Der DGB-Ausbildungsreport zeigt hohe psychische und finanzielle Belastungen

Ausbildung darf kein billiger Ersatz für Personal sein

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Der DGB-Ausbildungsreport zeigt hohe psychische und finanzielle Belastungen. Dahinter steckt auch ein strukturelles Problem des dualen Systems.

Der alte Stolz bekommt Risse

Die duale Ausbildung gehört zu den Dingen, auf die Deutschland mit Recht stolz ist. Sie verbindet Betrieb und Berufsschule, führt junge Menschen früh an Verantwortung heran und liefert Unternehmen genau jene Fachkräfte, über deren Mangel anschließend so viel geklagt wird. Der DGB-Ausbildungsreport 2026 zeigt allerdings eine Seite dieses Erfolgsmodells, über die seltener gesprochen wird. 50,6 Prozent der Befragten berichten von psychischen Belastungen. 65,3 Prozent sagen, sie könnten von ihrer Vergütung weniger gut oder gar nicht selbstständig leben.

Die Tagesschau beziffert die wichtigsten Belastungen: finanzielle Sorgen, die Wohnsituation, Leistungs- und Zeitdruck, Personalmangel und Verantwortungsdruck. Die WELT verweist außerdem darauf, dass die Zufriedenheit mit der Ausbildung gesunken ist. Das sind keine Randnotizen. Sie betreffen die Frage, warum junge Menschen einen Beruf beginnen, ob sie ihn beenden und ob sie anschließend in ihm bleiben.

Ein Unternehmen, das über Fachkräftemangel klagt, aber seinen Auszubildenden kaum Zeit für Anleitung lässt, produziert den eigenen Mangel mit. Wo Ausbilder selten erreichbar sind, steigt nach dem DGB-Bericht die Belastung deutlich. Das ist plausibel. Ein Achtzehnjähriger, der eine Maschine bedienen, Kunden beraten oder Verantwortung für Arbeitsabläufe übernehmen soll, braucht jemanden, der Fehler auffängt. Wird die Ausbildung wegen Personalknappheit zum billigen Ersatz für reguläre Beschäftigung, kippt ihr Sinn.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre – und auch keine Rechtlosigkeit

Der alte Satz, Lehrjahre seien keine Herrenjahre, hat Generationen begleitet. Er enthielt einmal eine vernünftige Mahnung: Wer etwas lernt, muss sich anstrengen, Pünktlichkeit lernen, Kritik aushalten und auch Arbeiten erledigen, die nicht spektakulär sind. Inzwischen wird der Satz jedoch manchmal benutzt, um Zustände zu entschuldigen, die mit Ausbildung wenig zu tun haben.

Zwölf Stunden Arbeit, dauernde Überstunden, ausbildungsfremde Tätigkeiten oder eine Vergütung, die in einer Großstadt nicht einmal ein kleines Zimmer trägt, sind keine pädagogische Methode. Sie sind ein Wettbewerbsnachteil des gesamten Systems. Junge Menschen vergleichen ihre Möglichkeiten. Wer nach dem Abitur studieren kann, sieht vielleicht einen Nebenjob mit höherem Stundenlohn als die Ausbildungsvergütung. Wer aus einer Familie ohne finanzielles Polster kommt, muss zusätzlich arbeiten oder pendeln. Gerade dort, wo Betriebe dringend Nachwuchs brauchen, wird der Einstieg unnötig schwer.

Der DGB weist darauf hin, dass 41,7 Prozent der psychisch belasteten Auszubildenden niemanden haben, mit dem sie über ihre Probleme sprechen können. Man muss nicht jede berufliche Belastung sofort medizinisch deuten, um diese Zahl ernst zu nehmen. Gute Ausbildung braucht erreichbare Ansprechpartner, planbare Arbeitszeiten und eine Berufsschule, die fachlich mithalten kann. Das ist keine Wohlfühlpolitik. Es ist Qualitätssicherung.

Hinzu kommt ein Widerspruch in der politischen Debatte. Seit Jahren heißt es, Deutschland müsse die akademische Fixierung überwinden und berufliche Bildung wieder attraktiver machen. Gleichzeitig sind Wohnheime für Auszubildende knapp, Berufsschulen sanierungsbedürftig und manche Vergütungen kaum geeignet, ein selbstständiges Leben zu ermöglichen. Tagesschau zeigt seit Jahren denselben Befund: Ausbildungsplätze und Bewerber finden regional und fachlich immer schlechter zusammen.

