Locarno. Es gibt Filmfestivals, die ihre Eröffnung als glamouröses Schaulaufen inszenieren. Und es gibt Locarno. Auf der ausverkauften Piazza Grande, die sich an diesem warmen Sommerabend bis auf den letzten der rund 8.000 Plätze füllte, wurde einmal mehr deutlich, weshalb das Festival zu den schönsten und menschlichsten der internationalen Kinowelt zählt. Zwischen der historischen Fassade der Altstadt und dem offenen Himmel entstand eine Atmosphäre, die zugleich festlich, herzlich und von großer cineastischer Leidenschaft geprägt war.
Im Mittelpunkt des Eröffnungsabends stand Isabella Rossellini, die mit dem Excellence Award ausgezeichnet wurde. Kaum eine Persönlichkeit verkörpert die Verbindung von Filmgeschichte und zeitgenössischem Kino so selbstverständlich wie sie. Schauspielerin, Autorin, Regisseurin und neugierige Grenzgängerin zwischen Kunst und Wissenschaft – Rossellini nahm die Ehrung mit jener Mischung aus Eleganz, Bescheidenheit und feinem Humor entgegen, die sie seit Jahrzehnten auszeichnet.
Besonders bewegend wurde der Moment, als sie an ihre Familie erinnerte. Ihr Vater Roberto Rossellini war bereits 1948 in Locarno ausgezeichnet worden, ihr Halbbruder Renzo Rossellini erhielt hier vor wenigen Jahren einen Ehrenpreis. Dass sie nun selbst in diese familiäre Geschichte des Festivals eintreten durfte, erfüllte sie sichtbar mit großer Dankbarkeit und Rührung. Das Publikum auf der Piazza quittierte ihre Worte mit lang anhaltendem Applaus und einer stehenden Ovation.
Doch nicht nur die Preisträgerin sorgte für emotionale Augenblicke. Die Festivalleiterin Maja Hoffmann eröffnete die 79. Ausgabe des Festivals mit einer Rede, die spürbar von persönlicher Ergriffenheit getragen war. Sie sprach über die verbindende Kraft des Kinos, über die Bedeutung kultureller Begegnungen in bewegten Zeiten und über die Verantwortung eines Festivals, Räume für Neugier, Empathie und den offenen Austausch zu schaffen. Ihre sichtbare Rührung verlieh den Worten eine besondere Authentizität – und machte deutlich, wie viel Herzblut in diesem Festival steckt.
Gerade diese Mischung aus Weltklasse und Nahbarkeit macht den unverwechselbaren Charakter von Locarno aus. Während andere Festivals vor allem auf Stars und Premieren setzen, bleibt hier stets Platz für das Publikum. Die Piazza Grande wird alljährlich zum größten Freiluftkino Europas und zugleich zu einem Ort gemeinsamer Filmbegeisterung. Familien, Cineastinnen und Cineasten, internationale Gäste und Einheimische erleben das Kino Seite an Seite – eine selten gewordene Form kultureller Gemeinschaft.
Das warme Sommerwetter trug seinen Teil zu diesem beinahe mediterranen Zauber bei. Als die Dämmerung langsam über den Lago Maggiore zog und sich die Leinwand über der Piazza erhellte, entstand jener besondere Augenblick, den nur das Kino unter freiem Himmel schenken kann: Tausende Menschen teilen dieselbe Geschichte, dieselben Bilder, dieselben Gefühle.
Mit dieser feierlichen Eröffnung hat das Locarno Film Festival ein starkes Zeichen gesetzt. Die Ehrung Isabella Rossellinis würdigte nicht nur eine außergewöhnliche Künstlerpersönlichkeit, sondern erinnerte zugleich daran, dass große Filmkunst immer auch von Erinnerungen, familiären Geschichten und menschlichen Begegnungen lebt. Der lange Applaus auf der Piazza Grande war deshalb weit mehr als eine höfliche Geste – er war ein Bekenntnis zu einem Festival, das seit Jahrzehnten beweist, dass das Kino Menschen zusammenbringen kann.
