Bettina Heinen-Ayech und die Solinger Künstlerkolonie – Ausstellung im Kunstraum Churfranken in Klingenberg

Bettina Heinen-Ayech (1937-2020): Sonnenzyklus auf Sylt, Aquarell auf Papier, 1956, Foto: Daniela Tobias

21. März bis 31. Mai

Anfang der 1920er Jahre gründete Erna Heinen-Steinhoff (1898-1969) zusammen mit ihrem Mann, dem Dichter und Journalisten Hanns Heinen (1895-1961), in Solingen einen kulturellen und literarischen Salon. Im Volksmund trugen die Häuser die einprägsamen Namen „Rotes Haus“ und „Schwarzes Haus“.

Im „Schwarzen Haus“ verkehrten berühmte Persönlichkeiten wie die Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore (1861-1941) aus Indien und Sigrid Undset (1882-1949) aus Norwegen. Ende der 1920er Jahre lernte das Ehepaar Heinen den Maler Erwin Bowien (1899-1972) kennen. Das „Rote Haus“ wurde ab 1945 als Atelierhaus genutzt, erst durch den Maler Erwin Bowien, später durch Bettina Heinen-Ayech (1937–2020) und Amud Uwe Millies (1932–2008). Sie bildeten das „Maler-Dreigestirn“ von Solingen.

Bettina Heinen-Ayech (1937-2020): Die Dächer von Guelma in Algerien, Aquarell auf Papier, 1970, Foto: Daniela Tobias

Bald erregten sie durch ihr eigenwilliges künstlerisches Schaffen Aufsehen und hatten ihre ersten erfolgreichen Ausstellungen. Sie schufen Porträts, Landschaften, Stadtansichten und hielten Alltagsszenen bildlich fest. Gemalt wurde stets vor Ort, um das Gesehene vollständig zu erfassen und das jeweilige Licht und die Atmosphäre in ihrer Gesamtheit unmittelbar einzufangen.

Doch nicht nur das künstlerische Schaffen prägte den Geist der Künstlerkolonie. Als Gegner des Nationalsozialismus musste Erwin Bowien im Winter 1933 ins niederländische Exil gehen. Nach der Besetzung der Niederlande durch die Wehrmacht 1940 begann eine abenteuerliche Flucht durch Deutschland. Seine Bilder wurden von der Gestapo beschlagnahmt. Die Reichskulturkammer erließ ein Ausstellungsverbot. Bowien war ein überzeugter Europäer. Ihm ging es um den internationalen Dialog der Kulturschaffenden, um das Miteinander über nationale und kulturelle Grenzen hinweg. Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs träumte er von einem geeinten und friedlichen Kontinent und setzte sich aktiv für gelebte Völkerfreundschaft ein.

Bettina Heinen-Ayech (1937-2020): Sonnenzyklus auf Sylt, Aquarell auf Papier, 1956, Foto: Daniela Tobias

Seine wichtigste Schülerin Bettina Heinen-Ayech konnte in diesem freigeistigen und intellektuellen Milieu ihr beeindruckendes Talent bestens entfalten. Vor allem ihr Mut und ihr ungestümer Enthusiasmus ließen sie die Welt von Norwegen bis Sylt, von Paris bis Algerien immer wieder neu malerisch erfassen. Kein Geringerer als Karl Schmitt-Rottluff gab der damals 18-Jährigen den Rat: „Bettina, bleib dir treu!“

Bettina Heinen-Ayech (1937-2020): Sonnenblumenfeld in Algerien, Aquarell auf Papier, 1972, Foto: Daniela Tobias

Entdeckt hatte sie übrigens die Frankfurter Galeristin Hanna Bekker vom Rath, eine Vertraute Schmitt-Rottluffs. Die Galeristin nimmt sie später auch in die weltweit beachtete Ausstellung „Deutsche Kunst der Gegenwart 1955-1956“ auf. Sie katapultiert die junge Bettina in die erste Liga der zeitgenössischen Kunst und stellt sie neben Karl Schmidt-Rottluff, Paul Klee, Max Beckmann und Ernst Ludwig Kirchner aus.

In Paris, wo Bettina Heinen-Ayech mit ihrem Lehrer Erwin Bowien im Jardin du Luxembourg malte, lernte sie ihren Ehemann, den algerischen Unternehmer Abdelhamid Ayech kennen. Mit ihm zog sie 1963 in seine Heimatstadt Guelma und wurde in den fast 60 Jahren, die sie dort lebte, zu einer der bekanntesten Künstlerinnen des Landes. Auch ihr war es ein Anliegen, Kulturen einander näher zu bringen, in ihrem Fall Orient und Okzident.

Und schließlich Amud Uwe Millies. Auch er wollte das Leben und die Kultur ferner Länder kennen und verstehen lernen, Teil des Weltbürgertums sein. Ab Mitte der 60er Jahre bereiste er intensiv zunächst Osteuropa, dann den Fernen Osten und Asien, insbesondere Indien, Nepal, Sri Lanka und Indonesien.

Die 2022 gegründete „Bettina Heinen-Ayech Foundation – Stiftung für Kunst, Kultur und internationalen Dialog“, die sich dem Vermächtnis der Künstlerkolonie Solingen verschrieben hat, möchte deren künstlerisches Schaffen für zukünftige Generationen erhalten und den internationalen Dialog der Völker und Kulturen über das Medium Kunst fördern. Die Solinger Künstlerkolonie und insbesondere Bettina Heinen-Ayech haben in den letzten Jahren zahlreiche Auszeichnungen erhalten. So erlebte das Werk und Schaffen eine neue Renaissance und rückt wieder in den Fokus der Kunstwelt.

Bettina Heinen-Ayech (1937-2020): Dame in Kopenhagen, Tempera auf textilem Bildträger, 1958, Foto: Daniela Tobias

Jetzt zeigt der Kunstraum Churfranken in Klingenberg am Main eine konzentrierte, hochkarätige Schau der Protagonisten der Solinger Künstlerkolonie.

Vernissage am 21. März 2026 um 19 Uhr

Kunstraum Churfranken

Löw Haus

Hauptstraße 29

63911 Klingenberg

Sa und So 14 bis 18 Uhr

https://kunstraum-churfranken.de

www.bettina-heinen-ayech-foundation.com

Über Marc Peschke 42 Artikel
Marc Peschke, 1970 geboren, Kunsthistoriker, Texter, Kulturjournalist und Künstler, lebt in Wertheim am Main, Wiesbaden und Hamburg. Er hat in Mainz Kunstgeschichte, Komparatistik und Ethnologie studiert. Seitdem schreibt der gebürtige Offenbacher unter anderem über Bildende Kunst, Fotografie, Fotokunst und Popmusik. Gelegentlich arbeitet er auch als freier Kurator, war Mitinhaber und Mitbegründer der Fotokunst-Galerie KUNSTADAPTER in Wiesbaden und Frankfurt am Main – sowie der Kultur-Bar WAKKER in Wiesbaden. In Wertheim am Main ist er Kurator des exklusiven Kunstraum ATELIER SCHWAB. Seit 2008 zahlreiche eigene Ausstellungen im In- und Ausland. Marc Peschkes künstlerische Arbeiten entstehen zumeist auf seinen zahlreichen Reisen und sind in verschiedenen nationalen und internationalen Sammlungen vertreten. Seit 2020 ist Marc Peschke unter dem Namen MASCHERA auch wieder als Musiker aktiv. Im Jahr 2022 wird er kuratorisch die Wiesbadener Fototage unterstützen. www.marcpeschke.de