Reformen vertragen keine Warteschleife

Deutscher Bundestag, Quelle Bildschirmfoto You Tube
Deutscher Bundestag, Quelle Bildschirmfoto You Tube

Schwarz-Rot hat ein 34-Punkte-Paket beschlossen. Nun beginnt der schwierigere Teil: Verwaltung, Gesetzgebung und Vollzug müssen aus Ankündigungen spürbare Veränderungen machen. Friedrich Merz wird daran gemessen, ob der Reformbegriff im Alltag eine Bedeutung bekommt.

Deutschland leidet nicht an einem Mangel von Reformpapieren, sondern darin, dass zwischen Beschluss und Wirkung oft eine politische Ewigkeit liegt. Anfang Juli präsentierte die schwarz-rote Bundesregierung ein Paket mit 34 Punkten. Steuerentlastung, Rentenreform, weniger Bürokratie, Änderungen am Arbeitsmarkt und eine schnellere Verwaltung sollten ein Signal senden. Reuters und die Tagesschau haben die Vorhaben ausführlich dokumentiert. Ende August ist die Frage nüchterner geworden: Was davon kommt tatsächlich im Alltag an?

Die Geduld der Wirtschaft ist kleiner geworden

Kanzler Friedrich Merz versprach nach der Sommerpause, die Beschlüsse „so schnell wie möglich“ umzusetzen. Die Tagesschau berichtete vor der Kabinettsklausur in Neuhardenberg darüber. Das klingt zunächst selbstverständlich. Gerade darin steckt das Problem. Wenn eine Regierung nach anderthalb Jahren wirtschaftlicher Schwäche Geschwindigkeit noch immer als Ankündigung formulieren muss, wird aus Tempo ein politisches Versprechen, das sich täglich überprüfen lässt. Das Handelsblatt beschreibt den Druck der Wirtschaft auf konkrete Gesetze; die WELT richtet den Blick stärker auf die Konflikte, die hinter der demonstrativen Geschlossenheit bleiben.

Die Reformliste enthält vernünftige Ansätze. Eine vorausgefüllte Steuererklärung, weniger Berichtspflichten, schnellere Steuernummern, Entlastungen für Betriebe und Bürger – all das ist nicht spektakulär, kann aber das Verhältnis zwischen Staat und Alltag verbessern. Reuters verwies Anfang Juli zugleich darauf, dass Ökonomen und Wirtschaftsvertreter die Richtung begrüßten, die Wirkung jedoch von schneller und vollständiger Umsetzung abhängig machten.

Das ist der Kern. Eine politische Maßnahme wird nicht dadurch real, dass sie im Koalitionsausschuss beschlossen wurde. Sie muss durch Ministerien, Parlament, Bundesrat, Verwaltung und häufig europäische Vorgaben. An jeder Station kann das Tempo verloren gehen. Der Bürger erlebt nicht den Beschluss, sondern das Formular. Der Unternehmer bewertet nicht das Reformkapitel, sondern die Genehmigungsfrist.

Weniger Inszenierung, mehr Vollzug

Die Klausur in Neuhardenberg war deshalb interessanter als viele klassische Koalitionstreffen. Nach Darstellung der Tagesschau standen Wirtschaftsstandort und Reformumsetzung im Zentrum, daneben Klimafragen, bei denen Union und SPD weiter unterschiedliche Akzente setzen. Solche Differenzen sind normal. Unnormal wäre, wenn jede Differenz den Vollzug blockierte.

Schwarz-Rot hat einen Vorteil, den die vorherige Dreierkoalition am Ende nicht mehr besaß: Zwei politische Lager können Konflikte direkter aushandeln. Daraus folgt aber auch eine höhere Erwartung. Wer Stabilität verspricht, kann sich nicht dauerhaft auf interne Reibung berufen. Wer die Wirtschaft von Bürokratie entlasten will, darf nicht gleichzeitig neue Nachweispflichten in anderen Ressorts produzieren. Wer Investitionen beschleunigen will, muss Verantwortlichkeiten klären, statt Zuständigkeiten weiter aufzufächern.

Friedrich Merz hat seine politische Glaubwürdigkeit stark an wirtschaftliche Erholung geknüpft. Das war riskant, weil ein Kanzler Konjunktur nicht befehlen kann. Er kann jedoch Rahmenbedingungen verändern. Genau darauf wird sich die Bewertung zuspitzen.

Reformpolitik ist unspektakulär

In Deutschland wird gern über den großen Wurf gesprochen. Die meisten Reformen sind das Gegenteil. Sie bestehen aus Paragraphen, Fristen, Zuständigkeitsregeln, digitalisierten Verfahren und der Abschaffung von Vorschriften, an die sich niemand erinnern würde, wenn sie verschwunden wären. Politisch bringt das weniger Aufmerksamkeit als ein Gipfel. Ökonomisch kann es wichtiger sein.

Die Koalition sollte sich deshalb von der Idee lösen, jede Reform kommunikativ aufladen zu müssen. Die wirksamste Nachricht wäre irgendwann, dass eine Firmengründung schneller geht, eine Baugenehmigung nicht mehr ein Jahr braucht oder ein Mittelständler weniger Zeit mit Dokumentation verbringt. Solche Veränderungen lassen sich nicht durch Pressekonferenzen ersetzen.

