Aufgesetzt – Hüte, Mützen, Schleier, Kippah und Nikab: Was wir uns so auf den Kopf setzen

Kopfbedeckungen zwischen Alltag, Tradition und Religion – sichtbare Zeichen von Identität, Zugehörigkeit und kultureller Prägung; KI generiert

Abgesehen vom Gang und von besonders auffälligen körperlichen Merkmalen erkennen wir andere Menschen vor allem am Gesicht, auch wenn man sich dafür je nach Sehkraft schon relativ nahekommen muss. Die Gesichtserkennung ist evolutionsbiologisch angelegt und war für die Menschheit überlebenswichtig, um schnell zu erkennen, ob der andere freundlich oder bedrohlich war. Deshalb meint unser Gehirn auch oft in diffusen Mustern ein Gesicht zu sehen, zwei Punkte als Augen und ein angedeuteter Mund reichen aus. Der erste Eindruck ist wichtig zur Einschätzung von Gefahr, aber auch der schnellen Einordnung, ob das Gesicht alt oder jung, weiblich oder männlich, vertraut oder fremd, inländisch, ausländisch, freundlich oder aggressiv ist. Ein Lächeln des oder der anderen kann Entspannung und Sicherheit bedeuten, eine grimmige Miene vor Angst erstarren lassen oder eine Fluchtreaktion auslösen. Im sozialen Leben spielen Kopf und Gesicht dazu noch eine lange Reihe weiterer Rollen, die gezielt eingesetzt werden. Dabei geht es etwa darum, Aufmerksamkeit zu erregen, Eindruck zu schinden, Respekt zu erheischen, Überlegenheit zu signalisieren, Zugehörigkeit und Rang zu zeigen oder auch nur um das Nachahmen und Befolgen von aktuellen Modetrends. Meistens geht es um den Kopf, oder konkreter um dekorative Elemente auf dem Kopf. Die Variationen sind fast unerschöpflich und ziehen sich seit Jahrtausenden durch die Geschichte bis in die Gegenwart. Viele haben lange überlebt, etwa bestimmte Bart- und Haarstile, der Lorbeer-Siegerkranz der Athleten, die Kronen und Diademe der feudalen Hierarchien, Hüte aller Art oder nicht zuletzt die Kopfbedeckungen der verschiedenen Religionen.

Haare

Ein alter Scherz zur Relativität sagt, dass ein Haar auf dem Kopf relativ wenig ist, ein Haar in der Suppe aber relativ viel. Haare setzt uns die Natur ausreichend auf den Kopf, manchmal auch weniger. Tatsächlich wachsen auf unseren Durchschnittsköpfen zwischen 100.000 und 150.000 Haare. Wenn sie blond sind, eher mehr, die schwarzen etwas weniger, dafür dicker, und rote am wenigsten. Sie wachsen im Monat etwa einen Zentimeter, der Längen-Weltrekord steht bei mehr als 5 Metern. Bei manchen hält die Haarpracht bis ins hohe Alter, bei Frauen mehr als bei Männern, die auch mit Glatze eher akzeptiert werden als kahle Frauen. Bei beiden kosten Haarschnitt und Haarpflege im Laufe des Lebens ein kleines Vermögen, bei Frauen meistens deutlich mehr. Der Gesamtumsatz des deutschen Frisörhandwerks wird auf rund acht Milliarden Euro beziffert. Dazu kommt für die Männer noch das Rasieren oder die Bartpflege, beides zeitaufwendig und auch kostspielig, allein für Nassrasurprodukte geben sie 500 Millionen Euro im Jahr aus. Frisuren und ihre Pflege sind extrem vielseitig, teils Statussymbol oder Ausdruck der Persönlichkeit und für die Mehrheit auch sehr modeabhängig. Nicht nur Modezeitschriften berichten regelmäßig, was gerade bei Kopf- oder sogar Intimfrisuren angesagt ist.

