Irgendwann im Jahr 1963 im Zuchthaus Waldheim in Sachsen wurde ich ins Wachtmeisterzimmer gerufen während der Arbeitszeit. Dort saß Polizeimeister „Bärtchen“ (seinen richtigen Namen kannten wir ja nicht!) hinter seinem Schreibtisch und erklärte mir, mein Rechtsanwalt Heinz Kroke aus Leipzig hätte geschrieben, er wollte noch 30.00 DDR-Mark von mir haben für Schreibpapier, Bleistifte und Radiergummis. Den musste der Teufel geritten haben! Da ich nun schon fast zwei Jahre in Haft war, so hatte er sich ausgerechnet, musste ich nun schon etwas Geld verdient haben. Ich bat darum, ihm das Geld zu schicken, sonst hätte er wohl meine Eltern in Hanau angeschrieben. Heinz Kroke war ein Schlitzohr: Als mein Vernehmer Rudolf Körner (seinen Namen fand ich nach dem Mauerfall in meinen Akten!) von mir verlangt hatte, mein Leichtmotorrad zu verkaufen („Das genn wer nisch drei Johre uffhäm!“), hatte ich mich an Heinz Kroke gewandt, dass er mein Motorrad verkaufte. Ein paar Wochen später sagte er mir, er hätte 200.00 DDR-Mark dafür bekommen. Das glaubte ich ihm nicht! Er wird für eine Westmaschine 500.00 DDR-Mark bekommen haben und hat 300.00 in die eigene Tasche gesteckt. Beim Mauerfall lebte er noch, er ist 2001 mit 81 Jahren gestorben! Ich habe mir lange überlegt, ob ich ihn in Leipzig aufsuchen und die 30.00 Mark zurückfordern sollte.
Jedenfalls war das mit Heinz Kroke im Sommer 1963 geklärt, als Polizeimeister „Bärtchen“ mich noch einmal ansprach: „Wir wissen, wer Ihnen das Studium bezahlt.“ „???“ „Der CIA!“ Ich sagte: “Das ist mir neu. Darf ich das meinen Eltern mitteilen, dass sie sich keine Sorgen mehr machen müssen um die Finanzierung meines Studiums?“ Einen solchen Blödsinn hatte nicht einmal die Staatssicherheit in Leipzig behauptet, es wäre ein gefundenes Fressen für sie gewesen.
Zwei Jahre später, im Sommersemester 1965, studierte ich wieder in Mainz mit einem Stipendium nach dem Häftlingshilfegesetz und wohnte im Jochen-Klepper-Haus, das unmittelbar neben der Universität lag. Wir hatten dort ein Sommerfest, und ich saß mit zwei Damen, Mutter und Tochter, an einem Tisch, die aus Sachsen stammten. Denen erzählte ich diese CIA-Geschichte. Und als ich den Satz sagte: „Ich arbeite ja für den CIA!“, kam der Student Rainer Wokun vorbei, merkte sich diesen Satz und verbreitete überall, ich wäre CIA-Agent. Frage: Verhält sich ein CIA-Agent so dämlich, dass er auf einer Party erzählt, er wäre einer?
