Richard Strauss’ „Salome“ an der Bayerischen Staatsoper: Dirigent Thomas Guggeis sorgt für elektrisierenden Opernabend

„Salome“ Asmik Grigorian zwischen Joachim Bäckström und Wolfgang Koch (li.) sowie Gerhard Siegel und Thomas Guggeis (verdeckt: Claudia Mahnke) beim Schlussapplaus. Foto: Hans Gärtner

„Gott, diese nervöse Musik! Ist ja grad, als wenn einem lauter Maikäfer in der Hose herumkrabbelten!“ Des „Salome“-Komponisten Richard Strauss` Vater, der sechs Monate vor der Uraufführung des einaktigen Musikdramas (1905 in Dresden) starb, soll das geäußert haben, als er die erregend-aufregende Musik hörte. Nicht viel anders ist es einem ergangen, als man, wie neulich an der Bayerischen Staatsoper, dazu Gelegenheit hatte, „Salome“ mal wieder 100 Minuten lang live auf der Bühne zu erleben. Musikalisch angefeuert von einem blutjungen Dirigenten des ihm willig folgenden Bayerischen Staatsorchesters: Thomas Guggeis, Jahrgang 1993.

Der geborene Dachauer, in Niederbayern aufgewachsen und seit Herbst 2023 GMD der Oper Frankfurt, legte ein Opern-Dirigat von unglaublicher Dichte, Kühnheit, Erschütterung und Strauss`schem Pathos hin, sein erstes im Münchner Nationaltheater, das eine ähnlich starke Qualität an Erregtheit besaß, die Vater Strauss vor 120 Jahren empfunden haben dürfte. Prompt landete der 33-Jährige Guggeis auf der Dreier-Auswahlliste zur Nachfolge des in drei Jahren neu zu besetzenden GMD-Postens der Münchner Oper, den Vladimir Jurowski derzeit noch innehat.

Guggeis übernahm, und er übernahm sich nicht wirklich. Die Phonstärke kann und darf bei Richard Strauss, namentlich bei seiner „Salome“, nur ans gerade noch Erträgliche reichen. Wer sich für 9 Euro das zur Premiere der Spielzeit 2018-2019 kostbar aufgelegte und jetzt wieder verabreichte Programmbuch geleistet und aus dem weinroten Leinen-Schuber gezogen hatte, um es nach Gebrauch wieder in diesen zurückstecken wollte, tat sich ähnlich schwer damit wie mit der ganzen eigensinnigen, modernen Inszenierung des polnischen Theater-Magiers Krysztof Warlikowski. Sie tickt anders und ziemlich verstörend als jede bisher erlebte „Salome“-Deutung. Bei Warlikowski und seiner Bühnenbild- und Kostümschöpferin wird auf alles bisher Einschlägige verzichtet, um zu zeigen: der „Salome“-Stoff (des Dichters Oscar Wilde) ist Legende, ist so gut wie Fake. Also kann man ihn ganz neu und eben anders spielen lassen: in einer auseinandernehmbaren Riesen-Bibliothek, nachempfunden dem Lesesaal der Jeschiwa Chachmei von Lublin der seinerzeit weltweit größten Talmudschule von 1934.

Dort lebt eine jüdische Großbürger-Familie zur Zeit des Holocaust. Haus-Tochter Salome, von Vater Herodes (herrlich gleißend: Gerhard Siegel) und Mutter Herodias (herrlich widerwärtig wie gefordert: Claudia Mahnke) verwöhnt, setzt ihren perversen Willen durch, den Kopf des Propheten Jochanaan, der seine Christus-Heilslehre laut tönend als Schluffi verkündet (großartig: Wolfgang Koch) als Lohn für einen Tanz im entwässerten Schwimmbecken zu erhalten. Weil dieser sich weigert, von Salome geküsst zu werden, bleibt ihr nur das abgeschlagene Haupt, das ihr, allerdings nur in einem von ihr nervös hin und her geschobenen Karton, serviert wird. Narraboth, der junge, Salome begehrende Mitbewohner, muss sich erst vergiften und sein Leben verlieren, bevor die stolze Tetrarchen-Tochter selbst dem Tod in die Arme sinkt.

Um sie, die Titelheldin, geht es, wie immer sich die Verhältnisse im seltsam bestückten jüdischen Saal entwickeln mögen: um Salome, gleichermaßen aufregend gesungen und gespielt von der derzeit wohl weltweit berühmtesten aller in Frage kommenden Rollen-Interpretinnen, der litauischen Sopranistin Asmik Grigrian. Im selben Jahr wie die Münchner „Salome“ mit Marlis Petersen in der Titelpartie unter Kirill Petrenko herauskam, begründete Grigorian ihre sagenhafte Musiktheater-Karriere mit der Strauss-Partie, unter dem Dirigat von Franz Welser-Möst und der bestechend schlüssigen Regie von Romeo Castellucci im Salzburger Großen Festspielhaus.

Die Grigorian blieb den Münchnern den erwarteten „Tanz der sieben Schleier“ (und ihr für Autogrammjäger wichtiges Erscheinen nach der Vorstellung am Bühnentürl) schuldig. Sie gab aber eine hinreißende Salome der (noch immer ohne jede Abstriche) grandiosen Art an weiblicher Ausstrahlung und schwebend leichtem Durchhalte-Melos, unnachahmlicher Berückungs-Kunst und Fulminanz. Ihr Tanz mit dem Leibhaftigen ließ einem das Blut in den Adern gerinnen, raubte einem den Atem, ließ alle grell-gekünstelten Video-Einlagen der kitschig-orientalisierenden Art, auch alles Rätselhafte zu Tod und Wiederauferstehung des armen Narraboth und der unvermeidlichen Juden-und-Nazarener-Geschwätzigkeit bzw. -Sendungsbeflissenheit  vergessen.

Wie schön, dass wenigstens auf dem ellenlangen Besetzungszettel stand, dass es sich beim szenischen Prolog um eine Zuspielung von Gustav Mahlers erstem seiner „Kindertotenlieder“ handelte: gesungen nicht, wie man vielleicht meinte, von Narraboth-Joachim Bäckström, sondern von Kathleen Ferrier unter Bruno Walters Stabführung, begleitet von den Wiener Philharmonikern. Ach ja, da war so manches nur mit Vermutungen zu eruieren. Ein Wunder letztlich, dass das Publikum eindeutig den ganzen Abend mit heftigem Applaus bedachte.

Über Hans Gärtner 543 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.