Gianni Infantinos Machtmaschine: Warum ihn im Weltfußball niemand stoppen kann

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Die Vorwürfe werden schwerer, der Widerstand bleibt schwach. Gianni Infantino wird von Verbänden, Menschenrechtsorganisationen und führenden Funktionären angegriffen. Trotzdem sprechen mehr als 200 Unterstützungserklärungen dafür, dass er 2027 erneut gewählt wird. Seine Stärke liegt nicht im öffentlichen Ansehen, sondern in einem System aus Stimmen, Geld und Abhängigkeiten.

Am Ende der Weltmeisterschaft war der Unmut nicht mehr zu überhören. Als Gianni Infantino bei der Siegerehrung auf den Rasen kam, wurde er ausgepfiffen. Der FIFA-Präsident lächelte, blieb auf dem Podium und wartete, bis die Kameras weiterzogen. Der Vorgang war bezeichnend. Außerhalb der Verbandssäle wächst die Ablehnung, innerhalb der FIFA gerät seine Stellung kaum ins Wanken. Die Pfiffe erreichten ihn. Seine Macht erreichten sie nicht.

Die Kritik kommt längst aus dem Zentrum des Fußballs

Javier Tebas, Präsident der spanischen La Liga, forderte Infantino nach dem Turnier zum Rücktritt auf. Die FIFA, so sein Vorwurf, blähe ihre Wettbewerbe auf und beschädige damit jene nationalen Ligen und Vereine, die den Fußball Woche für Woche tragen. Im Gespräch mit der italienischen „Gazzetta dello Sport“ erklärte Tebas, Infantinos Zeit sei abgelaufen. Zugleich räumte er ein, weshalb daraus vorerst nichts folgt: Es gebe keinen Gegenkandidaten, und viele Gegner des Präsidenten redeten zwar, handelten aber nicht. Über diese Aussagen berichtete Reuters.

Noch deutlicher wurde die UEFA im Streit um den US-Nationalspieler Folarin Balogun. Nach einer Roten Karte hätte Balogun im Achtelfinale gesperrt sein müssen. Nachdem US-Präsident Donald Trump Infantino angerufen und um eine Überprüfung gebeten hatte, setzte die FIFA-Disziplinarkommission die Sperre zur Bewährung aus. Die UEFA nannte die Entscheidung in einer offiziellen Erklärung beispiellos, unverständlich und nicht zu rechtfertigen. Die FIFA wies den Vorwurf politischer Einflussnahme zurück. Der zeitliche Ablauf blieb dennoch verheerend: Ein Präsident ruft an, der Verbandschef wird eingeschaltet, eine sportrechtliche Sanktion verschwindet vor dem nächsten Spiel.

Auch der Deutsche Fußball-Bund ging auf Distanz. Der DFB unterschrieb das Unterstützungsschreiben für Infantinos Wiederwahl nicht. Weitere Schritte sollten im Präsidium beraten werden, teilte der Verband mit. Das war mehr als bloßes Schweigen, aber noch keine Opposition. Weder präsentierte der DFB einen Gegenkandidaten noch warb er für ein gemeinsames Vorgehen der europäischen Verbände. Der Deutschlandfunk dokumentierte die Entscheidung und verwies ebenfalls auf die verschärften Spannungen nach dem Fall Balogun.

Mehr als 200 Verbände haben sich bereits festgelegt

Infantino kündigte seine erneute Kandidatur am 30. April 2026 beim FIFA-Kongress in Vancouver an. Die Wahl findet am 18. März 2027 in Rabat statt. Bis zum 18. November 2026 können Gegenkandidaten benannt werden. Dass Infantino antreten wird, bestätigte die FIFA selbst. Bislang steht ihm niemand gegenüber.

Nach Recherchen des Guardian haben mehr als 200 der 211 Mitgliedsverbände Unterstützungserklärungen für Infantino abgegeben. Diese Schreiben sind nicht bindend. Sie können zurückgezogen oder einem anderen Bewerber übertragen werden. Politisch sind sie trotzdem ein beinahe erdrückendes Signal. Wer gegen Infantino kandidiert, müsste innerhalb weniger Monate ein Bündnis aufbrechen, das fast den gesamten Weltverband umfasst.

Das Wahlsystem hilft dem Amtsinhaber. In der FIFA besitzt jeder Mitgliedsverband eine Stimme. Deutschland, England oder Brasilien zählen bei der Präsidentenwahl nicht mehr als kleine Inselverbände. Das schützt die Gleichheit der Mitglieder und verhindert die Vorherrschaft der großen Fußballnationen. Es bedeutet aber auch, dass Europa allein keinen Präsidenten stürzen kann. Selbst eine geschlossene europäische Front wäre weit von der notwendigen Mehrheit entfernt.

Das Geld ist nicht Nebensache, sondern das Fundament

Infantino hat früh verstanden, worauf viele Verbände angewiesen sind. Die FIFA nimmt Milliarden ein und verteilt einen wachsenden Teil davon an ihre Mitglieder. Im laufenden Zyklus von 2023 bis 2026 kann jeder Verband über das Programm FIFA Forward bis zu acht Millionen US-Dollar erhalten. Finanziert werden unter anderem Verbandsarbeit, Plätze, Leistungszentren, Nachwuchsprogramme und Wettbewerbe.

