Der Kinderwunsch – Egoismus gegen Moral

Luftballons, Foto: Stefan Groß

Ärgerlich: Diese Frauen, die während der Schwangerschaft nur noch vom zukünftigen Kind reden, vor Glück fast vergehen – und dann genervt auf ihren Dauerplagegeist reagieren. Wenn Kinder einmal da sind, hat man sich gut, mit Empathie um sie zu kümmern. Nur – warum sollte man sie überhaupt bekommen?

 

  1. Egoistische Kinderlose. Frauen geben ihren Kinderwunsch selten freiwillig auf – ob der Partner will oder nicht. Etwa so: Ein Paar Anfang vierzig heiratet, um legal eine Insemination durchzuführen. Ein erstes Kind nach mehreren Versuchen. Aber das soll nicht allein bleiben. Acht weitere Inseminationen scheitern, mehrere künstliche Befruchtungen ebenso. Der Mann will angesichts des zur Obsession gewordenen Kinderwunsches und der psychischen Belastung nicht mehr. Eine klare Entscheidung: Die Frau trennt sich, fährt nach Spanien und bekommt mittels Embryonenspende ihr Kind! Dann gibt es noch die Leihmutterschaft (Kosten: in den USA rund 100.000 Dollar, in der Ukraine, bei unsicherer rechtlicher Lage, nur halb so viel). Viele Frauen wollen allerdings nur eine „normale“ Befruchtung. Beliebt ist das „Vergessen“ der Pille. Oder der gezielte „Anschlag“: Der Partner einer Vierzigjährigen will kein Kind und paßt auf. Ein weit entfernt wohnender Freund weilt gerade zu Besuch, und da es von den Tagen her günstig ist, verführt sie ihn – „ohne“, sie nähme die Pille. Sie wird schwanger, erleidet aber eine Fehlgeburt. Der Freund, verheiratet, vier Kinder, gerade in einer Ehekrise, hat sich in sie verliebt, so daß sie gezielt einen Gegenbesuch abstattet und wieder schwanger wird. Seine Frau bekommt die Affäre mit, reicht die Scheidung ein, zur gleichen Zeit begreift er endlich, daß er nur als Samenspender diente – Nervenzusammenbruch, Psychiatrie, verstörte Kinder. Eine weitere Fehlgeburt, der Partner ist inzwischen auch weg – open end. Öfters spielen natürlich auch ökonomische Gründe mit – wenn schon ein Kind, dann mittels finanzstarkem „Samenspender“ (siehe Boris Becker, aber der war nun wirklich so blöd und hatte genug Geld, daß man wenig Mitleid empfindet). Wie hört man es immer so schön: Kinderlose sind egoistisch – besonders wenn sie ein Kind wollen!

 

