Ein Italiener in Ost-Berlin – Reminiszenzen an die DDR

Rotes Rathaus Berlin, Quelle: Augusto Bordato
Ikarus Berlin, Quelle: Augusto Bordato

Eine Tätigkeit bei einer Botschaft in einem fremden Land kann gewiss sehr interessant und stimulierend sein. Dies um so mehr, wenn die Mission in einer Stadt ansässig ist, die sich über 40 Jahre lang am Schnittpunkt zwischen Ost und West mitten im Kalten Krieg befindet. Augusto Bordato hatte das Privileg, eine solche Erfahrung zu machen. Erfahrung, die er rückblickend als große Bereicherung für sich selbst wertet. Zwischen 1981 und 1990 arbeitet er als Dolmetscher bei der Italienischen Botschaft zu Berlin und wird Augenzeuge des langwierigen Prozesses, der zur Auflösung der alten DDR führte. Nach Berlin kommt er auf Umwegen als Journalist, als Korrespondent und Sonderbeauftragter des indonesischen Monatsblatts „Editor“. Die Theorien von Meistern der Fotografie wie Henri Cartier-Bresson oder Gabriele Basilico, auf deren Spuren er sich begibt, gelten als solide Grundlage zur Entfaltung seines „fotografischen Auges“. Er widmet sich auch mit Leib und Seele der Fotografie. In seiner Freizeit verfolgt er die Spuren einer verborgenen Welt an ungewohnten, wenig frequentierten Orten. Seine Leica wird – wie schon für sein Vorbild Henri Cartier-Bresson oder für die Berlinerin Fotografin Gisèle Freund – zum unzertrennlichen Begleiter seiner Erkundungen. In rigoros s/w Aufnahmen hält er mit seiner Kamera zunächst Plätze und Denkmäler fest, die nur für Insider ein Begriff sind. Der Friedhof am Weißensee oder das Grab des Regisseurs Murnau in Stahnsdorf auf dem Weg nach Potsdam, die desolat heruntergekommene Museumsinsel, wie sie noch war. Eine spezielle Vorliebe entwickelt er für Ruinen, die in der DDR alles andere als Mangelware sind. Emblematisch jene der Semper Oper, die heute wieder im vollem Glanz erstrahlt. Er sorgt dafür, dass man sie noch einmal in dem Zustand erleben kann, in dem sie sich bei Kriegsende befand. Als Mahnmal gegen Krieg und Zerstörung. Er fotografiert, was er auf seinem Weg findet. Fotografieren heißt, den Augenblick festzuhalten. Warten auf den „entscheidenden Moment“. Mal fasst er eine verzierte zweiarmige Straßenlaterne aus der Jahrhundertwende ins Auge, die sich in der Perspektive vor einem modern Wachturm abhebt. Ein Flugzeug überfliegt sie, in Richtung Westen vielleicht… Mal einen Ikarus aus Marmor auf dem St.Georg Friedhof, der von einem abgebrochenem Flugversuch erzählt oder einen am Boden abgestürzter Preußischer Adler mitten in einem Spielplatz in der Ost-Berliner Kastanienallee. Reminiszenzen aus der alten DDR, die der Street-Fotograf mitgenommen hat, um zu verhindern, dass sie ganz in Vergessenheit geraten. Bilder gewiss der Nostalgie, die das Italienische Kulturinstitut bis zum 3. Oktober 2017 in seinem Ausstellungsraum präsentiert.

Quelle: Augusto Bordato

„DDR – Ricordando la Germania dell‘Est /Remembering East Germany“ ist eine sensible Hommage an eine verschwundene Wirklichkeit, in der Augusto Bordato zehn 10 Jahre lang eingetaucht war. 10 Jahre vor und nach jenem 9. November 1989, der den Kurs der europäischen Geschichte tiefgreifend verändert hat. Etwas 35 Bilder voller Intensität, urbane Bilder mit kleinen und größeren Menschenansammlungen, die alle – die ersten Anfang, die letzten gegen Ende der Achtziger Jahre – auf einen einzigen Moment fokussiert sind: den Augenblick, an dem die Berliner Mauer fällt. Bordato beschreibt in diesen Fotos vor allem eine Stimmung, die Stimmung beim Volk, das in jenen Tagen zwischen Hoffnung und Angst schwankt. Gesichter voller Erwartungen, nachdenkliche, besorgte Blicke, Spannung sogar in den Augen der Kinder, die in Gruppen auf Holzkarren zum Kindergarten transportiert werden. Sie alle haben bisher in einer gespaltenen Welt gelebt. Gespalten wie in dem eindrucksvollen Foto, in dem sich eine in der Mitte geteilte Winterlandschaft kristallisiert:   eine schwarze Bahn rechts, eine weiße schneebedeckte links, an deren Ende zwei kahle Bäume steil in den Himmel wachsen. Teilung als Grenze aber auch als Sicherheitslinie. Was wird morgen geschehen? Das ist die Frage.

Als die Mauer fällt, ist Augusto Bordato der einzige akkreditierte italienische Pressefotograf in Ost-Berlin, weshalb in der Münchner Schau die Fotos jener schicksalhaften Nacht und der Tage danach zahlenmäßig die Oberhand gewinnen.