Beim Kongress in Vancouver erklärte Infantino, die FIFA habe in den vergangenen zehn Jahren fünf Milliarden US-Dollar in die Fußballentwicklung investiert. Für den nächsten Förderzyklus von 2027 bis 2031 stellte er 2,7 Milliarden US-Dollar in Aussicht. Diese Zahlungen erfüllen einen realen Zweck. In vielen Ländern entstehen mit ihnen Trainingsplätze, Ligen und Strukturen, die aus nationalen Mitteln nicht zu bezahlen wären. Gerade deshalb besitzen sie politisches Gewicht.

Die Menschenrechtsorganisation FairSquare beschreibt dieses Verhältnis weit schärfer. Ihr Bericht „Substitute: The case for the external reform of FIFA“ stützt sich nach Angaben der Organisation auf mehr als 100 Interviews. Die Autoren sprechen von einem Patronagesystem: Entwicklungsgeld werde so verteilt, dass es die politische Unterstützung der Mitgliedsverbände für den Präsidenten begünstige. Das ist die Bewertung einer kritischen Organisation, kein gerichtlich festgestellter Tatbestand. Sie erklärt jedoch, weshalb die wachsenden Zahlungen immer wieder im Zentrum der Debatte stehen. Je mehr ein kleiner Verband von Zürich erhält, desto höher ist der Preis eines offenen Konflikts.

Kontrolle gibt es auf dem Papier

Die FIFA verweist auf ihre unabhängigen Rechtsorgane. Disziplinar-, Berufungs- und Ethikkommission sollen Regelverstöße untersuchen und sanktionieren. Ihre Vorsitzenden und Mitglieder werden jedoch vom FIFA-Kongress gewählt, also von denselben Verbänden, auf deren Stimmen Infantinos Macht beruht. Die FIFA erläutert diese Konstruktion offen und betont die vorgeschriebenen Unabhängigkeitskriterien. Der formale Anspruch ist damit klar. Die Frage ist, ob ein System sich selbst wirksam kontrolliert, wenn nahezu alle entscheidenden Mehrheiten hinter dem Präsidenten stehen.

FairSquare reichte bereits im Dezember 2025 eine Beschwerde bei der FIFA-Ethikkommission ein. Infantino soll nach Auffassung der Organisation mehrfach gegen das Gebot politischer Neutralität verstoßen haben. Im Juli 2026 folgte eine Beschwerde beim Internationalen Olympischen Komitee. Sie betrifft unter anderem Infantinos öffentliche Nähe zu Donald Trump, den FIFA-Friedenspreis und den Verdacht, politischer Druck könne im Fall Balogun eine Rolle gespielt haben. Bislang handelt es sich um Vorwürfe, die geprüft werden müssen. Bemerkenswert ist allerdings, dass die FIFA-Ethikkommission nach Angaben von FairSquare zwar den Eingang der ersten Beschwerde bestätigte, aber keine Untersuchung bekanntgab.

Auch Human Rights Watch und Amnesty International greifen Infantinos Kurs an. Human Rights Watch warf dem FIFA-Präsidenten vor, die Politik der US-Regierung nicht kritisch genug zu behandeln und Trump stattdessen mit einem neu geschaffenen Friedenspreis aufzuwerten. Eine von Amnesty International mitgetragene Koalition aus Menschenrechts-, Gewerkschafts-, Fan- und Journalistenorganisationen verlangte konkrete Schutzmaßnahmen für Arbeiter, Spieler, Fans, Journalisten und Kinder. Solche Stellungnahmen beschädigen Infantinos Ansehen. Stimmen im FIFA-Kongress kosten sie ihn bislang kaum.

Warum niemand gegen ihn antritt

Ein Herausforderer müsste reisen, werben, Unterstützer sammeln und sich offen gegen einen Präsidenten stellen, der über ein gewaltiges Netzwerk und eine fast geschlossene Gefolgschaft verfügt. Er müsste zudem damit rechnen, am Ende nicht knapp, sondern vernichtend zu verlieren. Für viele Verbandschefs ist es bequemer, sich im eigenen Land kritisch zu äußern und in Zürich oder beim Kongress anders abzustimmen.

Der europäische Widerstand leidet außerdem an seinen eigenen Widersprüchen. UEFA und nationale Verbände empören sich über Entscheidungen der FIFA, verdienen aber an den Turnieren mit, entsenden Vertreter in die Gremien und vermeiden den offenen Bruch. Der DFB verweigert eine Unterschrift, nennt aber keinen Bewerber. Andere Verbände reden hinter verschlossenen Türen über Alternativen und schicken gleichzeitig ihre Unterstützungserklärung nach Zürich. So entsteht kein Machtkampf, sondern eine Sammlung folgenloser Vorbehalte.

Infantino bleibt, weil Kritik allein keine Stimmen ersetzt

Gianni Infantino ist nicht unangreifbar. Er könnte eine Wahl verlieren, von den zuständigen Organen sanktioniert werden oder den Rückhalt der Mitgliedsverbände einbüßen. Davon ist die FIFA im Juli 2026 weit entfernt. Mehr als 200 Verbände sollen seine Kandidatur unterstützen, ein Gegenkandidat fehlt, die Fördermittel steigen und die Kritiker handeln nicht gemeinsam.

Das ist der Kern seiner Macht. Infantino muss nicht überall beliebt sein. Er muss nur dort Mehrheiten besitzen, wo über sein Amt entschieden wird. Solange die Gegner außerhalb des Kongresssaals laut und innerhalb des Kongresssaals leise bleiben, können Stadien ihn auspfeifen, Menschenrechtsorganisationen Beschwerden einreichen und Funktionäre seinen Rücktritt verlangen. Der Präsident wird all das hören. Gehen muss er deshalb noch lange nicht.