  1. Glück mit Kindern? Kinder machen, wie ein bißchen Beobachtung, aber auch wissenschaftliche Untersuchungen ergeben, nicht einfach glücklich – im Gegenteil.[1] Schon die Geburt ist ein brutales, blutiges Ereignis, und das Baby selbst von alldem auch nicht gerade begeistert. Die ersten Jahre ist es vorbei mit Schlaf, Sex, Zeit für sich selbst, ununterbrochene Gespräche mit anderen Erwachsenen gehören der Vergangenheit an, die Frauen verlieren an Attraktivität, die Qualität der Beziehung sinkt angesichts des Dauerstresses und der Konzentration auf das Kind – dafür steigt die Trennungsquote im ersten Jahr auf 40%. (Was ist das Schönste am ersten Jahr mit Kind? – Es geht vorbei.) Dann kommen anspruchslose, langweilige Spiele, zum hundertsten Mal muß man die gleiche Geschichte vorlesen, an verregneten Wochenenden quengelnde Kleinkinder ertragen, zum Glück gibt es das Fernsehen – auf Kosten eines schlechten Gewissens. Die ganze Zeit muß man befehlen, schimpfen, zurechtweisen, diskutieren, hinterherrennen, die Kinder bestimmen den Ablauf des Alltags, schließlich muß man alle ihre Fähigkeiten fördern (damit ja nichts Wichtiges fehlt, auch möglichst noch für Geschwister sorgen). Und sind die Kinder dann endlich in einem Alter, wo man ernsthaft etwas mit ihnen unternehmen könnte, haben sie keine Zeit und Lust mehr, lungern unendliche Zeiten vor ihren Smartphones herum, rauchen, trinken, kiffen, wollen immer Geld, kosten so oder so ein Vermögen. Die Mütter befürchten ständig, eine Rabenmutter zu sein, was die Kinder, hier psychologisch äußerst begabt, gezielt ausnutzen. Wenn die Kinder schlechte Schulleistungen bringen oder sich schlecht entwickeln, fühlt man sich verantwortlich und wird von der Umwelt, oft den Kindern selbst dafür verantwortlich gemacht (werden sie etwas, gilt das hingegen als Eigenleistung). Nicht mit allen Kinder läuft es so? Mag sein (man prüfe das selbst einmal im Bekanntenkreis). Doch auch um die bravsten Kinder hat man immer wieder schlimme Ängste. Sind dafür aber nicht die Glücksmomente mit Kindern unvergleichlich? Genau: die Glücksmomente.

Damit können wir kurz zur Philosophie wechseln, denn hier stellt sich die Alternative von Schopenhauer oder Nietzsche. Schopenhauer: „Wer die Behauptung, daß in der Welt der Genuß den Schmerz überwiegt oder wenigstens sie einander die Waage halten, in der Kürze prüfen will, vergleiche die Empfindung des Tieres, welches ein anderes frißt, mit der dieses anderen.“[2] Leiden zählt mehr als Glück, ja Leidenslosigkeit ist für Schopenhauer das einzig erreichbare Glück. Für Nietzsche rechtfertigen höchste Glückaugenblicke hingegen alles vorhergehende und nachfolgende Leiden. Der eine will das Leiden der Welt möglichst vermindern, der andere intensives Glück auf Kosten von Leid. Die Frage ist also nicht, ob Kinder Glück bringen, sondern ob die physischen, psychischen und auch finanziellen Kosten das Glück wert sind.[3] Die Entscheidung darüber aber wird an die einzelne abgegeben. Aufgrund welcher Motive entscheidet sie?

 

  1. Motive. Evolutionsbiologisch kann man Reproduktion als Grundbedürfnis sehen – also als etwas, was vor die kulturelle Evolution (oder die Hirnentwicklung?) zurückgeht, aber von ihr anscheinend übernommen wurde. Wer sich fortpflanzen will und es nicht kann, leidet darunter, und wiederholte erfolglose Versuche, schwanger zu werden, können ähnliche Gefühle auslösen, wie der Verlust eines Nahestehenden. Die Gesellschaft, die sich reproduzieren will, fördert politisch und wirtschaftlich von den Römern bis heute – mit der kurzen Ausnahme Chinas – denn auch die Fortpflanzung. Während eine Adoption hohe Anforderungen stellt, darf jede, psychologisch und pädagogisch geeignet oder nicht, staatlich gefördert beliebig viele Kinder in die Welt setzen, und die Ärzte helfen im Zweifelsfall für teures Geld gerne mit Reproduktionsmedizin nach. Allerdings sind trotz aller Förderung die Geburtenraten in den Industriestaaten niedrig. Warum?[4]

