein Zeitgenosse Theodor Fontane (1819−1898) schätzte Storms Lyrik sehr; er schrieb: „Als Lyriker ist er, das Mindeste zu sagen, unter den drei, vier Besten, die nach Goethe kommen.“ (4). Er kritisierte jedoch dessen vermeintlichen Provinzialismus: „Theodor Storm ist ein Spezialist. Aus dem großen Gesamtgebiet der Poesie hat er kleine Parzellen ausgeschieden, diese, auf gut schleswig-holsteinisch, mit sauberen Heckzäunen umfriedet und das kleine Gebiet wie ein Stück Gartenland bestellt. Es fehlt die große Szenerie; es fehlen die weiten Perspektiven; an ihre Stelle ist das Enge, Begrenzte getreten, aber innerhalb dieser Grenzen auch ein vollständiges Zuhausesein, ein Auge für das Kleinste, ein Ohr für das Leiseste.“ (5) Und um sich selbst als weltzugewandten Schriftsteller darzustellen, urteilte Fontane: „Er [Storm] war für den Husumer Deich, ich war für die London-Brücke.“ (6)

Karl Ernst Laage, der frühere Präsident der Theodor-Storm-Gesellschaft, wies übrigens, wie seinerzeit Thomas Mann (1875−1955) und der ungarische Literaturhistoriker und Philosoph Georg Lukács (1885−1971), den Vorwurf zurück, Storm sei lediglich ein weltabgewandter Heimatdichter und betreibe, mit Fontane gesprochen, „Husumerei“. In seinem Essay über Storm urteilt Thomas Mann: „Das hohe und innerlich vielerfahrene Künstlertum Storms hat nichts zu schaffen mit Simpelei und Winkeldumpfigkeit, nichts mit dem, was man wohl eine Zeitlang ‚Heimatkunst‘ nannte.“ (7). Und in der Tat: Storm ist zwar auf das Innigste mit Heide und Meer verbunden, einer Landschaft, die er mit bewundernswerter Naturkenntnis literarisch beschreibt – meist sprachartistisch nur angedeutet und in knappen Zügen. In dieser Hinsicht mag man ihn zu Recht als Heimatdichter sehen. Aber das tiefe Sehnen, das beinahe all seine Texte durchzieht, weist meiner Ansicht nach über das Idyllische und Gemütliche hinaus ins Offene. Enge, Provinzialität und lebenslange Sehnsucht, der innere Blick über das Gegebene hinaus schließen einander aus. Hier sei auch darauf hingewiesen, dass Storm, gerade erst in sein zweifellos geliebtes Husum zurückgekehrt, in melancholische Gestimmtheit geriet.
Für die Lyrik Theodor Storms ist charakteristisch, dass sie Gekünsteltes und Ausschmückungen strikt meidet. Sie verschreibt sich ganz dem authentischen Gefühl. Das unmittelbare Erlebnis bildet die Grundlage seiner Dichtung. Storm faszinierte seine Zuhörer durch seine leise, feine, melodische Stimme, mit der er seine Texte vortrug. Dadurch konnte er seine Empfindungen, seine Stimmung auf das Publikum übertragen. Der ausgeprägte Sinn für das Melodische zeigte sich auch in seiner Neigung zu musikalischen Darbietungen. Mehrmals gründete Storm Gesangsvereine, in denen er als Tenor auftrat, und noch in seinen letzten Jahren in Hademarschen nahm er an Musikveranstaltungen teil.
III. Literarische Wirksamkeit
Poesie und Schicksal – werfen wir einen Blick auf die Veröffentlichungen Storms. Der Schriftsteller verstand sich vor allem als Lyriker. In seinen Gedichten verarbeitete der Stimmungspoet erlebte oder erinnerte Gefühle in einer wunderbar schlichten und melodischen Sprache. Es handelt sich um eine liedhafte Erlebnislyrik, die freilich der Sentimentalität zu wehren weiß. Über allem liegen Wehmut und Vergänglichkeitsweh. So schreibt er beispielsweise im Todesjahr seiner Frau (1865) den lyrischen Zyklus Tiefe Schatten.

Vermutlich 1853 verfasst Storm in Potsdam das Gedicht Meeresstrand. Es beschreibt in vier Strophen die Stimmung des Verlassenseins in der heimatlichen Landschaft. Die ersten beiden Strophen geben optische, die letzten beiden Strophen akustische Eindrücke wieder.

