Im letzten Jahr fehlten in Deutschland 300.000 Kindergartenplätze. Während die 3 bis 6-jährigen immerhin zu 91,6 Prozent versorgt werden konnten, reichte es bei den 1-3-jährigen nur zu 37,4 Prozent. Es hapert trotz Bundeshilfe an der Infrastruktur mit einem Investitionsstau von 11 Milliarden Euro, aber noch mehr am Fachkräftemangel. Geschätzt fehlen bis 2030 zwischen 50 und 90.000 Erzieher und Erzieherinnen. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung vom 28. Januar sind nur 14 Prozent der Kitas ausreichend mit Fachkräften besetzt, um die Kinder bedarfsgerecht zu fördern, besonders sprachlich. Im Land der Rechtsansprüche bleibt auch der Anspruch auf einen Kindergartenplatz allzu oft theoretisch und Eltern, die ihn einklagen, haben selten Erfolg. Dabei war gerade die frühkindliche Erziehung ein deutscher Exportschlager, nachdem der Pädagoge Friedrich Fröbel 1840 im thüringischen Blankenburg den ersten Kindergarten eröffnet hatte. Sein Erziehungskonzept, das systematisch die Abstraktionsfähigkeit und die manuelle Motorik des Kindes entwickeln will, hat die Welt erobert. Ganze 40 Länder haben sogar die Bezeichnung Kindergarten in der deutschen Form übernommen.
Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr
Seit vielen Jahren läuten in Deutschland regelmäßig die Alarmglocken. Mit den Ergebnissen in Mathematik, Lesefähigkeit und Naturwissenschaften beim PISA-Test sind wir unter den OECD-Durchschnitt zurückgefallen, vom PISA-Schock wie 2001 ist heute aber kaum mehr die Rede. Spitzenreiter im weltweiten Vergleich sind seit langem asiatische Länder wie Singapur, Japan, Südkorea und China, aber auch Finnland, Estland und Kanada. In den Kernkompetenzen Leseverständnis, Mathematik und Naturwissenschaften schnitten die Singapurer Schüler über die letzten fünfzehn Jahre weit vor Deutschland und auch vor Hongkong, Japan, Taiwan und Korea immer ganz vorn in der Spitzengruppe ab. Die üblichen Argumente wie Tigermütter, autoritärer Unterricht, Faktenhuberei, Nachhilfestunden und ähnliches kann man sich weitgehend sparen, denn asiatische Schüler schneiden auch in Europa besser ab als die Einheimischen, von der Kluft in den USA ganz zu schweigen. Denn es geht vor allem um die intrinsische Motivation zum Lernen, die in konfuzianischen Traditionen einen hohen Stellenwert hat, und wie diese systematisch geweckt und gefördert werden kann – ganz im Sinne von Friedrich Fröbel, also im Rahmen einer gut organisierten Vorschulerziehung durch qualifizierte Lehrkräfte.
Kindergärten in Singapur
„Talent Plus“ und „Eager Learners“ heißen die beiden Playgroups in meiner unmittelbaren Nachbarschaft in einem Vorort Singapurs mit vielen jungen Familien und Kindern. Dem entspricht die Dichte an Vorschulen und Kindergärten, die auch untereinander konkurrieren und durch Transparente um die Aufmerksamkeit der Eltern werben und regelmäßig auf den nächsten Anmeldetermin hinweisen. Pädagogik kann auch ein erfolgreiches Geschäft sein, in Singapur beispielsweise mit dem exklusiv auftretenden Großunternehmen „Eton House“, das mit eleganten Kindergartenpalästen schon architektonisch Akzente setzt und mit dem Prestige des legendären britischen Upper Class-Internats Eton wirbt. In den 1980er Jahren und nach einer Auslandserfahrung in London von einer Mutter von zwei Kindern in Singapur gegründet, ist Eton House inzwischen ein Konzern mit 120 Vorschulen weltweit, aber mit Schwerpunkt in Asien und fünf Einrichtungen allein in Singapur.
