Das BAföG ist eine jener deutschen Institutionen, die im politischen Gedächtnis größer wirken als in der Lebenswirklichkeit vieler Studenten. Sein Versprechen ist stark. Bildung soll nicht davon abhängen, ob Eltern ein Studium finanzieren können. Seine Realität ist komplizierter. Anträge, Bedarfssätze, Wohnkosten, Elternfreibeträge, Altersgrenzen und Förderhöchstdauern machen aus einem sozialen Aufstiegsinstrument ein Verwaltungsgebiet. Die Bundesregierung hat nun eine Reform auf den Weg gebracht. Die Wohnkostenpauschale soll steigen, ebenso der Grundbedarf, allerdings später als zunächst angekündigt. Das ist mehr als nichts. Es ist aber weniger als eine Antwort auf die eigentliche Frage.
Denn Studienfinanzierung entscheidet nicht nur darüber, ob ein junger Mensch genug Geld für Miete und Mensa hat. Sie entscheidet darüber, wer sich Zeit leisten kann. Wer neben einem Vollzeitstudium zwanzig Stunden arbeitet, studiert unter anderen Bedingungen als jemand, dessen Eltern die Überweisung am Monatsanfang erledigen. Formell sitzen beide im selben Seminar. Materiell besuchen sie unterschiedliche Universitäten. Der eine liest am Abend, der andere steht an der Kasse oder fährt Essen aus. Chancengleichheit scheitert selten an der Immatrikulation. Sie scheitert im Alltag.
Die Wohnkosten sind längst Teil der Bildungsfrage
Die geplante Erhöhung der Wohnkostenpauschale trägt einer Entwicklung Rechnung, die in fast jeder Hochschulstadt sichtbar ist. Mieten sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, günstige Wohnheimplätze bleiben knapp. Ein pauschaler Satz kann diese Unterschiede nie vollständig abbilden. Wer in einer teuren Großstadt studiert, lebt in einer anderen Kostenwelt als jemand in einer kleineren Universitätsstadt. Dennoch ist eine höhere Pauschale notwendig, weil eine Förderung, die den realen Wohnkosten systematisch hinterherläuft, ihren Zweck verfehlt.
Problematischer ist die politische Gewohnheit, das BAföG in unregelmäßigen Schritten zu reparieren. Inflation, Mieten und Lebenshaltung entwickeln sich kontinuierlich, die Förderung dagegen sprunghaft. Dadurch entsteht immer wieder derselbe Zustand. Eine Reform wird beschlossen, kurz darauf ist sie bereits zu knapp bemessen. Der Sozialstaat verwaltet den Abstand zwischen Anspruch und Realität, statt einen Mechanismus zu schaffen, der die Förderung regelmäßig an nachvollziehbare Größen koppelt.
Studieren darf keine Herkunftsentscheidung werden
Es gibt zudem eine kulturelle Seite der Debatte. Deutschland spricht gern von Bildung als wichtigstem Rohstoff, behandelt Studierende aus einkommensschwachen Familien aber häufig so, als erhielten sie eine großzügige Sonderleistung. Dabei ist Ausbildungsförderung keine milde Gabe. Sie ist eine Investition in gesellschaftliche Mobilität. Ein Land, das über Fachkräftemangel, Innovation und sozialen Aufstieg klagt, kann es sich nicht leisten, dass Talent an der Frage scheitert, ob die Eltern eine zweite Miete bezahlen können.
Das bedeutet nicht, jede Studienentscheidung müsse vollständig vom Staat finanziert werden. Eigenverantwortung gehört zu Ausbildung und Erwachsenwerden. Nebenjobs können sinnvoll sein, sie bringen Erfahrung und Unabhängigkeit. Aber es gibt einen Unterschied zwischen zusätzlichem Einkommen und struktureller Notwendigkeit. Wenn Studenten arbeiten müssen, um überhaupt studieren zu können, verschiebt sich die Auswahl an den Hochschulen still in Richtung Herkunft.