Ans Haff nun fliegt die Möwe,
Und Dämmerung bricht herein;
Über die feuchten Watten
Spiegelt der Abendschein.
Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer.
Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton,
Einsames Vogelrufen –
So war es immer schon.
Noch einmal schauert leise
Und schweiget dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind. (8)

In dem berühmten, 1852 entstandenen, Gedicht Die Stadt beschreibt er seine Heimatstadt zunächst in melancholischem Ton als trist und leer, dann aber spricht er von der zauberhaften Stimmung seiner Kindheit in der Stadt, der er sich ein Leben lang verbunden fühlte. Beide Aspekte gestaltet er meisterhaft so, dass sich die eigene Stimmung auf die Leser überträgt.

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.
Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn Unterlaß;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
Am Strande weht das Gras.
Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer. (9)

Ein drittes Beispiel: Das Gedicht Die Nachtigall. Es erschien 1855 und thematisiert den Übergang vom Mädchen zur Frau, das Erwachen der Sinnlichkeit und der Sehnsucht. Die Neigung zu jungen Mädchen beschäftigte Storm sehr häufig in seinen Werken – ein Aspekt, dem sich die 2013 erschienene Biographie von Jochen Missfeldt ausführlich widmet. (10) Die Musikalität der Lyrik Storms wird in dem Gedicht noch unterstrichen durch den Bezug auf den wohltönenden Gesang der stimmgewaltigen Vogel-Männchen.

Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen;
Da sind von ihrem süßen Schall,
Da sind in Hall und Widerhall
Die Rosen aufgesprungen.
Sie war doch sonst ein wildes Blut;
Nun geht sie tief in Sinnen,
Trägt in der Hand den Sommerhut
Und duldet still der Sonne Glut
Und weiß nicht, was beginnen.
Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen;
Da sind von ihrem süßen Schall,
Da sind in Hall und Widerhall
Die Rosen aufgesprungen. (11)

Neben Gedichten schrieb Storm Märchen und vor allem Novellen.
Ein bekanntes Märchen trägt den Titel Der kleine Häwelmann. Storm schrieb es 1849 für seinen erstgeborenen Sohn Hans. In dem Gedicht Die Kinder spricht der durch das Kind beglückte, in dem Gedicht An Hans der Unheil gewahrende und in dem Gedicht aus dem Nachlass der tief bekümmerte Vater:

Die Kinder
1
Abends
Auf meinem Schoße sitzet nun
Und ruht der kleine Mann;
Mich schauen aus der Dämmerung
Die zarten Augen an.
Er spielt nicht mehr, er ist bei mir,
Will nirgend anders sein;
Die kleine Seele tritt heraus
Und will zu mir herein.
2
Mein Häwelmann, mein Bursche klein,
Du bist des Hauses Sonnenschein,
Die Vögel singen, die Kinder lachen,
Wenn deine strahlenden Augen wachen. (12)
An Hans
Bald schon liegt die Jugend weit,
Komm zurück, o noch ist’s Zeit!
Seitab wartend steht das Glück –
Noch ist’s Zeit, o komm zurück!
Friedlos bist du
Friedlos bist du, mein armer Sohn,
Und auch friedlos bin ich durch dich.
Wären wir, wo deine Mutter ist,
Wir wären geborgen, du und ich.
Sie legte wohl um ihr verirrtes Kind
– Wenn die Toten nicht Schatten bloß –
Schützend und warm ihren Mutterarm
Und nähme dein Haupt in den Schoß. (13)

Sein erster Sohn bereitete ihm später große Sorgen, weil dieser im Leben nicht zurechtkam, mehrere Anläufe brauchte, um in Würzburg sein Medizinstudium abzuschließen, finanziell vom Vater abhängig blieb und dem Alkohol verfallen war. Hans arbeitete erfolglos an verschiedenen Stellen als Arzt und starb 1886 mit nur 39 Jahren an Tuberkulose. Die Novellen Carsten Curator (1878) und Hans und Heinz Kirch (1883) spiegeln das komplizierte Vater-Sohn-Verhältnis wider. Der kleine Häwelmann erzählt von einem Jungen, der eines Nachts nicht schlafen will und erlebnishungrig („mehr, mehr!) mit seinem Rollenbett die Welt bis zu den Sternen durchreist. Auch in diesem Märchen Storms klingt das Thema der Sehnsucht ins Weite an.

