Zum Tod eines deutschen Filmemachers, Schriftstellers und Denkers, der in den Splittern der Geschichte mehr Wirklichkeit fand als im Glanz der großen Erzählungen
Mit Alexander Kluge ist eine der eigentümlichsten und geistig beweglichsten Gestalten der deutschen Nachkriegszeit verstummt. Er war nie nur Filmemacher, nie nur Autor, nie nur Theoretiker, sondern ein unablässiger Arbeiter an den Verbindungen zwischen Erfahrung, Geschichte, Kunst und Öffentlichkeit. Was bleibt, ist nicht nur ein Werk von außerordentlicher Spannweite, sondern eine geistige Physiognomie: wach, unruhig, präzise, durchlässig für das Verborgene, das Abseitige, das Übersehene.
Alexander Ernst Kluge, geboren am 14. Februar 1932 in Halberstadt, war Filmemacher, Fernsehproduzent, Schriftsteller, Drehbuchautor, bildender Künstler, Rechtsanwalt und Unternehmer. In den 1960er- und 1970er-Jahren wurde er zu einem der prägenden Vertreter des Neuen Deutschen Films, den er nicht nur filmisch, sondern auch theoretisch mitbegründete und weiterentwickelte. Als Autor machte er sich vor allem mit Kurzgeschichten einen Namen, gehörte zum Kreis der Gruppe 47 und veröffentlichte zahlreiche Schriften zu kulturellen, philosophischen und politischen Themen. Mit der 1987 gegründeten Produktionsfirma dctp schuf er zudem eine Plattform für unabhängige Programme im deutschen Privatfernsehen.
Die frühe Wunde der Geschichte
Schon der Anfang dieses Lebens stand unter jenem Zeichen von Erschütterung und geschichtlicher Härte, das sich später tief in sein Werk einschrieb. Kluge war der Sohn des Arztes Ernst Kluge und dessen Frau Alice, geborene Hausdorf. Er war der ältere Bruder von Alexandra Kluge (1937–2017), die später in mehreren seiner Filme als Schauspielerin mitwirkte. Nach der Einschulung in Gotha besuchte er das Halberstädter Domgymnasium. Anfang 1945 trennten sich seine Eltern. Am 8. April desselben Jahres erlebte der Dreizehnjährige die Zerstörung seiner Heimatstadt beim Luftangriff auf Halberstadt und entging nur knapp dem Tod, als in zehn Metern Entfernung eine Sprengbombe einschlug. Für viele wäre ein solches Ereignis biographische Wunde geblieben; bei Kluge wurde es zu einer Art innerem Gravitationszentrum, aus dem seine Aufmerksamkeit für Katastrophe, Verwundung, Überleben und geschichtliche Bruchlinien immer neu Nahrung zog. Nach Kriegsende zog er mit seiner Mutter nach Berlin-Charlottenburg und legte am Charlottenburger Gymnasium, dem heutigen Heinz-Berggruen-Gymnasium, das Abitur ab.
Zwischen Recht, Theorie und Imagination
Ab 1950 studierte Kluge Rechtswissenschaften, Geschichte und Kirchenmusik in Freiburg im Breisgau, Marburg und Frankfurt am Main, dort unter anderem bei Theodor W. Adorno. Bereits diese Fächerverbindung verrät einen Geist, der nicht an Abschottung, sondern an Übergängen interessiert war; nicht an der Enge des Spezialistentums, sondern an jener Ordnung, die aus Zusammenhang erwächst. 1956 wurde er mit der von Rudolf Reinhardt betreuten Dissertation „Die Universitäts-Selbstverwaltung. Ihre Geschichte und gegenwärtige Rechtsform“ zum Dr. iur. promoviert. Anschließend ging er nach Frankfurt am Main, um bei Hellmut Becker, dem Justitiar des Instituts für Sozialforschung, sein juristisches Referendariat abzuleisten. Adorno vermittelte ihn an Fritz Lang, der ihn von seinen literarischen Bestrebungen abbringen sollte, weil er die Literatur für ein „abgeschlossenes Gebiet“ hielt. Gerade in dieser eigentümlich dichten Konstellation von Recht, kritischer Theorie, Film und Literatur zeichnet sich bereits jener geistige Raum ab, in dem Kluge sein Leben lang arbeiten sollte: zwischen Begriff und Bild, zwischen Reflexion und Erzählung, zwischen Analyse und Imagination.
