Verfolgt von Konrad Adenauers „Häschern“ – Zum Tod des Kommunisten Jupp Angenfort

Meer, Foto: Stefan Groß

 

Seit meiner Entlassung im Sommer 1964 aus dem Zuchthaus Waldheim lese ich kommunistische Zeitungen. Man muss schließlich wissen, was der „Klassenfeind“ treibt und welche Pläne er bis zum Mauerfall 1989 bei der Umgestaltung Westdeutschlands verfolgte. Am 19. März las ich dort, in den Zeitungen „Neues Deutschland“ und „Unsere Zeit“, Todesanzeigen für den in Düsseldorf verschiedenen „Klassenkämpfer“ Jupp Angenfort (1924-2010), der sein ganzes Kommunistenleben der „Befreiung der Menschheit“ gewidmet hatte.

Kam mir der Name nicht bekannt vor? Lief da nicht 1962 in der FDJ-Zeitung „Junge Welt“, die wir zur „Umerziehung“ auch in Waldheim lesen durften, eine irre Politstory in Fortsetzungen „Unser Freund Jupp“? Im „Neuen Deutschland“ konnten wir doch damals ständig polemische Artikel über westdeutsche „Friedensfreunde“ lesen, die von den „Bonner Ultras“, so hieß die Regierung unter Konrad Adenauer, verfolgt und von einer „reaktionären Justiz“ durch „Terrorurteile“ für fünf bis sieben Monate ins Gefängnis geschickt worden waren. Am Schicksal Jupp Angenforts konnten wir uns endlich ein „zutreffendes Bild“ von diesem „schrecklichen Staat“ machen, in welchen wir alle ausgebürgert werden wollten!

Josef Angenfort, so der Taufname, wurde als Sohn eines Düsseldorfer Eisenbahners katholisch erzogen und geriet im Oktober 1943 an der Ostfront in russische Gefangenschaft. Er besuchte, noch keine 20 Jahre alt, die „Antifa-Schule“ und durfte danach deutsche Kriegsgefangene aufklären, für wen sie gekämpft hatten. Im März 1949 kehrte er nach Düsseldorf zurück, wurde KPD-Mitglied und FDJ-Vorsitzender in Westdeutschland, 1951 schließlich auch Mitglied des Landtags in Nordrhein-Westfalen.

Dann aber kam es knüppeldick! Am 26. Juni 1951 wurde die FDJ verboten und fünf Jahre später, am 17. August 1956, auch die KPD. Schlimme Zeiten also für „unseren Freund Jupp“! Er wurde im März 1953 verhaftet, am 4. Juni 1955 wegen „Hochverrats“ zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, die er in Münster absaß, und im April 1957 von Bundespräsident Theodor Heuss begnadigt. Da er offenbar wiederholt gegen die Bewährungsauflagen verstoßen hatte, wurde er am 28. Februar 1962 erneut verhaftet, fast fünf Jahre nach seiner Begnadigung, und kam nach München-Stadelheim. Von dort gelang ihm, während eines Gefangenentransports, die Flucht am 4. April 1962, die ihn schließlich ins „gelobte Land“, den ummauerten SED-Staat, führte.

Es ist die übliche Geschichte eines treuen Parteisoldaten, der den demokratischen Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland nicht anerkennen wollte, obwohl er nach seiner Rückkehr aus dem „DDR-Exil“ 1968 eine führende Rolle in der „Deutschen Kommunistischen Partei“ (DKP) einnehmen sollte, die am 25.September 1968 unter Duldung durch Gustav Heinemann, den Justizminister der Großen Koalition 1966/69, gegründet worden war. In der Gruselgeschichte „Unser Freund Jupp“, der den Lesern der „Jungen Welt“ 1962 präsentiert wurde, erscheint die noch junge Bundesrepublik, der Zufluchtsort Hunderttausender von DDR-Flüchtlingen, als „faschistischer“ Nachfolgestaat des 1945 untergegangenen „Dritten Reiches“, der seine politischen Gegner gnadenlos verfolgte, so dass sie in den Untergrund abtauchen mussten. Wäre da nicht ein „fortschrittlicher Pfarrer“ gewesen, der dem vor „Adenauers Häschern“ fliehenden Jupp Unterschlupf gewährt hätte, so wäre er unzweifelhaft in den düsteren „Kerkern“ der westdeutschen „Klassenjustiz“ verkommen.

Das alles lasen wir zähneknirschend, unsere eigene Lage bedenkend, im Sommer 1962 im Zuchthaus Waldheim in Sachsen!

 

Jörg Bernhard Bilke
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Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.