Wie Storms Lyrik sind seine Novellen Stimmungswerke, die realistisch Natur und Menschen der norddeutschen Landschaft wiedergeben. Berühmt wurde der Verfasser von 58 Novellen bereits 1850 mit der Novelle Immensee, die zu seinen Lebzeiten dreißigmal aufgelegt wurde. Der Text erzählt von einem alten Mann, der sich an eine unerfüllte Liebe in seiner Kindheit erinnert. In dem einleitenden Kapitel finden sich die Sätze:

An einem Spätherbstnachmittage ging ein alter, wohlgekleideter Mann langsam die Straße hinab. Er schien von einem Spaziergang nach Hause zurückzukehren; denn seine Schnallenschuhe, die einer vorübergegangenen Mode angehörten, waren bestäubt. Den langen Rohrstock mit goldenem Knopf trug er unter dem Arm; mit seinen dunkeln Augen, in welche sich die ganze verlorene Jugend gerettet zu haben schien und welche eigentümlich von den schneeweißen Haaren abstachen, sah er ruhig umher oder in die Stadt hinab, welche im Abendsonnendufte vor ihm lag.
[ … ]
Nachdem der Alte Hut und Stock in die Ecke gestellt hatte, setzte er sich in den Lehnstuhl und schien mit gefalteten Händen von seinem Spaziergange auszuruhen. – Wie er so saß, wurde es allmählich dunkler; endlich fiel ein Mondstrahl durch die Fensterscheiben auf die Gemälde an der Wand, und wie der helle Streif langsam weiter rückte, folgten die Augen des Mannes unwillkürlich. Nun trat er über ein kleines Bild in schlichtem, schwarzen Rahmen. »Elisabeth!« sagte der Alte leise; und wie er das Wort gesprochen, war die Zeit verwandelt – er war in seiner Jugend.

Storm findet in der gefühlsbetonten Novelle oftmals einen lyrischen Ton. Das kennzeichnet allgemein seine Prosa: Immer wieder begegnen wir in ihr lyrischen oder semilyrischen Elementen. Zwei Beispiele, das erste aus dem Kapitel Im Walde, das zweite aus Meine Mutter hat’s gewollt:

Der Kuckuck lacht von ferne,
es geht mir durch den Sinn:
Sie hat die goldnen Augen
der Waldeskönigin.
———–
Für all mein Stolz und Freud
gewonnen hab ich Leid.
Ach, wär das nicht geschehen,
ach, könnt ich betteln gehen
über die braune Heid! (14)

Die siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts gelten als Storms Novellen-Jahrzehnt. Die Lyrik tritt etwas zurück zugunsten der Prosa. Bekannte Novellen aus dieser Zeit sind beispielsweise: Draußen im Heidedorf (1872), Pole Poppenspäler (1874), Aquis submersus (1876) und Renate (1878). Als bedeutendstes Werk Storms gilt berechtigterweise Der Schimmelreiter. Er vollendete es im Jahr seines Todes. Sein Alterswerk zeigt noch einmal auf beeindruckende Weise, wie der begnadete Novellist eindrucksvolle Atmosphäre zu erzeugen verstand. Dieses Werk Storms nährt sich von der Spannung zwischen Aberglauben und Realismus, Geheimnisvollem und Sachkundigem, Vergangenheit und Gegenwart, was durch die Struktur der Novelle – die Handlung ist eingebettet in eine doppelte Rahmenerzählung: die einer namentlich nicht genannten Ich-Person und die eines Schulmeisters – noch unterstrichen wird. Storm verlegt die von der Weichsel in Westpreußen stammende Deichsage Der gespenstige Reiter in die nordfriesische Marschlandschaft, deren charakteristisches Gepräge er den Lesern in dokumentarisch wirkender Weise vermittelt. Storm war, um ein bekanntes Paradoxon zu gebrauchen, ein „realistischer Geisterseher“, der religiöse Jenseitsgedanken ablehnte, aber empfänglich für Spukgeschichten war.