Hans Küster aus Hannover war der erste Strafgefangene, der mir in Waldheim begegnete. Wir waren am 2.September 1962 aus Leipzig hierhergebracht worden und hatten im „Kuhstall“ übernachtet. Nach dem Wecken um 4.00 Uhr waren wir in die „Bremen“ gegenüber gebracht worden, das war das 1885 erbaute, neue Strafvollzugsgebäude, das vier Stockwerke hoch war und mit den vergitterten Fenstern wie ein Hochseedampfer aussah. Wir wurden von dort, nachdem uns Zellen („Verwahrräume“) zugeteilt worden waren, ins Arbeitshaus gebracht. Im Vorraum zur Montage stand Hans Küster und rief uns zu: „Bist du einmal in Waldheim, dann kommst du nicht so bald heim!“
Hans Küster war 29 Jahre alt, als er aus Westdeutschland in die DDR ging, aus unerfindlichen Gründen. Er war in Begleitung einer 15ährigen Bundesbürgerin, die vermutlich wieder in die BRD zurückgeschickt wurde, weil sie noch minderjährig war. Er bekam fünf Jahre Zuchthaus, vermutlich hatte er auch in die BRD zurückkehren wollen, was ihm aber verweigert worden war. Seinen Spitznamen „NATO-Hans“ hatte er davon, dass er während der Arbeit eingeschlafen war. Ein Volkspolizist weckte ihn, indem er ihm den Schlüsselbund auf den Kopf hieb. Er erklärte, er wäre müde, weil wir immer um 4.00 Uhr aufstehen mussten. „Wo kommen Sie denn her?“, fragte der Volkspolizist. „Aus Hannover“, antwortete er. „Und da wollen Sie auch wieder hin?“ Die Antwort: „Ja, da komme ich aber wieder!“ „Wieso kommen Sie dann wieder?“ „Da komme ich wieder und bringe die ganze NATO mit!“
Eines Morgens im Sommer 1963 musste er kübeln. Das heißt, er musste mit anderen Gefangenen die von uns vollgeschissenen Kübel in die Kübelzelle bringen und ausleeren. Das stank ihm gewaltig, zudem hatte er schlecht geschlafen. Und dann kam noch der Brigadier Werner Lambert, der aus Saarbrücken stammte, und raunzte ihn an. Wenige Minuten später mussten wir auf dem Hof antreten, wir wurden gezählt, das war jeden Morgen so um 5.30 Uhr. Plötzlich kam Hans Küster aus seiner Reihe heraus, trat auf den Brigadier zu und schlug ihm die Faust ins Gesicht. Niemand von uns sagte etwas, aber innerlich jubelten wir. Hans war der Held des Tages, auch wenn er drei Wochen Arrest bekam. Wochen später, am 7. Oktober, dem DDR-Staatsfeiertag durfte er auf dem Kamm den amerikanischen Schlager „Red River Rock“ blasen. Allerdings war zuvor der Titel von der Volkspolizei aus politischen Gründen geändert worden, er lautete jetzt „Am roten Fluss“. Hans Küster stand vor Dutzenden Mitgefangenen der „Bremen“ und blies. Der Beifall war gewaltig!
Heute, 23. Januar 2026, las ich in der Zeitung, dass die Dänen über die Vereinbarungen des NATO-Generalsekretärs Mark Rutte mit Donald Trump über Grönland höchst verärgert seien und in den Supermärkten keine amerikanischen Waren mehr kauften. Beide Politiker haben über den Kopf der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen verhandelt. Es ist wie zur Kolonialzeit: Die Betroffenen werden überhaupt nicht befragt.
Ein Däne, den ich sehr verehre, ist der Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855), der am 11. November 1855 in Kopenhagen verstarb. Ich war 100 Jahre später 18 Jahre alt, lebte seit 1. September im HAUS AICHELE in Beuren und fuhr jeden Tag mit Bus und Bahn zur Oberschule nach Kirchheim/Teck. Im November erschien zum 100. Todestag Sören Kierkegaards als Fischer-Taschenbuch eine Auswahl von Schriften des Dänen, die ich mir am Stuttgarter Hauptbahnhof für 1.90 DM kaufte, als ich in den Weihnachtsferien nach Rodach zu meinen Eltern fuhr. Im Zug zwischen Stuttgart und Nürnberg musste ich aber zwei Mark Zuschlag zahlen, weil ich mit einem Schnellzug fuhr. Ich hatte das Geld aber nicht mehr, da ich das Taschenbuch in Stuttgart gekauft hatte. Mehrmals sagte der durch die Waggons gehende Schaffner zu mir, er bekäme noch zwei Mark. Schließlich erbarmte sich ein Fahrgast und schenkte mir das Geld. Ich weiß noch, ich hatte einen Stehplatz, aber das vergaß ich, als ich in diesem Taschenbuch zu lesen begann. Ich war begeistert, entzückt, gerührt bei dem, was ich da las. Im Jahr darauf lieh ich mir in der Stadtbücherei Kirchheim den Band „Entweder – oder“ aus, seine erste Buchveröffentlichung 1843. Später, als Student in Berlin, besuchte ich zwei Kierkegaard-Seminare bei dem Theologen Heinrich Vogel (1902-1987) und bei dem Philosophen Michael Theunissen (1932-2015).
In Waldheim war ich am 2. September 1962 angekommen und arbeitete beim VEB ELMO im zweiten Stock mit drei älteren Herren beim Überprüfen von Statoren. Der eine war als Zeuge Jehovas verurteilt, der zweite hatte nach 1933 zwei Kommunisten verprügelt und hatte dafür in der DDR zehn Jahre bekommen, der dritte war Dozent gewesen an der Ingenieurschule in Roßwein, das lag nur wenige Kilometer entfernt. Nach wenigen Tagen wurde ich in den zweiten Stock zu Walter Gardziella versetzt, der einen üblen Ruf hatte. Aber auch dort war ich nicht lange, ich kam ins Prüffeld zu Bruno Bendereit und seinen Leuten, dort blieb ich bis Januar 1964.
