Pünktlich zum Start der heißen Wahlkampfphase liefert eine neue Umfrage von infratest dimap die passende Kulisse für die Landtagswahl in Baden-Württemberg. Die CDU liegt stabil bei 29 Prozent, die Grünen zeigen mit 23 Prozent einen leichten Aufwärtstrend. Die AfD kommt auf 20 Prozent, die Linke kratzt mit sieben Prozent an der parlamentarischen Relevanz, während die FDP in ihrem einstigen Stammland um das politische Überleben kämpft. Vieles deutet darauf hin, dass sich in Baden-Württemberg ein altes Kräfteverhältnis wieder herstellt.
Ein konservatives Land – nuanciert gewählt
Baden-Württemberg ist und bleibt ein konservatives Land. Eine noch immer vergleichsweise gut funktionierende Wirtschaft, ein starker industrieller Kern und ein breiter Mittelstand sorgen dafür, dass radikale politische Brüche hier traditionell wenig Resonanz finden. Selbst eine erstarkte AfD ändert daran bislang wenig. Wo es den Menschen vergleichsweise gut geht, wird nuanciert konservativ gewählt – nicht aus Ideologie, sondern aus Zufriedenheit.
In diesem Umfeld haben sich zwei inhärent konservative Parteien eingerichtet: die CDU – und die Grünen. Letztere gehören in Baden-Württemberg längst zum konservativen Lager. Der Landesverband, geprägt von Figuren wie Rezzo Schlauch, Franziska Brantner, Fritz Kuhn, Kerstin Andreae und Cem Özdemir, steht beispielhaft für die breite Palette realpolitischer Grüner. Dass die Partei hier seit Jahren regiert, ist weniger Ausdruck eines gesellschaftlichen Aufbruchs als Ergebnis einer besonderen politischen Konstellation: Winfried Kretschmann.
Der Kretschmann-Effekt – ein historischer Sonderfall
Kretschmann war ein Übervater wider Willen. Ein grüner Ministerpräsident, der diesen Erfolg in kaum einem anderen Bundesland hätte erzielen können. Mit einer Haltung aus Nüchternheit, schwäbischer Bescheidenheit und politischem Pragmatismus entwickelte er einen Regierungsstil, der im Land breite Akzeptanz fand. Angela Merkels berühmtes „Sie kennen mich“ hätte auf ihn ebenso gemünzt sein können.
Im Bundesrat war auf Kretschmann Verlass – für die unionsgeführten Länder ebenso wie für die Automobilindustrie. Auch als die Grünen bundespolitisch einen deutlichen Linksschwenk vollzogen, blieb Baden-Württemberg unter seiner Führung berechenbar. Geräuschloses Regieren wurde zur Tugend. Ein grüner Realpolitiker, der vielen CDU-Wählern näher war als mancher Christdemokrat.
Ohne Kretschmann fehlt den Grünen der Rückenwind
Diesen Effekt gibt es nun nicht mehr. Zweifelsohne ist Cem Özdemir beliebt und bekannt, doch selbst ein prominenter Kandidat kann gegen den Bundestrend nur zwei, drei Prozentpunkte mobilisieren – und auch nur dann, wenn es zumindest etwas Rückenwind gibt. Bleibt dieser aus, wird es eng.Mehr noch: Seit dieser Woche ist aus der bundespolitischen Flaute für die Grünen spürbarer Gegenwind geworden. Weite Teile der grünen Europaabgeordneten kippten bei der Abstimmung zum Mercosur-Abkommen die selbst ausgerufene Brandmauer – ein Vorgang, der innerparteilich wie öffentlich irritiert und dem Landeswahlkampf eher schadet als nützt.
Die CDU: vom Ausnahmezustand zur Machtoption
Ganz anders die CDU. Ihre letzte Niederlage war mehr als eine Ohrfeige – sie kam einem flächendeckenden Vertrauensentzug gleich. Vor fünf Jahren reüssierte die einstige Partei von Lothar Späth und Erwin Teufel nur noch in 12 von 70 Wahlkreisen, teils denkbar knapp. Gesichtswahrende Ergebnisse gelangen nur in den Regionen Schwarzwald-Neckar-Alb, Donau-Iller und Neckar-Odenwald. Für die erfolgsverwöhnten Christdemokraten war das ein politischer Ausnahmezustand.
