Als Schlüssel zu seinem gerade erschienenen Buch zitiert Joerg Lau aus Stefan Zweigs „Erinnerungen eines Europäers“, die „auf beinahe unheimliche Weise gegenwärtig wirken.
Zweig schildert die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg – die untergegangene „Welt der Sicherheit“, in der er aufgewachsen war. Er ruft die verlorene Sorglosigkeit, den erschütterten Glauben an den Fortschritt und den „liberalistischen Idealismus“ jener Epoche in Erinnerung. Melancholisch, mit einem Anflug von Sarkasmus, beschreibt er, warum seinen Zeitgenossen – und auch ihm selbst – die geistige Beweglichkeit fehlte, den Niedergang dieser Ordnung und den Verlust aller Gewissheiten überhaupt für möglich zu halten. „An barbarische Rückfälle, wie Kriege zwischen den Völkern Europas, glaubte man so wenig wie an Hexen und Gespenster“, schreibt Zweig. Man sei „durchdrungen von Vertrauen auf die unfehlbar bindende Kraft von Toleranz und Konzilianz – Divergenzen zwischen den Nationen würden allmählich zerfließen ins gemeinsame Humane“.
Über ein Jahrhundert später zerbricht nun wieder das Gefüge, das die inneren Verhältnisse vieler Gesellschaften und die Beziehungen zwischen den Staaten ordnete und zusammen hielt. Die politischen Kräfte im Inneren der Staaten erweisen sich nicht mehr als tragfähig, die durch Globalisierung und Digitalisierung ausgelösten Brüche zu managen; im Äußeren führt es zum Aufstieg großer Player wie China und damit zu einer Neuordnung der Beziehungen und Bündnisse.
Diese sich in der Öffentlichkeit nur langsam verdichtende Einsicht könnte zu einer fatalistischen Haltung verleiten, nach der solche Zeitenbrüche sowieso nicht zu steuern seien und die Brüche auch ohne politische Fehlentscheidungen nicht zu verhindern seien. Das ist ja nicht völlig von der Hand zu weisen. Um so wichtiger ist es, dass Jörg Lau, seit zwei Jahrzehnten außenpolitischer Redakteur der „Zeit“, dieser Versuchung nicht erliegt, sondern auf einer Bestandsaufnahme deutscher Außenpolitik beharrt:
„Ich kann nicht genau sagen, wann sich diese Ahnung einstellte: Deutschland steht außenpolitisch an einem Nullpunkt. Die Großmachtpolitik autoritärer Führungsfiguren ist zurückgekehrt, Disruption und Rechtsbruch prägen die internationale Ordnung. Nationalismus gewinnt an Kraft, während zugleich die Zweifel an der Leistungsfähigkeit demokratischer Systeme wachsen. Deutschland, so die Schlussfolgerung Baggers, habe in dieser rauer gewordenen Welt mit unzuverlässigen Partnern und entschlossenen Gegnern viel zu verlieren: seinen Wohlstand, seine Sicherheit, womöglich sogar seine offene Gesellschaft.“
Dabei lässt er Leserinnen und Leser an seinen eigenen Fehleinschätzungen und Erkenntnissen teilhaben und wählt damit eine für uns, die wir alle im Zeitenbruch stehen, angemessene Form, frei von jeder in der journalistischen Priesterkaste durchaus zu findenden Überheblichkeit: „Ich habe dieses Buch auch als einen Akt der Selbstkritik geschrieben: Ich wollte aus meiner eigenen Zeitzeugenschaft erzählen, wie die deutsche Politik an diesen Nullpunkt gekommen ist – durch Realitätsverweigerung, Gruppendenken und Fehlsteuerungen. Nicht zuletzt haben uns auch falsche Ideen – von uns selbst und unseren Kontrahenten – in diese prekäre Lage gebracht“.
Die „Nullpunkte“ deutscher Außenpolitik arbeitet Jörg Lau auf den vier Feldern USA, Russland, China und Naher Osten durch, bei letzterem sind seine Analysen zum Iran, verfasst vor dem Ausbruch des neuen Krieges, besonders aktuell. Klugerweise verzichtet er auf all zu ausgeklügelte Handlungsorientierungen mitten in einem Zeitenbruch, in dem die Herausforderung eben darin liegt, den Titel seines Buches nun in Politik umzusetzen: „Der Westen sind jetzt wir“.