Motive, keine Kinder zu bekommen, liefern die oben genannten Belastungen. Ein weiteres Motiv: Kinder sind für Frauen weiterhin eine Karriererisiko, und es droht die traditionelle Rollenverteilung. Selbst wenn die Mütter weiterarbeiten, steigt ihre Belastung angesichts der Sorgen um die Kinder, die durch Krankheiten, Unfälle immer wieder Fehlzeiten verursachen. Daran kann auch die beste Familienförderung nichts ändern. Zu ihr muß noch, wie etwa in Frankreich, die kulturelle Selbstverständlichkeit kommen, daß zum Frausein die Mutterschaft gehöre und (mehrere) Kinder und Beruf kein Problem seien. In Deutschland schieben Frauen wegen der Karriere den Kinderwunsch hingegen oft hinaus, bis es zu spät ist, weshalb es zu immerhin 20% dauerhaft kinderlosen Frauen kommt – nur etwa ein Viertel dieser Frauen (also 5% aller Frauen) wollten aber grundsätzlich keine Kinder.[5]

Warum hat die überwältigende Mehrheit der Frauen weiterhin den Kinderwunsch? Der Mensch als verstehendes Wesen ist doch nicht einfach triebgesteuert, sondern weiß oder könnte jedenfalls wissen, was es bedeutet, Kinder zu bekommen. Lassen wir die „Unfälle“ beiseite (30% der Schwangerschaften sollen ungewollt sein, von denen die Hälfte abgebrochen wird), so hat doch jeder Wunsch einen Grund – und sei es als nachträgliche Rechtfertigung, die auch kulturelle Selbstverständlichkeiten brauchen. Beim allgemein, besonders unter Frauen verbreiteten Kinderwunsch muß es auch einen allgemeinen Grund geben. Die Gründe vergangener Zeiten – Beitrag zur göttlichen Schöpfung, Familienerhalt, Stärkung der Nation, Erfüllung des „weiblichen Wesens“ –, die auch und gerade von Männern ausgingen, brauchen uns dabei nicht zu interessieren. Auch religiöse oder metaphysische Sinnangebote, die das Ziel der Menschheit in weite Ferne oder ins Jenseits verlegen, kommen nicht mehr als Rechtfertigungsgrund in Frage. Nach heutiger Weltsicht läuft der Kosmos auf den Entropietod zu, und die Menschheit wird zwangsläufig aussterben (spätestens in einer Milliarde Jahre wird es für das Leben zu heiß). Das spricht angesichts der riesigen Zeiträume zunächst weder für noch gegen das Leben und seine Hervorbringung. Im jetzigen Zusammenhang geht es nur darum, daß alle „höheren“ Rechtfertigungen für Kinder nicht mehr überzeugen. Als Motive kommen heute nur noch individuelle Gründe in Frage.

Individuell – das gilt für alle Zeiten – streben die Menschen nach Glück. Die moderne Glücksformel aber lautet: Selbstverwirklichung. Sie wird in Arbeit, Freizeit und vor allem in Liebe gesucht, und Liebe bedeutet traditionell Familie. Findet man in der Arbeit keine Befriedigung und will die Arbeit beenden, so bieten Kinder eine anerkannte Rechtfertigung (die man auch gegen den Partner benutzen kann). Viele Paare verfolgen aber auch ohne Hintergedanken weiterhin das Projekt „Familie“. Wenn beide davon überzeugt sind und die Beziehung hinter das Projekt zurückstellen, kann das auch durchaus funktionieren. Bei Paaren, bei denen die Beziehung im Vordergrund steht, kommt es hingegen mit Kind zur Belastung der Beziehung. Was motiviert trotzdem zum Kind?

