Mancher etwas entlegene Verlag birgt noch den einen oder anderen literarischen Schatz, den es (neu) zu entdecken gilt. Im Jahr 1958 erschien der Kriminalroman „A Penknife in my Heart“. Autor war Nicholas Blake – ein Pseudonym des englischen Lyrikers Cecil Day-Lewis (1904-1972), Vater des dreifach Oscar-prämierten Schauspielers Daniel Day-Lewis („Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“). Vor einigen Jahren hat der Coesfelder Elsinor-Verlag das Buch unter dem Titel „Ein glühend Messer“ neu herausgebracht.
Elsinor unterhält eine eigene Rubrik mit neu- oder wiederentdeckten Klassikern der Spannungsliteratur https://www.elsinor.de/thriller/. Der Verlag hat seinem 200-seitigen Roman ein paar Verse aus Gustav Mahlers „Lieder(n) eines fahrenden Gesellen“ vorangestellt: „Ich hab‘ ein glühend Messer/ Ein Messer in meiner Brust. /O weh! Das schneid’t so tief/In jede Freud‘ und jede Lust“. Und genau um diese Themen geht es in dem psychologischen Kriminalroman, der sich auch fast 70 Jahre nach seinem Erscheinen noch sehr „frisch“ liest: Begehren, Leidenschaft, eine unglückliche Ehe, Habgier, Sühne. Der englische Originaltitel entstammt als Zitat allerdings einem traditionellen Kinderreim.
In einem Postscriptum schreibt Blake, dass er erst nach Fertigstellung des Manuskripts davon gehört habe, dass die Grundidee seiner Geschichte – zwei Fremde verabreden sich, einen Mord zu begehen, von dem der jeweils andere „profitieren“ soll – Ähnlichkeiten mit der Konstellation des Romans „Zwei Fremde im Zug“ habe. Hierbei handelt es sich um den ersten veröffentlichten psychologischen Kriminalroman der amerikanischen Autorin Patricia Highsmith, der von Alfred Hitchcock auch erfolgreich verfilmt wurde.
Es ist für heutige Leser einerlei, ob Blakes Beteuerung wirklich glaubhaft ist. Auch wenn „Ein glühend Messer“ über Jahrzehnte völlig im Schatten des Highsmithschen Meisterwerks stand, spricht dies nicht gegen den weniger bekannten Roman. Die spannende und nicht bloß auf „Action“ ausgelegte Handlung kommt mit wenigen Personen aus. Da ist zum einen Charles Hammer, ein Typ wie Jack Londons „Seewolf“ Wolf Larsen. Eine Kraftnatur, intelligent, verschlagen und immer darauf bedacht, die Menschen, mit denen er es zu tun hat, zu dominieren und zu demütigen. Zum anderen ist da der verheiratete Schriftsteller Ned Stowe, wie Larsens Gegenspieler Humphrey van Weyden ein intellektueller Schöngeist, der unter seiner neurotischen Frau leidet.
Hammers Plan: Stowe soll Hammers Onkel Herbert Beverly ermorden, der in Kürze an Informationen gelangen dürfte, die sein ausschweifendes Leben und seine materiellen Ressourcen gefährden könnten. Der brutale Machtmensch Hammer will dafür Stowes Gattin meucheln, damit dieser endlich frei ist für die schöne Laura, mit der der Theaterautor eine heimliche Affäre unterhält.
Anekdote am Rande: Day-Lewis alias Blake, der kurz vor seinem Tod noch von Königin Elisabeth II. zum Poet Laureate (Hofdichter) ernannt wurde, unterhielt während seiner ersten Ehe eine neunjährige, teilweise öffentlich geführte Affäre mit der Schriftstellerin Rosamond Lehmann, die er aber später für seine zweite, wesentlich jüngere Ehefrau Jill Balcon verließ.
Die Auflösung von „Ein glühend Messer“ sei hier nicht verraten. Allerdings darf verraten werden, dass sich die Mordpläne nicht so einfach realisieren lassen, wie sie in Hammers teuflischem Pakt ersonnen wurden. Auch wenn der Roman schon 70 Jahre alt ist, liest er sich in keiner Weise altbacken oder unfreiwillig komisch. Die Seelenpein des Protagonisten Ned Stowe lässt sich auch heute gut nachvollziehen. Anders als der kalte und brutale Hammer wird er gleichsam von Sühne zerfressen.
Unter seinem Pseudonym Nicholas Blake hat Day-Lewis an die zwanzig weitere Kriminalromane verfasst, meist mit dem exzentrischen Privatdetektiv Nigel Strangeways als Ermittler. Einige davon sind bei Klett-Cotta neu herausgebracht worden: https://www.klett-cotta.de/personen/nicholas-blake-p-793 Auch die Vorlage zu Claude Chabrols Meisterwerk „Das Biest muss sterben“ (1969) stammt aus der Feder des Autors. Eine Neulektüre seiner Bücher lohnt sich allemal.
Nicholas Blake: Ein glühend Messer. Kriminalroman. Elsinor Verlag: Coesfeld 2012, 200 Seiten.
