Massen entstehen nicht erst in Ausnahmesituationen. Sie sind Teil des Alltags, verborgen in Ritualen, Stimmungen, kollektiven Reaktionen. Elias Canetti hat diese Bewegungen nicht beschrieben, um sie zu ordnen, sondern um ihre Wirkung freizulegen. „Masse und Macht“ ist kein Lehrbuch, sondern ein Denkraum, in dem sich Geschichte, Mythos und Erfahrung überlagern. Der folgende Essay liest Canettis Werk als präzise Beobachtung menschlicher Grenzlagen: dort, wo Nähe in Gewalt kippt, Angst in Gehorsam, Gemeinschaft in Macht. Die fünf Erscheinungsformen der Masse werden dabei nicht als Theorie verstanden, sondern als wiederkehrende Gestalten menschlichen Zusammenlebens – vergangen, gegenwärtig, möglich. Ein Essay von Stefan Groß-Lobkowicz
Elias Canetti wurde 1905 im donauländischen Rustschuk geboren, an einem Ort, an dem Sprachen, Religionen und Imperien ineinandergriffen. Früh erlebte er Verlust, Migration und sprachliche Entwurzelung – Erfahrungen, die sein Denken dauerhaft prägten. Er lebte in England, der Schweiz, Deutschland und Österreich, schrieb auf Deutsch und verstand sich doch nie als nationaler Autor. Sein Werk kreist um Macht, Tod, Sprache und die Bedrohung des Individuums durch das Kollektiv. Mit „Masse und Macht“ schuf er ein singuläres Buch jenseits von Soziologie und Philosophie, für das er 1981 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde.
Ein Leben im Transit: Sprachen, Städte, Übergänge
Elias Canetti war von Beginn an ein Wanderer durch Sprachen und Welten. Seine Herkunft – sefardisch-jüdisch, durchwirkt vom osmanischen Vielvölkergemisch und europäischem Bildungsbürgertum – lässt sich nicht auf eine eindeutige biografische Koordinate reduzieren. Sie ist ein Gewebe aus Stimmen, Verwerfungen und historischen Spannungen. Schon der Name Canetti verweist auf Exil, auf verlorene Heimaten, auf sprachliche Verschiebungen.
Nach dem frühen Tod des Vaters wurde Canettis Leben zu einer geographischen Partitur: Manchester, Lausanne, Zürich, Frankfurt, Wien – Städte nicht als bloße Stationen, sondern als seelische Zustände. Jede dieser Metropolen hinterließ eine Schicht in seinem Denken, eine Sedimentlinie in seinem inneren Atlas. In Zürich erlebte er Intimität mit der Sprache, ihre Genauigkeit und formende Kraft. In Wien hingegen stieß er auf ihre Zersetzung durch Ideologie. Dort begegnete er Sprache als Parole, als Befehl, als Instrument kollektiver Erregung. Aus dieser Wiener Erfahrung erwuchs sein tiefes Misstrauen gegenüber jeder Form massenhaften Sprechens – ein Misstrauen, das sich später zur Obsession verdichten sollte.
Die Masse als Vision – und als Bedrohung
Im Juli 1927 stand Canetti am Rand einer lodernden Masse. Der Wiener Justizpalast brannte. Es war mehr als ein Aufstand, mehr als Protest: Es war eine Offenbarung. Zum ersten Mal erlebte er den Moment, in dem das Individuum seine Konturen verliert, in dem der Einzelne in einem kollektiven Strom aufgeht. Doch dieses Aufgehen war kein bloßes Verschwinden. Es war eine Transformation. Die Masse erschien ihm nicht als Chaos, sondern als Organismus – gewaltig, beseelt, fähig zur ekstatischen Einheit.
Dieses Erlebnis wurde zum Brennpunkt seines Denkens. In ihm verdichteten sich Fragen, die ihn ein Leben lang nicht mehr losließen: Was ist die Masse? Warum zieht sie uns an? Warum fürchten wir sie zugleich? Warum unterwerfen wir uns ihr, auch wenn wir glauben, frei zu handeln? Und wie entsteht Macht aus dieser geheimnisvollen Verdichtung menschlicher Körper, Affekte und Triebe?
Zwischen 1948 und 1959 arbeitete Canetti an einem Werk, das sich jeder gängigen Kategorie entzieht. Es ist weder wissenschaftlich noch literarisch, weder analytisch noch erzählerisch – und doch alles zugleich. „Masse und Macht“ ist ein Kompendium des Unausgesprochenen, ein Buch, das nicht erklärt, sondern freilegt. Wie ein Seher beschwört Canetti archaische Bilder herauf, kartographiert menschliche Verhaltensweisen und seziert die innere Grammatik der Kollektive.