Im Oktober 1962 musste ich auch die Zelle wechseln und kam zu Hans Wild, der wegen Spionage für Reinhard Gehlen (Bundesnachrichtendienst) zwölf Jahre abzusitzen hatte, nach Wilhelm Piecks Tod am 7. September 1960 wurde seine Strafe auf neun Jahre herabgesetzt. Mit ihm war ich 13 Monate auf einer Zelle. Er wurde am 22. November 1963 mit weiteren Langstrafern aus Waldheim ins Zuchthaus Brandenburg verlegt.
Wir lasen in Waldheim auch die WOCHENPOST, die es heute nicht mehr gibt. Sie hatte eine wöchentliche Rubrik „Aus dem Gerichtssaal“. Und da las ich im Dezember 1962 einen Beitrag über den schwedischen Studenten Leif Persson, der in Westberlin studiert und vor einem Ostberliner Gericht zu zehn Jahren verurteilt worden war, weil er zehn DDR-Flüchtlinge nach Westberlin geschleust hatte. Da sagte ich zu Hans Wild, als ich das las: „Wenn ich einmal nach Schweden komme und Leif Persson treffe, werde ich ihm die Hand schütteln!“ Vier Jahre später war ich Deutschlehrer in Västergötland und hatte zwei Städte zu betreuen. In der Stadt Alingsas fragte ich meine Schüler, ob ihnen Leif Persson bekannt sein. „Der wohnt hier!“, sagten sie mir. Das war unglaublich, denn Schweden ist ein riesiges Land. Ich besuchte ihn noch am selben Abend. Er war, was verständlich war, etwas zurückhaltend, aber dann erzählte er mir seine Geschichte. Die Stockholmer Wochenzeitung EXPRESSEN hat in zehn Teilen seine Erlebnisse veröffentlicht.
Am 21. Januar wurde im Coburger Jugendzentrum COSMOS die Ausstellung über die Staatssicherheit „Alles wissen wollen“ eröffnet. Das Gebäude war, wie ich vermutet hatte, die alte Turnhalle, die wir in den fünfziger Jahren immer benutzt hatten als Schüler des Gymnasiums Casimirianum. Zur Eröffnung fand eine Podiumsdiskussion statt, an der Evelyn Zupke, die SED-Opferbeauftragte der Bundesregierung, und Daniela Münkel von der Gauck-Behörde teilnahmen. Da diese Diskussion bis 19.00 Uhr dauerte, konnte am nächsten Morgen noch nichts in den beiden Coburger Zeitungen stehen. Am Freitag, 23.Januar, stand ein Bericht in der NEUEN PRESSE. Das COBURGER TAGEBLATT ließ sich Zeit und berichtete acht Tage später, am 29. Januar. Um das zu vertuschen, wurde nirgendwo das Datum genannt, der 21. Januar, an dem die Podiumsdiskussion stattgefunden hatte. Der Artikel las sich so, als hätte der Verfasser nicht unter den Zuhörern gesessen, sondern sich alles berichten lassen. Einmal sprach er vom „Minister für Staatssicherheit Erik Nietzsche“. Da habe ich nur schrill aufgelacht. Offensichtlich gibt es in der Redaktion niemanden, dem dieser Faux Pas aufgefallen war, nicht einmal dem Redakteur, der den Text bearbeitet hatte. Die Zeitung brachte auch keine Richtigstellung und entschuldigte sich nicht bei ihren Lesern!
