Eine Gesellschaft wird nicht durch Wohlstand, technologische Innovation oder akademische Titel bewusst. Bewusstsein entsteht dort, wo Menschen in der Lage sind, sich selbst historisch einzuordnen, die Perspektive anderer nachzuvollziehen und Macht, Moral sowie politische Narrative kritisch zu hinterfragen. Diese Fähigkeit ist kein Nebenprodukt formaler Bildung, sondern das Ergebnis einer langfristigen kulturellen Praxis: Lesen, Reflektieren und Denken über den eigenen Erfahrungshorizont hinaus.
Deutschland gilt international als Bildungsnation. Das Land verfügt über ein dichtes Netz von Universitäten, Forschungseinrichtungen, Bibliotheken und öffentlich-rechtlichen Medien. Dennoch mehren sich die Anzeichen, dass das gesellschaftliche Bewusstsein – verstanden als Empathiefähigkeit, historisches Verständnis und demokratische Urteilskraft – erodiert. Diese Erosion ist kein Zufall, sondern eng verknüpft mit einem strukturellen Rückgang der Lesekultur, insbesondere des nicht-instrumentellen Lesens.
Ein Blick auf den europäischen Buchmarkt ist in diesem Zusammenhang aufschlussreich. Die Zahlen zu den Buchverkäufen im Jahr 2024 zeigen ein klares Bild: Frankreich gibt mit rund 314,7 Millionen verkauften Büchern europaweit am meisten für Bücher aus, gefolgt von Großbritannien (155,3 Millionen) und Italien (103,2 Millionen). Selbst Länder mit deutlich geringerer Bevölkerungszahl wie Spanien, Polen oder die Niederlande liegen weit vorne. Deutschland hingegen taucht in dieser Statistik nicht einmal unter den führenden Ländern auf.
Diese Abwesenheit ist mehr als eine statistische Randnotiz. Sie verweist auf ein kulturelles Problem. Während andere europäische Gesellschaften Bücher weiterhin als integralen Bestandteil des öffentlichen Lebens begreifen, scheint Lesen in Deutschland zunehmend zu einer privaten Nischenaktivität zu werden – konzentriert auf bestimmte Alters- und Bildungsgruppen, aber ohne breite gesellschaftliche Verankerung.
Zwar zeigt der deutsche Buchmarkt wirtschaftlich noch stabile Umsätze, doch diese Stabilität täuscht. Der Umsatz konzentriert sich auf immer weniger Verkaufsstellen, während die Zahl der Buchhandlungen kontinuierlich sinkt. Gleichzeitig lesen rund 16–17 % der Bevölkerung überhaupt keine Bücher, und nur etwa ein Drittel liest regelmäßig. Der Median liegt bei etwa fünf gelesenen Büchern pro Jahr – ein Wert, der im europäischen Vergleich niedrig ist. Entscheidend ist jedoch nicht allein die Quantität, sondern die Art des Lesens: Tiefenlektüre wird zunehmend durch fragmentierte Informationsaufnahme ersetzt.
Hier setzt eine zentrale These an: Eine Gesellschaft, die weniger liest, versteht weniger – und eine Gesellschaft, die weniger versteht, reagiert stärker mit Angst. Angst aber ist der ideale Nährboden für politische Vereinfachung, Identitätspolitik und autoritäre Versuchungen.
Der amerikanische Autor Mark Manson stellt in diesem Zusammenhang eine scheinbar banale, aber grundlegende Frage: Hat das Lesen von Romanen und Belletristik überhaupt einen Nutzen? Seine Antwort verweist auf einen Kern gesellschaftlicher Bewusstseinsbildung. Manson beschreibt, wie er selbst lange glaubte, fiktionale Literatur sei Zeitverschwendung – bis ihn ein Lehrer mit einem Satz konfrontierte, der das Wesen von Empathie präzise auf den Punkt bringt:
„Wir lesen Geschichten, weil wir nie genug Zeit haben, Menschen wirklich kennenzulernen.“
Dieser Gedanke ist nicht literarisch-romantisch, sondern sozialwissenschaftlich hoch relevant. Menschen wählen ihre sozialen Umfelder selektiv. Sie umgeben sich bevorzugt mit Personen, die ihre Werte, Meinungen und Erfahrungen teilen. Abweichende Perspektiven werden gemieden, weil sie kognitiv anstrengend sind. Genau hier übernehmen Geschichten – Romane, Erzählungen, Biografien – eine zentrale Funktion: Sie zwingen Leserinnen und Leser dazu, in fremde Lebenswelten einzutreten, ohne diese kontrollieren oder filtern zu können.