Wie sieht das Singapurer System der Vorschulerziehung in der Praxis aus? Seit 2013 wird der gesamte Sektor von der „Early Childhood Development Agency“ (ECDA) betreut und gesteuert, die den Ministerien für Bildung und Familie untersteht. Unter dem Motto „Ein guter Start für jedes Kind“ sorgt die ECDA dafür, dass Infrastruktur, qualifiziertes Personal und ständig weiterentwickelte pädagogische Programme zur Verfügung stehen und für jede Familie finanzierbar sind. Dazu gehören auch die Aus- und Weiterbildung der Erzieher, die Qualitätskontrolle der Lehrpläne sowie die Beratung freier Träger, die eine Playgroup oder einen Kindergarten einrichten möchten. Die Bandbreite des Angebots ist ein Spiegel der Bevölkerungsvielfalt, von religiösen oder ethnisch orientierten Trägern bis zu den zahlreichen Einrichtungen der PAP Community Foundation, einer gemeinnützigen Stiftung der Regierungspartei, die etwa die Hälfte aller 495 Kindergärten bereitstellt. Insgesamt gibt es über 200 unterschiedliche Träger. Für Deutschland besonders interessant ist eins der Aufgabenfelder der ECDA, seit 2016 ausgelagert an eine Unterorganisation. KidSTART kümmert sich um die Einbeziehung und Kommunikation mit den Eltern, die beraten oder auch von Sozialarbeitern besucht werden, wenn Sie ihre Kinder nicht anmelden und zu Hause behalten. Es geht bei KidSTART um eine Zusammenarbeit mit Eltern, Erziehern, Schulen und Sozialarbeitern, um den betroffenen Kindern, auch den aus Problemfamilien, eine erfolgreiche Schullaufbahn zu ermöglichen. Dies ist ein langfristiges und erfolgversprechendes Entwicklungsprojekt mit internationaler Zusammenarbeit, das Expertenwissen auf Problembereiche anwendet und vom Bildungsministerium finanziell unterstützt wird. Dessen Jahresausgaben für die Vorschulerziehung liegen deutlich über einer Milliarde S$ (720 Millionen Euro).
Das Betreuungsangebot ist sehr differenziert und steht weitgehend flächendeckend allen Eltern zur Verfügung. Es gibt Kleinkinderbetreuung (infant care für 2 bis 18 Monate alte Kinder), danach childcare oder playgroups ab 18 Monaten, und Kindergärten mit Vorschulprogramm für 2 bis 6-Jährige. Insgesamt stehen 1800 Vorschulangebote (preschools) zur Verfügung. Wegen der stagnierenden Geburtenrate übersteigt die Zahl der angebotenen Plätze die tatsächlichen Anmeldungen, insofern kann jedes Kind betreut werden, meist auch in unmittelbarer Nähe zum Wohnort. Beim Eintritt in die Grundschule mit sechs Jahren haben mehr als 99% aller Kinder mindestens ein Jahr Vorschule absolviert und können bereits weitgehend lesen, schreiben und rechnen. Wie weit diese Vorkenntnisse gehen, ist im Internet mit den standardisierten Lehrplänen nachzulesen. Es geht nicht um ein „Eintrichtern“, sondern Freude am Entdecken und Lernen sowie das soziale Verhalten in der Gruppe. Einen sehr interessanten Einblick in die Lerninhalte und wann sie bewältigt werden sollen, bietet die Website https://sg.ixl.com, ausführliche Informationen über die ECD findet man unter www.ecda.gov.sg. Die Abstimmung mit den Lerninhalten der Grund- und weiterführenden Schulen zielt auf eine Erleichterung des Übergangs hin und eine möglichst passgenaue Vorbereitung darauf.
Für finanziell schlechter gestellte Familien, die es auch im reichen Singapur gibt, werden die monatlichen Gebühren erheblich subventioniert. Bei einem Haushalts-Bruttoeinkommen von monatlich unter 3000 S$ (rund 2.100 Euro) wird für die ganztägige Kinderbetreuung zwischen 7 und 19 Uhr ein Zuschuss von 467 S$ gezahlt bei einer Mindest-Selbstbeteiligung von eher symbolischen 3 S$. In Deutschland sind die Kindergartengebühren ebenfalls nach dem Einkommen der Eltern gestaffelt, aber der Singapurer Ansatz, auch und gerade die Kinder aus finanzschwachen Familien einzubeziehen, geht deutlich weiter. Die Subventionen gelten für einheimische Kinder, Ausländer mit Dauer-Aufenthaltsgenehmigung, die in der Regel auch besser verdienen, zahlen die doppelten Gebühren.
Basierend auf der Erkenntnis, dass die kognitive Entwicklung des Menschen im Kleinkindalter entscheidenden Einfluss auf den weiteren Bildungsweg hat, soll die Vorschulerziehung vor allem die Kompetenz zum Lernen und die Freude am Lernen vermitteln. Das erinnert sehr an unseren Kindergartenpionier Friedrich Fröbel vor fast 200 Jahren.
Zu den Kernkompetenzen zählt die ECDA vor allem:
Den natürlichen Trieb zu lernen, zu entdecken und auszuprobieren, auch außerhalb der normalen Routine (out oft the box).
Die Fähigkeit, kritisch zu denken, Optionen abzuwägen und sinnvolle Entscheidungen zu treffen.