Der Westberliner Student Rolf Niemann, geboren 1939, kam 1963 zu uns nach Waldheim. Er war zu zwei Jahren verurteilt, erschien aber kaum zur Arbeit bei der ELMO, sondern lag auf der Krankenzelle. Ich sagte zu ihm, dass er so die Verhältnisse im Zuchthaus Waldheim nie kennenlernen könne, wenn er dauernd fehle: Aufstehen um 4.00 Uhr morgens, arbeiten von 5.30 Uhr bis 14.30 Uhr, Hofgang, Einschluss, Gespräche mit anderen Gefangenen. Das alles entginge ihm. Er lächelte nur über meine Vorwürfe und schaffte es tatsächlich, noch vor Ablauf seiner zwei Jahre, in den Westen entlassen zu werden. Ich flog, freigekauft am 25. August 1964, im Herbst darauf von Frankfurt/Main nach Westberlin und besuchte ihn. Was er mir dann über seine Haftgründe erzählte, machte sein Verhalten in Waldheim verständlich. Er war in einer Fluchthelfergruppe aktiv gewesen. Das waren Westberliner Studenten, die fluchtwillige DDR-Bürger im Schnellzug Wien-Kopenhagen außer Landes brachten. Dieser Zug fuhr von Wien über Prag, Dresden, Ostberlin, Rostock nach Kopenhagen. Unterwegs stiegen die „Republikflüchtlinge“ in diesen Zug und bekamen von Rolf Niemann und der dänischen Studentin Bente Arnstrup gefälschte österreichische Pässe zugesteckt. Rolf hatte einen zwei Meter langen Schal, mit dem er den Flüchtlingen Zeichen gab: War Gefahr im Verzug, trug er den Schal in der Hand; war alles in Ordnung, hatte er ihn um den Hals geschlungen. Irgendwann wurde er von der Staatssicherheit festgenommen, aber sie konnte ihm nichts nachweisen. Deshalb galt sein ganzes Bestreben in Waldheim der baldigen Abschiebung in den Westen. Denn, so seine Ängste, wäre ein weiteres Mitglied seiner Fluchthelfergruppe verhaftet worden, das ihn als Fluchthelfer enttarnt hätte, wäre er zu fünf bis sieben Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Rolf wurde später an der Freien Universität Berlin vom dem Politikwissenschaftler Richard Löwenthal (1908-1991) promoviert und starb 1995 in Bonn an Krebs.
Der Leipziger Kabarettist und Schauspieler Peter Sodann (1936-2024) lag während meiner Untersuchungshaft bei der Staatssicherheit in der Leipziger Beethovenstraße im Februar/März 1962 in meiner Nachbarzelle. Wenn die Wachmannshaft morgens das Frühstück verteilte und dadurch unaufmerksam war, klopfte ich, mit dem Rücken zur Wand sitzend, und erfuhr, er wäre der Leiter des Studentenkabaretts „Rat der Spötter“. Außer ihm wäre noch weitere sechs Mitglieder des Kabaretts verhaftet worden wegen eines Sketches über Walter Ulbricht. Er wäre morgens um 6.00 Uhr, also zu nachtschlafender Zeit, am Samstag, 9.September 1961 festgenommen worden, weil die Staatssicherheit fürchtete, er wollte an diesem Wochenende verreisen. Leider aber war für ihn, da die Staatssicherheit nach dem Mauerbau am 13. August 1961 so viele „Staatsfeinde“ verhaftet hatte, dass selbst die Untersuchungsgefängnisse überfüllt waren, keine Zelle frei. Also wurde er stundenlang durch Leipzig gefahren, zwischendurch riefen die „Genossen von der Sicherheit“ (Wolf Biermann) mehrmals in der Beethovenstraße an, bis eine Zelle frei war. Er und seine Mit-Spötter sind dann, ohne verurteilt worden zu sein, nach zehn Monaten, im Juni 1962, mit hohen Bewährungsauflagen wieder entlassen worden. Erich Loest hat mich vor ihm und seinen Freunden gewarnt, weil sie vermutlich Verpflichtungserklärungen unterschrieben hätten. Zwei der Spötter haben Bücher über das Leipziger Studentenkabarett geschrieben: Ernst Röhl „Rat der Spötter“ (2002) und Peter Sodann „Keine halben Sachen“ (2008). Die Spötter hatten denselben Staatsanwalt wie ich in meinem Prozess, den Bezirksstaatsanwalt Albert Holzmüller. Röhl und Sodann berichten übereinstimmend, dass einer ihrer Mitstreiter, Jahre nach der Verhaftung und der Einstellung des Prozesses, in Leipzig auf der Straße Albert Holzmüller getroffen hätte. Sie hätten sich freundlich begrüßt und nach ihrem gegenseitigen Befinden befragt. Da hätte Holzmüller geklagt, ihm ginge es überhaupt nicht gut, sein Sohn hätte „Republikflucht“ begangen und er selbst wäre auf Rente geschickt worden und hätte auch alle Ehrenämter verloren! Jahrzehnte später, im März 1989, veröffentlichte der DDR-Schriftsteller Christoph Hein (1944) im Ostberliner Aufbau-Verlag die Erzählung „Der Tangospieler“. Der Autor hatte 1967 in Leipzig Philosophie studiert und damals vermutlich von dieser Geschichte erfahren. Diese Erzählung ist der einzige, in einem DDR-Verlag veröffentlichte Text über das Schicksal eines politischen Häftlings.