Hüte und Mützen

In den kühleren Weltregionen sind sie von jeher notwendig gewesen, in der Nähe des Äquators auch als Schutz gegen sengende Sonnenstrahlen. Deshalb gibt es sie aus allen denkbaren Materialien, von Tierfellen, allen möglichen Textilfasern, Leder, Filz, Stroh, wärmend, kühlend oder wasserdicht. Wie Frisuren waren sie schon immer der Mode unterworfen, dienten als leicht erkennbare Zeichen des sozialen Status und in unzähligen Variationen als Berufskleidung. Gerade in dieser Kategorie helfen sie bis heute auch zur Differenzierung der Rangordnung. Der Sternekoch trägt die höchstmögliche weiße Mütze und vertraut darauf, dass sie nicht in die Suppe fällt, wenn er sich über den Kochtopf beugt. Oft sind die letzten Schornsteinfeger die einzigen, die noch einen Zylinder tragen. Die Zipfelmütze des deutschen Michel, bei Wilhelm Busch noch vom Müller getragen, hatte vor Jahrzehnten ein Comeback auf Skipisten, ist aber sonst vollkommen passé. Bundesrichter und Bundesanwälte tragen noch ihr rotes Barrett, allerdings immer weniger, denn an allen anderen Gerichten sind die traditionellen Kopfbedeckungen seit 1966 abgeschafft. Die zusammen mit einem Talar getragenen Barette der Professoren sind von vielen Universitäten ebenfalls abgeschafft worden, werden aber gelegentlich an konservativen Unis noch bei den Dekanen zu feierlichen Anlässen gesichtet. In der Bundeswehr und anderen Armeen mit ihren zahlreichen Hierarchiestufen sind sie noch voll im Dienst, bei den Mützen wird der Rang des Trägers dem Untergebenen sofort unmissverständlich sichtbar, damit allen klar ist, wer befiehlt und wer gehorcht. Je höher und goldverzierter die Mütze, desto respektheischender der Träger.
Bei den Männern sind Hüte weitgehend verschwunden, bei den deutschen Damen, anders als im britischen Königshaus und beim Pferderennen in Ascot, fast ebenso. Dafür haben sich bei Kälte alle möglichen Variationen von Mützen durchgesetzt und ansonsten zahllose Spielarten von Baseballmützen. Die sind wie die Pudelmützen leicht einzustecken, wenn man sie nicht auf dem Kopf braucht. Außerdem sind sie mit dem entsprechenden Modelabel als teuer erkennbar, mit einem Firmenlogo signalisieren sie Zugehörigkeit, und nach dem Erfolg von Präsident Trumps Maga-Mütze eignen sie sich vorzüglich als Propagandavehikel und Wahlkampfmittel. Formlosigkeit und Beliebigkeit sind inzwischen so normal, dass die Baseballmützen auch von manchen älteren Herren mit dem Schirm im Nacken getragen werden.

Religion auf dem Kopf

Die unterschiedlichen Religionen, neben den 5 bis 10 großen Weltreligionen gibt es weltweit je nach Definition zwischen 4.000 und 10.000, grenzen sich nicht nur durch ihre Lehren voneinander ab, sondern sehr sichtbar durch die Kopfbedeckungen ihrer Priester und Gläubigen. Bei den meisten Buddhisten geht es ganz ohne, auch ohne Haare bei Mönchen wie bei Nonnen. In Deutschland setzen die evangelischen Pfarrer statt Talar und Barrett immer mehr auf moderne Kleidung, außer bei Beerdigungen und besonderen Gottesdiensten. Die katholische Kirche bleibt dagegen hierarchischer und formeller mit einer langen Liste von Kleidungsstücken für die Priester bei der Messe. Der normale Gemeindepfarrer trägt im Alltag schon lange kein Scheitelkäppchen mehr, das im Italienischen den netteren Namen Zucchetto trägt. Weiter oben auf der Hierarchieleiter sieht man es dagegen öfter, violett beim Bischof, rot beim Kardinal und weiß beim Papst. Das kleine runde Käppchen war ursprünglich aus praktischen Gründen eingeführt worden, um in kalten Kirchen und Klöstern die Köpfe warmzuhalten, die durch die Tonsur bis auf einen Haarkranz kahlgeschoren waren. Diese Praxis entstand schon in der Spätantike, wurde im 6. Jahrhundert für alle Mönche und Kleriker verbindlich, bis sie Papst Paul VI. 1973 abschaffte. Weitere christliche Kopfbedeckungen gibt es in zahlreichen Variationen von Form, Farbe, Größe und Verzierung von Ordensgemeinschaften bis zu den Bischöfen und Metropoliten der Orthodoxen Kirchen und dem koptischen Papst in Kairo.