Paare, die frisch verliebt zusammenziehen, erfahren schnell, daß die große Liebe dem Alltag weicht. Kinder versprechen einen neuen Impuls, ein neues Erlebnis oder Abenteuer, sollen das schal gewordene Glück als neuer Ausdruck der Liebe und Gemeinsamkeit wiederbringen. Das tun sie, wie man schon vorher wissen kann, nur begrenzt. Ein funktionales Äquivalent für Glück ist jedoch Sinn. Auch Sinn muß heute individuell gesucht werden. Die meisten Leute sind denkfaul und greifen an Feiertagen oder in Krisenzeiten auf traditionelle Glaubensangebote zurück, die ansonsten nicht mehr überzeugen. Für den Alltag braucht man jedoch Konkreteres. Während so früher Religion oder auch die Nation den unvermeidlichen Kindersegen rechtfertigten und begrüßten, haben sich die Verhältnisse heute umgekehrt: Kinder geben dem Leben Sinn (und rechtfertigen den Kirchgang zur Geburt, Kommunion…). Statt selbst für sich einen Sinn zu finden, läßt man ihn sich, statt wie bisher von Religion oder Tradition, jetzt vom Kind vorgeben.[6] Die eigene Lebensgestaltung und Eigenverantwortung, die man nicht zu tragen bereit ist, wird durch die Verantwortung für das Kind ersetzt. Man will gebraucht werden – was dann so aussieht, als sei man besonders verantwortungsbewußt, „erwachsen“. Dabei ist es einfach bequem: Man muß nichts mehr denken, weil man zu sehr beschäftigt ist. Man organisiert die ganze Zeit, macht sich Sorgen, hat ein Gesprächsthema und findet dafür noch gesellschaftliche Anerkennung. Vor sich selbst kann man das alles als persönliche „Weiterentwicklung“, als Erfahrung, die zum Leben dazugehört, verkaufen. Ob die ganze Sache Glück bringt, ist dann nicht mehr wichtig. Glück wird durch Sinn ersetzt. Kurz: Wer anderswo, in Arbeit, der Beziehung, Freizeitaktivitäten keinen oder nicht genug Sinn findet, sucht ihn in Kindern. Da dies Frauen nur eine begrenzte Zeit möglich ist und sie über die Geburt entscheiden, sind es vor allem sie, die für diese Art der Sinnsuche anfällig sind. Damit wird die Sinnfrage natürlich nicht gelöst, sondern einfach eine Generation weiter verschoben, aber immerhin haben die Eltern zehn bis fünfzehn Jahre die Sinnfrage für sich beantwortet. Der Kinderwunsch hat nichts mit Verantwortungsgefühl oder einer besonderen sozialen Ader zu tun, sondern ist so egoistisch wie andere Wünsche auch.[7]

 

  1. Unmoralisch. Wer bei alldem nicht gefragt wird, sind die Kinder selbst. Kant bezeichnet den Akt der Zeugung als einen solchen „wodurch wir eine Person ohne ihre Einwilligung auf die Welt gesetzt und eigenmächtig in sie herübergebracht haben; für welche Tat auf den Eltern nun auch eine Verbindlichkeit haftet, sie, so viel in ihren Kräften ist, mit diesem ihrem Zustand zufrieden zu machen.“[8] Nun waren zu Kants Zeiten mit sexuellen Beziehungen Kinder fast unvermeidlich verbunden. „Ohne alle subjektive Leidenschaft, ohne Gelüste und physischen Drang, bloß aus reiner Überlegung und kaltblütiger Absicht einen Menschen in die Welt zu setzen, damit er darin sei – das wäre eine moralisch sehr bedenkliche Handlung, welche wohl nur wenige auf sich nehmen würden.“[9] So kann man sich irren!

Warum ist diese Handlung moralisch bedenklich oder, um es gleich deutlich zu sagen: unmoralisch?[10] Moral hat es immer mit der anderen zu tun: Gegen ihre Grundinteressen soll nicht verstoßen werden. Gehört zu diesen Interessen die Geburt? Auch wenn es die meisten Menschen vorziehen sollten, geboren worden zu sein: Real konnten sie nie wählen, denn die Alternative Geburt oder Nichtsein stellte sich nie, kann doch, wer nicht lebt, nichts vorziehen. Erst mit der Geburt entstehen Interessen. Die Präferenz lebender Personen für das Leben läßt sich deshalb nicht ins Nichtsein verlängern. „Im“ Nichts gibt es keine Personen, also auch keine Interessen, und nicht hervorgebracht zu sein ist kein Zustand eines Lebewesens, das Nichtsein keine Eigenschaft von Personen. Die Zeugung geschieht aus dem Nichts, ohne daß vorher eine Person im Zustand des Noch-nicht wäre. Niemand kann deshalb ein Interesse oder Recht haben, gezeugt zu werden. Die Frage der Hervorbringung scheint moralisch neutral: Vor der Geburt gibt es kein Wesen, das irgendein Interesse geltend machen könnte.