Den Schriftsteller und Verlagslektor Bernd Jentzsch lernte ich auf der Frankfurter Buchmesse kennen, ich vermute 1977, als er den Schweizer Walter-Verlag in Olten, wo er nach der Ausbürgerung 1976 Lektor geworden war. Er war vom DDR-Kulturministerium unter Hans-Joachim Hoffmann im Herbst 1976, noch vor der Ausbürgerung Wolf Biermanns am 16. November, in die Schweiz geschickt worden, weil er an einer Anthologie deutscher Gegenwartslyrik arbeitete, in der auch Schweizer Autoren vertreten sein sollten. Während seines Aufenthalts dort wurde Wolf Biermann ausgebürgert. Da schrieb er mit bewundernswerter Kühnheit einen „Offenen Brief“ an Erich Honecker und machte auf die jahrelang gedemütigten DDR-Schriftsteller aufmerksam, deren Texte entstellt und umgeschrieben worden waren, ehe sie überhaupt erscheinen konnten. Er verwies auf ein Dutzend DEFA-Filme, die Unsummen staatlicher Fördergelder bekommen hätten, aber aus politischen Gründen nie gezeigt worden wären. Der berühmteste dieser Filme war „Das Kaninchen bin ich“ (1969) von Otto Maetzig. Dieser Brief wurde in der Schweizer Zeitung „Der Bund“ veröffentlicht. Ich habe ihn mir schicken lassen.
Bernd Jentzsch als erfahrener DDR-Bürger wird nicht gehofft haben, von Erich Honecker einen Brief zu bekommen, der so begonnen hätte: „Lieber Herr Jentzsch, das habe ich ja alles nicht gewusst. Das werden wir aber sofort ändern!“ Erich Honecker hat nie geantwortet, seine Paladine werden ihn mit diesem „Kleinkram“ nicht belästigt haben. Aber sie haben reagiert und diesen Brief an Erich Mielke, den Minister für Staatssicherheit, weitergeleitet. Und der setzte Bernd Jentzsch vermutlich wegen „staatsfeindlicher Hetze“ auf die Fahndungsliste, sodass er nicht zu Frau Birgit und Sohn Stefan nach Ostberlin heimkehren konnte. Als ich ihn 2005 in Euskirchen/Rheinland besuchte, erzählte er mir, dass seine Frau, als sie noch in Ostberlin lebte und auf die Ausreise wartete, Besuch von dem Lyriker Karl Mickel (1935-2000) bekommen hätte. Sie hätten miteinander geplaudert, dann wäre sie in die Küche gegangen, um Kaffee zu kochen. Währenddessen suchte er in der Bücherwand seinen Gedichtband „Eisenzeit“ (1975) heraus, dem er Bernd mit Widmung geschenkt hatte. Er riss die Widmungsseite heraus und nahm sie mit. Der Staatssicherheit gegenüber hätte er nun behaupten können, Bernd Jentzsch niemals freundschaftlich verbunden gewesen zu sein. Der ausgebürgerte Lyriker wurde 1991 Gründungsdirektor des „Deutschen Instituts für Literatur“ in Leipzig und wohnt jetzt als Rentner in Euskirchen. Eigentlich will er schon seit Jahren seine Autobiografie schreiben, aber er tut es nicht! Wenn man ihn danach fragt, antwortet er, seine Biografie stecke in seinen Büchern. Wenn ich ihm Kopien von Artikeln schickte, bedankt er sich mit zwei, drei Worten, mehr nicht!
