Fachkräftemangel: Die eigentliche Krise kommt mit dem Aufschwung

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Fast ein Viertel der Unternehmen klagt schon in einer schwachen Konjunktur über fehlende Fachkräfte. Wenn die Wirtschaft wieder kräftiger wächst, wird sichtbar werden, wie wenig Deutschland auf das Ausscheiden der Babyboomer vorbereitet ist.

Eine paradoxe Lage am Arbeitsmarkt

Mehr als drei Millionen Arbeitslose und gleichzeitig fehlende Fachkräfte – für viele klingt das widersprüchlich. Es ist aber der Kern des deutschen Arbeitsmarktproblems. Nach einer ifo-Umfrage berichteten im Sommer 23,2 Prozent der Unternehmen von Fachkräftemangel. WELT veröffentlichte die Zahlen. Besonders betroffen sind qualifizierte Dienstleistungen und einzelne technische Bereiche. Die Quote liegt noch unter früheren Höchstständen – vor allem, weil die schwache Konjunktur den Personalbedarf dämpft.

Der Mangel ist auch deshalb schwer zu lösen, weil Deutschland gern in Berufsbezeichnungen statt in Fähigkeiten denkt. Wer einen Abschluss nicht exakt nach deutschem Muster vorweisen kann, landet schnell in langwierigen Anerkennungsverfahren; wer aus einem schrumpfenden Industrieberuf kommt, erhält zu selten eine Weiterbildung, die zu einem konkreten Engpass passt. Die Tagesschau bündelt die Debatte um Fachkräftemangel und Engpassberufe. Eine alternde Volkswirtschaft kann sich solche Reibungsverluste weniger leisten als früher. Nicht jeder Mangel verlangt Zuwanderung, nicht jede Lücke lässt sich durch Umschulung schließen. Aber jede unnötige Hürde, die vorhandene Qualifikation brachliegen lässt, wird in den kommenden Jahren teurer.

Das ist die beunruhigende Pointe. Deutschland erlebt den Fachkräftemangel derzeit mit angezogener Handbremse. Sobald Investitionen und Produktion kräftiger anziehen, dürfte die Nachfrage nach qualifizierten Beschäftigten steigen. Dann werden die demografischen Lücken deutlicher. Die Tagesschau verweist auf den wachsenden Bedarf in Engpassberufen. Arbeitslosigkeit ist deshalb kein Reservoir, aus dem Unternehmen beliebig schöpfen können. Qualifikation, Ort, Arbeitszeit und Berufserfahrung müssen passen.

Die Babyboomer gehen wirklich

Jahrzehntelang wurde über den demografischen Wandel gesprochen, als sei er ein langfristiges Szenario. Nun verlässt die große Generation tatsächlich den Arbeitsmarkt. Bis 2040 könnten fast 30 Prozent der heutigen Erwerbspersonen altersbedingt ausscheiden. Die Tagesschau hat die Berechnungen des Statistischen Bundesamtes erläutert. Jüngere Jahrgänge sind zahlenmäßig zu klein, um die Lücke zu schließen.

Auch die Unternehmen müssen ihre Gewohnheiten überprüfen. Jahrzehntelang konnten viele Betriebe sehr genaue Anforderungsprofile formulieren und darauf warten, dass der passende Bewerber erscheint. In einem knapperen Arbeitsmarkt verschiebt sich die Macht. Firmen müssen stärker ausbilden, ältere Beschäftigte halten, Arbeitszeiten flexibilisieren und Menschen einstellen, die vielleicht achtzig statt hundert Prozent eines Profils erfüllen. WELT berichtete über die ifo-Umfrage, nach der trotz schwacher Konjunktur 23,2 Prozent der Unternehmen Fachkräfte vermissen. Fachkräftesicherung ist deshalb keine Dienstleistung, die der Staat allein liefern kann. Sie verändert Personalpolitik im Betrieb.

Das Problem trifft nicht nur Ingenieure und IT-Spezialisten. Logistik, Gastronomie, Pflege, Bau, Handwerk und viele Dienstleistungen sind auf Arbeitskräfte angewiesen, deren Tätigkeiten sich nicht einfach automatisieren lassen. Gleichzeitig verlieren Unternehmen Personal in Funktionen, in denen Erfahrung entscheidend ist. Es genügt daher nicht, pauschal „mehr Zuwanderung“ oder „mehr Automatisierung“ zu fordern. Deutschland braucht beides – und zusätzlich bessere Weiterbildung, schnellere Anerkennung ausländischer Abschlüsse und mehr Erwerbsstunden dort, wo Menschen freiwillig mehr arbeiten wollen.

Arbeitsmarktpolitik darf nicht nur Arbeitslosigkeit verwalten

Die deutsche Arbeitsmarktpolitik ist historisch darauf ausgerichtet, Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. In einer alternden Gesellschaft verschiebt sich die Aufgabe. Es geht zunehmend darum, vorhandene Arbeitskraft besser zu nutzen. Dazu gehören Kinderbetreuung, steuerliche Anreize, flexible Übergänge in den Ruhestand und eine Weiterbildung, die Menschen aus schrumpfenden Branchen in wachsende Bereiche bringt. Wer einen arbeitslosen Produktionsmitarbeiter einfach zum fehlenden IT-Spezialisten erklärt, löst nichts.

Wenn die Industrie tatsächlich wieder stärker wächst, wird sich zeigen, ob diese Anpassung rechtzeitig begonnen hat. Ein Auftrag, der wegen fehlender Mitarbeiter nicht angenommen werden kann, taucht in keiner Arbeitslosenstatistik als unmittelbarer Schaden auf. Er fehlt später bei Umsatz, Investition und Steuereinnahmen. Reuters meldete im August eine deutliche Belebung der deutschen Industrie im Einkaufsmanagerindex. Der Fachkräftemangel ist deshalb eine stille Wachstumsgrenze. Deutschland kann sie verschieben, aber nicht mit einem einzigen Gesetz. Es braucht eine Kombination aus Bildung, Zuwanderung, längerer Beschäftigung, Digitalisierung und einer Unternehmenskultur, die knappe Arbeit produktiver einsetzt.

Auch die jüngsten Konjunkturdaten zeigen, warum die Zeit drängt. Der deutsche Industrie-PMI erreichte im August den höchsten Stand seit mehr als vier Jahren. Reuters berichtete über die Belebung und erste Stabilisierung der Beschäftigung. Sollte daraus ein nachhaltiger Aufschwung werden, wird Personal wieder stärker gesucht. Der Fachkräftemangel ist deshalb kein Argument gegen Wachstum. Er ist ein Auftrag, Wachstum organisatorisch möglich zu machen. Deutschland sollte nicht erst dann über Arbeitskräfte reden, wenn Aufträge liegen bleiben.

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