Allerdings: ein Wesen wird ins Leben gezwungen, Gewalt ausgeübt, für die zukünftige Person ohne Einspruchsmöglichkeit das Leben gewählt, und lebt sie erst einmal, so kann sie sich nur durch eine weitere Gewalttat aus dem Leben entfernen. Was steht ihr aber im Leben bevor? Sicher ist, daß jede sterben, und physisches und psychisches Leid erfahren wird. Daß sie Glücksmomente erfährt, ist wahrscheinlich. Glück ist jedoch immer bedroht und vergänglich. Kurz: Glück ist unsicher, Leiden hingegen unvermeidlich. Versuchen kann man nur, Bedingungen, die Leiden verursachen, so weit wie möglich aus der Welt zu schaffen (also negative Glücksbedingungen – nach Epikur: nicht hungern, nicht dursten, nicht frieren, heute die Menschenrechte – zu erfüllen). Die Aufgabe, von der auch Kant spricht, ein Kind glücklich oder zufrieden zu machen, ist nur bei günstigen, oft unbeeinflußbaren Umständen und nur zeitweise erfüllbar. Glück ist etwas, was sich nicht machen, bewußt ansteuern läßt, sondern einstellt. Und Kinder verstehen unter Glück etwas anderes als die Eltern, die gezwungenermaßen die kulturellen Ansprüche, die über die Zukunft des Kindes entscheiden (Schulleistungen), gegen seinen Willen durchsetzen, aber auch ihre Glücksvorstellungen auf das Kind projizieren. Beides führt (zumindest zunächst) zu Zwang und Rebellion.

Wer ein Kind zeugt, kann so nicht garantieren, daß es glücklich wird, setzt es aber zwangsläufig Leiden aus. Wer kein Kind zeugt, hält ihm Glück vor, bewahrt es jedoch vor Leiden. Da jedoch in diesem Fall niemand das vorenthaltene Glück erlebt, wird dadurch niemand geschädigt und ist man verantwortlich für nichts. Im Falle der Hervorbringung, über die heute bewußt entschieden werden kann, ist man hingegen verantwortlich für eine Person, ihr Leiden und das Leiden, das sie in die Welt bringt. Zukünftige Leiden können schmerzlos durch Fortpflanzungsverzicht verhindert werden. Folglich ist nicht die Kinderlose egoistisch, sondern diejenige, die Kinder in die Welt setzt, weil sie ansonsten keinen Sinn finden kann. Und es ist nicht nur egoistisch, sondern moralisch schlecht, weil es neues Leiden in die Welt bringt. Die neue Person mag für ihr Leben dankbar sein – das ändert nichts an der moralischen Einschätzung: Unmoralische Taten (etwa Lügen) können auch für die unmoralisch Behandelte nützlich sein. Faktisch ist Moral aber vor allem immer nur einer unter vielen Handlungsgründen. So ermutigt und fördert die Politik mit ihrem Interesse an Reproduktion alle Kinderwilligen, ohne die Frage der Moral je zu stellen, ja darf und kann sie deshalb nicht sehen. Aufgrund kultureller und traditioneller Gepflogenheiten wird ganz selbstverständlich gegen „an sich“ offensichtliche Moralforderungen verstoßen (so täglich beim Fleischkonsum) – was die Sache, wenn auch verständlicher, nicht besser, sondern eher schlimmer, weil kaum veränderbar macht. Und sind Kinder erst einmal da, interessiert es nicht mehr, ob ihre Hervorbringung unmoralisch war, sondern sind sie als Interesseträger moralisch zu berücksichtigen und bestmöglich zu erziehen. Wer vorher ein bißchen nachdenkt, kann jedoch wissen: Der Kinderwunsch und die Zeugung sind egoistisch und unmoralisch.