Das 34-Punkte-Paket ist weder die Rettung der deutschen Wirtschaft noch wertloses Papier. Es ist eine Arbeitsliste. Ob daraus Politik wird, entscheidet sich nicht in Neuhardenberg, sondern in den Monaten danach. Eine Regierung, die Reformfähigkeit beweisen will, muss irgendwann aufhören, sie anzukündigen.

Der Staat muss auch aufhören können

Bürokratieabbau scheitert zudem oft an einer politischen Eigenschaft, über die selten gesprochen wird: Der Staat kann neue Regeln leichter schaffen als alte beenden. Jede Berichtspflicht hat irgendwann einen Anlass gehabt, jede Kontrolle einen Befürworter, jede Ausnahme eine Interessengruppe. Wird ihre Abschaffung vorgeschlagen, taucht sofort das Risiko auf, das sie einst verhindern sollte. So wächst Regulierung schichtweise, selbst wenn einzelne Vorschriften jeweils vernünftig begründet waren.

Eine ernsthafte Reformpolitik braucht deshalb eine Kultur des Beendens. Befristungen, automatische Überprüfungen und klare Nachweise, ob ein Instrument noch gebraucht wird, wären wichtiger als die hundertste Ankündigung eines „Bürokratiechecks“. Ministerien müssten erklären, warum sie etwas Neues wollen – und ebenso, weshalb bestehende Pflichten fortbestehen sollen. Das verändert die Beweislast. Genau solche unscheinbaren Mechanismen entscheiden darüber, ob der Staat in zehn Jahren schlanker oder noch komplizierter ist. Reformpolitik wird glaubwürdig, wenn sie nicht bei der Frage beginnt, was man hinzufügen kann, sondern was man guten Gewissens weglässt.

Ein Reformpaket wird zudem an seiner inneren Stimmigkeit gemessen. Wer Unternehmen steuerlich entlastet und gleichzeitig an anderer Stelle neue Kosten erzeugt, kann auf dem Papier viel verändern und in der Praxis wenig bewirken. Deshalb braucht die Koalition eine Art Belastungsbilanz, die nicht jedes Ressort für sich schreibt. Mittelständler erleben den Staat als Ganzes. Ob eine Vorschrift aus dem Finanz-, Arbeits-, Umwelt- oder Innenministerium stammt, ist für sie zweitrangig. Genau diese Gesamtperspektive fehlt deutscher Reformpolitik häufig. Sie wäre ein sinnvoller Maßstab für die nächsten Monate.

Der Staat muss seine eigenen Fristen ernst nehmen

Reformpolitik scheitert selten an einem einzigen großen Gesetz. Meist verliert sie sich in der Strecke zwischen Kabinettsbeschluss, Ressortabstimmung, Bundesrat, Verordnung und Verwaltungspraxis. Genau dort entscheidet sich, ob ein Unternehmen nach sechs Monaten tatsächlich weniger Formulare ausfüllt oder ob lediglich ein neues Portal entstanden ist, in das dieselben Angaben noch einmal eingetragen werden müssen. Eine Regierung, die Tempo verspricht, sollte deshalb nicht nur Gesetzeslisten veröffentlichen. Sie sollte für zentrale Vorhaben Termine nennen und später offenlegen, welche davon eingehalten wurden.

Das wäre mehr als Verwaltungstechnik. Politische Glaubwürdigkeit hängt zunehmend daran, ob Bürger einen Unterschied zwischen Ankündigung und Wirkung bemerken. Beim Planungsrecht etwa zählt nicht, wie viele Paragraphen gestrichen werden, sondern wie lange ein Genehmigungsverfahren am Ende dauert. Beim Arbeitsrecht interessiert Betriebe nicht die Zahl der Sitzungen im Koalitionsausschuss, sondern ob Einstellungen einfacher und Arbeitszeiten praktikabler werden. Die Bundesregierung könnte sich selbst messbare Ziele setzen: Bearbeitungszeiten, Berichtspflichten, Genehmigungsdauern, Zahl der notwendigen Behördenkontakte. Das wäre unromantisch, aber überprüfbar.

Hinzu kommt ein Problem, über das in Berlin gern hinweggeredet wird: Der Bund kann vieles beschließen, vollzogen wird es häufig in Ländern und Kommunen. Wenn dort Personal, Software oder klare Ausführungsregeln fehlen, kommt die Reform beim Bürger nicht an. Wer Bürokratie abbauen will, muss deshalb die gesamte Kette betrachten. Ein digitales Verfahren, das nach dem Upload ausgedruckt und intern auf Papier weitergereicht wird, ist keine Digitalisierung. Ein beschleunigtes Gesetz, dessen Verordnung ein Jahr später kommt, ist keine Beschleunigung.

Merz wird an solchen Details gemessen werden, gerade weil er mit dem Anspruch angetreten ist, Entscheidungsfähigkeit zurückzubringen. Große Worte über einen Politikwechsel helfen nur begrenzte Zeit. Danach werden Unternehmer, Beschäftigte und Kommunen fragen, ob eine Genehmigung schneller erteilt, eine Investition leichter finanziert oder eine Vorschrift wirklich gestrichen wurde. Reformen gewinnen Vertrauen nicht durch ihren Titel. Sie gewinnen es in dem Moment, in dem jemand merkt, dass der Staat ihm weniger Zeit abverlangt als zuvor.

Über Stefan Groß-Lobkowicz 2316 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".