Mit dem Kabinettsbeschluss vom 12. August sind die höheren Sätze zunächst geplant, nicht bereits ausgezahlt. Nach dem Entwurf soll die Wohnkostenpauschale für auswärts wohnende Studierende im Sommersemester 2027 von 380 auf 440 Euro steigen. Der Grundbedarf, derzeit 475 Euro, soll zum Wintersemester 2027/28 auf 503 Euro und zum Sommersemester 2029 auf 563 Euro angehoben werden. Schon diese Staffelung zeigt das politische Problem: Die Reform reagiert auf heutige Preise mit Beträgen, die teilweise erst in mehreren Semestern ankommen.
BAföG als Versprechen sozialen Aufstiegs
BAföG war einmal ein starkes Versprechen sozialer Mobilität. Es sagte einem Kind aus einem Haushalt ohne akademische Tradition, dass ein Studium nicht daran scheitern müsse, ob die Eltern eine Wohnung in München, Hamburg oder Berlin mitfinanzieren können. Dieses Versprechen verliert an Glaubwürdigkeit, wenn die Förderung der realen Kostenentwicklung dauerhaft hinterherläuft oder wenn Anträge so kompliziert werden, dass Hilfe erst kommt, nachdem Semestergebühren, Kaution und erste Mieten längst bezahlt werden mussten.
Dabei geht es nicht darum, jede studentische Lebenshaltung vollständig durch den Staat zu finanzieren. Auch Studierende arbeiten, Familien helfen, Stipendien und Kredite ergänzen. Aber BAföG hat eine andere Funktion als ein beliebiger Zuschuss. Es soll Bildungschancen von der familiären Liquidität entkoppeln. Genau deshalb ist die Wohnkomponente politisch so empfindlich. Ein bundesweit einheitlicher Betrag trifft auf einen Wohnungsmarkt, dessen Unterschiede enorm sind. Die Frage, ob regionale Komponenten sinnvoll wären, verdient zumindest eine ernsthafte Prüfung – auch wenn sie das System komplizierter machen könnten.
Die geplante regelmäßige Überprüfung ab 2030 weist in die richtige Richtung. Sozialleistungen, die nur in größeren politischen Abständen angepasst werden, altern in Zeiten schwankender Inflation schnell. Entscheidend wird jedoch sein, ob die Reform zusätzlich einfacher, digitaler und verlässlicher wird. Ein Förderanspruch, dessen Bearbeitung Monate dauert, ist für jemanden ohne finanzielles Polster nur ein theoretischer Anspruch. Bildungsgerechtigkeit entscheidet sich nicht im Gesetzblatt, sondern an dem Tag, an dem die Miete fällig wird.
Auch die Verwaltung entscheidet über Chancen
Auch die Verwaltung gehört reformiert. Ein Förderinstrument, das genau jene Menschen erreichen soll, die wenig finanziellen Puffer haben, darf nicht monatelange Unsicherheit produzieren. Digitalisierung allein hilft dabei nicht, wenn die Regeln kompliziert bleiben. Ein schlechter Prozess wird nicht gut, weil das Formular auf einem Bildschirm erscheint. Deutschland verwechselt Modernisierung zu oft mit elektronischer Abbildung alter Bürokratie.
Die neue Reform ist deshalb ein brauchbarer Schritt, aber sie bleibt defensiv. Sie reagiert auf gestiegene Kosten. Eine überzeugende Bildungspolitik müsste weiter gehen und festlegen, welches Existenzniveau Studierende realistisch brauchen, wie schnell Sätze angepasst werden und wie das System einfacher erreichbar wird. Vor allem müsste sie aufhören, die Finanzierung des Studiums als Randthema der Sozialpolitik zu behandeln.
Eine Gesellschaft zeigt ihren Glauben an Aufstieg nicht in Festreden über Bildung. Sie zeigt ihn dort, wo ein 19-Jähriger aus einer Familie ohne akademische Tradition die Entscheidung treffen kann, Medizin, Physik oder Philosophie zu studieren, ohne zuvor die Vermögenslage seiner Eltern zur eigentlichen Studienberatung zu machen. BAföG ist dann gut, wenn man darüber möglichst wenig nachdenken muss. Davon ist Deutschland noch entfernt.