Rotes Rathaus Berlin, Quelle:Quelle:  Augusto Bordato

Nach einer einführenden Analyse vor Eröffnung der Ausstellung von Frau Prof. Laura Fasanaro, Dozentin für Internationale Beziehungen am Institut für Politische Wissenschaften an der Universität Rom, vermittelt er in einem lockeren Gespräch seine Eindrücke aus jener bewegten Epoche. Klar sieht er die Widersprüche, in die sich die intellektuelle Elite eines Landes verstrickt, das auf Kultur für alle setzt. Die DDR ist kommunistisch, blickt aber sehnsüchtig auf das alte Preußen zurück. Die Führungsschicht predigt den Frieden, fällt gleichzeitig dem Bruderland Tschechoslowakei in den Rücken, wenn es wagt, mehr Freiheit zu fordern. Er beschreibt ein 1987 entstandenes Gemälde vom mutigen Leipziger Künstler Wolfgang Mattheuer mit dem aussagekräftigen Titel „Jahrhundertschritt“, das diese Zwiespältigkeit, diese tiefe deutsche Zerrissenheit meisterhaft interpretiert. Bordato fotografiert es vor der Wende im Ost-Berliner „Alten Museum“. Die Aufnahme hängt nun in München.

Zu sehen ist ein nach vorn schreitenden Mann mit einem gestreckten nackten Bein und einem gebeugten Arm mit geballter Faust rechts. Links hält er das andere Bein mit schwarzer Hose und schwarzem Stiefel auch gebeugt und einen ebenso schwarzen zum Hitlergruß erhobenen Arm. Um seinen Kopf eine dunkle Rauchschwade, die seine völlige Orientierungslosigkeit versinnbildlicht. Im Hintergrund ein Stück der mit Graffiti bemalten Mauer. Das Bild zeigt, wie groß die Sehnsucht, die Forderung nach mehr Freiheit in der damaligen Kulturszene wuchs. Eine gigantische Plastik Mattheusers mit dem gleichen Sujet aus dem Jahre 1987 steht heute im Museum Barberini in Potsdam: auch ein Mahnmal, eine Warnung vor neuen, stets lauernden Formen der Verführung.

Augusto Bordato geht auch auf die Besonderheit der Beziehungen zwischen Italien und der DDR über, die – wie zu erwarten – ganz anders sind als die zwischen der BRD und der DDR. Italien strebt in den Jahren, die das Ende des real existierenden Sozialismus einleiten, vor allem nach Stabilität und nach dem Erhalt des Status Quo. Er entsinnt sich des großen Wirbels um das oft unrichtig zitierte Wort vom damaligen italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti: „Es gibt zwei deutsche Staaten, und zwei sollen es bleiben“ und präzisiert, wie das weitaus schärfere Originalzitat vom katholischen Literaturnobelpreisträger – und Résistancemitglied!- François Mauriac stamme: „Ich liebe Deutschland. Ich liebe es so sehr, das ich froh bin, weil es gleich zwei gibt“. „Die italienische Außenpolitik ist in guten Händen“ – soll der damals amtierende DDR- Außenminister dazu gesagt. Helmut Kohl sieht seitdem in Andreotti den Widersacher seines Lebensprojekts, den Feind tout court.

Tiefe Bindungen bestehen zwischen der KPI, der stärksten  Kommunistischen Partei des Westens und der SED. Auch kulturell stehen sich die Länder nahe. Die italienische Intelligenz, deren Herz mehrheitlich links schlägt, unterhält enge Kontakte zu Ost-Deutschland, sieht u.a. in Brechts Hinterklassenschaft das wahre Erbe deutscher Kultur. Der geniale Dramatiker Heiner Müller ist in Italien hochgeschätzt, seine kritischen Ansätze werden als Vorzeichen einer Veränderung angesehen, die kommen muss.

Das Zitat, mit dem Augusto Bordato seine Rückblende vor einem zahlreich erschienenen Publikum abschließt, liest sich wie die Quintessenz der gescheiterten Illusionen, die das 20. Jahrhundert mit sich gebracht hat: „Die Revolution ist die Maske des Todes. Der Tod ist die Maske der Revolution“.

Italienisches Kulturinstitut München

Hermann-Schmid-Str 8   – 80336 München (nahe Bavaring)

Öffnungszeit: 10-17 Uhr.     www.iicmonaco.esteri.it

 

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Anna Zanco-Prestel
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Dr. Anna Zanco-Prestel, hat Literaturwissenschaften (Deutsch, Französisch und Italienisch) und Kunstgeschichte in Venedig, Heidelberg und München studiert. Publizistin und Herausgeberin mit Schwerpunkt Exilforschung. U.d. Publikationen: Erika Mann, Briefe und Antworten 1922 – 69 (Ellermann/DTV/Mondadori). Seit 1990 auch als Kulturkoordinatorin tätig und ab 2000 Vorsitzende des von ihr in München gegründeten Kulturvereins Pro Arte e.V.

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