Die jüdische Kippah oder Yarmulke auf Jiddisch hat mit dem katholischen Zucchetto nichts zu tun. Sie verbreitete sich erst seit dem 16. Jahrhundert als Scheitelkäppchen der Aschkenasim, während bei den Sepharden auch Turbane und größere Hüte getragen wurden. Erst viel später, besonders nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde die Kippah zum Ausdruck jüdischer Identität. Aber selbst in den USA, wo mehr Juden leben als in Israel, wurde sie häufig unter einer Mütze oder einem Hut versteckt. In Europa ist die Kippah durch den Gaza-Krieg und die Anzahl muslimischer Migranten inzwischen zu einem Risiko für ihre Träger geworden.

Frauen unter Schleiern

Wenn Frauen in einen Orden eintraten und die Gelübde ablegten, hieß es, sie nehmen den Schleier. Für viele Orden deckte die Kopfbedeckung aber deutlich mehr ab als ein Schleier. In Form einer Haube wurden Haare und Kopf bis auf das Gesicht völlig unsichtbar gemacht. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil Anfang der 1960er Jahre hat die Katholische Kirche diese Fast-Vollverschleierung weitgehend zugunsten eines Kopftuchs aufgegeben. Zu sehen war sie kürzlich noch einmal in allen Medien, als drei hochbetagte Nonnen in das stillgelegte Kloster Goldenstein in der Nähe von Salzburg zurückkehrten, in dem sie Jahrzehnte gelebt hatten.
Die Ähnlichkeit der traditionellen Tracht der Nonnen mit den verschiedenen muslimischen Verschleierungen von Hidschab und Nikab bis zur Burka ist erstaunlich. Im Christentum geht sie auf den ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther zurück (1 Korinther 11), dass Männer im Gottesdienst ihren Kopf zu entblößen und Frauen ihn zu bedecken haben. Im Islam wird das Verschleierungsgebot auf die Koransuren 24:31 (an-Nūr) und 33:59 (al-Aḥzāb) zurückgeführt. Beide Quellen, die christliche wie die muslimische, sind eher an theologischen Prinzipien des korrekt manifestierten Glaubens orientiert und definieren kaum, wie die Bedeckung auszusehen hat. Die historischen wie die heutigen Regeln sind demnach Interpretationen der höchsten religiösen Würdenträger. Weil dies immer Männer waren, wurden die Ansichten und Wünsche der betroffenen Frauen nicht berücksichtigt. Wie weit deren Akzeptanz sich verändert, zeigen drei aktuelle Beispiele. Im Iran wurden vor der islamischen Revolution wenigstens in den Städten kaum Schleier getragen, jetzt werden sie immer mehr abgelegt und bei den Demonstrationen dieser Tage öffentlich verbrannt. In Malaysia war die Entwicklung entgegengesetzt. Noch in den 1980er Jahren trugen die muslimischen Malaiinnen bis auf alte Frauen auf dem Lande so gut wie keine Schleier, inzwischen so gut wie alle, auch in den Städten, Geschäften und Büros. In Marokko hat sich eine weniger strenge, nonchalante Haltung zum Kopftuch entwickelt. Eine humorvolle Bezeichnung nennt es „Misere-Versteck“, wenn Haarschnitt oder gar Styling aus Geldmangel nicht möglich sind.

In den Ländern Europas mit hohem Migrantenanteil ist der muslimische Schleier zum Politikum geworden. Die Einheimischen sehen ihn als allzu dominierenden Fremdkörper im Stadtbild, die Migranten als Ausdruck ihrer Identität, vermutlich auch als Zeichen der Solidarität in einer eher unfreundlichen fremden Umwelt. Ganz schwierig wird es für junge muslimische Frauen, die sich lieber ohne Kopftuch den Gebräuchen im Gastland anschließen möchten, aber von ihren Vätern und Brüdern zurechtgewiesen werden. Bis individuelle Entscheidungen, Hijab oder nicht, von den gemischten Gesellschaften in Europa als normal akzeptiert werden, kann es noch Jahrzehnte dauern. Aber Wandel ist auch nie ausgeschlossen.