Der Aufbruch ins Kino und das Kino als Erkenntnisform
Nach dem Assessorexamen ließ sich Kluge 1958 zunächst in Berlin, später in München als Rechtsanwalt nieder. Doch der Weg in die Kunst war zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr bloß eine Möglichkeit, sondern bereits eine Bewegung. Ebenfalls 1958 absolvierte er ein Volontariat bei CCC-Film, während Fritz Lang dort „Das indische Grabmal“ drehte. Vier Jahre später gehörte er bei den 8. Westdeutschen Kurzfilmtagen in Oberhausen zu den Initiatoren des Oberhausener Manifestes, jener politischen und ästhetischen Unabhängigkeitserklärung junger deutscher Filmemacher, die die Abkehr vom alten deutschen Film forderte. In den 1960er-Jahren wurde Kluge mit Filmen wie „Abschied von gestern“ zu einem wichtigen Repräsentanten des Neuen Deutschen Films und des Autorenfilms. Zu seinen Arbeiten zählen unter anderem „Brutalität in Stein“ (1961), „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“, „Deutschland im Herbst“, an dem er mit Volker Schlöndorff, Rainer Werner Fassbinder und Edgar Reitz zusammenarbeitete, „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“ (1985) sowie „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“. Schon diese Titel haben etwas von Denkfiguren in scharfem Licht: Sie tragen Alarmbereitschaft in sich, historische Wachheit, begriffliche Präzision und eine poetische Unruhe, die nie dekorativ, sondern immer erkenntnishaft ist.
Ab 1963 lehrte Kluge als Professor an der Hochschule für Gestaltung Ulm und leitete dort gemeinsam mit Edgar Reitz die Abteilung für Filmgestaltung. Im selben Jahr gründete er seine Produktionsfirma Kairos-Film. 1973 wurde er Honorarprofessor an der Universität Frankfurt am Main. Kluge galt als Autorität auf dem Gebiet der Filmtheorie und als Verfasser grundlegender Werke zur Filmanalyse. Seine theoretische Konzeption prägte den avantgardistisch-intellektuellen Neuen Deutschen Film der 1970er- und 1980er-Jahre maßgeblich. Er gehörte zu jenen seltenen Künstlern, die Bilder nicht nur hervorbringen, sondern über ihre Herkunft, ihre Bauart, ihre Wirkung und ihre innere Logik Rechenschaft ablegen wollen. Das Kino war für ihn nie bloß Medium, sondern Erkenntnisform – ein Instrument, mit dem sich Wirklichkeit nicht nur zeigen, sondern prüfen ließ.
Der Schriftsteller und sein erzählendes Denken
Gemeinsam mit dem Soziologen Oskar Negt verfasste Kluge mehrere Schriften und Bücher, darunter „Öffentlichkeit und Erfahrung“ (1972), „Geschichte und Eigensinn“ (1981) und „Maßverhältnisse des Politischen“ (1992). Diese Arbeiten wurden 2001 unter dem Titel „Der unterschätzte Mensch“ neu herausgegeben. Der größere Teil seines schriftstellerischen Werkes war literarischer Natur und bestand vor allem aus Kurz- und Kürzestgeschichten. Die Einladung zur Gruppe 47 im Jahr 1962 markiert den Beginn seiner literarischen Laufbahn. Kluge selbst sah sich mehr als Autor denn als Filmemacher: „Ich bin und bleibe in erster Linie ein Buchautor, auch wenn ich Filme hergestellt habe oder Fernsehmagazine.“ In diesem Satz steckt mehr als eine Selbstbeschreibung; er enthält den Schlüssel zu seinem ganzen Werk. Denn auch seine Filme und Fernsehproduktionen leben vom Erzählen, von der Montage, vom Perspektivwechsel und von jener eigentümlichen Verdichtung, die scheinbar weit Entferntes in eine plötzliche Nähe rückt. Im Jahr 2000 erschien mit „Chronik der Gefühle“ in den beiden Teilbänden „Basisgeschichten“ und „Lebensläufe“ eine Sammlung seines bis dahin veröffentlichten literarischen Werkes. 2003 folgte mit „Die Lücke, die der Teufel läßt“ eine Zusammenstellung von 500 neuen Geschichten, die sich insbesondere mit den Ereignissen des 11. September 2001 beschäftigen. 2006 veröffentlichte er unter dem Titel „Tür an Tür mit einem anderen Leben“ weitere 350 Geschichten.
