Wenn Milliarden für Aufrüstung und Krieg mobilisiert werden, während immer mehr Menschen beim täglichen Einkauf sparen müssen, stellt sich eine unbequeme Frage: Wer bezahlt am Ende die Rechnung?
Es gibt Ängste, die nicht erst an einer Grenze beginnen. Die Angst vor Krieg gehört dazu. Doch für viele Menschen in Deutschland ist eine andere Angst längst viel unmittelbarer: die Angst vor der nächsten Stromrechnung, der nächsten Tankfüllung und dem nächsten Einkauf. Ein Krieg kann weit entfernt erscheinen. Die Teuerung dagegen liegt jeden Tag auf dem Küchentisch.
Im September 2026 lag die Inflationsrate in Deutschland vorläufig bei 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Besonders stark stiegen die Energiepreise: Sie lagen 14,9 Prozent über dem Niveau des Vorjahres. Für Menschen mit hohem Einkommen mag eine solche Zahl wie eine statistische Größe wirken. Für einen Rentner mit kleinem Einkommen, eine alleinerziehende Mutter oder einen Beschäftigten mit wenig finanziellen Spielraum bedeutet sie etwas ganz anderes: weniger Auswahl, weniger Sicherheit und am Ende weniger Lebensqualität.
Man kann über den Zucker sogar mit Galgenhumor sprechen. Wenn Zucker teurer wird, könnte man sagen: Wenigstens essen die Menschen vielleicht weniger Süßigkeiten – und das könnte gesundheitliche Vorteile haben. Doch das darf nicht vom eigentlichen Problem ablenken. Wenn Gesundheit das Ziel ist, reichen höhere Preise allein nicht aus. Dann braucht es Aufklärung, eine vernünftige Ernährungspolitik, eine kritische Regulierung der Werbung für ungesunde Produkte und vor allem bezahlbare gesunde Lebensmittel.
Denn das Problem ist längst nicht mehr der Zucker. Das Problem ist die Summe.
Wenn Lebensmittel, Energie, Mobilität, Dienstleistungen und andere notwendige Ausgaben gleichzeitig teurer werden, verändert sich das Leben der Menschen. Zuerst wird vielleicht das Restaurant gestrichen, dann der Urlaub. Anschaffungen werden verschoben, das Auto wird weniger benutzt und beim Einkauf wird immer häufiger das billigste Produkt gewählt. Irgendwann geht es nicht mehr um Verzicht auf Luxus, sondern um die Frage, worauf man bei den grundlegenden Dingen des Lebens noch verzichten kann.
Inflation wird dann zu einer sozialen und psychologischen Belastung.
Besonders hart trifft sie Menschen, deren Einkommen nicht im gleichen Verhältnis steigen. Eine alleinstehende Mutter, die wegen ihrer Kinder nur Teilzeit arbeiten kann, kann ihr Einkommen nicht beliebig erhöhen. Ein Rentner kann seine monatliche Rente ebenfalls nicht einfach verdoppeln, weil Strom, Gas, Lebensmittel, Benzin und Dienstleistungen teurer werden. Wer einen großen Teil seines Einkommens für notwendige Ausgaben benötigt, hat kaum Möglichkeiten, steigende Preise auszugleichen.
Genau hier beginnt die politische Frage: Nicht nur, wie stark die Preise steigen, sondern wer die steigenden Kosten tragen muss.
Denn gleichzeitig werden in Deutschland gewaltige Summen für Verteidigung und militärische Unterstützung mobilisiert. Im Jahr 2026 stehen 82,7 Milliarden Euro im regulären Verteidigungshaushalt zur Verfügung, weitere 25,5 Milliarden Euro kommen aus dem Sondervermögen Bundeswehr. Für 2027 sind 109,7 Milliarden Euro im regulären Verteidigungshaushalt und weitere 29,9 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen vorgesehen – zusammen 139,6 Milliarden Euro. Gegenüber 2026 bedeutet das einen Anstieg um 31,4 Milliarden Euro.
Auch die Unterstützung der Ukraine kostet Deutschland Milliarden. Für 2026 sind rund 11,5 Milliarden Euro an deutscher Militärhilfe vorgesehen.
Auf europäischer Ebene kommen weitere gewaltige Summen hinzu. Die Europäische Union hat für 2026 und 2027 ein Unterstützungsdarlehen von 90 Milliarden Euro beschlossen. Nach Angaben des Rates der Europäischen Union sind davon 30 Milliarden Euro für makroökonomische beziehungsweise budgetäre Unterstützung und 60 Milliarden Euro für die Stärkung der ukrainischen Verteidigungsindustrie und die Beschaffung von Verteidigungsgütern vorgesehen. Die Finanzierung erfolgt über EU-Anleihen am Kapitalmarkt und wird durch den EU-Haushalt abgesichert.