Manson selbst beschreibt, dass er den Schmerz schwarzer Amerikaner erst nach der Lektüre von Invisible Man verstand – und die emotionale Realität des Krieges erst durch Im Westen nichts Neues. Diese Erfahrungen sind keine Einzelfälle, sondern empirisch belegbar. Studien aus der Kognitionspsychologie zeigen, dass literarische Fiktion nachweislich die Fähigkeit zur Perspektivübernahme und moralischen Differenzierung stärkt.
Historisch betrachtet war genau diese Entwicklung entscheidend für den Wandel Europas. Bis ins 18. Jahrhundert hinein war der Kontinent von extremer Gewalt, sozialer Brutalität und politischer Willkür geprägt. Erst mit der Verbreitung des Buchdrucks und der zunehmenden Zugänglichkeit von Texten begann ein langsamer kultureller Transformationsprozess. Lesen schuf ein neues Verständnis von Individualität, Verantwortung und Rechten. Die Idee, dass auch der „Andere“ – der Fremde, der Andersdenkende – Anspruch auf Würde und Freiheit hat, ist ohne diese Lesekultur nicht denkbar.
Vor diesem Hintergrund wirkt die gegenwärtige Entwicklung in Deutschland alarmierend. Politische Debatten verengen sich, gesellschaftliche Gruppen kapseln sich ab, und komplexe globale Zusammenhänge werden auf einfache Schuldzuweisungen reduziert. Der Anstieg konservativer und rechtspopulistischer Strömungen ist nicht ausschließlich, aber teilweise Ausdruck eines Mangels an historischer und empathischer Tiefenschärfe.
Dabei geht es nicht um mangelnde Intelligenz oder fehlende formale Bildung. Viele Menschen sind hervorragend ausgebildet und dennoch kulturell uninformiert. Sie kennen technische Abläufe, aber nicht die Geschichte ihrer Gesellschaft. Sie konsumieren Nachrichten, aber reflektieren keine Zusammenhänge. Was häufig als „Ignoranz“ bezeichnet wird, ist in Wahrheit oft kulturelle Verarmung durch fehlende Auseinandersetzung mit komplexen Texten.
Deutschland steht somit vor einem paradoxen Befund: Ein Land mit hohem Bildungsniveau, aber sinkender Lesekultur; mit wirtschaftlicher Stabilität, aber wachsender Angst; mit demokratischen Institutionen, aber schwindender demokratischer Urteilskraft. Die Abwesenheit Deutschlands unter den führenden europäischen Buchkäufern ist daher kein Zufall, sondern Symptom einer tieferliegenden Krise.
Bewusstsein entsteht nicht automatisch. Es muss kultiviert werden – durch Lesen, durch Streit mit Texten, durch die Konfrontation mit unbequemen Perspektiven. Ohne diese Praxis verkommt Demokratie zur bloßen Verwaltungsform. Eine Gesellschaft, die aufhört zu lesen, hört nicht sofort auf zu funktionieren – aber sie hört auf, sich selbst zu verstehen.
Quellen
- GfK Entertainment & Nielsen Book Research (2024): Europäischer Buchmarkt
- Börsenverein des Deutschen Buchhandels: Jahresbericht 2024
- Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Demokratie-Monitor 2024/2025
- Nussbaum, Martha C. (2010): Not for Profit – Why Democracy Needs the Humanities
- Pinker, Steven (2011): The Better Angels of Our Nature
- OECD (2022): Reading Literacy, Empathy and Civic Engagement
- Manson, Mark: Essays und Interviews zur Bedeutung von Literatur und Empathie