Canetti schreibt, als folge er einem archaischen Auftrag. Seine Sprache ist schroff, präzise, beinahe ritualisiert. Er verzichtet bewusst auf Fußnoten, auf systematische Theorieverweise, auf die Absicherung durch akademische Autoritäten. Was bleibt, ist eine Stimme – unruhig, konzentriert, mitunter orakelhaft. In jeder Zeile ist spürbar: Hier schreibt jemand, der nicht beobachtet, sondern erinnert. Der nicht forscht, sondern bekennt. Der Masse ist er nicht nur begegnet – sie hat ihn berührt.
Anthropologie der Jagd: Das Rudel als Urszene
Der Ausgangspunkt von Canettis Massenbegriff liegt in der Jagd. Die Meute, das Rudel, die organisierte Jagd auf ein Ziel bilden für ihn die Urszene sozialer Ordnung. Jede Masse ist in dieser Lesart ein Echo der Jagdgesellschaft. Die Hetzmasse, die demonstrierende Menge, die jubelnde Parade – sie alle tragen die Struktur des Jägers in sich. Die Masse will etwas, und sie will es vollständig. Sie kennt keinen Kompromiss, keine Nuance. Nur Sieg oder Niederlage, nur Leben oder Tod.
Aus dieser Perspektive entwickelt Canetti die Überlebensidee. Der Ursprung der Macht liegt nicht in Kontrolle oder Legitimation, sondern im Überleben. Derjenige, der übrig bleibt, besitzt Macht – nicht weil er sie sucht, sondern weil er sie verkörpert. In der Schlacht, im Duell, im politischen Ringen zählt nicht das bessere Argument, sondern derjenige, der spricht, wenn andere verstummt sind. Der „Überlebende“ wird zur Urfigur der Herrschaft.
Ein besonders eindringliches Bild in Canettis Denken ist die Verbindung von Macht und Nahrung. Wer isst, unterwirft. Wer sich einverleibt, herrscht. In archaischen Kulturen werden Trophäen – Zähne, Klauen, Häute – getragen, um die Kraft des getöteten Wesens zu bewahren. Der Gegner wird nicht nur besiegt, sondern symbolisch verdaut.
Canetti deutet dies nicht als Primitivität, sondern als anthropologische Konstante. Selbst moderne Gesellschaften, so seine These, nähren sich vom Mythos der Einverleibung. Besitz, Karriere, Expansion, Ruhm – all diese Phänomene haben ihren Ursprung im Trieb zur Assimilation. Macht bedeutet, sich etwas einzuverleiben, es dem eigenen Körper, der eigenen Ordnung einzuordnen.
Massensymbole: Feuer, Meer, Wald – nationale Seelenbilder
Was ist eine Nation, wenn nicht eine erzählte Masse? Canetti beschreibt, wie Völker sich über Massensymbole definieren. Der Wald für die Deutschen – aufrecht, dicht, diszipliniert. Das Meer für die Briten – zugleich umgrenzend und grenzenlos. Die Revolution für die Franzosen – als dauernde Feuersbrunst, als Akt kollektiver Selbstwerdung.
Diese Symbole sind keine poetischen Metaphern, sondern Tiefenstrukturen des kollektiven Bewusstseins. Sie geben der Menge Richtung, Gefühl und Form. Totalitäre Systeme nutzten dieses Prinzip mit grausamer Präzision. Der Nationalsozialismus verwandelte Politik in Ritual, Sprache in Befehl, Masse in Choreographie. Uniformen, Marschrhythmen, choreografierte Rede, Stille und eruptiver Jubel wurden zu Werkzeugen des Gehorsams. Canetti beobachtet dies mit Abscheu, aber mit analytischer Kälte.
Als „Masse und Macht“ 1960 erschien, wurde es als sperrig, fremd und unangepasst wahrgenommen. Theodor W. Adorno sprach von einem Skandal, weil Canetti sich jeder disziplinären Einordnung entzog. Doch gerade diese Disziplinlosigkeit machte das Werk zu einem Solitär. Es war nicht Teil der Debatte – es war ihre Zumutung.
Heute gilt das Buch als Klassiker, nicht weil es abschließende Antworten liefert, sondern weil es Denkbewegungen erzwingt. Was treibt den Menschen in die Masse? Wie verwandelt sich Angst in Gehorsam? Warum gehorcht man einem Befehl, selbst wenn man ihn innerlich ablehnt? Und was geschieht mit dem Menschen, wenn er aufhört, Individuum zu sein?