Thomas Kaser greift in seiner politischen Analyse ebenfalls die gewaltigen finanziellen Dimensionen der Ukraine-Unterstützung auf. Dabei nennt er unter anderem die Zahl von 90 Milliarden Euro. Wichtig ist jedoch, diese Zahl korrekt einzuordnen: Es handelt sich nicht um eine von Kaser erfundene Summe, sondern um das offiziell beschlossene EU-Unterstützungsdarlehen für 2026 und 2027. Gerade diese Größenordnung wirft jedoch die Frage auf, welche politischen Prioritäten Europa setzt und wie die langfristigen finanziellen Folgen verteilt werden.
In der politischen Debatte wird darüber hinaus die Zahl von 140 Milliarden Euro genannt. Dabei geht es um die von europäischen NATO-Staaten und Kanada zugesagte beziehungsweise mobilisierte Unterstützung für die Ukraine in den Jahren 2026 und 2027. In dieser Summe ist allerdings das EU-Hilfspaket enthalten; die Beträge dürfen deshalb nicht einfach addiert werden.
Diese Zahlen sind gewaltig. Und deshalb muss eine demokratische Gesellschaft fragen dürfen: Woher kommt dieses Geld? Welche Prioritäten werden gesetzt? Wer trägt die Kosten – und wer profitiert davon?
Genau an diesem Punkt gewinnt die Kritik von Thomas Kaser an Bedeutung. Kaser war nach eigenen Angaben mehr als 20 Jahre im Krisenmanagement der Bundesregierung tätig und äußert sich heute kritisch zu den politischen und sicherheitspolitischen Entwicklungen. In seinen Ausführungen nennt er unter anderem ein Volumen von 121 Milliarden Euro im Zusammenhang mit der Unterstützung der Ukraine sowie die Zahl von 186,6 Milliarden Euro. Diese Zahlen gehören zu seiner Darstellung und müssen jeweils im konkreten haushaltspolitischen Zusammenhang betrachtet werden. Insbesondere darf die Zahl 186,6 Milliarden Euro nicht einfach mit dem heutigen deutschen Verteidigungshaushalt gleichgesetzt werden.
Kasers grundsätzliche Frage bleibt dennoch relevant: Wird Deutschland durch immer höhere Militärausgaben tatsächlich sicherer – oder entsteht dadurch zugleich eine neue Spirale aus Aufrüstung, finanzieller Belastung und Eskalationsrisiko?
Diese Frage zu stellen bedeutet nicht, den russischen Angriff auf die Ukraine zu rechtfertigen. Russland hat die Ukraine militärisch angegriffen. Das ist die Ausgangstatsache. Aber aus dieser Tatsache folgt nicht automatisch, dass jede weitere militärische Entscheidung alternativlos ist.
Man darf fragen, wie lange ein Krieg mit immer neuen Milliarden unterstützt werden soll. Man darf fragen, welche diplomatischen Möglichkeiten verfolgt werden. Man darf fragen, wie ein Ende des Krieges erreicht werden kann. Und man darf fragen, ob eine Politik, die immer größere Waffenlieferungen vorsieht, gleichzeitig genügend politische Anstrengungen unternimmt, um eine weitere Eskalation zu verhindern.
Denn Russland verfügt über Atomwaffen. Gerade deshalb sollte jede politische Entscheidung, die das Risiko einer weiteren Eskalation erhöht, besonders sorgfältig abgewogen werden.
Gleichzeitig verändert sich in Deutschland das gesellschaftliche Klima. Der neue Wehrdienst ist 2026 in Kraft getreten. Er setzt grundsätzlich auf Freiwilligkeit, enthält aber verpflichtende Elemente wie die Erfassung und Musterung wehrpflichtiger Männer. Auch Krankenhäuser und das Gesundheitswesen werden stärker auf mögliche militärische Krisenszenarien vorbereitet.
Das alles kann aus Sicht der Sicherheitsplanung begründet werden. Aber es hat auch eine gesellschaftliche Wirkung. Eine Generation, die jahrzehntelang davon ausging, dass ein großer Krieg in Europa kaum vorstellbar sei, wird plötzlich wieder mit Wehrdienst, Aufrüstung, Verwundeten und möglichen Kriegsszenarien konfrontiert.
Und damit treffen zwei Ängste aufeinander: die Angst vor Krieg und die Angst vor wirtschaftlicher Unsicherheit.
Besonders bitter ist dabei die Frage, wer von den steigenden Verteidigungsausgaben wirtschaftlich profitiert. Wenn allein für 2027 mehr als 60 Milliarden Euro in die militärische Beschaffung fließen sollen, entstehen zwangsläufig enorme Aufträge für die Rüstungsindustrie.
