Mehr Wind- und Solarstrom hilft, doch die Entwarnung kommt zu früh. Neue Preissteigerungen bei Energie und Vorprodukten zeigen, wie empfindlich die deutsche Industrie weiterhin auf geopolitische Krisen, Netze und Transportprobleme reagiert.
Die Energiekrise ist vorbei – bis sie wieder da ist
Deutschland hat sich an eine trügerische Form der Normalität gewöhnt. Die extremen Ausschläge der Energiekrise von 2022 sind verschwunden, Großhandelspreise hatten sich beruhigt, erneuerbare Energien lieferten 2026 zeitweise deutlich mehr Strom. Reuters beschrieb im Juni die kräftig gestiegene deutsche Stromproduktion und die Entlastung für Teile der Industrie. Das ist ein Erfolg. Es ist aber noch keine neue Standortgarantie.
Die neue Verwundbarkeit zeigt sich gerade darin, dass Energiepreise längst nicht mehr nur ein Thema der Versorger sind. Sie entscheiden über die Kalkulation einer Aluminiumhütte, eines Chemiewerks, eines Rechenzentrums und zunehmend auch über Investitionsentscheidungen internationaler Konzerne. Wer in Deutschland produziert, vergleicht seine Kosten nicht mit denen von gestern, sondern mit Standorten in den USA, Asien oder Skandinavien. Reuters berichtete im Juli, dass europäische Sommerstrompreise zeitweise Winterspitzen erreichten und Deutschland besonders hohe Day-ahead-Preise sah. Ein Industrieland kann kurzfristige Ausschläge verkraften. Problematisch wird es, wenn Unternehmen dauerhaft einen Risikoaufschlag für Energie in jede Investitionsrechnung einbauen.
Im Juli stiegen die deutschen Erzeugerpreise im Jahresvergleich um drei Prozent – so stark wie seit mehr als drei Jahren nicht. Energie verteuerte sich um 3,8 Prozent, Vorleistungsgüter um 5,4 Prozent. Reuters meldete die Daten des Statistischen Bundesamtes. Hinzu kamen niedrige Wasserstände am Rhein, die Frachtraten erhöhten und Produktion erschwerten. Auch die Bundesbank warnte laut Reuters vor den Folgen der ausgetrockneten Flüsse. Ein Industrieland, dessen Kostenstruktur gleichzeitig von Weltmarktgas, Wetter, Netzen und Transportwegen abhängt, bleibt verletzlich.
Mehr Strom hilft nur, wenn er dort ankommt, wo er gebraucht wird
Die Energiewende hat inzwischen eine paradoxe Lage geschaffen. Deutschland produziert in vielen Stunden sehr viel günstigen Wind- und Solarstrom, doch Netzengpässe, fehlende Speicher und regionale Unterschiede verhindern, dass dieser Vorteil überall zuverlässig ankommt. Gleichzeitig entstehen neue Großverbraucher: Rechenzentren, Elektrolyseure, elektrifizierte Wärmeprozesse und die Umstellung industrieller Produktion erhöhen den Bedarf. Wer nur auf die installierte Erzeugungsleistung schaut, sieht deshalb nur die halbe Wirklichkeit.
Das Stromsystem muss deshalb gleichzeitig drei Dinge leisten, die politisch gern getrennt diskutiert werden: mehr erneuerbare Erzeugung, mehr gesicherte Leistung und ein Netz, das Strom tatsächlich vom Erzeugungsort zum Verbraucher bringt. Jede dieser Aufgaben kostet Geld und Zeit. Wer nur auf den Ausbau von Wind und Solar verweist, unterschätzt Netze und Speicher; wer nur auf Reservekraftwerke setzt, löst das Preisproblem nicht. Reuters analysierte im Juni, dass steigender Strombedarf und neue industrielle Anwendungen Deutschlands Energiesystem wieder zum Wachstumsfaktor machen könnten. Die Chance liegt darin, Energiepolitik nicht länger als moralische Debatte, sondern als Infrastrukturpolitik zu behandeln.
Wie fragil die Preisbildung geworden ist, zeigte der Sommer. Hitze ließ in Europa den Strombedarf für Kühlung steigen, während Kernkraftwerke, Gas- und Windanlagen zeitweise weniger lieferten; in Deutschland erreichten Day-ahead-Preise im Juni Spitzen von 210 Euro je Megawattstunde. Reuters analysierte die ungewöhnlich hohen Sommerpreise. Für Privathaushalte sind solche Stundenpreise meist unsichtbar. Für energieintensive Betriebe sind sie Teil einer Kalkulation, in der Standortentscheidungen an wenigen Euro je Megawattstunde hängen können.