Canetti heute: Ein Chronist der inneren Katastrophe
Elias Canetti glaubte nicht an Fortschritt im optimistischen Sinn. Für ihn war die Moderne ein dünnes Tuch über uralten Mustern: Jagd, Opfer, Rudel, Angst. Seine Stärke liegt darin, daran zu erinnern, dass der Mensch im Kollektiv nicht moderner wird, sondern älter – archaischer, berechenbarer.
Masse und Macht ist keine Erklärung der Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Es ist ihr Echo. Ein Werk, das nicht beruhigt, sondern beunruhigt. Wer Canetti liest, ist nie mehr sicher vor sich selbst – und genau darin liegt seine bleibende Bedeutung.
Fünf Erscheinungsformen der Gruppe: Ein Kaleidoskop der Kollektivität
Nicht jede Menschenmenge ist aus demselben Holz geschnitzt. Es gibt Unterschiede in Richtung, Dynamik, Zweck und Dauer. Und doch lassen sich fünf archetypische Erscheinungsformen identifizieren, deren innere Beweggründe so alt sind wie die Menschheit selbst. Sie sind keine bloße Soziologie, sondern Anthropologie, gewoben aus Mythen, Trieben und Urbildern des kollektiven Bewusstseins. Sie sprechen nicht nur zur Vernunft, sondern zur Erinnerung, zum Instinkt.
Die Hetzmasse: Die Wiederkehr der Jagd
Sie ist die gewaltigste und zugleich archaischste Form des Zusammenschlusses: die Hetzmasse. In ihr erwacht das Rudel zum Leben. Sie kennt ein Ziel – und dieses Ziel ist Vernichtung. Die Hetzmasse entsteht selten aus Reflexion, sondern aus Impuls, aus plötzlicher Empörung oder entfesseltem Zorn. Ihr Wesen ist das Beute-Machen. Und so kennt sie keine Gnade.
Sie folgt dem Prinzip der Eskalation. Ein Gerücht, ein vermeintliches Vergehen, eine wahrgenommene Ungerechtigkeit genügt, um ihre Motoren zu zünden. Aus Individuen werden Mitjagende. Die Masse schaltet auf Angriff. Wie bei einer Meute bestimmen Witterung und Tempo das Handeln. In der Geschichte hinterließ sie zahllose Spuren: Pogrome, Lynchjustiz, revolutionäre Tribunale. Ihre Gerechtigkeit ist augenblicklich und brutal.
In der Hetzmasse wird nicht nur das Opfer entmenschlicht. Auch die Jäger verwandeln sich. Sie verlieren ihr moralisches Ich, ihre persönliche Verantwortung. Was bleibt, ist eine Einheit des Zorns. Ist der Akt der Vernichtung vollzogen, zerfällt die Masse oft so schnell, wie sie entstanden ist. Zurück bleiben Schweigen, Scham oder Verdrängung.
Die Fluchtmasse: Gemeinsam dem Schrecken entkommen
Die Fluchtmasse ist die Schwester der Hetzmasse im Schatten. Auch sie entsteht aus einem Affekt: der Angst. Doch während die Hetzmasse auf ein Ziel zustürmt, will die Fluchtmasse nur weg. Sie ist eine Ansammlung Einzelner, die eine gemeinsame Bedrohung erkennen – real oder imaginiert – und ihr durch Bewegung zu entkommen versuchen.
Fluchtmassen sind chaotisch. Sie besitzen kein Ziel, sondern lediglich einen Vektor des Entkommens. Ihre Bewegung ist panisch, oft destruktiv. Menschen stürzen, trampeln einander nieder, reißen Hindernisse fort. Und doch entsteht auch hier eine paradoxe Form von Solidarität.
Denn das Kollektiv der Fliehenden vermittelt Schutz. Die Gefahr, auf viele verteilt, wird erträglicher. In der Masse verschwindet das Individuum – und mit ihm die alleinige Verantwortung für das eigene Überleben. Fluchtmassen können ein Eigenleben entwickeln, sich weit über die ursprüngliche Bedrohung hinaus bewegen. Viele der großen Exodusse der Geschichte begannen auf diese Weise.
Die Verbotsmasse: Die Macht des kollektiven Verzichts
Diese Form der Masse lebt vom bewussten Unterlassen. Ihr Motor ist nicht Aktion, sondern Negation. Die Verbotsmasse ist ein kollektives Nein, ein synchronisierter Verzicht. Streiks, Boykotts, ziviler Ungehorsam sind ihre klassischen Ausdrucksformen.