Das bedeutet nicht, dass jeder Auftrag an einen Rüstungskonzern automatisch ein Skandal ist. Aber es bedeutet, dass die Öffentlichkeit genauer hinsehen muss: Welche Unternehmen erhalten die Aufträge? Zu welchen Preisen? Wie entwickeln sich deren Gewinne? Welche Interessen vertreten Aktionäre und Lobbyverbände? Und wie wird verhindert, dass öffentliche Risiken und private Gewinne auseinanderfallen?
Wer von den Bürgern verlangt, steigende Belastungen zu akzeptieren, muss diese Fragen beantworten.
Es wäre allerdings falsch, jede Preissteigerung unmittelbar der Finanzierung des Krieges zuzuschreiben. Inflation entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel von Energiepreisen, globalen Märkten, Lieferketten, Löhnen, Steuern, Geldpolitik, Unternehmensentscheidungen und geopolitischen Entwicklungen. Aber ebenso falsch wäre es, die Sorgen der Menschen als bloßes Gefühl abzutun.
Denn die Zahlen sind real.
Die Energiepreise lagen im September 2026 um 14,9 Prozent über dem Vorjahr. Gleichzeitig sollen Deutschlands Verteidigungsausgaben von 108,2 Milliarden Euro im Jahr 2026 auf 139,6 Milliarden Euro im Jahr 2027 steigen. Deutschland stellt 11,5 Milliarden Euro Militärhilfe für die Ukraine bereit, und die EU mobilisiert weitere 90 Milliarden Euro für 2026 und 2027.
Natürlich sind diese Beträge nicht eins zu eins miteinander vergleichbar. Aber gerade ihre Größenordnung zeigt, wie tiefgreifend sich die politischen Prioritäten verändert haben.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Deutschland Sicherheit braucht. Natürlich braucht Deutschland Sicherheit.
Die Frage lautet: Welche Art von Sicherheit wollen wir?
Sicherheit bedeutet nicht nur Panzer, Raketen und Munition. Sicherheit bedeutet auch eine Rente, von der man leben kann. Eine Wohnung, die man bezahlen kann. Bezahlbare Energie. Ein funktionierendes Gesundheitswesen. Eine Zukunft für junge Menschen. Und ein Einkommen, das mit den Lebenshaltungskosten Schritt hält.
Wer Milliarden für militärische Sicherheit ausgibt, muss deshalb genauso ernsthaft über soziale Sicherheit sprechen.
Wer von Bürgern Opfer verlangt, muss erklären, warum. Wer junge Menschen auf einen möglichen Krieg vorbereitet, muss ihnen gleichzeitig erklären, welche politische Strategie verfolgt wird, um diesen Krieg zu verhindern. Und wer behauptet, es gebe keine Alternative, sollte offenlegen, welche Alternativen tatsächlich geprüft wurden.
Frieden darf nicht nur das Ergebnis einer erfolgreichen Rüstungsstrategie sein. Frieden muss ein politisches Ziel bleiben.
Vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage am Ende nicht, wie viele Milliarden Deutschland noch für Waffen ausgeben kann. Vielleicht lautet die wichtigere Frage: Wie viel Sicherheit braucht ein Mensch, damit er sich in seinem eigenen Land wieder sicher fühlt?
Denn die Rechnung großer Politik steht nicht nur in den Haushaltsbüchern.
Sie steht auch an der Supermarktkasse.
Sie steht auf der Stromrechnung.
Sie steht an der Tankstelle.
Und sie steht am Monatsende auf dem Konto.
Die Menschen haben das Recht zu wissen, wohin Milliarden fließen, welche Interessen dahinterstehen, wer davon profitiert und wer am Ende die Kosten trägt.
Eine demokratische Gesellschaft braucht keine Bürger, die alles glauben. Sie braucht Bürger, die fragen, nachrechnen und kontrollieren.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Frage unserer Zeit:
Wer bezahlt am Ende die Rechnung – und wer verdient daran?
Quellen
- Statistisches Bundesamt (Destatis): Verbraucherpreise und Energiepreise, September 2026. Destatis
- Deutscher Bundestag: Verteidigungshaushalt 2026/2027. Deutscher Bundestag
- Bundesregierung: Bundeshaushalt 2026 und deutsche Unterstützung für die Ukraine. Bundesregierung
- Rat der Europäischen Union: 90-Milliarden-Euro-Unterstützungsdarlehen für die Ukraine 2026/2027. Rat der Europäischen Union
- NATO / Tagesschau: Unterstützung der Ukraine durch europäische NATO-Staaten und Kanada 2026/2027. Tagesschau – NATO-Erklärung
- Thomas Kaser: Vita und Angaben zu seiner langjährigen Tätigkeit im Krisenmanagement. Thomas Kaser – Vita & Expertise