Die Fähigkeit, mit Kindern aus anderen Kulturkreisen zusammen zu arbeiten, sie zu verstehen und ihre unterschiedlichen Sichtweisen zu akzeptieren.
Die Kinder sollen selbstbewusste, flexible und belastbare Persönlichkeiten werden, die Situationen einschätzen, ihre Gefühle kommunizieren und ihre Reaktionen kontrollieren können. Sie sollen selbstbestimmt lernen, Dinge hinterfragen, mit anderen teilen und gut in Teams arbeiten können oder selbst kleine Gruppen anführen. Eine holistische Entwicklungsförderung soll sie darauf vorbereiten, dass es auf ein lebenslanges Lernen ankommt. Die Ziele sind ehrgeizig, aber die Umsetzung des Systems durch die Ministerien, die ECDA, KidSTART, die Lehrer und die Träger der Vorschuleinrichtungen als eine nur partnerschaftlich erfolgversprechende Gemeinschaftsaufgabe ist eine bemerkenswerte politische Leistung. Die Ausbildung und die gesellschaftliche Anerkennung der Lehrkräfte in der Vorschulerziehung tragen zur Qualität und zum Erfolg erheblich bei. Sie sind in Singapur alle „teacher“, weitgehend ohne eine hierarchische Abwertung gegenüber den Kolleginnen und Kollegen an den Grund- und Sekundarschulen. Ihr Engagement und Enthusiasmus im Unterricht wird geachtet und auch entsprechend honoriert. Kein Politiker würde es wagen, ihre Arbeit herabzuwürdigen, wie es einmal ein deutscher Spitzenpolitiker getan hat. Im Gegenteil, das Bildungsministerium verleiht regelmäßig Auszeichnungen an besonders verdiente Pädagogen und ehrt den gesamten Berufsstand, indem es dessen Verantwortung für die Zukunft des Landes und jedes einzelne Kind hervorhebt. Die Preisträger werden in einem Jahrbuch mit Darstellung ihrer besonderen Beiträge veröffentlicht. Neben diesen offiziellen Ehrungen gibt es den „Teacher Appreciation Day“ und einen Geschäftszweig für kleine Geschenke und Urkunden, mit denen Kinder und Eltern sich bei den Lehrerinnen (in den Vorschulen so gut wie alle) und den Lehrern bedanken können. Otto von Bismarck hat einmal treffend formuliert, dass die Haltung eines Staates gegenüber seinen Lehrern verrät, wie stark oder wie schwach er ist. Das ist leider lange her.
Von Kind an multikulturell
Die sehr gemischt multikulturelle Gesellschaft Singapurs hat die Gleichberechtigung der ethnischen und religiösen Gruppen immer als politische Daueraufgabe gesehen. „Racial an religious harmony“ ist ein anspruchsvolles Ziel, weil Vorurteile bleiben und neue entstehen. Deshalb wird bereits in der Vorschulerziehung auf diese Kernkompetenz hingearbeitet. Die Kinder aus unterschiedlichen Kulturkreisen sollen lernen, sich besser zu verstehen und ihre Unterschiede zu akzeptieren. Das gelingt recht gut, denn die Wohnungspolitik hat ethnische Ghettos von Anfang an verhindert. Singapur legt bei der Einstellung der Vorschulerzieher besonderen Wert auf deren sprachliche Kompetenz. Neben ihrer Muttersprache sollten sie wenigstens eine weitere der vier amtlichen Sprachen beherrschen und Englisch ohnehin.
Weil inzwischen rund 30 Prozent der deutschen Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben, sollte gerade in die Früh- und Vorschulerziehung und ihre pädagogischen Fachkräfte mehr investiert werden. Mit dem KiTa-Qualitätsgesetz unterstützt der Bund seit 2023 die Länder mit insgesamt 2 Milliarden Euro pro Jahr zur Verbesserung der Vorschulerziehung. Nach seinem Auslaufen Ende des Jahres wird ein Qualitätsentwicklungsgesetz (QEG) geplant, das u.a. Sprach-Kitas und Startchancen-Kitas integrieren soll. Im August 2024 hat das Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft in einem Gutachten hervorgehoben, wie wichtig höhere staatlichen Ausgaben bei der Förderung von Kindern für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands sind, nämlich reine Zukunftsinvestitionen. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt bleibt der Anteil unserer Bildungsausgaben teils deutlich hinter den Nachbarn in Skandinavien oder auch Österreich und der Schweiz zurück. Schon wegen der offensichtlichen Integrationsprobleme unserer Migranten sollten der Bildungsetat insgesamt und die frühkindliche Erziehung deutlich aufgestockt werden. Sie sind die wichtigsten Zukunftsinvestitionen und sollten im Vergleich mit milliardenteuren Beschaffungen und Subventionen nicht vernachlässigt werden.
