Eigentlich müsste Adrian Koerfer ein glücklicher Mensch sein. Geboren und aufgewachsen in einer vermögenden Familie und umgeben von zwei Brüdern, von denen einer ein bekannter Historiker und Buchautor geworden ist. Das mit dem „Glücklich sein“ relativiert sich jedoch rasch, wenn man Koerfers neuestes Buch mit dem vielsagenden Titel „Das glaubt mir doch kein Mensch“ gelesen hat. Und nach dessen Lektüre wohl kaum wer sein Leben gegen das des Adrian Koerfer eintauschen möchte. Schonungslos und minutiös beschreibt der studierte Kunsthistoriker, dessen Vater zeitweilig zehn Prozent der Aktienanteile bei BMW besaß, darin sein liebloses Elternhaus, die oft mit anderen Frauen betrogene Mutter, und schließlich die Sturm und Drangjahre eines neugierigen Teenagers, die mit der Anmeldung am selbst gepriesenen Eliteinternat „Odenwaldschule“ eine tragische Wendung nahmen; jene Privatschule im Süden Hessens, die 2015 nach massiven Vorwürfen sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen ihren Betrieb einstellte. Und an der Koerfer mehr als drei Jahre von seinem damaligen Musiklehrer missbraucht worden ist, im Urlaub, auf Klassenfahrten und unterm Dach eines bis heute denkmalgeschützten Hauses, wo es ekelhaft nach Bier, billigem Parfum und Ernte23 roch.
Koerfer war als Schüler mittendrin, mitten in den Sümpfen und Abgründen des Missbrauchs, den er minutiös und schonungslos schildert, was das Buch zugleich zu einer wichtigen historischen Quelle macht. Eines Missbrauchs, der sich mit der „Reformpädagogik“ eine maßgeschneiderte Fassade geschaffen hatte; und bei der es niemand wagte, diese als mafiös-kriminelles Gedankenwirrwarr infrage zu stellen. Selbst nicht der ehemalige CDU-Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der an der Odenwaldschule oft als Vater zu Gast war, bevor sein Sohn Andreas 2008 mit erst Anfang 50 verstarb.
Koerfers Buch ist nicht nur eine Autobiografie, sondern vor allem eine Abrechnung mit der sogenannten „Reformpädagogik“, deren Apologeten sich gemeinsam mit Gesamtschulfetischisten bis heute auf der Sonnenseite der deutschen Schulgeschichte wähnen, gleichwohl ihre Ideen viel Leid über Kinder und Jugendliche gebracht haben. Und an die an einem Zufahrtsweg zur ehemaligen Odenwaldschule erst seit November 2024 ein von Adrian Koerfer persönlich kreiertes Mahnmal erinnert.
Adrian Koerfer
Das glaubt mir doch kein Mensch
Erinnerungen an eine andere Welt
Edition W GmbH, Frankfurt am Main 2026, 1. Auflage
ISBN 978-3-949671-25-8