Den Romanautor Erik Neutsch (1931-2013) habe ich 1994 in Halle-Neustadt besucht. Ich wollte im Auftrag der WELT in Bonn, wo ich 1977/78 Kulturredakteur gewesen war, ein Interview mit ihm machen, nachdem er seinen vieldiskutierten Roman „Totschlag“ (1994) veröffentlicht hatte. Sein opus magnum, den Roman „Spur der Steine“ (1964) kannte ich, von der Verfilmung 1966, die nach drei Tagen aus den DDR-Kinos verschwand, hatte ich gehört. Im neuen Roman „Totschlag“ ging es um einen Facharbeiter aus Halle, der sich vor 1989 mit finanzieller Hilfe der Stadt ein Eigenheim gebaut hatte. Dann stürzte die Mauer ein am 9. November 1989, die Stadt Halle bekam einen neuen Finanzdezernenten „aus dem Westen“, der in Texas studiert hatte. Er berechnete alles neu und verlangte von allen Arbeitern, die sich in Halle Eigenheime gebaut haben, hohe Nachzahlungen. Da besorgte sich Manfred Gütlein bei den „Freunden“, wie die russische Besatzungsmacht genannt wurde, eine Pistole, ging ins Rathaus und erschoss den Finanzdezernenten. Dieser Roman wurde bei DDR-Lesern bejubelt, vier Jahre nach der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990.
Erik Neutsch wohnte 1994 in Halle-Neustadt. Das Haus war mit einer Mauer umgeben. Neben der Tür stand in 20 Zentimeter hohen Buchstaben nur der Name NEUTSCH. Ich wurde freundlich empfangen, seine Frau Helga war auch dabei. Wir unterhielten und zwei Stunden, dann fuhr ich nach Bonn zurück und schrieb meinen Artikel. Aber vorher erzählte ich ihm noch von dem Lyriker Heinz Czechowski (1935-2009), den ich vor der Jahrtausendwende noch in der Bonner Innenstadt getroffen hatte. Ich erkannte ihn und sprach ihn an, er war sehr erregt, als ich Erich Loest und Erik Neutsch erwähnte. Wir standen an der Straße, die zwischen Universität und Altem Rathaus vorbeiführt. Er redete auf mich ein, fand es schlimm, dass Erich Loest das Literaturinstitut in Leipzig kaufen wollte und überquerte die vielbefahrene Straße zum Rathausplatz. Auf der anderen Seite fiel ihm ein neues Anti-DDR-Argument ein und er kam zurück durch den flutenden Verkehr, um mich zu belehren. Seine Autobiografie „Pole der Erinnerung“ (2006) habe ich gelesen. Ich erinnerte mich, dass er vor Wochen in der FRANKFURTER RUNDSCHAU einen Leserbrief gegen Erik Neutsch und seinen sechsbändigen Romanzyklus „Der Friede im Osten“ (fünf Bände 1974/87) geschrieben hatte. Der Zyklus war noch nicht vollendet, als die Mauer fiel. Ein letzter Band erschien noch 2014 aus dem Nachlass, unvollendet. Heinz Czechowski machte sich darüber lustig, dass Erik Neutsch verkündet hatte, er werde die fünf Bände einstampfen lassen oder neu schreiben, denn er sei jetzt auch zur Erkenntnis gelangt, dass der „Prager Frühling“ kein westlicher Putschversuch gewesen sei. Der Leserbriefschreiber erklärte hohnlachend, jetzt werde Erik Neutsch wohl eine Romanreihe als Hohes Lied auf den Kapitalismus schreiben. Wenige Tage danach fuhr ich zur Leipziger Buchmesse und machte einen Umweg über Halle, um den Mitteldeutschen Verlag zu besuchen. Ich wollte den Romanzyklus von Erik Neutsch kaufen, ehe er eingestampft würde. Der Verlagsleiter Dr. Eberhard Günther war nicht anwesend, aber ich kam an seinem Zimmer vorbei und sah zwei der Erik-Neutsch-Bände im Regal stehen. Erst danach kam ich ins Zimmer, wo die Sekretärinnen saßen. Es war das Jahr 1990, noch vor der Währungsunion. Die Sekretärinnen wollten mir die Bücher nicht verkaufen, weil sie auf Wunsch des Autors eingestampft werden sollten. Dann bot ich Westgeld an und bekam sie. Dr. Eberhard Günther, geboren 1931 in Dresden, hat Germanistik und Geschichte studiert und wurde 1964 mit einer Arbeit „Die frühen Dramen Friedrich Wolfs“ promoviert. Er war 1973/90 Direktor des Mitteldeutschen Verlags in Halle und zog dann als Rentner in seine Heimatstadt Dresden. In den Jahren 1975/89 war er als IM „Richard“ auch für die Staatssicherheit tätig. Sein Buch „Verleger – mehr als ein Beruf. Erinnerungen“ (2009) hat er auch Erich Loest nach Leipzig geschickt, der es ungeöffnet zurückgehen ließ.