Pluriversum und Wunderkammer
Im Juni 2012 hielt Kluge auf Einladung der Goethe-Universität seine Frankfurter Poetik-Vorlesung, in der er sich mit Theorie und Praxis der Narration auseinandersetzte. Unter dem Titel „Theorie der Erzählung“ sprach er in vier Vorträgen, die auf große Resonanz stießen und im Feuilleton begeistert aufgenommen wurden. Im April 2013 erschien die Poetikdozentur auch auf DVD mit ausführlichem Begleitheft sowie einer Lesung im Literaturhaus Frankfurt, die an die Abschlussvorlesung anknüpfte. Seine Ausstellung „Pluriversum. Die poetische Kraft der Theorie“, die 2017 im Museum Folkwang in Essen, 2018 in Wien und im Folgejahr im Literaturhaus München gezeigt wurde, bot eine Werkschau seines künstlerischen Schaffens. Schon dieser Titel trifft einen Kern seines Denkens. Kluge dachte nie in einer einzigen, glatt versiegelten Welt, sondern in Schichten, Gegenzeiten, Überlagerungen und Erfahrungsräumen, die sich gegeneinander verschieben wie tektonische Platten. Sein unablässiges Erzählen und Verknüpfen folgte dem Wunderkammerprinzip; immer wieder betonte er dabei den Einfluss von Hans Magnus Enzensberger.
Öffentlichkeit, Widerspruch und politische Einmischung
Auch zu politischen und kulturpolitischen Fragen meldete sich Kluge zu Wort. Im September 2019 kritisierte er gemeinsam mit rund 250 Kulturschaffenden den Widerruf der Verleihung des Nelly-Sachs-Preises an die Schriftstellerin Kamila Shamsie durch die Stadt Dortmund. Im Zuge des russischen Überfalls auf die Ukraine 2022 äußerte er sich mehrfach öffentlich. Er verurteilte den Angriff Russlands, sah aber auch die Ukraine und die NATO in der Verantwortung. Er sprach sich gegen Sanktionen gegen Russland sowie gegen schwere Waffenlieferungen für die Ukraine aus und war Ende April 2022 Erstunterzeichner des in der Zeitschrift „Emma“ veröffentlichten Offenen Briefs an Bundeskanzler Scholz, in dem er sich aus Sorge vor einem Dritten Weltkrieg gegen Waffenlieferungen an die Ukraine aussprach. Der Brief wurde von zehntausenden Bürgern mitunterzeichnet, löste aber auch massive Kritik aus. Solche Stellungnahmen zeigen, dass Kluge auch im hohen Alter nicht bereit war, sich in die bequeme Stille des bloß Repräsentativen zurückzuziehen. Er blieb ein Eingreifender, ein Störender, ein Intellektueller im anspruchsvollen Sinn des Wortes.
Abschied von einem Grenzgänger
Alexander Kluge starb am 25. März 2026 im Alter von 94 Jahren in München. Wie der Suhrkamp Verlag unter Berufung auf seine Familie mitteilte, starb er an einem Mittwoch. Mit ihm ging einer der letzten großen Grenzgänger zwischen Literatur, Film, Theorie und Fernsehen, ein Autor, Produzent und Intellektueller, der die Bundesrepublik nicht nur beobachtet, sondern in ihren Bildern, Erzählformen und Selbstdeutungen mitgeprägt hat. Für seine Bücher und Filme erhielt er unter anderem den Adolf-Grimme-Preis, den Georg-Büchner-Preis, den Heinrich-Heine-Preis, den Klopstock-Preis, den Bambi und den Goldenen Löwen in Venedig. Seit 2025 war er Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern.
Was von Alexander Kluge bleibt, ist nicht allein die außerordentliche Breite seines Werkes. Es bleibt eine Weise des Sehens. Er misstraute dem Glatten, dem Lauten, dem vorschnell Festgestellten. Er hielt sich an Brüche, Nebensachen, Randzonen und unscheinbare Partikel der Wirklichkeit, weil er wusste, dass sich Wahrheit oft dort verbirgt, wo die großen Losungen sie längst übertönt haben. In diesem Sinn war Kluge ein Aufklärer von seltener Eigenart: keiner der trockenen Rationalisten, keiner der selbstgewissen Lehrmeister, sondern einer, der im Menschen, in seiner Erinnerung, seiner Phantasie und seiner Widerstandskraft eine nie erschöpfte Möglichkeit erkannte.