Protagonist des Schimmelreiters ist der technisch sehr begabte und überaus ehrgeizige Hauke Haien. Er steigt unerwartet zum Deichgrafen auf und setzt gegen Widerstände den Neubau eines der alten Deichlinie vorgelagerten Deiches durch, so dass ein großer neuer Koog entsteht. Als schwere Unwetter Nordfriesland heimsuchen, weigert er sich, das einzige Mittel anzuwenden, um den alten Deich zu retten: den neuen Deich, seinen Deich, durchstoßen zu lassen. So zerstört die gewaltige Sturmflut den alten Deich und tötet seine Frau Elke und die schwachsinnige Tochter Wienke, die aus der Sicherheit ihres hoch gelegenen Anwesens zu ihm hinausgefahren waren. Das Dorf wird überflutet, die Bewohner fliehen. Der Deichgraf stürzt sich daraufhin mit seinem Pferd in die tosende Flut. Der Hauke-Haien-Deich indes überdauert die Katastrophe. Das abergläubische Volk verbindet einen angeblichen mysteriösen Schimmelspuk auf der unbewohnten Hallig Jeverssand mit dem Deichgrafen: Sein Schimmel, der als „Teufelspferd“ bezeichnet wird, sei die Erscheinung des Pferdegerippes der Hallig. Der Sage nach tritt der gespenstische Schimmelreiter immer dann auf, wenn die Deiche in Gefahr sind – so erzählen es sich noch die Zeitgenossen des aufgeklärten Schulmeisters.

Es ist zu Recht vielfach hervorgehoben worden, dass diese Novelle Storms ein besonders ergreifendes Dokument der Humanität sei. Dafür sprechen mehrere Züge des Textes. So erzählt Der Schimmelreiter – trotz vielfacher Verwurzelung im Geheimnishaften, trotz des Treibens von Teufeln und Dämonen in den Köpfen der Menschen − vom Widerstand gegen Spukglauben, von der innigen Liebe zwischen Mann und Frau und vom gemeinsam gemeisterten Annehmen des Schicksals einer Behinderung; ferner von Opferbereitschaft – wenn Hauke Haien in die Naturkatastrophe hineinschreit: „Herr Gott, nimm mich; verschon die anderen!“, dann lässt sich dies auch als ein Verzeihen sowohl gegenüber der Schuld der engstirnigen Dorfbewohner als auch gegenüber der eigenen Schuld deuten. Der Deichgraf hatte sie verachtet, den Durchbruch seines Deiches verhindert und war in zurückliegender Zeit, geschwächt durch ein Marschfieber, seinem ärgsten Widersacher, Ole Peters, gefolgt, der ihm ausgeredet hatte, den alten Deich zu reparieren. Nur er, Hauke Haien, hatte damals erkannt, dass zugleich mit dem Deichneubau der alte Deich hätte ausgebessert werden müssen. Schließlich ist die mehrfach anzutreffende Fürsorge für die tierischen Geschöpfe zu erwähnen und das Anklingen des Theodizeeproblems, also der Frage, warum Gott menschliches Leid, in diesem Fall die geistige Behinderung Wienkes, nicht verhindert – „Ja, Elke, das hab ich freilich auch gefragt; den, der allein es wissen kann; aber du weißt ja auch, der Allmächtige gibt den Menschen keine Antwort – vielleicht, weil wir sie nicht begreifen würden.“ (15)
Zum Schluss sei ein Auszug aus der Novelle, die den tragischen Untergang einer Familie mit einer bewegenden Liebesgeschichte verknüpft, zitiert. Die Szene spielt zu einem Zeitpunkt, da Hauke Haien und Elke Volkerts noch nicht verheiratet sind. Bei einem Winterfest findet das Eisboseln statt − ein Wettkampf mit Holzkugeln, die mit Blei gefüllt sind. Erneut zeigt sich die feindselige Haltung von Ole Peters gegenüber Hauke, der das Spiel schließlich gewinnt. Berührend ist die feste Verlässlichkeit zwischen Hauke und Elke, die vieler Worte nicht bedarf.

Er verließ seinen Türpfosten und drängte sich weiter in den Saal hinein; da stand er plötzlich vor ihr, die mit einer älteren Freundin in einer Ecke saß. »Hauke!« rief sie, mit ihrem schmalen Antlitz zu ihm aufblickend; »bist du hier? Ich sah dich doch nicht tanzen!«
»Ich tanze auch nicht«, erwiderte er.

– »Weshalb nicht, Hauke?« Und sich halb erhebend, setzte sie hinzu: »Willst du mit mir tanzen? Ich hab es Ole Peters nicht gegönnt; der kommt nicht wieder!«

Aber Hauke machte keine Anstalt. »Ich danke, Elke«, sagte er; »ich verstehe das nicht gut genug; sie könnten über dich lachen; und dann…«Er stockte plötzlich und sah sie nur aus seinen grauen Augen herzlich an, als ob er’s ihnen überlassen müsse, das übrige zu sagen.

»Was meinst du, Hauke?« frug sie leise.
– »Ich mein, Elke, es kann ja doch der Tag nicht schöner für mich ausgehn, als er’s schon getan hat.«
»Ja«, sagte sie, »du hast das Spiel gewonnen.«
»Elke!« mahnte er kaum hörbar.