Ihre Macht liegt in der Umkehrung der Dynamik: Nicht das Tun verbindet, sondern das Lassen. In der Entsagung entsteht Gemeinschaft. Das Individuum wird Teil eines moralischen Ganzen. Nicht selten ist die Verbotsmasse der Beginn politischer oder gesellschaftlicher Emanzipation.
Doch sie lebt von Disziplin. Sie ist kein Produkt des Augenblicks, sondern der Vorbereitung. Anders als die Hetz- oder Fluchtmasse ist sie organisiert, bewusst, ausdauernd. Ihre Kraft liegt nicht in Lautstärke, sondern in Beharrlichkeit.
Die Umkehrungsmasse: Wenn die Welt Kopf steht
Die Umkehrungsmasse ist die radikalste Erscheinungsform. In ihr wird die bestehende Ordnung aufgehoben und ihr Gegenteil zum Gesetz erklärt. Diener werden zu Herren, Beherrschte zu Herrschenden. Die Masse kehrt Hierarchien um oder zerstört sie.
Diese Bewegung ist mehr als Protest. Sie ist performative Revolution. Oft geht ihr eine lange Phase der Demütigung voraus. Wenn die Umkehrung geschieht, geschieht sie mit beinahe religiöser Inbrunst. Symbole der alten Ordnung werden gestürzt, entweiht, ausgelöscht.
Doch auch diese Masse birgt Gefahr. Im Rausch der Befreiung kann sie selbst tyrannisch werden. Das Abgelehnte wird reproduziert. Der ehemalige Unterdrückte wird zum neuen Despoten. Und doch: Ohne Umkehrungsmasse wäre kein geschichtlicher Bruch denkbar.
Die Festmasse: Das Kollektiv im Rausch der Aufhebung
Die Festmasse ist die sinnlichste Form der Masse. In ihr löst sich das Soziale nicht auf, sondern verwandelt sich in Spiel. Hierarchien existieren nur, um verspottet zu werden. Regeln gelten, um gebrochen zu werden.
Karneval, Volksfest, religiöse Ekstase – hier begegnet uns die Masse als ritualisierte Befreiung. Sie hebt die Trennung zwischen Hoch und Niedrig, Heilig und Profan, Körper und Geist auf. Alles darf sein, solange es dauert.
Die Festmasse erfüllt eine kathartische Funktion. Sie entlädt Spannungen, ohne die Ordnung dauerhaft zu zerstören. Sie ist ein kollektiver Tanz auf Zeit – wild, lustvoll, aber eingebettet in das Wissen um die Rückkehr des Alltags.
Das Echo der Masse
„Masse und Macht“ ist kein Werk, das sich anbiedert. Bei seinem Erscheinen im Jahr 1960 wurde es als sperrig, fremd, ja mitunter als Zumutung empfunden. Theodor W. Adorno sprach von einem „Skandalon“, weil Elias Canetti sich jeder wissenschaftlichen Disziplin verweigerte und sein Denken nicht in die Ordnung etablierter Theorien fügte. Doch gerade diese Disziplinlosigkeit machte das Buch zu einem Solitär. Es war kein Beitrag zur laufenden Debatte – es war ihre Herausforderung.
Heute gilt Canettis Werk als Klassiker, nicht weil es endgültige Antworten liefert, sondern weil es Fragen stellt, die sich nicht erledigen. Was treibt den Menschen in die Masse? Wie verwandelt sich Angst in Gehorsam? Warum gehorcht man einem Befehl, selbst dann, wenn man ihn innerlich verachtet? Und was geschieht mit dem Menschen, wenn er aufhört, sich als Individuum zu begreifen?
Canetti ist kein moderner Denker im optimistischen Sinn. Er glaubte weder an einen linearen Fortschritt noch an die Vernunft als Zielpunkt der Geschichte. Für ihn ist die Moderne ein dünnes Gewebe über uralten Mustern: Jagd, Opfer, Rudel, Angst. Seine Kraft liegt darin, uns daran zu erinnern, dass wir nicht weiter sind als unsere Vorfahren – nur besser verkleidet.
„Masse und Macht“ ist keine Erklärung der Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Es ist ihr Echo. Ein Werk, das nicht beruhigt, sondern beunruhigt, das nicht ordnet, sondern offenlegt. Wer Canetti liest, ist nie mehr sicher vor sich selbst – und genau darin liegt seine bleibende Bedeutung.
Diese fünf Formen sind keine starren Kategorien. Sie gehen ineinander über, vermischen sich, verwandeln sich. Doch in ihrer Essenz spiegeln sie die Grundbewegungen der menschlichen Seele im Kollektiv. Wer sie versteht, versteht nicht nur Elias Canetti – sondern etwas vom inneren Bauplan unserer Geschichte.