 

[1] Gegen die emotionale Idealisierung schreiben etwa Eva Gerberding/Evelyn Holst, Wer sagt, daß Kinder glücklich machen? Von Müttern und Vätern am Rande des Nervenzusammenbruchs, München 2012; Corinne Maier, No Kid – 40 Gründe, keine Kinder zu haben, Reinbek 2008.

[2] Paralipomena § 149.

[3] Nach Dieter Thomä verleihen Eltern in Gestalt ihres Kindes ihrer Bejahung des Lebens Ausdruck. Dieses positive Zeichen könne als momentweises Glück auch das Elternelend überstrahlen. Dabei weiß er selbst, daß es als Gegenstück kaum ein größeres Unglück gibt, als ein Kind, das stirbt. Dem „Signal für das Leben“ steht die Tragödie entgegen. (Eltern. Kleine Philosophie einer riskanten Lebensform, München 1992, 176ff.) Die Frage, warum man das Leben denn bejahen, und auch noch mittels Kind bejahen soll, läßt er dann einfach aus und kommt so gar nicht auf das eigentliche philosophische Problem der Elternschaft.

[4] Zum Folgenden vgl. „neutral“ Elisabeth Beck-Gernsheim, Die Kinderfrage – Frauen zwischen Kinderwunsch und Unabhängigkeit, München 1988, Ulrich Beck, Elisabeth Beck-Gernsheim, Das ganz normale Chaos der Liebe, Frankfurt 1990, Kap. IV, 135-183.

[5] 30% der Bevölkerung sind momentan kinderlos, in der entscheidenden Gruppe der 20-50jährigen 43% (Frauen 36%, Männer 50%), davon 25% ungewollt kinderlos, um die 10% haben den früheren Kinderwunsch aufgegeben, und nur für 13% der Frauen und 13% der Männer dieser Gruppe ist Kinderlosigkeit eine grundsätzliche Lebenshaltung. (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen, Hrsg., Kinderlose Frauen und Männer, Berlin 2014, 10ff., 21) Von den 43% momentan Kinderlosen bekommt etwa die Hälfte noch Kinder, so daß sich unter den dauerhaft Kinderlosen um die 25% grundsätzlich gegen Kinder entschieden haben dürften.

[6] Selbst mehr als 80% der Kinderlosen glauben, daß Kinder eine Bereicherung für Identität und Lebenssinn sind (bei den 13% grundsätzlich Kinderlosen allerdings verständlicherweise nur eine Minderheit). (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen, Hrsg., Kinderlose Frauen und Männer, Berlin 2014, 162ff.)

[7] Gesehen wird das meist nur im Zusammenhang mit der Reproduktionsmedizin und ihren Auswüchsen (Mütter über 60, Streit von getrennten Paaren um eingefrorene Embryonen, „defekte“ oder nicht bestellte – falsches Geschlecht – „Produkte“, die die Auftraggeber der Leihmutter nicht abnehmen). Vgl. etwa Elisabeth Beck-Gernsheim, Die Reproduktionsmedizin und ihre Kinder, Salzburg/Wien 2016.

[8] Metaphysik der Sitten § 28.

[9] Schopenhauer, Paralipomena § 167.

[10] Vgl. zum Folgenden auch die antinatalistischen Artikel von Karim Akerma in Tabula Rasa und seine sonstigen Schriften.

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Über Gebert Sigbert 6 Artikel
Sigbert Gebert, Dr. phil., Dipl.-Volksw., geboren 1959, studierte Philosophie, Politik, Soziologie und Volkswirtschaft in Freiburg (Brsg.) und Basel. Lebt als Privatgelehrter in Freiburg und Zürich. Veröffentlichungen u.a. „Sinn – Liebe – Tod“ (2003), „Die Grundprobleme der ökologischen Herausforderung“ (2005), „Philosophie vor dem Nichts“ (2010).