Da schlug ihr eine heiße Lohe in das Angesicht. »Geh!« sagte sie; »was willst du?« und schlug die Augen nieder.

Als aber die Freundin jetzt von einem Burschen zum Tanze fortgezogen wurde, sagte Hauke lauter: »Ich dachte, Elke, ich hätt was Besseres gewonnen!«

Noch ein paar Augenblicke suchten ihre Augen auf dem Boden; dann hob sie sie langsam, und ein Blick, mit der stillen Kraft ihres Wesens, traf in die seinen, der ihn wie Sommerluft durchströmte. »Tu, wie dir ums Herz ist, Hauke!« sprach sie; »wir sollten uns wohl kennen!«

Elke tanzte an diesem Abend nicht mehr, und als beide dann nach Hause gingen, hatten sie sich Hand in Hand gefaßt; aus der Himmelshöhe funkelten die Sterne über der schweigenden Marsch; ein leichter Ostwind wehte und brachte strenge Kälte; die beiden aber gingen, ohne viel Tücher und Umhang, dahin, als sei es plötzlich Frühling geworden. (16)

QUELLENANGABEN:
(1) Tilman Spreckelsen, Ein Flüchtling wird in Thüringen heimisch, in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6. Juli 2017, Seite 14
(2) Tilman Spreckelsen, Der Immensee? Direkt vor Fontanes Nase, in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. Juli 2017, Seite 10
(3) zit. nach: David A. Jackson, Theodor Storm: Dichter und demokratischer
Humanist. Eine Biographie, Berlin 2001, Seite 122
(4) Theodor Fontane, Autobiographische Schriften, Band II, Berlin und
Weimar 1982, Seite 224
(5) Georg Bollenbeck, in: Harenberg. Lexikon der Weltliteratur. Autoren −
Begriffe − Werke, Band 5, Studienausgabe, Dortmund 1995, Seite 2756
(6) zit. nach: David A. Jackson, Theodor Storm: Dichter und demokratischer
Humanist. Eine Biographie, Berlin 2001, Seite 336
(7) Thomas Mann, Theodor Storm. Essay, hrsg. v. K. E. Laage, Heide 1996,
Seite 22 (Erstausgabe 1930)
(8) Theodor Storm, Sämtliche Werke in zwei Bänden, Band II, 7. Aufl.,
München 1982, Seiten 944/945
(9) Theodor Storm, Sämtliche Werke in zwei Bänden, Band II, 7. Aufl.,
München 1982, Seite 944
(10) Jochen Missfeldt, „Du graue Stadt am Meer“. Der Dichter Theodor
Storm in seinem Jahrhundert, München 2013
(11) Theodor Storm, Sämtliche Werke in zwei Bänden, Band II, 7. Aufl.,
München 1982, Seite 902
(12) Theodor Storm, Sämtliche Werke in zwei Bänden, Band II, 7. Aufl.,
München 1982, Seite 951
(13) Theodor Storm, Sämtliche Werke in zwei Bänden, Band II, 7. Aufl.,
München 1982, Seite 952
(14) Theodor Storm, Sämtliche Werke in zwei Bänden, Bd. I, 7. Aufl.,
München 1982, Seiten 20, 21, 28, 44
(15) Theodor Storm, Sämtliche Werke in zwei Bänden, Band II, 7. Aufl.,
München 1982, Seite 787
(16) Theodor Storm, Sämtliche Werke in zwei Bänden, Band II, 7. Aufl.,
München 1982, Seiten 731/732

Berger Thomas
Über Berger Thomas 4 Artikel
Thomas Berger, geboren 1952 in Magdeburg, war von 1980 bis 2016 Gymnasiallehrer für die Fächer Latein und Evang. Religionslehre. Der Autor hat seit 1979 in 80 Anthologien Beiträge und auch mehrere eigenständige Bücher (Gedankliche Kurzprosa, Gedichte, Haiku, Aphorismen, Erzählungen und Essays) veröffentlicht: Pforte zur Rückkehr, Zwischen Aleph und Tau, Widerhall des Unsagbaren, Inseln im Zeitstrom, Garten wilder Anmut, Am Lebensfaden, Solopart, Albert Camus. Absurdität und Glück, Kuriose Begegnungen. Tierisches & Menschliches, Orte und Worte, Worte in Stein, Am Wegesrand, Andernorts, Reformation als Vermächtnis. www.autor-thomas-berger.de

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