Die damalige Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann hatte sich insbesondere in der Schulpolitik, vor allem mit ihrer kompromisslosen Ablehnung von G9, komplett verrannt – und damit viele eigene Wähler verprellt. Dass FDP und Freie Wähler damals reihenweise Stimmen einsammelten und die Liberalen auf heute unvorstellbare 10,5 Prozent katapultiert wurden, war kein Zufall. Heute präsentiert sich die CDU geschlossen, ruhig, geduldig. Manuel Hagel ist bodenständig, frei von ideologischen Ausfällen – genau so, wie man es sich in Baden-Württemberg von einem CDU-Mann wünscht. Manche halten ihn für zu jung. Tatsächlich wäre er der jüngste seit Gründung der Bundesrepublik gewählte Ministerpräsident. Sein Alter ist jedoch kein Manko. Man denke an Tony Blair, der zunächst als „Bambi“ verspottet wurde, mit 43 Jahren jüngster Premierminister war und später selbst vom politischen Gegner gefürchtet und respektiert wurde. Hagels größtes Defizit ist seine noch ausbaufähige Bekanntheit – hier bleibt er deutlich hinter Özdemir zurück.
Die AfD: stark, aber gedeckelt
Im Parteienspektrum hat sich die AfD fest etabliert. In der jüngsten Umfrage fällt sie leicht auf 20 Prozent zurück – ein Wert, den die Partei derzeit in nahezu allen westdeutschen Umfragen erreicht. Rückenwind aus dem Bund, etwa durch die Leitfigur Alice Weidel, ist für den baden-württembergischen Landesverband nicht erkennbar.
Auf das furiose Ergebnis vor zehn Jahren (15,1 Prozent) – man erinnere sich an den Aufschrei, als die AfD mit Mannheim-Nord und Pforzheim erstmals zwei Wahlkreise in einem westdeutschen Bundesland errang – folgte bei der letzten Wahl der Absturz auf neun Prozent. Die Zugewinne seitdem liegen im Bundesdurchschnitt. Angesichts der klaren Abschottung aller anderen Parteien wird der AfD dennoch vor allem eines bleiben: die Rolle der Oppositionsführerin. Nicht weniger – aber auch nicht mehr.
Die SPD: mit geschlossenen Augen gegen die Wand
Ganz anders die SPD. Andreas Stoch vereint den Parteivorsitz (seit 2016) und die Fraktionsführung (seit 2018) – gemacht hat er aus dieser innerparteilichen Machtfülle wenig. Im Gegenteil: Die Partei steuert auf das schlechteste Wahlergebnis ihrer Geschichte zu. Infratest dimap sieht die SPD derzeit bei acht Prozent. Bereits das letzte Ergebnis kam einer Abreibung gleich – selbst gemessen an der Tatsache, dass Baden-Württemberg für die SPD schon immer schwieriges Terrain war.
Inzwischen ist Baden-Württemberg zu G9 zurückgekehrt. Besser spät als nie. Mit diesem Schritt haben die Regierungsparteien jedoch gleichzeitig das einzige Thema abgeräumt, mit dem die SPD bei der letzten Wahl überhaupt zu den Wählern durchdringen konnte. Dass die Partei nach 12,7 Prozent im Jahr 2016 bei der letzten Wahl auf elf Prozent absackte und Stoch dennoch im Amt bleiben durfte, spricht Bände über den Zustand von Führungspersonal und Organisation zu jener Zeit.
Dass Stoch erneut an der Spitze in den Wahlkampf zieht, liegt weniger an seiner Stärke als am Mangel an Alternativen. Die SPD fährt mit geschlossenen Augen gegen die Wand. Daran ändert auch nichts, dass Stoch im direkten Gespräch sympathisch und kompetent wirkt. Bekannt ist er kaum, hinter ihm kommt auf Landesebene lange nichts. Politische Strahlkraft: Fehlanzeige.
Spannung am Rand: FDP und Linke
Also die langweiligste Wahl des Jahres 2026? Nicht ganz. Denn am Rand des Parteiensystems geht es um alles. Fliegt die FDP ausgerechnet in ihrem einstigen Stammland aus dem Landtag? In jenem Land, in dem bis heute das traditionsreiche Dreikönigstreffen stattfindet? Schon 2011 schafften es die Liberalen nur knapp mit 5,3 Prozent. In der infratest-dimap-Umfrage liegt die FDP um die fünf Prozent. Sollten die Liberalen an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, wäre das mehr als ein Dämpfer – es wäre ein weiterer Nagel im Sarg der baden-württembergischen FDP.
Und dann ist da noch die Linke. Im Westen der Republik derzeit nur noch in Bremen und Hamburg im Landesparlament vertreten, vor der Bundestagswahl bereits totgesagt. Sollte sie ausgerechnet in Baden-Württemberg den Sprung ins Parlament schaffen – einem Land, in dem sie historisch nie mehr als drei Prozent erreicht hat – wäre das eine politische Pointe mit Seltenheitswert.
Fazit
Vieles im Ländle deutet auf eine Rückkehr zur politischen Normalität im Südwesten hin. Nicht aus Euphorie, sondern aus alter, wiedererwachter Gewohnheit. Die Schwäbische Eisenbahn fährt pünktlich – und sie bringt diesmal wohl einen CDU-Ministerpräsidenten ins Staatsministerium.