Wer Nachwuchs will, muss Ausbildung als Investition behandeln

Die Unternehmen stehen dabei unter echtem Druck. Kleine Betriebe können nicht beliebig viele Ausbilder freistellen, und manche finden selbst für reguläre Stellen kaum Personal. Das erklärt, warum Auszubildende früh mitarbeiten müssen. Es entschuldigt aber nicht, wenn Lernen und Anleitung zur Nebensache werden. Der DGB-Ausbildungsreport weist gerade dort bessere Bewertungen aus, wo Interessenvertretungen funktionieren und Regeln ernst genommen werden. Die Tagesschau verweist zudem auf die Kombination aus Zeitdruck, Personalmangel und finanziellen Sorgen.

Für viele junge Leute kommt ein zweites Problem hinzu: Die Ausbildungsvergütung wird in Regionen mit hohen Mieten von den Lebenshaltungskosten aufgezehrt. Wer für eine Lehrstelle umziehen müsste, kann sich diesen Schritt nicht immer leisten. Ein Betrieb, der keinen Nachwuchs findet, sollte deshalb nicht nur über die vermeintlich falschen Erwartungen einer Generation sprechen. Manchmal ist die Rechnung schlicht zu knapp. Wohnheime, Fahrtkostenzuschüsse oder betriebliche Hilfen können dann mehr bewirken als Imagekampagnen.

Auch die Berufsschulen gehören in diese Bilanz. Fällt dort Unterricht aus oder sind Werkstätten technisch überholt, kann der Betrieb das nicht vollständig auffangen. Das duale System lebt gerade von zwei leistungsfähigen Lernorten. Der derzeitige Fachkräftemangel ist deshalb kein Argument, Ausbildungsstandards abzusenken. Er ist ein Grund, sie zu verteidigen. Wer heute einen Azubi nur als zusätzliche Hand betrachtet, spart vielleicht einige Stunden Personalkosten. In drei Jahren fehlt ihm womöglich genau die Fachkraft, die aus einer guten Ausbildung hätte hervorgehen können.

Wer Fachkräfte will, muss Lehrlinge ernst nehmen

Die Lösung besteht nicht darin, jedes Problem mit neuen Vorschriften zu beantworten. Viele hervorragende Ausbildungsbetriebe zeigen täglich, dass gute Bedingungen ohne bürokratische Großprogramme möglich sind. Wichtig bleibt, dass Ausbildung im Unternehmen als Investition behandelt wird und nicht als Kostenstelle, aus der möglichst viel produktive Arbeit herausgeholt werden soll.

Tarifverträge können helfen, ebenso Betriebsräte und Jugendvertretungen. Vor allem aber braucht es einen Mentalitätswechsel in Branchen, die gleichzeitig Nachwuchs suchen und an alten Umgangsformen festhalten. Ein junger Mensch, der heute einen Betrieb verlässt, hat oft Alternativen. Das ist keine Verwöhnung, sondern Arbeitsmarkt.

Politik kann die Rahmenbedingungen verbessern: mehr Azubi-Wohnen, moderne Berufsschulen, verlässliche Mobilität, bessere Berufsorientierung und unbürokratische Unterstützung für kleine Betriebe, die ausbilden wollen. Unternehmen wiederum müssen akzeptieren, dass gute Ausbildung Zeit kostet. Ein Meister, der einen Lehrling anleitet, produziert in diesem Moment vielleicht weniger Stückzahl. Dafür produziert er etwas, das in Deutschland knapp geworden ist: Können.

Der Fachkräftemangel wird oft wie eine Naturgewalt beschrieben. Tatsächlich beginnt er an sehr konkreten Orten. In der Werkstatt, in der niemand Zeit zum Erklären hat. Im Hotel, in dem ein Azubi die Schicht eines fehlenden Mitarbeiters übernimmt. In der Wohnungssuche, bei der 900 Euro Vergütung auf 700 Euro Warmmiete treffen. Wer diese Orte übersieht, wird auch mit den besten Anwerbekampagnen keinen Nachwuchs halten.